1.Einleitung
Ich sehe es als eine Bereicherung, mit zwei verschiedenen Kulturen aufgewachsen zu sein. Das Rootsprogramm gab mir die Möglichkeit diese Bereicherung auszunutzen. Somit wurde mein Interesse dafür geweckt. Ich hatte die Chance meine Türkischkenntnisse zu verbessern, in Kontakt mit Einheimischen zu kommen und die türkische Kultur, in der Türkei, näher kennen zu lernen. Ich wollte unbedingt Auslandserfahrungen in der Türkei sammeln.

Es ist nicht so, dass ich nie zuvor in der Türkei war. Doch es macht einen deutlichen Unterschied, ob man auf Grund eines Urlaubs in die Türkei fliegt oder ob man für eine längere Zeit einen Aufenthalt in der Türkei macht und den Alltag in der Türkei erlebt. Ich wollte wissen, ob sich die türkische Kultur, die wir in Deutschland erleben, von der türkischen Kultur, die in der Türkei gelebt wird, unterscheidet.

Zusätzlich wollte ich auch einen Einblick in den türkischen Berufsalltag bekommen, insbesondere habe ich mich für die Gebiete der türkischen Soziologie, vor allem Migration, interessiert. Daher habe ich mich für eine Praktikumsstelle in der Stiftung „SGDD- ASAM“ (Association for Solidarity with Asylum Seekers and Migrants) beworben. Es ist eine vom türkischen Staat unabhängige Stiftung, die Migranten und Flüchtlinge in der Türkei unterstützt. Die Stiftung hat mehrere Standorte in ganz Türkei und die Zentrale befindet sich in der Hauptstadt Ankara.

Ich wurde in das Büro „Al-Farah“ in Adana zugeteilt. Al Farah in Adana ist eines der sogenannten „Child an Family Center“, der Stiftung SGDDASAM. Es ist ein Bereich, der sich hauptsächlich für Familien und Kinder spezialisiert. Dort kann man sich zum Beispiel von Psychologen Krankenschwestern, Ernährungsberatern beraten lassen oder bekommt materielle Unterstützungen wie zum Beispiel Hygienepakete, Babypakete oder Supermarktgutscheine. Es gibt eine Kinder- und Jugendlichen Abteilung, in der viele Aktivitäten für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahren organisiert werden. Die Kinder können innerhalb der Woche von 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr, natürlich kostenlos, an unterschiedlichen Aktivitäten, wie zum Beispiel malen, basteln, Filme gucken oder backen teilnehmen. Auch außerhalb werden kostenlose Aktivitäten für Kinder, wie zum Beispiel Tennis angeboten. Um an den Tenniskursen teilnehmen zu können, melden sich die Kinder an und werden jede Woche von zu Hause abgeholt, zum Tenniskurs gefahren und sobald der Kurs zu Ende ist wieder nach Hause gebracht.

Wie bereits erwähnt, wollte ich einen Einblick in das soziologische Gebiet der Migration in der Türkei bekommen, um es mit der Migration in Deutschland vergleichen zu können. Meine Erwartungen haben sich auf jeden Fall erfüllt. Ich hatte sehr viel Kontakt mit syrischen Flüchtlingen. Ich habe vieles beobachten können, wie zum Beispiel die Haltung der türkischen Gesellschaft gegenüber den syrischen Flüchtlingen, die Lebensbedingungen der syrischen Flüchtlinge in der Türkei oder kulturelle Einstellungen und Denkweisen der syrischen Flüchtlinge. Ich hatte eine doppelte interkulturelle Erfahrung gemacht. Auf der einen Seite habe ich neues über die türkische Kultur gelernt und auf der anderen Seite neues über die syrische Kultur.

2.Reflexion Interkultureller Situationen
2.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben Sie als Türkeistämmige/r aus Deutschland in ihrer Heimat-und Gastkultur entdecken können? Gab es Verhaltensweisen, die Ihnen fremd waren?
Die Infrastruktur in der Türkei ist nicht so weit ausgebaut, wie in Deutschland. Vor allem konnte man sich nicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel verlassen. Ich musste jeden Morgen mit dem Zug von Mersin nach Adana fahren und nach der Arbeit wieder zurück. Zum einen hat sich der Zug sehr oft verspätet und während der Fahrt hat der Zug, auf Grund von Bauarbeiten, sehr oft und sehr lange angehalten. Eine Zugfahrt die normalerweise ca. 1 Stunde dauern würde, dauerte dann ca 1,5 bis 2 Stunden. An bestimmten Zeiten war der Zug extrem überfüllt und die Klimaanlage funktionierte nicht, somit war es sehr heiß, sehr voll und da es kein Sitzplatz gab musste man 1,5 Stunden stehen. Ich hab sogar einmal miterlebt, dass einem Fahrgast durch die Hitze sehr schlecht wurde. Er war kurz davor umzukippen, somit hat der Zug angehalten und den Fahrgast rausgelassen.

