Wir und die Anderen. Prinzipiell sind Menschen die Produkte der Gesellschaft, die sie hervorbringt. Das „Othering“ bezeichnet also auf der gesamten gesellschaftlichen Ebene eine unter Anderem von der gesellschaftlichen Norm abweichende bzw. verselbstständigte, oder individualisierte Gruppierung von Menschen bzw. Einzelpersonen. Das „Othering“ findet immer dann statt, wenn eine Gruppierung von Menschen ein bestimmtes Interesse, Verhalten, Orientierung etc. verfolgt, die eine andere Einzelperson, oder Gruppierung nicht verfolgt. Somit ist das „Othering“ in jedem sozialen Sektor des menschlichen Lebens vorstellbar. Bezugnehmend zur Grundschule findet das „Othering“ schon bei bloßer Freundschaftsschließung statt. Ich erinnere mich dabei an meinen damaligen besten Freund. Innerhalb der Klassengemeinschaft bildeten wir eine eigene kleine Gemeinschaft, zu der die Anderen im Sinne des „Otherings“ keinen Zugang hatten. Natürlich blicke ich dabei aus meiner eigenen Mikroebene auf das „Othering“.
Auch auf der Mikroebene der gesamten Klassengemeinschaft wurde das „Othering“ betrieben, was allerdings eher unbewusst geschah. Im Zusammenhang einer religiös und kulturell vielfältigen Klassengemeinschaft wurden die Kulturen zwar als „anders“ wahrgenommen, was de facto auch so ist. Eine Trennung der Kulturen in „ die Eine und die Anderen“ fand in unserer Schulgemeinschaft nicht statt, obgleich wie erwähnt, ein Unterschied spürbar war.
Dieser Umstand lag mit Sicherheit an der sehr offenen und direkten Handhabung der kulturellen Heterogenität in der Klassengemeinschaft, die sich in der gesamten Schule wiederspiegelte. Da die Lehrkraft für uns als Kinder über jeden möglichen religiösen Konflikt erhaben schien und für uns ein Vorbild war, kam uns nie in den Sinn Menschen aus anderen Kulturen in „Schubladen“ zu stecken bzw. sie auszugrenzen.
Nachdem ich die Grundschule verlassen hatte, in den Genuss einer Orientierungsstufe kommen durfte und mich ein mysteriöser Wachstumsschub katapultartig in eine pubertierende 7. Klasse beförderte, bekam das „Othering“ in meinem persönlichen Makrosystem einen weitaus tragenderen Charakter.
Religiöse Konfessionen, Herkünfte, soziale Ränge und nicht zuletzt die schulische Leistung formten die einzelnen Schüler in passgenaue Puzzlestücke, die ihre Zugehörigkeit unter Anderem bei anderen Mitschülern fanden. Nie war das „Othering“ im schulischen Kontext so präsent wie in dieser Zeit.