{"id":16,"date":"2025-04-29T20:35:27","date_gmt":"2025-04-29T18:35:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/?p=16"},"modified":"2025-05-03T12:40:33","modified_gmt":"2025-05-03T10:40:33","slug":"gender-in-der-schule-28-04-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lucapiegsa\/2025\/04\/29\/gender-in-der-schule-28-04-2025\/","title":{"rendered":"Gender in der Schule 28.04.2025"},"content":{"rendered":"<p class=\"\" data-start=\"382\" data-end=\"987\">Die Auseinandersetzung mit Geschlecht im schulischen Kontext ist gepr\u00e4gt von einem Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Zuschreibung. Die theoretischen Ans\u00e4tze der Ringvorlesung verdeutlichen, dass Geschlecht in der Schule nicht einfach gegeben ist, sondern sowohl performativ hergestellt (\u201edoing gender\u201c) als auch institutionell zugeschrieben wird (vgl. Draxler 1988; Faulstich-Wieland 2019). Gender zeigt sich damit als soziale Konstruktion, die auf famili\u00e4ren, gesellschaftlichen und schulischen Diskursen beruht \u2013 mit weitreichenden Folgen f\u00fcr p\u00e4dagogisches Handeln und Bildungsgerechtigkeit.<\/p>\n<p class=\"\" data-start=\"989\" data-end=\"1869\">Auf der einen Seite erleben Kinder und Jugendliche sich selbst als aktiv Handelnde, die Geschlecht inszenieren \u2013 etwa durch Kleidung, Hobbys oder Sprechverhalten. Auf der anderen Seite werden ihnen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben: M\u00e4dchen gelten als \u201eruhig, diszipliniert und angepasst\u201c, Jungen hingegen als \u201eleistungsunwillig, laut oder cool\u201c (vgl. Stalmann 1991; Schnack &amp; Neutzling 1990). Solche Zuschreibungen finden nicht nur im Alltagsdiskurs statt, sondern werden auch im schulischen Raum durch Lehrer*innenhandeln, Unterrichtsmaterialien oder Leistungsbewertungen stabilisiert oder infrage gestellt (vgl. Faulstich-Wieland 1995; Flaake 1990). Besonders problematisch ist, wenn diese Zuschreibungen naturalisiert werden und so p\u00e4dagogisches Handeln beeinflussen \u2013 etwa durch selektive Aufmerksamkeitsverteilung (Gildemeister 2009) oder stereotype Rollenerwartungen.<\/p>\n<p class=\"\" data-start=\"1871\" data-end=\"2820\">In meiner eigenen Schulzeit erinnere ich mich an eine Deutschlehrerin, die literarische Themen mit Blick auf \u201etypische M\u00e4dchenerfahrungen\u201c ausw\u00e4hlte und m\u00e4nnliche Sch\u00fcler regelm\u00e4\u00dfig als \u201elesefaul\u201c abstempelte. In einem Praktikum an einer inklusiven Oberschule beobachtete ich, wie ein Sch\u00fcler mit Unterst\u00fctzungsbedarf im Bereich der emotional-sozialen Entwicklung durch sein \u201elautstarkes Auftreten\u201c auffiel \u2013 was von Lehrkr\u00e4ften stereotyp als \u201etypisch m\u00e4nnlich\u201c bewertet wurde. Gleichzeitig wurde seine sprachliche Unsicherheit (nichtdeutsche Erstsprache, bildungsferner Hintergrund) kaum ber\u00fccksichtigt. Dieses Beispiel macht deutlich, wie Gender mit anderen Differenzlinien \u2013 etwa Sprache und sozio\u00f6konomischer Herkunft \u2013 verwoben ist. In der intersektionalen Perspektive (vgl. Walgenbach 2016) zeigen sich hier doppelte Benachteiligungen: Der Sch\u00fcler wurde aufgrund seines Geschlechts und seiner Herkunft in seiner schulischen Teilhabe limitiert.