Nachdem ich bereits das erste Mal nach meinem Abitur einen längeren Auslandsaufenthalt absolviert habe und ich schon damals von Kanada fasziniert war, stand für mich früh fest, dass ich dieses Land bereisen möchte. Die Weite und die unberührte Natur haben auf mich schon immer eine anziehende Wirkung gehabt. Mit dem Beginn meines Studiums in Public Health wurde mir zudem bewusst, dass Kanada über ein sehr gutes Gesundheitswesen verfügt, weshalb ein Praktikum in diesem Land auch aus fachlicher Sicht interessant ist. Zudem bietet es sich aus zeitlichen Gründen sowie im Hinblick auf verschiedene Fördermöglichkeiten geradezu an, einen Auslandsaufenthalt im Studium zu planen. Da ich während meines Bachelorstudiums noch nicht die nötige Zeit hierfür aufbringen konnte, wollte ich schließlich ein freiwilliges Auslandspraktikum kurz vor der Masterarbeit absolvieren.

Vorbereitung: Visum & Bewerbungen
Nachdem der Reisewunsch sowie die „grobe“ Planung schon länger feststanden, war es in meinem Fall circa neun Monate vor dem Start im Mai an der Zeit, sich nach und nach durch die nötigen Organisationspunkte zu arbeiten. Ein ganz wesentlicher Punkt ist zunächst einmal die Beantragung des Visums. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, ich persönlich habe mich für das „Working Holiday Visum“ entschieden. Gerade für dieses Visum besteht eine hohe Nachfrage sowie ein vergleichsweise geringes Angebot und auch der Vergabeprozess ist nicht ganz transparent, weshalb mich dieses Thema anfangs etwas gestresst hat. Das Kontingent wird meist im Herbst oder im Winter freigegeben und es funktioniert nach dem Motto „First come, first serve“. Im Nachhinein betrachtet, waren meine Sorgen (etwas) unbegründet, da ich mich rechtzeitig eingelesen und um die nötigen Dokumente gekümmert habe, sodass alles in allem reibungslos funktioniert hat. Allerdings wächst man ja bekanntlich mit seinen Aufgaben und entsprechend nahm es schon einiges an Zeit und Nerven in Anspruch. Vor allem wenn man universitär bereits sehr eingespannt ist, sind das richtige Timing und eine vorausschauende Planung das A und O.

Die Bewerbung um einen Praktikumsplatz war insgesamt nicht so einfach. Zunächst einmal sieht eine Bewerbung in Kanada anders aus als in Deutschland. Sie besteht aus einem Resume und einem Cover Letter, wobei das einseitige Resume einem Lebenslauf entspricht, der jedoch gänzlich anders gestaltet ist, als der in Deutschland Übliche. Der Cover Letter ist ein Anschreiben und dem deutschen recht ähnlich, dennoch sollte man sich vorab zum Beispiel mit Mustern aus dem Internet beschäftigen oder einen Beratungstermin im International Office wahrnehmen. Die Mitarbeiter dort haben mir damals, nicht nur im Hinblick auf den gesamten Bewerbungsprozess sehr geholfen. Neben hilfreichen Tipps entstand für mich ein realistischer Eindruck über mein Vorhaben.

Ich habe im Internet nach verfügbaren Praktikumsstellen und -gebern gesucht, was bei der Vielzahl an Möglichkeiten gar nicht so leicht ist. Es ist auf jeden Fall hilfreich, ungefähr zu wissen, in welchem Bereich man gerne arbeiten möchte, da man so die Suche eingrenzen kann. Nach einiger Zeit der Recherche bekam ich ein besseres Bild vom kanadischen Gesundheitswesen und von der Vernetzung verschiedener Organisationen. Hat man erstmal interessante Organisationen oder Unternehmen gefunden, gelangt man zudem einfacher an weitere potenzielle Praktikumsgeber.

