RV10 – Prof. Dr. Andrea Daase – Mehrsprachigkeit als Ausgangspunkt und Ziel schulischer Bildung in Gymnasium und Oberschule

1.

Mit Verweis auf die noch nicht vollständig ausreichenden (bildungssprachlichen) Deutschkenntnisse, werden sogenannte Seiteneinsteiger*innen, die in Vorklassen Deutsch lernen, an Realschulen verwiesen – obwohl sie die Voraussetzungen für das Gymnasium mitbringen (Lernfähigkeit und Vorbildung) und gerne an der Schule bleiben würden. Inwiefern ist das gerechtfertigt?

Der Einfluss des Migrationshintergrundes auf den Bildungserfolg
widerspricht dem Ideal der Bildungsgerechtigkeit, was bedeutet, dass diese Realschulzuweisung nicht legitim ist, da die alleinige Fokussierung auf die Sprache Deutsch die Schüler*innen als Individuen mit unterschiedlichen Erfahrungen missachtet. Die Gefahr einer Stigmatisierung mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher entsteht: Sprache wird mit Herkunft gleichgesetzt, diese wiederum mit einem niedrigeren Lernniveau und einer niedrigeren sozialen Stellung. Dabei wird vergessen, dass ALLE Schüler*innen über Erfahrungen bezüglich des Phänomens der Mehrsprachigkeit verfügen – bewusst oder unbewusst. Zu Hause, beim Einkaufen oder beim Telefonieren mit der besten Freundin wird ein anderer ‚Code‘ gesprochen als im Unterricht. Die Schule als Bildungsinstitution spielt hierbei eine entscheidende Rolle: Eine für Kinder und Jugendliche andersartige Sprache wird eingeführt – die Bildungssprache. Alle Schüler*innen müssen dieses formelle Register erlernen; komplexere Sprachstrukturen, Fachausdrücke usw., die im Regelfall vorher nicht im alltäglichen Sprachgebrauch aufgetaucht sind. Ein sprachsensibler Fachunterricht muss her, da die bildungssprachliche Kompetenz essentiell für den Erwerb fachbezogener Kompetenzen ist. Fachliche Register sollten somit ebenfalls Lerngegenstand des Unterrichts sein in gleichzeitiger Anerkennung des Eigenwertes der verschiedenen Sprachgebräuche. Innerhalb der Klasse wird diese neu angeeignete Bildungssprache geübt und voneinander abgeguckt; ein Prozess, der meiner Meinung nach sehr wichtig für die fachliche und soziale Entwicklung ist. Ein Ausschluss von Seiteneinsteiger*innen würde maßgeblich die vorhandene Lernmotivation einschränken, sowie soziale Segregation und Vorurteile fördern.

2.

Meine Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit schöpfe ich vor allem aus meinem Nachhilfe Job, den ich bereits zweimal in den Semesterferien vollzogen habe. Über einige Wochen durfte ich Schüler*innen, die erst einige Jahre Deutschland leben, begleiten, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Die meisten mussten aus ihrer Heimat Syrien flüchten und sprachen somit vornehmlich syrisch und ein paar Wörter Englisch, bevor sie in eine deutsche Schule gekommen sind. Dort wurden sie zumindest in den weiterführenden Schulen in sogenannte „internationale Klassen” eingeteilt, um die Sprache Deutsch intensiv zu lernen und mit schulischen Inhalten zu verknüpfen. Problematisch wurde es insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern wie z.B. Mathe, Physik und Biologie, da dass Fachvokabular besonders schwer zu erklären ist. Auch ich war teilweise überfordert, als ich einem 16-Jährigen Syrern in Integralrechnung Nachhilfe geben musste und ich bemerkte, dass bereits simple, alltägliche deutsche Wörter nicht verstanden wurden. Irgendwie, irgendwann haben wir es jedoch als Team geschafft uns den mathematischen Vorgang zu erarbeiten, sodass er in der nächsten Klassenarbeit eine gute Note geschrieben hat. Vor dem Hintergrund der Vorlesung wird mir deutlich, dass ALLE Schüler*innen Probleme bei dem Verstehen von Fachvokabular haben, das thematisieren der formellen Sprache als solche somit enorm wichtig für das Verständnis des Lerninhaltes und der Bildung von fachlichen Kompetenzen ist. Dass dieser Prozess bei Nichtmuttersprachler*innnen eventuell mehr Zeit in Anspruch nimmt, ist absolut nachvollziehbar und sollte nicht als Last abgestempelt werden. Meiner Erfahrung nach ist die Motivation und die Lernbereitschaft, bzw. Lernfähigkeit sehr hoch und sollte in jedem Fall unterstützt werden, vor allem, da es eine Bereicherung ist, über die vielen unterschiedlichen Spracherfahrungen zu sprechen und somit einen toleranten, offenen Umgang zu fördern.

