{"id":186,"date":"2022-08-26T16:01:24","date_gmt":"2022-08-26T14:01:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/philosophischesatelier\/?p=186"},"modified":"2022-08-26T16:01:24","modified_gmt":"2022-08-26T14:01:24","slug":"eine-reise-von-nicht-ort-zu-nicht-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/philosophischesatelier\/2022\/08\/26\/eine-reise-von-nicht-ort-zu-nicht-ort\/","title":{"rendered":"Eine Reise von Nicht-Ort zu Nicht-Ort"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\">von Luca Steinhaus<\/p>\n<p>Es ist Sommer. Meine Haut und mein psychologisches Ich sehnen sich endlich nach Sonne, Salz auf der Haut und kalte Drinks am Meer.<\/p>\n<p>Die Vorfreude steigt von Tag zu Tag. Ich freue mich sehr auf den hei\u00df ersehnten Abflugtag. Ich fahre mit dem Zug und der S-Bahn von Bremen nach Hamburg, um von hier aus meine Reise mit dem Flugzeug anzutreten.<\/p>\n<p>Los geht es am Bremer Hauptbahnhof. Ich mag es hier nicht all zu sehr, doch f\u00fcr die dringend ben\u00f6tigte Erholung muss ich diesen Tod nun sterben. Es ist dunkel, unz\u00e4hlige Menschen zw\u00e4ngen sich durch die engen Wege des Hauptbahnhofes, in einer solch gehetzten Art und Weise, dass die ersehnte Erholung f\u00fcr mich noch in weiter Ferne scheint.<\/p>\n<p>Ich bin zu fr\u00fch. Beziehungsweise ist der Zug zu sp\u00e4t, sodass mir ein Augenblick bleibt, um mich an mein beinah vollendetes Studium zur\u00fcckzuerinnern, wobei mir \u00c1uge\u2018s \u201eOrte und nicht Orte\u201c unweigerlich wieder ins Ged\u00e4chtnis gerufen werden. Der Text liest sich f\u00fcr mein Verh\u00e4ltnis ein wenig zu dystopisch. Als ob wir uns Menschen nur noch selten an Orten mit Erinnerungen, Geschichten und Emotionen befinden? Das vermag ich mir nicht vorzustellen.<\/p>\n<p>Ich meine, in vielen hochklassigen Filmproduktionen aus Hollywood sind Orte wie Bahnh\u00f6fe, Flugh\u00e4fen oder der Party-Club, Sehnsuchtsorte. Hier wird die Liebe gefunden, die Liebe verloren und menschliche Emotionen entwickelt. Unvergesslich bleiben die Szenen aus den bekannten Filmen: Catch Me if you can, Love actually und Away We Go, welche die verhei\u00dften Nicht-Orte zu Pl\u00e4tzen voller\u00a0 Sehnsucht machten und Millionen von Menschen in die Kinos zogen.<\/p>\n<p>Doch was bleibt in der Realit\u00e4t? Am Bremer Hauptbahnhof sehe ich fr\u00fchmorgens zun\u00e4chst viele Einzelpersonen. Viele haben Kopfh\u00f6rer an und schauen dabei auf ihr Smartphone. Soziale Interaktionen sehe ich eigentlich nur, wenn menschliche Individuen einen Kaffee oder ein Br\u00f6tchen kaufen und wortkarg mit den Kasserier:innen interagieren.<\/p>\n<p>Sch\u00e4tzungsweise befinden sich gerade mehrere hunderte Personen hier an diesem Platz, wenn nicht gar sogar einige Tausende, doch f\u00fchl ich mich seit meinem Aufbruch von Zuhause sehr alleine. Auch ich habe meine Kopfh\u00f6rer an, h\u00f6re einen Podcast und schaue immer wieder auf mein iPhone. Ich frage mich, ob ich dieses soziale Gef\u00fcge damit nur weiter f\u00f6rdere und ob ich durch das Weglassen meines Smartphones zu einer \u201eVerbesserung\u201c der Situation beitragen w\u00fcrde?