RV08 – Prof. Dr. Andreas Klee – Vorstellungen und politisches Bewusstsein als Ausgangspunkt sozialwissenschaftlichen Lernens

1.

Neben der Heterogenität der Schüler*innen, beispielsweise bezogen auf ihre Religion, Herkunft und Geschlecht, begegnet uns im Unterricht noch ein weiterer Aspekt: Es handelt sich dabei um die kulturell geprägten Weltblicke mit ihren vielen resultierenden Vorstellungen, die im Unterricht von allen Seiten zum Ausdruck kommen. Als Lehrkraft ist es in diesem Kontext wichtig, auf die verschiedenen Visionen der Schüler*innen konkret einzugehen und mit ihnen zu arbeiten, um die lebensweltlichen Assoziationen durch einen fachlichen, multiperspektivischen Kontext zu erweitern. Dies äußert sich insbesondere in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wie Politik und Geschichte, da diese mit einer Vielzahl von unstrukturierten Begriffen umgehen müssen (Gerechtigkeit, Freiheit etc.). Aber auch in meinem Studiengang (Germanistik) geht es um das Anknüpfen und die Erweiterung des Vorwissen der Lernenden, beispielsweise bezogen auf den Alltagsbegriff der Kommunikation. Da wir alle bereits als Kind mit diesem Phänomen konfrontiert werden, bildet sich bereits früh eine Vorstellung/Haltung/Meinung, die es nun aufzuarbeiten gilt. Ein möglicher Ansatz könnte sein, Schüler*innen aufzufordern eine Mind-Map in Gruppenarbeit zu erstellen, in der sie alles was ihnen zu diesem Term einfällt graphisch darstellen. Die Vielfalt an Vorstellungen ist absolut erwünscht und sollte auch im weiteren Verlauf des Unterrichts immer wieder thematisiert werden, um den Unterschied zwischen dem alltäglichen Verständnis von Kommunikation und dem fachlich, wissenschaftlichen zu erläutern. Anknüpfend könnte eine konkrete Definition aus dem ,Duden‘ behandelt werden und die unterschiedlichen Kommunikationsmodelle (Vier-Seiten-Modell, Eisbergmodell, Sender-Empfänger-Modell usw.). Auch in diesem Fall würde es sich eignen, pro Theoretiker jeweils ein Spezialistenteam zu bilden, sodass zum Ende der Unterrichtsstunde jedes Modell im Plenum vorgestellt werden kann.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass durch das Einbinden lebensnaher Assoziationen die Motivation seitens der Lernenden erheblich gesteigert wird und die Lehrkraft darüber hinaus vermittelt, dass Meinungsverschiedenheit kein unerwünschtes Phänomen ist.

2.

Als konkreten Unterrichtsinhalt habe ich bereits das Thema Kommunikation auserwählt, da in diesem Fall immer eine vorschulische/außerschulische Vision und Erwartungshaltung existiert. Im folgenden sollen drei methodische Varianten zur unterrichtspraktischen „Erhebung“ von Schüler*innen Vorstellungen dargestellt werden:

Zum einen wäre es möglich, eine individuelle Reflexion über die Methode des ‚Brainstormings’ zu fördern. Jedes Kind soll also ein paar Minuten für sich selbst überlegen, was es sich unter diesem Term vorstellt, welche Erfahrungen es bereits gemacht und welche Erwartungen er oder sie an den Unterricht hat. Anschließend könnte eine Gruppenarbeit folgen, um einen diskursiven und ergebnisoffenen Austausch zu ermöglichen. Hierbei könnten innerhalb der Kleingruppe Plakate mit Mind-Maps oder ähnliche Schaubildern entstehen, die letztendlich der gesamten Klasse in einem Rundgang oder durch einen spontanen Vortrag präsentiert werden. Diese Ansätze beinhalten die selbstreflektierende und die kommunikative Begegnung.

Zum anderen würde die Auseinandersetzung mit professionellen Urteilen, beispielsweise mittels eines Sachtextes über das Erlernen der Sprache oder das Lesen einer Kurzgeschichte (Peter Bichsel: San Salvador) anbieten, um ebenfalls die möglichen Probleme von Kommunikation zu behandeln und eine differenzierende Begegnung zu fördern.

3.

Eine Beobachtungsaufgabe in Bezug auf die unterschiedlichen Sprachwirklichkeiten von Schüler*innen und Lehrkräfte könnte sein, ob beide „Parteien” auf die Vorstellungen des jeweils anderen eingehen und zusammen versuchen ein Bewusstsein für Lernvoraussetzungen zu entwickeln, diese wiederum im Austausch thematisieren und reflektieren, inwiefern das eigene Gesellschaftsbild als „subjektive Auswahl aus einem kulturellen Fundus” (Petrik 2013, 219) anzusehen ist.

 

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