Ich habe einige Bewerbungen verschickt und viel telefoniert. Meiner Erfahrung nach, ist es leider schwierig einen Praktikumsplatz zu bekommen, da die meisten Organisationen und Unternehmen eher unsicher sind, was ausländische Praktikanten betrifft. Soweit ich weiß, sollen einheimischen Studenten bevorzugt werden, sodass schon allein deswegen Nachteile entstehen. Problematisch ist es auch, wenn man auf der Internetseite keine konkrete Ansprechperson findet. Zudem hatte ich auch oft das Gefühl, dass einige Unternehmen viel Arbeit und Kosten befürchten. Weiterhin planen die kanadischen Unternehmen oftmals nicht so weit im Voraus Studenten ein, was für die Organisation eines Auslandspraktikums natürlich schwierig ist. Erfolg hatte ich schließlich bei der Public Health Association of British Columbia, bei der bereits ein paar Bachelorstudenten der Uni Bremen ein Praktikum absolviert haben. Hier hat mir die Praktikumsliste des Studiengangs geholfen, in der Plätze von anderen Studenten hinterlegt sind. Nach ein paar E-Mails und einem für mich nächtlichen Skype-Gespräch, hatte ich schließlich die lang ersehnte Zusage!

Es lohnt sich, sich rechtzeitig mit möglichen Stipendien und deren Fristen zu beschäftigen. So habe ich mich sowohl für die Förderung durch den Bremer Studienfonds als auch für das PROMOS Stipendium beworben und für beides eine Zusage erhalten. Gerade für (den Westen) Kanada(s) ist eine weitere finanzielle Stütze wirklich viel wert.

Die Praktikumsstelle
Die Public Health Association of British Columbia (PHABC) ist eine freiwillige, gemeinnützige, Nichtregierungsorganisation, die sich für die Förderung von Gesundheit, Wohlbefinden und sozialer Gerechtigkeit einsetzt. Sie wurde im Jahr 1953 gegründet, ist ansässig in Victoria, Britisch Kolumbien, und zählt circa 500 kanadaweite Mitglieder. Prävention, Gesundheitsförderung, -schutz und –politik sind die Hauptaufgaben der PHABC und werden durch Interessenvertretung, Zusammenarbeit und Engagement sowie Ausbildung und Forschung im gesamten Spektrum der öffentlichen Gesundheitspraxis umgesetzt. Die PHABC etabliert und begleitet einige Projekte und initiiert jährlich mehrere Fachkonferenzen und Veranstaltungen.

Das Praktikum
Während meines Praktikums konnte ich gleich zu Beginn an der dreitägigen „National Farm to School Conference“ teilnehmen und im Anschluss bei der Evaluation helfen. Meine Haupttätigkeit während des Praktikums lag allerdings in der Verfassung eines Evidenzreviews. Dies stellte für mich anfangs eine Herausforderung dar, brachte mir aber im Endeffekt einen großen Lerneffekt. Zwar habe ich bereits während meines Studiums mit viel englischer Literatur gearbeitet, jedoch fällt es mir insbesondere durch meine Arbeit mit dem Review nun noch leichter, englische Texte zu lesen und zu schreiben. Da das Thema des Reviews sehr umfangreich war und ich zudem immer wieder kleinere Aufgaben aus anderen Projekten bekam, konnte ich viel Neues dazulernen. Unter anderem habe ich Einblicke in die Organisation von Veranstaltung bekommen, da ich aktiv an der Vor- und Nachbereitung der jährlich stattfindenden Summer School beteiligt war. Ein besonderes Erfolgserlebnis für mich ist es, dass mein Review vermutlich auch veröffentlicht wird.

Wohnen und leben in Victoria
Victoria ist die Hauptstadt der Provinz British Kolumbiens und liegt im südlichen Teil der Pazifikinsel Vancouver Island. Aufgrund des für Kanada milden Klimas und vielen anderen Annehmlichkeiten, ist Victoria ein Geheimtipp und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Dies wirkt sich leider auch auf den Mietmarkt aus. Entsprechend froh war ich, dass ich bereits vor meiner Ankunft eine schöne Bleibe auf craiglist.org gefunden habe, die mit 750 CAN$ (umgerechnet 510 Euro) ungefähr dem Durchschnittspreis für ein Zimmer entspricht. Ansonsten ist die Suche nach einer Wohnung in Kanada recht unbürokratisch. Die Kosten für Lebensmittel sowie die Preise in Restaurants etc. sind, zumindest in Victoria, höher als in Deutschland. Falls man also nebenbei noch Geld verdienen möchte oder muss, ist es von Vorteil, mit dem Working Holiday Visum eine offene Arbeitsgenehmigung zu besitzen und neben dem Praktikum noch jobben zu können. Einen Nebenjob zu finden ist im Übrigen auch anders als in Deutschland. Es ist in Kanada üblich, einfach im entsprechenden Geschäft vorbeizuschauen und sein Resume einzureichen.