<br \/>\nDoch blockiert mich etwas bei dem Gedanken mit anderen Leuten in Interaktion zu treten. Doch was nur? Ich bleib mit selbst einer Antwort schuldig. Der Zug kommt und ich steige ein. In diesem Moment best\u00e4tigt sich das Bild von \u00c1uge auf eine belastende Weise, obwohl ich so unfassbar gern\u2018 Szenen wie aus Hollywood-Filmen hier gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das Bild vom Bahnhof wiederholt sich sowohl im Zug, als auch in der SBahnlinie 1 in Hamburg. In den knapp zwei Stunden vom Bremer Hauptbahnhof bis zum Airport Hamburg, interagiere ich leidlich mit dem:der Schaffner:in, um meinen g\u00fcltigen Fahrschein vorzuzeigen. Dabei belasten mich die teilnehmenden Beobachtungen in den bereits erw\u00e4hnten Situationen stetig mehr. Was bleibt vom menschlichen Dasein, wenn wir uns selbst gar nicht mehr in Relation zu unseren<br \/>\nMitmenschen setzen? Ein Gedanke, der mich gruselt. W\u00e4hrenddessen bin ich an der Zielhaltestelle \u201eHamburg-Airport\u201c angekommen.<\/p>\n<p>Endlich sehe ich sie. Freude, Interaktionen, Emotionen. Der Flughafen scheint doch ein Ort zu sein! Ich freu mich. In mir drin beginnt ein leichtestes Kribbeln, eine Aufgeregtheit, welche ich in den vorherigen zwei Stunden nicht gesp\u00fcrt habe. Ich laufe an der Ankunftshalle vorbei und sehe wie sich P\u00e4rchen und andere Angeh\u00f6rige freuen, dass ihre Liebsten von den unterschiedlichsten Reisen zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Ich bleibe f\u00fcr einen Moment stehen. Einatmen. Ausatmen. Ich genie\u00dfe den Moment. Wir sind doch nicht verloren, glaub ich zumindest. Es f\u00fchlt\u00a0 sich spannend, aufregend und r\u00fchrend an, hier zu sein und den Moment zu genie\u00dfen. Zu beobachten, wie Menschen ihre ureigensten Erfahrungen machen und alle die gleiche Aufgeregtheit teilen. Der Flughafen ist ein Ort. Da bin ich mir nun sicher. Doch habe ich auf meiner Reise auch Momente erlebt bzw. gesehen, welche mich zum nachdenken anregen und zeigen, wie alleine wir als Individuum doch sein k\u00f6nnen und dass obwohl nahezu 8 Milliarden Gleichgesinnte sich mit uns auf diesem Planeten tummeln.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bietet dieser Blogartikel nicht den Umfang, um s\u00e4mtliche allt\u00e4gliche Situationen auf unser \u201eAlleinsein\u201c oder den Gehalt f\u00fcr unser gesellschaftliches Zusammenleben darzustellen. Dies soll auch gar nicht der Anspruch des Artikels sein. Vielmehr m\u00f6chte ich Leser:innen dazu inspirieren sich selbst in ganz banalen und allt\u00e4glichen Situationen zu hinterfragen. Diese Momente m\u00fcssen erlebt werden, um sich selbst in einer stetig wandelnden Welt zurechtzufinden, zu\u00a0 erden und zu positionieren. S\u00e4mtliche Momente des Alltages bieten Anlass daf\u00fcr, das Smartphone zu sperren, die Musik auszuschalten und einfach den Moment zu begreifen. Diese semi-teilnehmende Beobachtung hat mir geholfen herunterzufahren und mich neu in dieser Welt zurechtzufinden. Ich kann es wirklich nur empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Luca Steinhaus Es ist Sommer. Meine Haut und mein psychologisches Ich sehnen sich endlich nach Sonne, Salz auf der Haut und kalte Drinks am Meer. Die Vorfreude steigt von Tag zu Tag. Ich freue mich sehr auf den hei\u00df ersehnten Abflugtag. 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