Ist der Mensch besonders?

von Adrian Schuder

Betrachtet man unterschiedlichste Kulturen und Religionen aus verschiedenen Epochen der Weltgeschichte, so fällt eines auf: der Mensch steht stets im Vordergrund seiner eigenen Weltanschauung. Auf den ersten Blick ist dies nicht verwunderlich, schließlich wurde die jüngere Weltgeschichte nahezu ausschließlich durch die Spezies des Homo Sapiens geprägt, sämtliche Kulturen und Staaten wurden durch ihn geschaffen und alle Religionen auf der Welt von ihm ins Leben gerufen. Menschen scheinen hinsichtlich ihrer Intelligenz, Kreativität und der Fähigkeit zur Selbstreflexion jeglicher anderen Lebensform auf der Erde deutlich voraus zu sein. Gerade aufgrund dieser scheinbaren geistigen Überlegenheit neigen Menschen nicht selten dazu, in sich selbst etwas Transzendentes zu sehen. So heißt es im Christentum, dass Gott den Menschen nach seinem Vorbild geschaffen habe.1 In der ägyptischen Mythologie weisen die Götter zwar jeweils Merkmale unterschiedlicher Tiere auf, besitzen aber größtenteils eine eindeutig menschliche Statur. Dasselbe gilt für die Götter der Azteken. Diese Beispiele zeigen, dass Menschen zu unterschiedlichen Epochen und an verschiedenen Orten auf der Welt die Ansicht vertraten, dass eine konkrete Verbindung zwischen ihnen als Menschen und dem Übernatürlichen in Form von Göttern bestünde, die sich in Gemeinsamkeiten des Wesens und der Gestalt manifestiere. Diesem Glauben liegt einerseits womöglich der Wunsch nach Spiritualität und der Verbundenheit zu etwas Transzendentem sowie ein Lebenssinn, der sich aus einer ebensolchen Verbundenheit ergibt, zugrunde. Andererseits könnten die Vorstellungen der diversen anthropomorphen Götterfiguren auch darin begründet liegen, dass Menschen dazu neigen, die eigene geistige Entwicklungsstufe betrachtend, sich selbst näher an übernatürlichen Schöpfern zu verorten, als an bloßen Tieren. Sich derart von Tieren abzugrenzen, ist tatsächlich naheliegend, wenn man sich vor Augen hält, dass Menschen dazu in der Lage sind, Sprachen zu sprechen, Städte zu bauen, durch Schrift zu kommunizieren und über den Sinn des Lebens nachzudenken.

Aber sind diese besonderen kognitiven Leistungen des Menschen Grund genug dafür, den Menschen im Geiste von Tieren abzugrenzen? Aus biologischer Sicht wäre eine derartige Trennung zwischen Mensch und Tier allein deswegen falsch, weil der Homo Sapiens von Primaten abstammt und daher selbst per Definition ein Tier ist.2 Abgesehen davon macht es wenig Sinn, alle Tiere in Bezug auf geistiges Leistungsvermögen als gleichartig zu betrachten. Beispielsweise sind Oktopusse dazu in der Lage, sich auf vielfältige Weise vor Raubtieren zu schützen. Sie können sich am Meeresboden tarnen, zwei Kokosnusshälften zusammenfügen, um sich darin zu verstecken oder Steine vor ihre Höhle schleppen, sodass kein Tier mehr durch die Höhlenöffnung passt, das größer als sie selbst ist.3 Diese unterschiedlichen Vorgehensweisen zum Schutz vor Raubtieren beweisen ein gewisses Maß an Intelligenz und Kreativität. Andere Tiere, wie z.B. Schwämme besitzen kein Gehirn und sind daher überhaupt nicht zu Denkprozessen – ganz zu schweigen von Kreativität – in der Lage. Diese Gegenüberstellung zwischen Oktopus und Schwamm veranschaulicht, dass unterschiedliche Tierarten in Hinsicht auf geistiges Vermögen sehr große Unterschiede aufweisen können.

An diesem Punkt muss die Frage gestellt werden, ob es nicht sinnvoller wäre, den Menschen in erster Linie als Tier zu betrachten, anstatt ihn strikt davon abzugrenzen oder ihm gar etwas Transzendentes zuzuschreiben. Dafür sprechen zum einen die biologische Verwandtschaft des Homo Sapiens mit Primaten sowie die Tatsache, dass die Gesamtheit aller Tierarten – selbst ohne Miteinbeziehung des Menschen – keinen kognitiven Einheitsbrei bildet, sondern tatsächlich signifikante Unterschiede bezüglich geistiger Fähigkeiten aufweist. Zum anderen existiert keine spezifische Eigenschaft des Menschen, die ihn tatsächlich von allen anderen Tieren abhebt. Der Mensch ist womöglich kreativer als jedes andere Tier, kann reflektierter denken als jedes andere Tier und verfügt über eine ausgefeiltere Kommunikationsweise als jedes andere Tier. Allerdings gibt es keine Eigenschaft, die einzig und ausschließlich dem Menschen zugehörig ist und ihn essenziell von der Tierwelt abhebt. Deshalb ist der Mensch nicht mehr und nicht weniger als ein weit entwickeltes Tier.

1 Lutherbibel (1912). 1.Mose 1:26, URL = https://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_mose/1/#1 (gesehen am 29.04.2020).

2 Kratzmaier, Peter/Pfersdorff, Heike (2010): Duden. Das große Buch der Allgemeinbildung. Mannheim: Duden.

3 Kretz, Sebastian (2012): Wie Tiere denken. GEOkompakt 33, Seite 110-111.

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