Dazu kann ich sagen, dass die Türken in der Türkei in manchen Punkten sehr unorganisiert und unstrukturiert vorgehen. Ihnen fehlen auch die Mittel dazu, um die öffentlichen Verkehrsmittel besser und funktionsfähiger auszubauen. Die Verhaltensweisen der Menschen im Zug waren ebenfalls sehr merkwürdig. Sobald die Tür aufging, sind die Menschen hineingestürmt, ohne darauf zu warten, dass alle Fahrgäste ausgestiegen sind. Ich wurde oft angerempelt und nach vorne gedrückt. Des Weiteren werden auch Verkehrsregeln von Autofahrer kaum beachtet. Wenn zum Beispiel ein Auto links abbiegt, lässt er den Fußgänger nicht den Vorrang die Straße zu überqueren, obwohl er es tun müsste. Wenn es um das nicht Einhalten der Verkehrsregeln geht, könnte ich sehr viele weiter Beispiele aufzählen. Denn ich habe das Gefühl, dass die Autofahrer einfach nach Lust und Laune fahren. Die Motoradfahrer sind ebenfalls unachtsam und tragen sehr selten einen Motoradhelm.

Was mir ebenfalls aufgefallen ist, dass in der Türkei Pünktlichkeit auf der Arbeit genauso wichtig ist, wie in Deutschland. Wir hatten eine Personalversammlung, in der wir das Thema Pünktlichkeit angesprochen haben. Die leitende Arbeitskraft hat sich deutlich ausgedrückt, dass sie keine Verspätungen mehr dulde. Sie hat erwähnt, dass es unangebracht und respektlos sei, wenn Mitarbeiter zu spät kommen, ohne vorher Bescheid zu geben oder zwar erschienen sind, aber nicht pünktlich mit ihrer Arbeit beginnen. Was ebenfalls eine sehr interessante Erfahrung für mich gewesen ist, war dass die Menschen mir gegenüber kaum distanziert waren, obwohl die mich vorher nicht kannten. Ich bekam keine Fremdheitsgefühle. Es hat sich so angefühlt als würde ich die Menschen schon vorher gekannt haben. Sie waren sehr warm, herzlich und hilfsbereit. In Deutschland sind die Menschen gegenüber Fremden zwar ebenfalls sehr hilfsbereit, doch anfangs sehr distanziert. In der Türkei waren die Menschen sehr offen und kontaktfreudig.

Interessant fand ich auch die Beziehungen der Arbeitskollegen untereinander. Denn sie alle hatten nicht nur eine Arbeitskollegen-Beziehung, sondern haben auch viel privat miteinander unternommen. Sie alle waren untereinander sehr gut befreundet. Möglicherweise liegt es auch an dem Bereich, in dem ich mein Praktikum absolviert habe. Da es ein sozialer Bereich ist, sind die Arbeitskollegen auch nicht in Konkurrenz oder in einer Hierarchie zueinander. Dies ermöglicht auch eine Freundschaft außerhalb der Arbeit. Doch ich kann es mir nicht unbedingt vorstellen, dass es in Deutschland genauso ablaufen würde. Vor allem fand ich es interessant, dass fast alle Arbeitskollegen miteinander befreundet waren.

2.2 Schildern Sie ein irritierendes Ereignis. Haben Sie dafür eine Erklärung? Denken Sie an das Interkulturelle Training für mögliche Erklärungsansätze.
Die Busfahrten waren für mich zu Beginn sehr irritierend. Unabhängig davon ob man an der Bushaltestelle oder nur an der Straße wartet, konnte man mit einem Handzeichen einen vorbei fahrenden Bus anhalten und einsteigen. Ich hab an der Bushaltestelle auf den Bus gewartet. Doch als der Bus kam habe ich kein Handzeichen gemacht und der Bus ist an mir vorbei gefahren. Die Fahrgäste durften dort aussteigen wo sie wollten, auch wenn es keine Bushaltestelle war, hat der Busfahrer die Fahrgäste rausgelassen. Was ich ebenfalls sehr irritierend fand war, dass die Fahrgäste in der Türkei nicht nur alten Menschen, sondern auch Frauen, unabhängig vom Alter, den eigenen Sitzplatz anbieten. Mir wurde zum Beispiel mal ein Platz von einem älteren Herren angeboten und ich war sehr überrascht.

