{"id":21,"date":"2019-07-24T14:31:11","date_gmt":"2019-07-24T12:31:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/paulasbaumhet\/?p=21"},"modified":"2019-07-24T14:31:11","modified_gmt":"2019-07-24T12:31:11","slug":"abschlussreflexion-ringvorlesung-umgang-mit-heterogenitaet-in-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/paulasbaumhet\/2019\/07\/24\/abschlussreflexion-ringvorlesung-umgang-mit-heterogenitaet-in-der-schule\/","title":{"rendered":"Abschlussreflexion: Ringvorlesung \u201eUmgang mit Heterogenit\u00e4t in der Schule\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>Wenn ich die gesamte Ringvorlesung Revue passieren lasse, f\u00e4llt mir auf, dass bereits in der zweiten Sitzung mein Bild von einem personenbezogenen (an die Lehrkraft gekoppelten) Umgang mit Heterogenit\u00e4t ma\u00dfgeblich ver\u00e4ndert worden ist. Das Problem liegt bereits tiefer in der Struktur des Bildungssystems, welches durch die nationale Orientierung die deutsche Kultur als Grundlage eines jeden Unterrichts vorsieht und somit von Grund auf ein eher <em>homogenes Raster<\/em> festlegt. Diese Basis f\u00fchrt zu einer schnellen Verkn\u00fcpfung zwischen Migrationshintergrund und einem geringen Bildungsstatus, die wiederum erneut durch eine Kategorisierung des Lernniveaus (\u201e\u00e4u\u00dferer Differenzierung\u201c, \u201einnere Differenzierung\u201c) verst\u00e4rkt wird. Eine Art Teufelskreis auf einem schmalen Grat zwischen Integration, Inklusion und Exklusion entsteht, bei dem oftmals in Vergessenheit ger\u00e4t, dass Bildung ein Menschenrecht ist. Administrative Vereinbarungen legen anhand acht F\u00f6rderschwerpunkte den sonderp\u00e4dagogischen F\u00f6rderbedarf von Kindern und Jugendlichen fest, was dem allgemeinen Ziel der <em>outcome-Orientierung<\/em> (Kompetenzen, die erreicht werden m\u00fcssen) entspricht. Solche Standardisierungen erschweren die Flexibilit\u00e4t des Schulsystems in Anbetracht der vielen unterschiedlichen Begabungen und Voraussetzungen der Sch\u00fcler*innen, deren Sprach-, Lern-, emotionale-soziale und motorische Entwicklung erst durch und mit Vielfalt gef\u00f6rdert werden kann. Hierbei ist es wichtig, ihre lebensweltlichen Assoziationen durch einen fachlichen, multiperspektivischen Kontext zu erweitern, was insbesondere bei dem Ph\u00e4nomen der (inneren) Mehrsprachigkeit deutlich wird. F\u00fcr alle Sch\u00fcler*innen wird mit dem Eintritt in die Schule eine andersartige Sprache eingef\u00fchrt \u2013 die Bildungssprache. Dieses formelle Register unterscheidet sich in der Regel von ihrem allt\u00e4glichen Sprachgebrauch und ist entscheidend f\u00fcr den Erwerb fachbezogener Kompetenzen. Um nun konkreter auf die Didaktiken der eigenen beiden F\u00e4cher (Deutsch und Kunst) einzugehen, wird es f\u00fcr meine zuk\u00fcnftige Unterrichtsgestaltung besonders wichtig sein, den Eigenwert eines jeden Sprachgebrauchs wertzusch\u00e4tzen und als Lerngegenstand und Lernmedium zu behandeln. Vielsprachigkeit m\u00f6chte ich folglich keinesfalls als Defizit sondern als Ressource wahrnehmen, um den Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur, die Normalit\u00e4t von Sprachvielfalt, innere Mehrsprachigkeit und Mehrdimensionalit\u00e4t von Sprache zu verdeutlichen und grundlegend Sprachf\u00f6rderung zu bet\u00e4tigen. Dar\u00fcber hinaus m\u00f6chte ich f\u00fcr beide F\u00e4cher eine gendersensible Perspektive bewahren, da sowohl bei der Auswahl von Literatur, als auch bei der Auswahl von Kunstwerken mit den dazu geh\u00f6rigen Aufgabenstellungen schnell Geschlechterstereotypen reproduziert werden k\u00f6nnen. F\u00fcr die Motivation ist es wichtig, dass f\u00fcr alle Sch\u00fcler*innen ein Identifikationsangebot erm\u00f6glicht wird und vermehrt Handlungs-produktionsorientierte Ans\u00e4tze angewendet werden, bei denen die Kreativit\u00e4t und Eigent\u00e4tigkeit der Klasse im Fokus steht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Zwei erziehungswissenschafliche Fragen sind mir besonders im Hinterkopf geblieben: \u201eMeint Inklusion wirklich alle? \u2013 Aktuelle Diskussionslinien und praktische Umsetzung\u201c (RV06) und \u201eAuf dem Weg zu einer Schule f\u00fcr alle \u2013 gemeinsames Lernen am gemeinsamen Gegenstand oder gemeinsame Lernsituationen?