{"id":45,"date":"2021-12-12T18:41:35","date_gmt":"2021-12-12T17:41:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/?p=45"},"modified":"2021-12-12T18:41:35","modified_gmt":"2021-12-12T17:41:35","slug":"beobachtungsprotokoll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/2021\/12\/12\/beobachtungsprotokoll\/","title":{"rendered":"Beobachtungsprotokoll"},"content":{"rendered":"<p>Datum: 10.12.2021<\/p>\n<p>Dauer: 14:30 &#8211; 15:10 Uhr<\/p>\n<p>Ort: Zug (Bremen Hbf -&gt; Hamburg Hbf)<\/p>\n<p>Ich nehme im Zug auf einem Sitz am Ende des Abteils platz, damit ich einen halbwegs guten Standort habe, um zu beobachten, was hier vor sich geht. Links von mir sitzt eine Frau mit Dutt und grauem Pullover mit einem Kleinkind in einem 4-er.<\/p>\n<p>Es ert\u00f6nt ein rauschendes Ger\u00e4usch. Kurz darauf rollt der Zug los. Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung. Eine Durchsage ert\u00f6nt. Die Fahrg\u00e4ste werden begr\u00fc\u00dft und das Endziel der Fahrt wird genannt. Der n\u00e4chste Halt sei Rotenburg. Das Kind links von mir tr\u00e4gt einen blauen Ganzk\u00f6rperanzug. Die Frau und das Kind unterhalten sich auf einer Sprache, die ich nicht verstehe und essen Chips. Ansonsten ist das Abteil recht leer. Nur sechs weitere Menschen kann ich sehen, wenn ich aufstehe.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich blicke mich um und mir f\u00e4llt ein Schild auf, auf welchem steht, dass ich im Ruhe-Abteil gelandet bin. Au\u00dferdem bemerke ich auf der Gep\u00e4ckablage links von mir einen vollgepackten Kinderwagen. Darauf liegen T\u00fcten, Jacken und ein kleiner Rucksack auf welchem ein Rennwagen abgebildet ist. Das Kind links von mir isst gerade einen s\u00fc\u00dflich riechenden Snack. Ich sehe einen gr\u00fcnen Drops in seiner Hand.<\/p>\n<p>Die Ger\u00e4usche, die der Zug beim Fahren erzeugt werden pl\u00f6tzlich lauter. Wenn ich mich nach hinten umdrehe kann ich die T\u00fcr sehen, die unseres vom n\u00e4chsten Abteil trennt. In diesem Moment ist sie gerade offen und ich sehe eine Person mit schwarzer Jacke verschwinden.<\/p>\n<p>Das Kind beginnt zu quengeln und h\u00e4ngt sich an das Beim der Frau. Vermutliche um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie ist am Handy und klingt ver\u00e4rgert. Als das Kind jetzt beginnt mit den Lippen zu blubbern gibt die Frau ihm erst einen leichten Klaps gegen die Schulter, dann auf das Gesicht. Als ich der Frau direkt ins Gesicht blicke, h\u00f6rt sie auf und nimmt das nun weinende Kind auf ihren Scho\u00df. Sie wiegt es hin und her woraufhin es sich schnell wieder beruhigt. Ich bin erschrocken von dem, was ich gerade beobachtet habe, wei\u00df aber auch nicht, ob ich mich einmischen sollte.<\/p>\n<p>Ein G\u00fcterzug brettert in entgegengesetzter Fahrtrichtung lautstark an uns vorbei.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Die Frau legt das Kind auf die ihr gegen\u00fcberliegenden Sitze und deckt es mit ihrer Jacke zu. Kurz darauf steht es auf und beginnt auf den Sitzen herumzuklettern. Erst schaut die Frau minutenlang teilnahmslos zu, doch dann schnappt sie das Kind grob am Arm und zieht es runter. Jetzt beginnt das Kind wieder zu weinen, bis es wieder auf den Arm der Frau darf und sie es wiegt bis es an ihre Schulter gelehnt einschl\u00e4ft.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Frau und das Kind waren tats\u00e4chlich w\u00e4hrend der Stunde die einzigen beiden Menschen in meinem n\u00e4heren Umfeld, die ich gut beobachten konnte. Dies, aber auch das Verhalten der Frau hat dazu gef\u00fchrt, dass meine Aufmerksamkeit haupts\u00e4chlich auf den beiden lag. Da mein Nebenfach <i>Erziehungs- und Bildungswissenschaften<\/i> ist war die Situation nat\u00fcrlich auch mit dem Blick auf den Erziehungsaspekt interessant zu beobachten. Tats\u00e4chlich habe ich mich dabei aber wirklich sehr unwohl gef\u00fchlt und die Situation hat mich zum Nachdenken bewegt. Meine Mitbewohnerin liest gerade das Buch \u201eAlles \u00fcber Liebe\u201c von Bell Hooks und gerade vorgestern hat sie mir erz\u00e4hlt, worum es darin geht. Die Autorin hat eine sehr interessante Ansicht zu dem Thema Liebeslektionen in der Kindheit.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Sie sagt, dass F\u00fcrsorge und Best\u00e4tigung, (das Gegenteil von Misshandlung und Dem\u00fctigung) die Grundlage der Liebe bilden w\u00fcrden und folgert daraus, dass Eltern ihre Kinder, wenn sie diese vernachl\u00e4ssigen oder misshandeln gar nicht lieben <i>k\u00f6nnen<\/i>. Auch wenn es sehr viele Eltern gebe, die ihre Kindern schlagen oder kneifen und trotzdem sagen w\u00fcrden, dass sie sie lieben und die Misshandlungen damit \u201erechtfertigen\u201c zu sagen, es sei nur die letzte Instanz, wenn das Kind nicht h\u00f6re oder aber nur zum \u201eBesten des Kindes\u201c etc.\u00a0Noch lange Zeit nachdem die Frau und das Kind den Zug verlassen hatten, habe ich \u00fcber die Situation nachgedacht und mich gefragt, was die Frau wohl sagen w\u00fcrde, wenn sie mit dem Thema konfrontiert werden w\u00fcrde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Alles in allem war das eine sehr merkw\u00fcrdige Zugfahrt und dass ich dieses Beobachtungs-protokoll geschrieben habe hat doch tats\u00e4chlich dazu beigetragen, dass ich mich gedanklich st\u00e4rker mit dem Gesehenen auseinandergesetzt habe, anstatt vielleicht einfach nur kurz schockiert zu sein und die Situation am \u00fcbern\u00e4chsten Tag direkt wieder zu vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Datum: 10.12.2021 Dauer: 14:30 &#8211; 15:10 Uhr Ort: Zug (Bremen Hbf -&gt; Hamburg Hbf) Ich nehme im Zug auf einem Sitz am Ende des Abteils platz, damit ich einen halbwegs guten Standort habe, um zu beobachten, was hier vor sich geht. Links von mir sitzt eine Frau mit Dutt und grauem Pullover mit einem Kleinkind&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/2021\/12\/12\/beobachtungsprotokoll\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Beobachtungsprotokoll<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":13595,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[207],"tags":[],"class_list":["post-45","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13595"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":46,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions\/46"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lifeaction\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}