{"id":48,"date":"2025-08-07T14:23:29","date_gmt":"2025-08-07T12:23:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/?p=48"},"modified":"2025-08-07T14:23:29","modified_gmt":"2025-08-07T12:23:29","slug":"abschlussreflexion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/2025\/08\/07\/abschlussreflexion\/","title":{"rendered":"Abschlussreflexion"},"content":{"rendered":"<p>1.<\/p>\n<p>Eine der zentralsten theoretischen Erkenntnisse aus der Ringvorlesung war f\u00fcr mich, dass Heterogenit\u00e4t kein Problem ist, das durch Ver\u00e4nderung der Sch\u00fclerinnen gel\u00f6st werden muss. Heterogenit\u00e4t in der Schule gibt vielmehr Anlass zur p\u00e4dagogischen Reflexion und zur Ver\u00e4nderung der Praxis von Lehrkr\u00e4ften (vgl. Trautmann\/Wischer 2011: 17). Dass Heterogenit\u00e4t zwar von den Lernenden ausgeht und Lehrkr\u00e4fte teilweise vor Herausforderungen stellt, aber nicht durch die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gel\u00f6st werden muss, ist eine bereichernde Sichtweise f\u00fcr mich, die ich auch in anderen Themenfeldern wiederfinde. Die &#8222;Verursacher&#8220; des Problems sind nicht f\u00fcr dessen L\u00f6sung zust\u00e4ndig. So auch bei Rassismus: oftmals werden rassistische \u00c4u\u00dferungen unbewusst get\u00e4tigt, die Betroffenen sind dann diejenigen, die aktiv werden m\u00fcssen und das Problem ansprechen oder gar l\u00f6sen sollen. Hier sehe ich strukturelle Parallelen. Lerngruppen m\u00fcssen nicht homogen gemacht werden, unsere Einstellung und Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber Heterogenit\u00e4t und vor allem gesellschaftliche Strukturen m\u00fcssen sich ver\u00e4ndern, damit Lehrkr\u00e4fte Ressourcen, Wissen und M\u00f6glichkeit haben, mit Heterogenit\u00e4t in der Schule umzugehen.<br \/>\nBezogen auf mein Unterrichtsfach Deutsch nehme ich beispielsweise f\u00fcr mich mit, bei der Auswahl von Texten, B\u00fcchern und Unterrichtsmaterialien auf Geschlechterdiversit\u00e4t und Antidiskriminierung zu achten. Es ist erschreckend und erstaunlich wie unreflektiert manche Lehrmaterialien sind.\u2028\u00c4hnlich wie viele meiner Kommiliton*innen war auch f\u00fcr mich die Erkenntnis neu, dass ein Vorwissen f\u00fcr eine erfolgreiche Schullaufbahn der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mehr Relevanz besitzt, als die Intelligenz (Wild \/ Wild 2009: 35 und Helmke 2009: 248). Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit f\u00fcr eine Diagnostik der heterogenen Kompetenzverteilung, denn Lernende m\u00fcssen Ankn\u00fcpfungspunkte im adaptiven Unterricht finden, um ihr Vorwissen nutzen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nF\u00fcr meinen Kunst-Unterricht k\u00f6nnte das bedeuten, neue Themenbereiche oder Unterrichtseinheiten mit einem gemeinsamen Erstellen einer assoziativen ABC-Liste zu beginnen. Die Lernenden k\u00f6nnen so ihr Vorwissen aktivieren und sich im Unterrichtsgespr\u00e4ch dar\u00fcber austauschen. Die Liste k\u00f6nnte sp\u00e4ter in der Sicherungsphase wieder aufgegriffen werden, auch ein Vorher-nachher-Vergleich w\u00e4re m\u00f6glich um eine Entwicklung zu reflektieren. Die Assoziationen zum Thema k\u00f6nnten zudem auch die Grundlage f\u00fcr Gruppenarbeiten zu verschiedenen Interessenschwerpunkten bieten und so ein direktes Ankn\u00fcpfen an bestehendes heterogenes Vorwissen der Lernenden erm\u00f6glichen. Diese Methode ist nicht unbedingt fach-spezifisch und l\u00e4sst sich auch im Deutsch-Unterricht anwenden.\u2028Fachspezifisch f\u00fcr den Kunst-Unterricht k\u00f6nnte auch eine Themen-Landkarte zur Feststellung des Vorwissens genutzt werden. Die Lernenden sitzen im Kreis, in der Mitte ist ein gro\u00dfes Blatt Papier. Auch hier nennen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ihre ersten Assoziationen zum Thema, die Lehrkraft schreibt diese Assoziationen auf, sortiert sie thematisch und visualisiert so eine Landkarte mit unterschiedlichen Verortung der Aspekte.