2.3 Wie gestaltete sich Ihr Kontakt zu Ortsansässigen?
Ortsansässige mit denen ich in Kontakt kam waren hauptsächlich meine Arbeitskollegen, Menschen auf der Straße, die mich manchmal nach einem Weg gefragt haben, aber auch meine Familie bei der ich meine ganze Aufenthaltszeit über geblieben bin. Ich hatte am Anfang Probleme mit der Sprache, daher konnte ich nicht direkt auf die Menschen zugehen. Vor allem habe ich mich zu Beginn nicht so oft getraut meine Arbeitskollegen direkt anzusprechen. Meistens habe ich darauf gewartet, dass sie mich ansprechen. Bei der Kommunikation hatten wir keine Probleme, aber das eine oder andere Mal gab es Situationen, in der ich mich nicht richtig ausdrücken konnte. Ich wurde sehr oft auf der Straße von Menschen angesprochen, die nach einem Weg gefragt haben. Leider konnte ich nicht wirklich behilflich sein, da ich mich selbst nicht gut genug in der Gegend auskenne. Obwohl ich zu Beginn verklemmt war, habe ich mich mit der Zeit viel lockerer gefühlt und mir fiel es leichter mich mit Menschen zu unterhalten.

3. Gesamtreflexion
3.1 Wie hat der Auslandsaufenthalt Ihren Blick auf Ihre persönliche Kultur verändert? Tragen Sie Ihre interkulturellen Erfahrungen nach Ihrer Rückkehr mit in Ihren Alltag? Inwiefern beeinflussen sie Ihr Verhalten, Ihre Einstellung und Werte?
Vor meinem Aufenthalt hätte ich nicht damit gerechnet, dass sich etwas an meiner Denkweise verändern wird. Doch ganz im Gegenteil hat mir meine interkulturelle Erfahrung dabei geholfen, Dinge aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Auf der einen Seite habe ich neues über die Kultur der Türken in der Türkei gelernt. Auf der anderen Seite habe ich sehr viel über mich und meine eigene Persönlichkeit gelernt. Die Türken, die damals als Gastarbeite nach Deutschland gekommen sind hatten Angst um ihre kulturelle Identität. Sie hatten Angst davor die eigenen Normen und Werte zu verlieren und sich aus der eigenen Kultur zu entfremden. Daher haben sie sich fest an ihre Normen und Werte gebunden und den folgenden Generationen weitergegeben.

Im Laufe der Zeit fand bei den Türken in der Türkei ein kultureller Wandel statt, wovon die Türken in Deutschland nicht viel mitbekommen haben. Die Kultur der Türken in der Türkei und der Türken in Deutschland hat sich dementsprechend auseinander entwickelt. Das Auseinanderentwickeln der Kultur hatte natürlich noch andere Ursachen. Denn so fest die Türken in Deutschland auch an ihre türkische Kultur gebunden waren, haben sie sich den einen oder anderen Aspekt der deutschen Kultur angeeignet.7 Doch die Aspekte, welche sie aus der türkischen Kultur entnommen haben und an die folgenden Generationen weitergegeben haben, haben sich bei den Türken in der Türkei komplett verändert. Die Angst um die eigene Kultur war wahrscheinlich unter anderem verbunden mit dem Assimilationsdruck der deutschen Aufnahmegesellschaft und den Konflikten, die sie im Laufe der Integration erlebt haben.

Worauf ich eigentlich hinaus möchte ist, dass die Türken in der Türkei anders sind als die Türken in Deutschland. Selbstverständlich war mir vor meinem Aufenthalt bewusst, dass es Unterschiede zwischen ihnen gibt. Doch ich habe mit anderen und kleineren Unterschieden gerechnet. Die in der Türkei lebenden Türken sind viel weltoffener als ich erwartet habe. Natürlich kann auch die Stadt, in der ich mich befand und die Arbeitsstelle, in der ich mein Praktikum absolviert habe ein Faktor dafür sein. Nichtsdestotrotz hatte ich das Gefühl, dass die Menschen, die ich während meines Aufenthalts kennengelernt habe, in ihren Denkweisen mir einen weiten Schritt voraus waren. Viele von ihnen hatten selbst eine längerfristige Auslandserfahrung hinter sich. Einige von ihnen haben zum Beispiel ein Auslandssemester in Polen, Litauen oder in Deutschland gemacht und hatten währenddessen die Gelegenheit viele Länder in Europa zu bereisen. Sie waren sehr intellektuell, hatten viele Hobbys und waren kreativ. Besonders auffällig war, dass sie sehr viel Wert in ihre eigene Bildung gelegt haben. Die meisten von ihnen hatten bereits ihren Bachelor erfolgreich beendet und waren dabei ihren Master zu machen.