<\/p>\n<p class=\"\" data-start=\"2822\" data-end=\"3439\">F\u00fcr mein n\u00e4chstes Praktikum w\u00fcrde ich folgende Beobachtungsaufgabe formulieren: In welchen Situationen werden im Unterricht geschlechtsspezifische Erwartungen an Sch\u00fclerinnen sichtbar? Welche Rolle spielen dabei andere Heterogenit\u00e4tsmerkmale wie Sprache, Inklusion oder soziale Herkunft? Ziel dieser Aufgabe ist es, Geschlecht nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines komplexen Geflechts von Differenzkategorien zu analysieren. Gerade im inklusiven Kontext erscheint es zentral, gendersensible P\u00e4dagogik intersektional weiterzudenken und Handlungsspielr\u00e4ume jenseits normativer Erwartungen zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p class=\"\" data-start=\"3441\" data-end=\"4071\">Gendersensible P\u00e4dagogik bedeutet daher nicht, Unterschiede zu ignorieren, sondern sie reflektiert wahrzunehmen \u2013 ohne sie vorschnell zu bewerten. Reflexive Koedukation, wie sie Faulstich-Wieland (2019) vorschl\u00e4gt, bietet hierf\u00fcr einen Ansatz: Sie fordert Lehrkr\u00e4fte auf, das eigene Handeln im Hinblick auf geschlechterbezogene Zuschreibungen zu hinterfragen und p\u00e4dagogisch produktiv mit Vielfalt umzugehen. In einer Schule, die auf Inklusion zielt, muss auch die Kategorie Geschlecht immer wieder neu und differenziert verhandelt werden \u2013 nicht zuletzt, um alle Sch\u00fcler*innen in ihrer Individualit\u00e4t wahrzunehmen und zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p data-start=\"3441\" data-end=\"4071\">\n<p data-start=\"3441\" data-end=\"4071\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li class=\"\" data-start=\"4094\" data-end=\"4219\">\n<p class=\"\" data-start=\"4096\" data-end=\"4219\">Draxler, H. (1988). <em data-start=\"4116\" data-end=\"4168\">Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit als p\u00e4dagogisches Problem<\/em>. In: Zeitschrift f\u00fcr P\u00e4dagogik 34(1), S.\u202f95\u2013103.<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"\" data-start=\"4220\" data-end=\"4379\">\n<p class=\"\" data-start=\"4222\" data-end=\"4379\">Faulstich-Wieland, H. (2019). <em data-start=\"4252\" data-end=\"4330\">Reflexive Koedukation \u2013 Ein gendersensibler Ansatz f\u00fcr Schule und Unterricht<\/em>. In: Zeitschrift f\u00fcr P\u00e4dagogik 65(1), S.\u202f7\u201325.<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"\" data-start=\"4380\" data-end=\"4491\">\n<p class=\"\" data-start=\"4382\" data-end=\"4491\">Flaake, E. (1990). <em data-start=\"4401\" data-end=\"4470\">M\u00fctterlichkeit als Beruf. Zur Beziehungsgestaltung von Lehrerinnen.<\/em> Weinheim: Juventa.<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"\" data-start=\"4492\" data-end=\"4647\">\n<p class=\"\" data-start=\"4494\" data-end=\"4647\">Gildemeister, R. (2009). <em data-start=\"4519\" data-end=\"4582\">Doing Gender \u2013 zur Konstruktion von Geschlecht in der Schule.<\/em> In: Zeitschrift f\u00fcr Sozialisationsforschung, 3(2), S.\u202f133\u2013146.<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"\" data-start=\"4648\" data-end=\"4765\">\n<p class=\"\" data-start=\"4650\" data-end=\"4765\">Schnack, H. &amp; Neutzling, R. (1990). <em data-start=\"4686\" data-end=\"4745\">Der Herr der Dinge friert auf der Sonnenseite des Lebens.<\/em> Reinbek: Rowohlt.<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"\" data-start=\"4766\" data-end=\"4954\">\n<p class=\"\" data-start=\"4768\" data-end=\"4954\">Walgenbach, K. (2016). <em data-start=\"4791\" data-end=\"4867\">Intersektionalit\u00e4t als Analyseperspektive f\u00fcr Schule und Bildungsprozesse.<\/em> In: Vierteljahresschrift f\u00fcr Heilp\u00e4dagogik und ihre Nachbargebiete, 85(3), S.\u202f211\u2013224.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Auseinandersetzung mit Geschlecht im schulischen Kontext ist gepr\u00e4gt von einem Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Zuschreibung. Die theoretischen Ans\u00e4tze der Ringvorlesung verdeutlichen, dass Geschlecht in der Schule nicht einfach gegeben ist, sondern sowohl performativ hergestellt (\u201edoing gender\u201c) als auch institutionell zugeschrieben wird (vgl. 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