{"id":198,"date":"2022-08-26T16:40:30","date_gmt":"2022-08-26T14:40:30","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/philosophischesatelier\/?p=198"},"modified":"2022-08-26T16:40:30","modified_gmt":"2022-08-26T14:40:30","slug":"forschung-zwischen-luxus-und-notwendigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/philosophischesatelier\/2022\/08\/26\/forschung-zwischen-luxus-und-notwendigkeit\/","title":{"rendered":"Forschung zwischen Luxus und Notwendigkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\">von Simon Thob\u00f6ll<\/p>\n<p>Wenn ich \u00fcber den Campus meiner Universit\u00e4t gehe, sehe ich Flecken und L\u00f6cher im Teppichboden, Putz br\u00f6ckelt von den W\u00e4nden und durch die Fensterscheiben kann man kaum hindurchsehen. Es fehlt das Geld, um das alles zu reparieren und zu reinigen.<\/p>\n<p>Beim Werben um Finanzierungm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Forschung und Lehre m\u00fcssen Forschende immer wieder die Relevanz ihres Forschungsziels darlegen, woraus sich schnell die Frage nach der Relevanz von Forschung generell oder einzelnen Wissenschaften ergibt: Ist Forschung notwendig f\u00fcr unsere Gesellschaft, oder eher ein Luxusgut, was sich reiche Nationen leisten k\u00f6nnen und wollen? Wie kann es gerechtfertigt werden, mit \u00f6ffentlichen Geldern Institutionen f\u00fcr Forschung und Lehre zu unterhalten, die nur einem kleinen Teil der Gesellschaft nutzen werden?<\/p>\n<p>Aber die Studierenden zahlen doch Semesterbeitr\u00e4ge, und es gibt Geld vom Land f\u00fcr Hochschulen und viele Drittmittel f\u00fcr die Forschung? Irgendwo muss dieses Geld doch geblieben sein, also gehe ich in den maroden Mauern auf die Suche nach dem Geld.<\/p>\n<p>Vor allem bei den Naturwissenschaften werde ich f\u00fcndig: in den Forschungslaboren stehen viele teure Ger\u00e4tschaften, um den neugierigen Wissensdurst der Forscher zu stillen. Die meisten Ger\u00e4te sehen sehr wichtig und kompliziert aus, und sind bestimmt gut, um z.B. die Heilung von Krankheiten zu erforschen.<\/p>\n<p>Aber als ich weiter gehe, komme ich ins Zweifeln: eine Gruppe von kaum h\u00fcfthohen Robotern spielt Fu\u00dfball. Das sieht schon verdammt niedlich aus, wie die mit ihren winzigen Schritten dem Ball hinterherlaufen\u2026 steckt dort jetzt mein Semesterbeitrag drin? Nein, das sind nat\u00fcrlich Forschungsgelder. Genauso wie bei diesen gro\u00dfen Teilchenbeschleunigern oder dem Fusionsreaktor. Viele Millionen Euro werden jedes Jahr in gro\u00dfe und kleine Forschungsprojekte investiert, und gerade so gro\u00dfe Projekte sind nat\u00fcrlich auch sehr teuer. Der ehemalige Rektor der TU Wien, Peter Skalicky betont, dass so gro\u00dfe Projekte wie ein Teilchenbeschleuniger nun mal sehr teuer sind. Wenn man das Projekt nicht g\u00fcnstiger umsetzen kann, sei es notwendig, so viel Geld zu investieren. Es geht schlie\u00dflich darum, den Erkenntnisgewinn der Gesellschaft zu f\u00f6rdern, und die Gesellschaft profitiert ja von neuen Entwicklungen und neuen Erkenntnissen. An dieser Stelle frage ich mich nat\u00fcrlich, ob der Erkenntnisgewinn, der nach einer milliardenschweren Forschungskampagne am Teilchenbeschleuniger und der Entdeckung eines neuen Teilchens die Gesellschaft so stark beeinflusst, dass der Einsatz von \u00f6ffentlichen Geldern in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung gerechtfertigt<\/p>\n<p>ist, w\u00e4hrend offensichtlich dr\u00e4ngendere Probleme, wie die Erforschung von seltenen Krankheiten und deren Heilung, mit weniger Geld auskommen m\u00fcssen. Hier erscheint die Argumentation, es ginge halt manchmal nicht billiger und sonst m\u00fcsste man Forschung