Ich habe auch gemerkt, dass die unabhängig von der akademischen oder schulischen Bildung viel Wert auf die persönliche Weiterbildung gelegt haben. Sei es die Weiterbildung in dem Fachgebiet, in dem sie gearbeitet haben oder auch in der Allgemeinbildung. Ich habe sehr wissensdurstige Menschen kennengelernt, die es nicht auf das Prestige oder auf das hohe Einkommen abgesehen haben, sondern sich Wissen angeeignet haben, weil sie sich wirklich dafür interessieren. All die kulturellen Aspekte die man normalerweise von den sogenannten „typischen Türken“ kannte waren bei ihnen nicht vorhanden. Vor allem hatte jeder Einzelne ganz individuelle charakteristische Merkmale, so dass nicht wirklich von Allen gleichzeitig die Rede sein kann. Inzwischen überlege ich zweimal, bevor ich bestimmte kulturelle Eigenschaften als „typisch Türkisch“ bezeichne.

Vor allem hat mich überrascht, dass die Menschen, die ich in der Türkei kennengelernt habe, sich nicht so stark nach den religiösen Normen und Werten orientiert haben, wie die Türken in Deutschland es tun. Ein Großteil waren Muslime, jedoch nicht praktizierende. Es war für mich eine tolle Erfahrung mal die andere Seite kennen zu lernen. Ich habe gemerkt, dass ich mir ein falsches Bild über die Türken in der Türkei gemacht habe. Obwohl ich kein Mensch bin, der sich nach Stereotypen8 richtet, hat mich das was ich gesehen habe überrascht. Wahrscheinlich haben die Klischees über Türken, die ich im Laufe meines Lebens mitbekommen habe, in mein Unterbewusstsein verankert, so dass ich mich unbewusst danach gerichtet habe. Ich bekam oft Sätze zu hören wie: „Bei uns Türken ist es so, dass…; Wir Türken sind…; Wir Türken machen…; Als ein Türke/ eine Türkin gehört es sich …; Als ein Türke/ eine Türkin gehört es sich nicht…“ Nun weiß ich, wie irrelevant diese Sätze sein können. Denn während ein Türke das Eine behauptet, kann ein Anderer das Andere behaupten. Eine Kultur ist viel weitgefächerter, als man es uns lehrt. Denn wir Menschen sind es, die die Kultur zu dem machen, was sie ist und wir Menschen sind alles andere als einseitig. Mir wurde erneut klar, dass wir sehr selten über den Tellerrand hinausschauen und einfach an Wahrheiten festhalten, die wir uns eigentlich nur einbilden. Mein Auslandsaufenthalt hat mich noch einmal gelehrt; nicht alle Menschen einer Kultur in dieselbe Schublade zu packen. Außerdem hat es mich gelehrt, dass ich mich nicht für mein Verhalten, meine Denkweise oder Einstellung bei anderen Menschen rechtfertigen zu müsste. Denn so sehr wir uns auch als Angehörige einer Kultur (oder Angehörige mehreren Kulturen) ähneln, sind wir irgendwo komplett anders.

3.2 Inwiefern hat der Auslandsaufenthalt Ihre interkulturelle Kompetenz gefördert?
Wie bereits erwähnt wurde ich während meines Auslandsaufenthalts mit zwei unterschiedlichen Kulturen konfrontiert. Zum einen der türkischen Kultur und zum anderen der syrischen Kultur. Ich denke, dass der Aufenthalt mich weltoffener gemacht hat. Dinge die ich in der Türkei erlebt habe, haben mir gezeigt wie wichtig es ist Respekt gegenüber anders denkenden Menschen zu haben. Ich habe auch gelernt, Meinungen Anderer nachzuvollziehen. Ich habe mir selbst die Frage gestellt, warum die Person so eine Meinung, in Bezug auf das jeweilige Thema vertritt. Welche Faktoren spielen eine Rolle? In was für Lebensbedingungen befindet sich diese Person? Als weltoffener Mensch können Meinungsunterschiede bereichernd sein. Denn so hat man die Gelegenheit, über ein bestimmtes Thema zu diskutieren. In dem man die Argumente untereinander austauscht, eignet man sich Wissen an. Manchmal kann es sein, dass man bestimmte Aspekte übersehen hat oder zuvor nicht wusste. Ich habe auch gelernt Empathie gegenüber Menschen zu entwickeln, was mich verständnisvoller gemacht hat.