<br \/>\nZwei Literaturquellen die ich begleitend zur Vorlesung gelesen habe und mir besonders relevant erschienen, m\u00f6chte ich hier nennen:<\/p>\n<p><strong>bell hooks, 2010, Teaching Critical Thinking<\/strong><br \/>\n(eine Autorin und Lehrerin, die jede Person lesen sollte, die Menschen in ihrer Entwicklung begleitet)<br \/>\n<strong>Boaventura de Sousa Santos, 2018, The End of the Cognitive Empire<\/strong><br \/>\n(wichtige Reflexion der eurozentrischen Sicht auf Erkenntnis und Wissen, bezieht P\u00e4dagogik in gr\u00f6\u00dferen politischen Kontext ein).<br \/>\nUnd zum Schluss m\u00f6chte ich folgenden Text aus den Vorlesungen nennen, der mir besonders gefallen hat:<br \/>\n<strong>Yasemin Karakasoglu, Dita Vogel, 2020, Transnationale Mobilit\u00e4t als Herausforderung einer Theorie der (deutschen) Schule\u2028<\/strong>(Migration als transnationale Mobilit\u00e4t verstehen macht das Demokratische Paradox noch sichtbarer).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Ich war auf einer integrativen Gesamtschule mit jahrgangs\u00fcbergreifenden Klassen, Werkstattunterricht und Freiarbeit. Heterogenit\u00e4t war immanente Struktur meiner Lernumgebung. \u2028Sie wurde weitestgehend positiv gewertet und als p\u00e4dagogische Bereicherung gesehen. Durch das jahrgangs\u00fcbergreifende Lernen gab es immer unterschiedliche Lernst\u00e4nde und unterschiedliches Vorwissen, wobei meist alle von einem Austausch durch kooperatives Lernen profitieren konnten.\u2028Wir hatten Methodentage um individuelle Lernstrategien kennenzulernen und Werkstattarbeit \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Zeitr\u00e4ume, meist zwei Monate eigenst\u00e4ndiges Lernen. Es gab viel Projektarbeit, Morgenkreis, eigenverantwortliches Lernen und r\u00e4umliche sowie zeitliche Strukturen, die uns so viel Freiheit wie m\u00f6glich einr\u00e4umten. In meiner Schule lernten auch Kinder mit k\u00f6rperlicher und geistiger Beeintr\u00e4chtigung inklusiv. Die Schule war eine Privatschule mit Solidarit\u00e4tsprinzip. Das Schulgeld richtete sich nach dem Einkommen der Erziehungsberechtigten. Ich und meine Geschwister sind dort hin gekommen, weil mein Vater dort Lehrer war.<br \/>\nDas alles war f\u00fcr mich eine ideale Lernumgebung, ich bin gerne dort zur Schule gegangen und konnte viele Kompetenzen und wirklich n\u00fctzliches Handwerkszeug f\u00fcr mein Leben mitnehmen. Allerdings fiel mir auch zu Schulzeiten schon auf, dass einige Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dabei auf der Strecke blieben. Die gro\u00dfe Freiheit sich das Lernen selbst zu organisieren, bot nicht gen\u00fcgend Halt und ohne unterst\u00fctzenden Rahmen f\u00fchrte das dazu, dass manche einfach gar nichts gemacht haben. Eine Mitsch\u00fclerin wechselte deswegen die Schule und konnte mit Frontalunterricht, klaren Aufgabenstellungen und homogenen Leistungskontrollen sehr viel besser umgehen. Diese Negativaspekte des freien Lernens und der Binnendifferenzierung im Unterricht konnte ich in der BAUMHET Vorlesung nochmal besser verstehen. Gerade der Vortrag von Lea Fischer und Dr. Tim Giesler mit dem Thema &#8222;Englischunterricht und Inklusion: Herausforderungen im Spannungsfeld von Individualisierung und Gemeinsamkeit&#8220; griff viele meiner eigenen Beobachtungen dieses Spannungsfeldes auf und best\u00e4tigte meine eigene Erfahrung. Hier lernte ich, dass ein aktives Handeln der Lehrkraft zu einem bestimmten Zeitpunkt des Lernprozesses entscheidend ist, n\u00e4mlich &#8222;Die Zone der n\u00e4chsten Entwicklung&#8220; (Vygotskij 1987, S.85). Lernende sollten in binnendifferenziertem Unterricht also nicht g\u00e4nzlich allein gelassen werden, sondern von Lehrkr\u00e4ften in ihrer Entwicklung begleitet werden.<br \/>\nZudem war der Besuch einer Privatschule auch relativ realit\u00e4tsfern von dem Leben anderer Kinder und Jugendlicher in meinem au\u00dferschulischen Freundeskreis. Das Reflektieren der eigenen Privilegien wurde in der Schule nie thematisiert. Einige meiner Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fcler entwickelten ein vollkommen abgehobenes Verhalten, eine Mitsch\u00fclerin von mir meinte nach unserem Abschluss, dass die Konsequenz unserer Bildungsprivilegien w\u00e4re, anderen weniger privilegierten Menschen zu helfen. Die \u00dcberheblichkeit dabei hatte sie gar nicht erkannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mein Wissen