ganz sein lassen, und diese Enthaltung w\u00e4re eine Fehlentwicklung, kaum gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Vielleicht m\u00fcsste man abw\u00e4gen, welche Forschung relevanter ist f\u00fcr die Gesellschaft und das L\u00f6sen gesellschaftlicher Probleme, und danach das Geld umverteilen? Dazu m\u00fcsste der intrinsische Wert einer Forschungskampagne so eindeutig beschrieben werden k\u00f6nnen, dass er mit anderen Kampagnen oder anderen Stellen \u00f6ffentlicher Finanzierung vergleichbar ist. Da die Relevanz einer Entdeckung aber unter Umst\u00e4nden erst mit weiterf\u00fchrenden Forschungen, die das Potential einer Entdeckung untersuchen, deutlich wird, ist es kaum m\u00f6glich einen intrinsischen Wert so eindeutig zu formulieren. Und wenn die Rechtfertigung einen so gro\u00dfen Stellenwert in der Forschung einnimmt, w\u00fcrde es zum Stillstand der Forschung kommen, bef\u00fcrchtet Skalicky.<\/p>\n<p>Mittlerweile bin ich auf meiner Suche bei den Geisteswissenschaften angekommen. Da Gedanken erstmal kein Geld kosten und Forschung in Germanistik noch keine Krankheit geheilt hat, scheint hier die Rechtfertigung der Wissenschaft durchaus als Existenzberechtigung relevant zu sein, um den Unterhalt der Institute zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Offensichtlich f\u00fchrt eine Wertung der Wissenschaften durch monet\u00e4re Werte oder intrinsische Werte anhand von konkreten Forschungsergebnissen nicht zu einer fundierten Beantwortung der Frage, ob Wissenschaft notwendig ist, oder ein gesellschaftlicher Luxus. Vielleicht sollte ich weniger anhand von konkreten Beispielen einzelner Wissenschaften und deren Vergleich nach einer Antwort suchen, sondern eher nach dem Ursprung und des wissen-schaffens. Liegt wohlm\u00f6glich die Rechtfertigung der Wissenschaften vielmehr &#8211; abseits von Geld &#8211; im Prozess des Suchens nach Antworten, als in der Antwort selbst?<\/p>\n<p>F\u00fcndig werde ich bei Erhard Denninger, einem Philosophen aus T\u00fcbingen. F\u00fcr Denninger ist die Frage der Rechtfertigung von Wissenschaft nicht mit dem Preis oder Nutzen von Forschung verbunden, sondern mit dem forschenden Menschen. Er argumentiert mit Humboldt und Fichte, dass die Notwendigkeit freier Forschung besteht, um jedem Menschen die M\u00f6glichkeit der freien Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit zu geben. F\u00fcr Denninger ist die Neugier ein angeborenes menschliches Bed\u00fcrfnis, dessen Befriedigung keiner gesonderten Rechtfertigung bedarf.<\/p>\n<p>Wenn ich von dem Text von Denninger aufsehe, sehe ich immer noch den Fleck an der Wand, wo die Farbe langsam abbl\u00e4ttert. Nat\u00fcrlich wird auch mit meinem Semesterbeitrag weder ein<\/p>\n<p>Maler bezahlt, noch die Wissenschaftlerin im Labor. Aber vielleicht ist der Fleck an der Wand auch nicht so wichtig, solange hier jeder Mensch Antworten auf seine eigenen Fragen suchen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Dennninger, E. (2012). Zur Rechtfertigung von Wisenschaft. Archiv f\u00fcr Rechts- und Sozialphilosophie, 98(4).<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.science-blog.at\/2012\/05\/wissenschaft-notwendigkeit-oder-luxusij\/\">Skalicky, P. (03. 05 2012). Wissenschaft: Notwendigkeit oder Luxus?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Simon Thob\u00f6ll Wenn ich \u00fcber den Campus meiner Universit\u00e4t gehe, sehe ich Flecken und L\u00f6cher im Teppichboden, Putz br\u00f6ckelt von den W\u00e4nden und durch die Fensterscheiben kann man kaum hindurchsehen. Es fehlt das Geld, um das alles zu reparieren und zu reinigen. 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