Victoria und Vancouver Island haben vor allem für Naturliebhaber einiges zu bieten. So war ich regelmäßig in den nahegelegenen Parks wandern, in Seen schwimmen oder an einem der zahlreichen Strände spazieren. Auch surfen gehen kann man weiter im Norden von Vancouver Island. Whale oder Wildlife Watching sind hier ebenfalls optimal und sind nur einige meiner persönlichen Highlights. Neben alledem besticht Victoria mit ihren schönen Gebäuden sowie ihrem gemütlichen Charakter und bietet viele Sehenswürdigkeiten und Feste. Alles ist sehr gut und schnell mit dem Bus oder Fahrrad erreichbar.

Das Einleben in Victoria geht aufgrund der Offenheit der Kanadier sehr gut. Sie sind sehr höflich, hilfsbereit und außerdem sehr interessiert. Neue Kontakte kann man zudem einfach in Gruppen auf z.B. Facebook knüpfen. Die „englischen“ Kanadier, die übrigens oft, wie ich gelernt habe, von den „französischen“ Kanadiern abgrenzt, sind oftmals sehr überschwänglich. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Anders als ich es bisher kannte, sollte man nicht immer alles beim Wort nehmen, da es sonst leicht zu dem ein oder anderen Missverständnis kommen kann. Im Westen und insbesondere bei den Insulanern herrscht eine „laid-back“ Mentalität, wodurch die Menschen dort meistens recht entspannt sind.

Fazit
Die knapp vier Monate Praktikum bei der PHABC vergingen sehr schnell. Das lag zum einen daran, dass ich sehr viel Neues gelernt und immer viel zu tun hatte. Zudem habe ich in meiner Freizeit aber auch sehr viel unternommen und insbesondere Vancouver Island erkunden können. Auch wenn die Vorbereitung viel Zeit in Anspruch nimmt, die ein oder andere schlaflose Nacht verursacht und auch die Kosten so eines Aufenthalts nicht zu verachten sind, bin ich sehr froh und dankbar, dass ich die Gelegenheit auf ein Auslandspraktikum im schönen Kanada hatte. Ich wurde sehr nett von meiner Chefin und meinen Kollegen empfangen und ich war meistens flexibel mit meinen Arbeitszeiten, sodass ich z.B. gutes Wetter für Ausflüge nutzen konnte. Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, dass man einen guten Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit findet, schließlich ist man auch im Ausland, um Land und Leute kennenzulernen und zu reisen. Ich kann jedem nur empfehlen, ein Auslandspraktikum zu absolvieren und denke, das Studium ist die beste Zeit dafür. Auch wenn es für mich ein Zusatzsemester bedeutet, war es für mich persönlich eine gute Entscheidung, da man in vielerlei Hinsicht seinen Horizont erweitert.

Ich habe bereits aus der Vorbereitung des Praktikums sehr viel mitgenommen. So bin ich während des Aufenthalts noch selbständiger geworden und habe mich und meine Interessen besser kennenlernt. Abgesehen davon ist es natürlich auch ein kleines Erfolgserlebnis, letztlich all die Hürden gemeistert zu haben. Darauf und auf all die Erfahrungen werde ich bestimmt noch lange zurückblicken.

Tipps und Empfehlungen
Als Tipp kann ich mitgeben, dass man auf jeden Fall hartnäckig bleiben sollte, wenn es um die Suche nach geeigneten Praktikumsstellen geht. Zudem lohnt es sich, einen Blick in bestehende Karteien des Fachbereichs zu werfen, da vorherige Studenten vielleicht bereits Kontakte zu ausländischen Unternehmen geknüpft haben. Außerdem sollte man Veranstaltungen des International Office besuchen und die Möglichkeit nutzen, sich beraten zu lassen.

 

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