{"id":25,"date":"2025-05-27T13:48:41","date_gmt":"2025-05-27T11:48:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/?p=25"},"modified":"2025-05-27T13:48:41","modified_gmt":"2025-05-27T11:48:41","slug":"intelligenz-und-vorwissen-zwei-schluessel-zum-lernerfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/2025\/05\/27\/intelligenz-und-vorwissen-zwei-schluessel-zum-lernerfolg\/","title":{"rendered":"Intelligenz und Vorwissen \u2013 Zwei Schl\u00fcssel zum Lernerfolg?"},"content":{"rendered":"<p data-start=\"215\" data-end=\"852\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Die Frage, was erfolgreiches Lernen ausmacht, begleitet mich schon seit Beginn meines Studiums. Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel von Intelligenz und Vorwissen \u2013 zwei Dimensionen, die laut aktueller Forschung ma\u00dfgeblich zum Lernerfolg beitragen, aber unterschiedlich wirken. Die Vorlesung hat deutlich gemacht: Vorwissen ist mindestens genauso wichtig wie Intelligenz \u2013 wenn nicht sogar bedeutsamer (Gruber &amp; Stamouli, 2020). Das \u00fcberrascht auf den ersten Blick, weil Intelligenz oft als feste, unver\u00e4nderbare Gr\u00f6\u00dfe wahrgenommen wird, w\u00e4hrend Vorwissen als \u201eNebenprodukt\u201c schulischer Erfahrungen gilt.<\/span><\/p>\n<p data-start=\"854\" data-end=\"1457\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Tats\u00e4chlich zeigt die Studie von Schneider, K\u00f6rkel und Weinert (1989), dass dom\u00e4nenspezifisches Wissen sogar intelligentes Denken \u00fcbertrumpfen kann \u2013 zumindest dann, wenn es darum geht, neue Informationen zu verarbeiten und einzuordnen. Kinder mit hohem spezifischen Wissen (in diesem Fall \u00fcber Fu\u00dfball) schnitten bei einer Textverstehensaufgabe besser ab als intelligenzst\u00e4rkere Kinder ohne entsprechendes Vorwissen. Das bedeutet: Lernen ist nicht allein eine Frage der \u201ekognitiven Ausstattung\u201c, sondern stark davon abh\u00e4ngig, was Lernende schon mitbringen \u2013 an Begriffen, Erfahrungen und Verkn\u00fcpfungen.<\/span><\/p>\n<p data-start=\"1459\" data-end=\"2115\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Auch im Praktikum habe ich diesen Zusammenhang mehrfach beobachtet. In einer Sachunterrichtseinheit zum Thema \u201eTiere im Winter\u201c zeigte sich, dass Kinder mit Vorwissen aus Hobbys (z.\u202fB. Tierpflege, Waldkindergarten) deutlich sicherer argumentierten als andere. Gleichzeitig fiel mir auf, dass manche Kinder auf den ersten Blick \u201estill\u201c oder \u201eunaufmerksam\u201c wirkten, in Wahrheit aber einfach keinen Zugang zum Thema fanden, weil ihnen sprachliche oder inhaltliche Ankn\u00fcpfungspunkte fehlten. Das hat mir gezeigt, wie schnell man dazu neigt, Leistungsf\u00e4higkeit mit Lautst\u00e4rke oder Beteiligung zu verwechseln \u2013 und wie wichtig es ist, Vorwissen aktiv zu erheben.<\/span><\/p>\n<p data-start=\"2117\" data-end=\"2651\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Ich erinnere mich auch an eine Situation, in der ich selbst falsch eingesch\u00e4tzt habe, was meine Lerngruppe wusste. Ich startete eine Stunde zur Stromerzeugung mit der Frage: \u201eWas braucht man, damit ein Stromkreis funktioniert?\u201c \u2013 und erhielt nur fragende Gesichter. Erst nach einem gemeinsamen Einstieg mit echten Materialien kamen Antworten. R\u00fcckblickend h\u00e4tte ich anders anfangen sollen \u2013 zum Beispiel mit einer einfachen Diagnoseaufgabe oder einem Erkl\u00e4rvideo. Das zeigt: Auch wir Lehrkr\u00e4fte lernen \u2013 am besten durch eigene Fehler.<\/span><\/p>\n<p data-start=\"2653\" data-end=\"3394\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Ein besonders interessanter Befund aus der Vorlesung war f\u00fcr mich der sogenannte \u201eExpertise-Umkehr-Effekt\u201c (Gruber &amp; Stamouli, 2009): Didaktische Hilfen sind bei wenig Vorwissen sehr hilfreich \u2013 bei viel Vorwissen aber eher st\u00f6rend. Das stellt hohe Anforderungen an Unterrichtsgestaltung, denn es bedeutet, dass Differenzierung nicht nur \u201emehr oder weniger Hilfe\u201c hei\u00dft, sondern dass wir auch bewusst loslassen m\u00fcssen. F\u00fcr mein n\u00e4chstes Praktikum ergibt sich daraus die Frage: Wie gelingt ein Unterricht, der allen Sch\u00fclerinnen gerecht wird \u2013 ohne zu \u00fcberfordern oder zu unterfordern?* Eine m\u00f6gliche Antwort liegt f\u00fcr mich in offenen Aufgaben mit optionalen Hilfestellungen, differenzierten Materialien und einer klaren Diagnose zu Beginn.<\/span><\/p>\n<p data-start=\"3396\" data-end=\"3571\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">In der Vorlesung wurden zwei Modelle zur Anpassung an Lernvoraussetzungen vorgestellt. Aus meiner Schulpraxis kenne ich Beispiele zu allen Reaktionsformen nach Weinert (1997):<\/span><\/p>\n<ul data-start=\"3572\" data-end=\"4027\">\n<li data-start=\"3572\" data-end=\"3661\">\n<p data-start=\"3574\" data-end=\"3661\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong data-start=\"3574\" data-end=\"3584\">Passiv<\/strong>: Alle Kinder bekommen das gleiche Arbeitsblatt \u2013 egal, was sie schon k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<li data-start=\"3662\" data-end=\"3774\">\n<p data-start=\"3664\" data-end=\"3774\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong data-start=\"3664\" data-end=\"3679\">Substitutiv<\/strong>: Kinder mit F\u00f6rderbedarf werden aus dem Unterricht herausgenommen, um \u201eangepasst\u201c zu arbeiten.