gerne in den Bereichen Mehrsprachigkeit und Migration vertiefen. Hier fehlt mir auch noch Allgemeinwissen zu verschiedenen Religionen, das ich als notwendig f\u00fcr einen inklusiven Unterricht sehe. F\u00fcr meine berufliche Praxis m\u00f6chte ich mir beispielsweise einen Kalender mit Festen unterschiedlicher Religionen zulegen, um ad\u00e4quat auf die Realit\u00e4t von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern reagieren zu k\u00f6nnen. Ich selbst bin nicht gl\u00e4ubig und merke mittlerweile oft, dass mir viel Wissen dazu fehlt, auch zum christlichen Glauben. Zum Beispiel, was man an Pfingsten feiert. \u2028Ich hatte in diesem Jahr viel dazu gelesen, dass Lehrkr\u00e4fte muslimischen Kindern w\u00e4hrend des Ramadan das Fasten verbieten und habe mich dann tiefer mit dem Thema auseinandergesetzt. Auch im Kontext von Antisemitismus w\u00e4re eine sch\u00f6ne Ma\u00dfnahme f\u00fcr eine diskriminierungsarme Schule j\u00fcdische Feste zu thematisieren oder den Klassenraum dementsprechend zu schm\u00fccken.\u2028Mich w\u00fcrden auch Themen interessieren, die strukturelle oder politische Aspekte vom Umgang mit Heterogenit\u00e4t aufgreifen: zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Sonderp\u00e4dagoginnen und Sonderp\u00e4dagogen, Unterrichtsbegleitkraft, Schulassistenz oder die Kommunikation mit dem Jugendamt. W\u00e4hrend der Vorlesung habe ich gemerkt, dass ich von vielen Strukturen noch keine Ahnung habe. Ich wei\u00df weder, wie verschiedene Akteurinnen und Akteure hei\u00dfen, kenne die Abk\u00fcrzungen nicht und kenne Formalit\u00e4ten in der Diagnostik nicht.<br \/>\nVielleicht w\u00e4ren auch Informationen zu Kindern mit Autismus, ADHS, Legasthenie oder LRS hilfreich f\u00fcr einen differenzierten Umgang mit Heterogenit\u00e4t in der Schule. Besonders spannend fand ich auch die kurzen Informationen in der Vorlesung von Prof. Dr. Frank J. M\u00fcller, in der verschiedene Unterrichtsmaterialien und Methoden vorgestellt wurden, die sich an verschiedene Lernniveaus anpassen lassen und konkret Heterogenit\u00e4t anerkennen (wie zum Beispiel das Buch &#8222;P\u00fcnktchen und Anton&#8220; in drei verschiedenen Lesestufen). Ich hoffe, dass solche praxisbezogenen Beispiele noch weiter ausgef\u00fchrt, eventuell auch theoretisch eingeordnet werden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Literatur:<\/span><br \/>\nHelmke, A. (2009). <em>Unterrichtsqualit\u00e4t und Lehrerprofessionalit\u00e4t. Diagnose, Evaluation<\/em><br \/>\n<em>und Verbesserung des Unterrichts.<\/em> Seelze\u2010Velber: Klett\u2010Kallmeyer.<\/p>\n<p>hooks, b. (2010). <em>Teaching Critical Thinking: Practical Wisdom.<\/em> London: Routledge.<\/p>\n<p>Karakasoglu, Y., &amp; Vogel, D. (2020). <em>Transnationale Mobilit\u00e4t als Herausforderung einer Theorie der (deutschen) Schule. Theoretische \u00dcberlegungen zu institutionellen Wandlungsnotwendigkeiten.<\/em> https:\/\/doi.org\/10.26092\/elib\/325<\/p>\n<p>de Sousa Santos, B. (2018). <em>The End of the Cognitive Empire: The Coming of Age of Epistemologies of the South.<\/em> Duke University Press. http:\/\/www.jstor.org\/stable\/j.ctv125jqvn<\/p>\n<p>Trautmann, M., &amp; Wischer, B. (2011). <em>Heterogenit\u00e4t in der Schule: Eine kritische Einf\u00fchrung.<\/em> Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften. https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-531-92893-7<\/p>\n<p>Vygotskij, L. (1987): <em>Ausgew\u00e4hlte Schriften.<\/em> Band 2. <em>Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit.<\/em> K\u00f6ln: Pahl-Rugenstein.<\/p>\n<p>Wild, E. M., &amp; Wild, E. (2009). <em>P\u00e4dagogische Psychologie (Lehrbuch mit Online-Materialien).<\/em> Springer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Eine der zentralsten theoretischen Erkenntnisse aus der Ringvorlesung war f\u00fcr mich, dass Heterogenit\u00e4t kein Problem ist, das durch Ver\u00e4nderung der Sch\u00fclerinnen gel\u00f6st werden muss. Heterogenit\u00e4t in der Schule gibt vielmehr Anlass zur p\u00e4dagogischen Reflexion und zur Ver\u00e4nderung der Praxis von Lehrkr\u00e4ften (vgl. Trautmann\/Wischer 2011: 17). 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