3.3 Inwiefern hat das Praktikum Ihre (Fach-)sprachlichen Kenntnisse gefördert?
Früher fiel es mir schwer eine längere Unterhaltung mit jemandem auf Türkisch durchzuführen. Seitdem ich in der Türkei war, fällt es mir viel leichter. Mein Wortschatz hat sich erweitert und meine Aussprache hat sich verbessert. Die Menschen, mit denen ich mich in der Türkei unterhalten habe, haben mich dabei unterstützt, wenn mir der eine oder andere Begriff nicht eingefallen ist. Ich musste jeden Tag ein Tagesprotokoll halten und meiner Chefin schicken, welches ebenfalls meine Sprachkenntnisse etwas verbessert hat.

3.4 Wenn Sie jetzt zurückblicken: Welche Vorteile hat Ihnen die Teilnahme am Roots-Programm für Ihren persönlichen und berufspraktischen Werdegang bieten können?
Ich habe so viele neue Menschen kennengelernt mit denen ich täglich Zeit verbracht habe. Diese Menschen haben mich so akzeptiert wie ich war. Das Gefühl von Akzeptanz hat mein Selbstwertgefühlt und Selbstbewusstsein gesteigert. Ich habe meine türkische Sprache verbessert und zu dem auch etwas Syrisch gelernt. Zudem haben sich meine sozialen Kompetenzen erweitert. Ich habe gelernt selbständiger, weltoffener, selbstbewusster, verständnisvoller, und kontaktfreudiger zu sein. Im Endeffekt hat sich meine interkulturelle Kompetenz gesteigert. Das Rootsprogramm hat mir gezeigt, dass man das eigene volle Potenzial, was man bereits besitzt, nutzen sollte. Denn nur auf dieser Art kann man das eigene Potenzial erweitern. Als eine türkischstämmige Deutsche war ich in Bezug auf Interkulturalität im Vorteil. Ich beherrsche zwei Muttersprachen und zwei Kulturen. Mir wurde bewusst, wie bereichernd dies für mich ist.

Meine Türkischkenntnisse waren eines der Gründe, warum ich in der Türkei keine großen Probleme hatte und sehr gut zurechtgekommen bin, sogar viel besser als erwartet. Das Rootsprogramm hat mich dazu motiviert weitere Auslandserfahrungen zu sammeln. Ich habe gemerkt, dass das Reisen mir hilft, mich selbst besser kennenzulernen. Ich würde sehr gerne später einmal in so einer Stiftung, in der ich mein Praktikum gemacht habe, arbeiten. Ich habe so vieles über syrische Flüchtlinge und ihr Leben als Asylanten in der Türkei gelernt. Ich habe einen Vergleich zwischen den Türken, die in Deutschland zu der Gruppe der Migranten angehören und den Türken in der Türkei, die zur Gruppe der Aufnahmegesellschaft angehören. Ich kann sagen, dass unabhängig von der Nationalität, die Migranten von der Aufnahmegesellschaft diskriminiert und verurteilt werden. Unabhängig davon um welche gesellschaftliche10 Gruppe es sich handelt, wird die Minderheit von der Mehrheit ausgegrenzt. Wobei zu beobachten ist, dass die Minderheit es bevorzugt unter sich zu bleiben. Das wiederum zeigt mir, dass der Mensch einfach Mensch ist und soziale Prozesse überall auf gleicher Weise ablaufen. Es entstehen immer dieselben Probleme.

Schließlich bin ich sehr froh darüber, dass ich an dem Roots-Programm teilgenommen habe. Die Erfahrungen die ich gesammelt habe, haben mir gezeigt, dass man immer offen für neues sein sollte. Mir wurde klar wie wichtig es ist Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Außerdem habe ich auch gelernt, dass wir in vielen Punkten sehr oberflächlich an die Sache rangehen. Leider schauen wir nur auf die Oberfläche der Dinge, die vor uns stehen. Während die Antworten, wonach wir suchen, im Tieferen verankert sind. Wenn wir unsere Perspektive erweitern, können wir das uns verborgene erkennen und finden schließlich die Lösung.

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