3.

Bei meiner zukünftigen Unterrichtsgestaltung möchte ich beachten, dass ich den Eigenwert eines jeden Sprachgebrauchs wertschätze ohne, dass ich Sprache automatisch mit Herkunft gleichsetzte. Vorurteile und Stigmatisierungen bilden eine Gefahr, die mir in jedem Fall bewusst sein sollte, um im Gegenzug ein tolerantes Klassenklima zu schaffen. Die unterschiedlichen Spracherfahrungen der Kinder und Jugendlichen sollen in diesem Kontext thematisiert werden, mit dem Ziel, über das formelle Register der Schule reflektieren zu können. Nicht nur Lerninhalte, sondern auch das Fachvokabular als solches sollte seinen Platz im Unterricht finden für einen bewusste Umgang mit Sprache beim Lehren und Lernen. Denn Sprache bildet die Grundvoraussetzung für das
Verstehen und Kommunizieren von Fachinhalten und ist somit elementar für jede Unterrichtsvorbereitung. In diesem Zusammenhang würde ich gerne Übungsaufgaben, Handreichungen bzw. Leitfäden zur Orientierung erwerben, wie die Bildungssprache als Thema in den Unterricht (spielerisch) eingebaut werden kann.

4.

Die Schule muss in unserer mehrsprachigen Gesellschaft als ein Ort von Mehrsprachigkeit gestaltet sein. Es müssen Rahmenbedingungen gelten, die die Mehrsprachigkeit von Schüler*innen einbeziehen und einen registersensiblen Fachunterricht gestalten. Das bedeutet, dass als Grundvoraussetzung allen mehrsprachigen Ausdrucksformen, unabhängig von ihrem sozialen Status,  ein Wert an sich zu zusprechen ist. Sprache sollte nicht automatisch mit Herkunft verknüpft werden und Vorurteilen ihren freien Lauf lassen. ALLE Kinder und Jugendliche bringen unterschiedliche Spracherfahrungen mit, die in der Regel gemeinsam haben, dass sie in die andersartige Bildungssprache noch eingeführt werden müssen. Diese Aufgabe ist der Schule zu zuschreiben, da die bildungssprachliche Kompetenz konstitutiv für den Erwerb fachbezogener Kompetenzen ist. Die Aneignung von komplexen sprachlichen Mitteln funktioniert nur im Kontext der Bearbeitung fachlicher Gegenstände und sollte im Austausch innerhalb der Klasse gefestigt werden. Wichtig ist also, außerschulisch erworbene Ausdrucksformen der Schüler*innen anzuerkennen, sie zu bestärken und bezogen auf soziale Gebrauchskontexte (fachliches Register in Schule) zu erweitern. Lehrpersonen sollte sich demnach kritisch mit Sprache auseinander zu setzten (Mittel zur Selektion und Exklusion), sich ihrer Zuständigkeit und Verantwortung für Sprachbildung bewusst sein und als einer der wichtigsten Aspekte; einen nichtdiskriminierenden Zugang zu fachlicher Bildung ermöglichen. Diese Grundlage verdeutlicht erneut die Problematik der in Aufgabe 1 geschilderten Situation, dass Schüler*innen mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen an Haupt- oder Realschulen verwiesen werden.

 

 

 

 

 

 

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