Manchmal kommt man aus einer Schreibblockacke, weil man nicht anders kann, als über etwas zu schreiben. So geht es mir mit diesem Erlebnis. Freundliche Grüße deshalb an die Veranstalter und herzlichen Dank für den kompletten Neustart im Gehirn. Damit ihr an meinem Wunder teilhaben könnt, versuche ich euch hier das Wichtigste nachzuerzählen. Aber eins nach dem anderen.

Der AK Antifa (Arbeitskreis Antifa des AStA Uni Bremen) initiierte die Vortragsreihe „Rechte Umtriebe“, die im Januar 2019 stattfindet. Am Mittwoch, 16.01.2019, war Prof Dr. Freerk Huisken eingeladen, unter oben genannten Titel zu sprechen. Ein Handout zitiert Äußerungen rechten Gedankenguts und Argumente dagegen.

„Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“

Die wohl gängigste rechte Parole stand im Vordergrund des ersten Vortragsteils. Huisken deckte deren Fehler auf, indem er klarmachte, dass Deutsche und Ausländer auf dem selben Arbeitsmarkt konkurrieren. Kapitalistische Ökonomen stellen darin Ausländer nicht ein, weil ihre Nationalität eine direkte Rolle spielt, sondern weil sie teils für weniger Geld arbeiten und damit für das Unternehmen kostengünstiger sind und selbiges dann durch die Beschäftigung von diesen Ausländern mehr Geld macht als durch eine Beschäftigung von Deutschen. Das heißt, im kapitalistischen Konkurrenzkampf liegt die Schuld für die Arbeitsverhältnisse nicht bei den Ausländern, sondern bei den Unternehmern.

Eine Zuhörerin, die sich selbst als Workshopleiterin bei der Antifa Bremen vorstellte, forderte, dass sich alle Deutschen und Ausländer gegen die Unternehmen solidarisieren sollten (auch, wenn man schon einen Job ergattert hat).

Desillusionierend antwortete Huisken darauf, dass das nicht funktionieren würde, weil sich niemand (von den Deutschen) mit denen solidarisiert, die er „raushaben“ will.
Ein deutscher Jobbewerber hat nämlich paradoxerweise kein Problem damit, dass ihm eine Stelle von einem anderen „weggeschnappt“ wird, wenn dieser selber Deutscher ist – auch wenn derjenige die Stelle wie ein Ausländer aus ökonmischen Gründen bekam, z.B. weil er dem Unternehmen durch Leiharbeitsverträge und Dumpinglöhne weniger kostet.
Wieso dann aber die ausländische Konkurrenz zum Buhmann machen und aus dem Land werfen wollen?

Eine Studierende wirft ein, dass wir alle gelernt haben, dass es etwas Tolles ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Daraus entwickelt sich der Gedanke, ein Recht auf Arbeit zu haben – und im eigenen Land auch ein Vorrecht vor anderen, ausländischen Arbeitenden. Das zeigt, dass es um Konkurrenz und Kontrolle geht. Den anderen Deutschen, die sich als billige Arbeitskräfte anbieten, kann man das geteilte Vorrecht auf Arbeit in Deutschland nicht nehmen, den Ausländern aber schon. Auch, wenn es eigentlich, wie schon festgestellt, gar nicht deren Schuld ist, dass die Situation ist, wie sie ist, sondern die der profitorientierten Unternehmer. Ganz nach dem Motto: „Als Deutscher steht es mir zu, von Deutschen ausgebeutet zu werden.“

Im Vordergrund steht das Rentabilitätskalkül

Einem Rechten oder auch nur seinem harmlosen Cousin am Küchentisch auf „die nehmen uns halt die Arbeitsplätze weg“ dann tausend Zahlen und Gegenargumente zu liefern, hat sich für mich schon lange als unnütz herausgestellt. Denn wie im ersten Teil von Huisken klargestellt, geht es bei der Rechten Debatte in Wirklichkeit gar nicht um Fakten oder Nationalität. Da deutsche Arbeitssystem ist auch ohne Ausländer scheiße. Oder, wissenschaftlicher ausgedrückt, von Profitinteressen geleitet und von Konkurrenz gerägt.

Wir liegen alle so daneben – beziehungsweise mitten im Schlamassel, das wir auflösen wollen

Das Argument, dass Ausländer in Deutschland teilweise durch Selbstsändigkeit sogar Arbeitsplätze schaffen, ist mir mittlerweile peinlich. Denn, wie Huiksen uns mal eben aufklärte, entspricht die Logik darin genau der Denkweise, der wir etwas entgegenzusetzen haben. Es sagt nämlich nichts weiter aus als: Die Ausländer nützen uns doch sogar was, also lasst sie doch solange hier.

Auf welches Niveau sich das Argument herabgibt, dass betont, Ausländer machen immerhin die Arbeiten, für die sich Deutsche zu schade sind, will ich hier gar nicht mehr eingehen.

Wir dulden Ausländer nur, wenn wir irgendetwas von ihnen bekommen. Wir wir wir. Wir akzeptieren Menschen, wenn sie uns nutzen.
Mir wird klar, dass wir dieses Prinzip auch auf uns selbst anwenden. Wir sind auch nur etwas wert, wenn wir nützlich sind, wenn wir Leistung erbringen, wenn wir arbeiten und um Gottes Willen nicht bis 30 studieren und wenn dann nur, wenn wir als Bester abschließen oder „mehr machen“ als andere.
Wir generieren den Wert von Menschen daraus, inwieweit er unserem System dient.

Das System, das wir sind.

Huisken hat keine Angst, sämtliche Zuhörer vor den Kopf zu stoßen, als er urteilt: Ihr seid alle hochverbildete Menschen. Die Geisteswissenschaften sind genauso Teil der vorherrschenden „Mentalität“ und lehren Konkurrenz. Vulgär findet er auch das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“, denn das beinhalte, dass jeder alles werden könne, solange er sich nur genügend anstrenge. Das sei ein Fehlurteil, eine Ideologie. „Wenn das Bemühen nicht aufgeht – tja, nicht genug angestrengt.“ Als ob es so läuft.

Ich bin wie auf den Boden gefallen und noch nicht sicher, ob ich wieder aufstehen oder einfach liegenbleiben will. Das erste, das mein Kopf wieder produziert, ist die Erinnerung an den Song „Müssen nur wollen“ von Wir sind Helden: „Wir können alles schaffen / genau wie die tollen / dressierten Affen“. Der Refrain wiederholt die Worte „wir müssen nur wollen“. Mir wird klar, dass dieser Spruch so ausgelatscht wird, dass man seine Bedeutung selten so deutet, wie im Lied gemeint ist: Dass man andauernd etwas zu wollen hat.

„Wenn ich könnte, wie ich wollte, würd ich gar nichts wollen. Ich weiß aber, dass wir alle etwas wollen sollen.“