\u201c (RV07). Beide Themenbereiche haben bei mir vorab positive Assoziationsketten hervorgerufen, nun habe ich jedoch ein deutlich differenzierteres und kritischeres Meinungsbild entwickelt. Dass die Interaktion (Sonderbehandlung) und Organisation im Allgemeinen (Sonderschulen) kontraproduktiv wirken und zu einer Exklusion f\u00fchren kann, war mir in dem Ma\u00dfe noch nicht bewusst. Daher w\u00fcrde ich mich gerne weiterhin mit der Frage befassen, inwiefern die Einstufung sonderp\u00e4dagogischen F\u00f6rderbedarfs von Sch\u00fcler*innen anhand der acht F\u00f6rderschwerpunkte gerechtfertigt ist und welches <em>homogenes Raster<\/em> durch solche standardisierten Verfahren festgelegt wird. Ankn\u00fcpfend an diesen Aspekt w\u00fcrde ich gerne mehr empirische Studien \u00fcber die Wirkung von inklusiven Klassen (Sensibilisierung von Vorurteilen und Ber\u00fchrungs\u00e4ngsten) behandeln und erfahren, wie ein solches Unterrichtsformat von den beteiligten Sch\u00fcler*innen wahrgenommen wird. Dar\u00fcber hinaus m\u00f6chte ich lernen, wie ich wichtige Informationen \u00fcber das soziale Umfeld und das Verhalten des Kindes\/ der Jugendlichen in seiner Lebenswirklichkeit sammeln und ohne Vorurteile auswerten kann, um (individuell) pr\u00e4ferierten Lernmethoden f\u00fcr die Unterrichtsgestaltung zu entwickeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4.<\/p>\n<p>Eine pers\u00f6nliche Herausforderung wird in jedem Fall der Druck als Lehrkraft jeder Sch\u00fclerin und jedem Sch\u00fcler in jeder Situation gerecht werden zu wollen. In der vierten Vorlesungssitzung wird ein Fallbeispiel von einer Lehrerin, einem Sch\u00fcler namens Tarkan und einer Sch\u00fclerin mit dem Namen Nele geschildert. Bereits beim ersten Lesen wusste ich, dass mir in naher Zukunft \u00e4hnliche Situationen bl\u00fchen werden, deren Wirkung als interne Person nicht einfach zu erschlie\u00dfen sind. Vermutlich ohne eine b\u00f6se Absicht wird der Sch\u00fcler durch das Eins-zu-eins-Gespr\u00e4ch mit der Lehrkraft r\u00e4umlich von seinen Mitsch\u00fcler*innen getrennt, um eine Aufgabe zu l\u00f6sen. Dadurch erf\u00e4hrt er eine Sonderbehandlung, die zus\u00e4tzlich durch eine vereinfachte Aufgabenstellung (die anderen Sch\u00fcler*innen l\u00f6sen alleine anspruchsvollere Aufgaben) verst\u00e4rkt wird. Dieses Empfinden wird insbesondere in der Situation mit Nele deutlich, die Tarkan in einem kurzen Dialog mit der Lehrerin als kreative Sch\u00fclerin gegen\u00fcber steht. Das Ausw\u00e4hlen und Bereitstellen individuell passender Lernangebote auf Basis einer zuvor erfolgten Erfassung der Lernvoraussetzungen der Sch\u00fcler*innen klingt nach einem harmonischen Konzept, welches sich auf die Logik der Heterogenisierung bezieht, jedoch erscheint das Konzept in diesem Kontext als ambivalente kompensatorische Hilfe und interne Ausgrenzung. Die Herausforderung besteht also darin, dass durch die Steigerung der Komplexit\u00e4t im Unterricht auch die Anforderungen an die Lehrkraft sich vervielf\u00e4ltigen, die ihre analytischen F\u00e4higkeiten anwenden muss, um \u00fcber den individuellen F\u00f6rderbedarf von Sch\u00fcler*innen zu entscheiden. Kategorisierung und Dekategorisierung sind bei diesem Prozess eine gro\u00dfe Problematik, insbesondere vor dem Hintergrund, ob die individuelle F\u00f6rderung aller oder die abhelfende F\u00f6rderung der Leistungsschwachen geleistet werden soll. F\u00fcr mich wird es daher wichtig sein, immer wieder das Gespr\u00e4ch mit den Sch\u00fcler*innen, sowie mit ehemaligen Lehrer*innen und Sonderp\u00e4dagogen*innen aufzusuchen, um unterschiedliche Meinungen, Perspektiven, Anregungen und Ideen zu sammeln und vielf\u00e4ltige didaktische Methoden zu ermitteln. Wichtig ist, dass ich pr\u00e4ventiv gegen zu hohen Selbstanspruch und Druck vorgehe und im Hinterkopf behalte, dass es keinen perfekten Lernweg gibt, was sowieso nicht dem Konzept der <em>Heterogenit\u00e4t<\/em> entsprechen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1. Wenn ich die gesamte Ringvorlesung Revue passieren lasse, f\u00e4llt mir auf, dass bereits in der zweiten Sitzung mein Bild von einem personenbezogenen (an die Lehrkraft gekoppelten) Umgang mit Heterogenit\u00e4t ma\u00dfgeblich ver\u00e4ndert worden ist. 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