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<li data-start=\"3775\" data-end=\"3875\">\n<p data-start=\"3777\" data-end=\"3875\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong data-start=\"3777\" data-end=\"3786\">Aktiv<\/strong>: W\u00e4hrend der Gruppenarbeit werden schw\u00e4chere Kinder durch gezielte Hinweise unterst\u00fctzt.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<li data-start=\"3876\" data-end=\"4027\">\n<p data-start=\"3878\" data-end=\"4027\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong data-start=\"3878\" data-end=\"3890\">Proaktiv<\/strong>: Eine Kollegin bereitete differenziertes Material f\u00fcr ein Stationenlernen vor \u2013 abgestimmt auf Lernst\u00e4nde, Interessen und Lesef\u00e4higkeit.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p data-start=\"4029\" data-end=\"4366\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Auch das Modell von Leutner (1992) finde ich hilfreich. Besonders die Unterscheidung zwischen F\u00f6rderung, Kompensation und Pr\u00e4ferenz regt zum Nachdenken an: M\u00f6chte ich ein Defizit ausgleichen, ein Talent f\u00f6rdern oder Interessen bedienen? Je nach Ziel muss der Unterricht anders gestaltet sein \u2013 in Methode, Lernzeit und Zielsetzung.<\/span><\/p>\n<p data-start=\"4368\" data-end=\"4712\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich sagen, Intelligenz ist wichtig \u2013 aber Vorwissen ist der Schl\u00fcssel oder auch: \u201eDer wichtigste Einzelfaktor, der das Lernen beeinflusst, ist das, was der Lernende bereits wei\u00df\u201c (Ausubel, 1968). Unsere Aufgabe als Lehrkr\u00e4fte ist es, dieses Wissen zu erkennen \u2013 und daraus adaptiven Unterricht zu machen.<\/span><\/p>\n<p data-start=\"4719\" data-end=\"4733\">\n<p data-start=\"4719\" data-end=\"4733\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong data-start=\"4719\" data-end=\"4733\">Literatur:<\/strong><\/span><\/p>\n<ul data-start=\"4735\" data-end=\"5528\">\n<li data-start=\"4735\" data-end=\"4843\">\n<p data-start=\"4737\" data-end=\"4843\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Ausubel, D. P. (1968). Educational Psychology: A Cognitive View. New York: Holt, Rinehart and Winston.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<li data-start=\"4844\" data-end=\"5001\">\n<p data-start=\"4846\" data-end=\"5001\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Gruber, H. &amp; Stamouli, E. (2020). Intelligenz und Vorwissen. In E. Wild &amp; J. M\u00f6ller (Hrsg.), P\u00e4dagogische Psychologie (S. 25\u201344). Heidelberg: Springer.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<li data-start=\"5002\" data-end=\"5123\">\n<p data-start=\"5004\" data-end=\"5123\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Hasselhorn, M. &amp; Gold, A. (2006). P\u00e4dagogische Psychologie. Erfolgreiches Lernen und Lehren. Stuttgart: Kohlhammer.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<li data-start=\"5124\" data-end=\"5281\">\n<p data-start=\"5126\" data-end=\"5281\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Schneider, W., K\u00f6rkel, J. &amp; Weinert, F. E. (1989). Domain-specific knowledge and memory performance. Journal of Educational Psychology, 81(3), 306\u2013312.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<li data-start=\"5282\" data-end=\"5398\">\n<p data-start=\"5284\" data-end=\"5398\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Weinert, F. E. (1997). Notwendige Methodenvielfalt. In: Friedrich Jahresheft, 50\u201352. Seelze: Friedrich Verlag.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<li data-start=\"5399\" data-end=\"5528\">\n<p data-start=\"5401\" data-end=\"5528\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Leutner, D. (1992). Adaptive Lehrsysteme. Instruktionspsychologische Grundlagen und experimentelle Analysen. Weinheim: Beltz.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, was erfolgreiches Lernen ausmacht, begleitet mich schon seit Beginn meines Studiums. Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel von Intelligenz und Vorwissen \u2013 zwei Dimensionen, die laut aktueller Forschung ma\u00dfgeblich zum Lernerfolg beitragen, aber unterschiedlich wirken. Die Vorlesung hat deutlich gemacht: Vorwissen ist mindestens genauso wichtig wie Intelligenz \u2013 wenn nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":16221,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[6],"class_list":["post-25","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-rv07"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16221"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25\/revisions\/26"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}