{"id":31,"date":"2025-04-29T23:41:44","date_gmt":"2025-04-29T21:41:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/?p=31"},"modified":"2025-04-29T23:41:44","modified_gmt":"2025-04-29T21:41:44","slug":"darf-ich-als-lehrkraft-meine-meinung-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/2025\/04\/29\/darf-ich-als-lehrkraft-meine-meinung-sagen\/","title":{"rendered":"Darf ich als Lehrkraft meine Meinung sagen?"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"padding-left: 40px\">JA<\/h4>\n<p>Den Beutelsbacher Konsens als \u201eNeutralit\u00e4tsgebot\u201c zu deuten, ist eine Fehlinterpretation.<br \/>\nDer in den 70er Jahren verfasste Konsens beinhaltet drei Elemente: \u00dcberw\u00e4ltigungsverbot (keine Indoktrination), Kontroversit\u00e4tsgebot und die Bef\u00e4higung der Sch\u00fcler, in politischen Situationen ihre eigenen Interessen zu analysieren (Wehling 1977: 179f.). \u2028In Bezug auf das \u00dcberw\u00e4ltigungsverbot gehen viele Lehrkr\u00e4fte davon aus, sie m\u00fcssten eine neutrale Position im Unterricht einnehmen und d\u00fcrften ihre Meinung nicht \u00e4u\u00dfern. Haker &amp; Otterspeer argumentieren dagegen, dass Neutralit\u00e4t Bildungsprozesse verunm\u00f6glicht. Neutrale Lehrkr\u00e4fte w\u00e4ren ein schlechtes Vorbild und w\u00fcrden dazu f\u00fchren, dass auch Sch\u00fcler*innen sich neutral verhalten, da Bildungsprozesse auf Mimesis aufbauen (Haker &amp; Otterspeer 2021: 219f.). Eine Distanziertheit schadet dem Erfolg von (politischer) Bildung.\u2028\u00a0 Hinzu kommt, dass ein Ausbleiben von \u00c4u\u00dferungen seitens der Lehrkraft eine prek\u00e4re Entscheidung darstellt. Wenn kritische \u00c4u\u00dferungen gemacht werden, dann muss diesen auch im Unterricht widersprochen werden! Es stellt sich zudem auch die Frage, ob das Ausbleiben von \u00c4u\u00dferungen tats\u00e4chlich neutral ist.<br \/>\nIch m\u00f6chte dieses Ph\u00e4nomen abschlie\u00dfend noch mit folgendem Gedankengang verbinden:<\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 40px\">Schweigen ist ein Privileg.<\/h4>\n<p>Ein Privileg einer wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung, deren Verantwortung es eigentlich w\u00e4re, ihre Stimme zu nutzen, um f\u00fcr Menschen zu sprechen, die nicht geh\u00f6rt oder gefragt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_32\" aria-describedby=\"caption-attachment-32\" style=\"width: 438px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-32 \" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/donald-trump-2016-election-biography-photos-24-Kopie-300x196.jpg\" alt=\"\" width=\"438\" height=\"286\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/donald-trump-2016-election-biography-photos-24-Kopie-300x196.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/donald-trump-2016-election-biography-photos-24-Kopie-1024x667.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/donald-trump-2016-election-biography-photos-24-Kopie-768x500.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/donald-trump-2016-election-biography-photos-24-Kopie.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 438px) 100vw, 438px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-32\" class=\"wp-caption-text\">Donald Trump, Melania Trump and their son Barron Trump 2010, in New York City<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_33\" aria-describedby=\"caption-attachment-33\" style=\"width: 441px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-33\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/Franz_Xaver_Winterhalter_Family_of_Queen_Victoria-300x237.jpeg\" alt=\"\" width=\"441\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/Franz_Xaver_Winterhalter_Family_of_Queen_Victoria-300x237.jpeg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/Franz_Xaver_Winterhalter_Family_of_Queen_Victoria-1024x808.jpeg 1024w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/Franz_Xaver_Winterhalter_Family_of_Queen_Victoria-768x606.jpeg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/Franz_Xaver_Winterhalter_Family_of_Queen_Victoria-1536x1213.jpeg 1536w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/Franz_Xaver_Winterhalter_Family_of_Queen_Victoria-1568x1238.jpeg 1568w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lehrkraftgedanken\/files\/Franz_Xaver_Winterhalter_Family_of_Queen_Victoria.jpeg 1890w\" sizes=\"auto, (max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-33\" class=\"wp-caption-text\">Franz Xaver Winterhalter, The Royal Family, 1846, Buckingham Palace, London, UK.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine Unterrichtseinheit im Fach \u201eKunst\u201c, die f\u00fcr eine Anwendung des Beutelsbacher Konsens relevant w\u00e4re, k\u00f6nnte sich mit der Inszenierung und Wirkungsmacht von Bildern besch\u00e4ftigen. Ich w\u00fcrde eine Gegen\u00fcberstellung eines aktuellen Familienportr\u00e4ts der Trumps und eines historischen Gem\u00e4ldes der englischen K\u00f6nigsfamilie vorschlagen. Die \u00c4hnlichkeiten im Bildaufbau und der Wahl der Farben, Motive und Formensprache geben Aufschluss \u00fcber noch heute g\u00fcltige Codes der Darstellung von Macht und Reichtum. Ziel w\u00e4re es, die Sch\u00fclerinnen zu bef\u00e4higen, den Kontext dieser aktuellen Bilder zu erschlie\u00dfen, denen sie unter anderem auch auf Social Media begegnen k\u00f6nnten. Zu beachten w\u00e4re hierbei die Einhaltung des Kontroversit\u00e4tsgebotes, indem ein offener Diskurs dar\u00fcber stattfinden sollte, welchen Nutzen diese Bilder haben, aber auch welche Gefahren sich aus einem unreflektierten Betrachten ergeben k\u00f6nnten. Eine f\u00fcr Sch\u00fclerinnen t\u00e4gliche Manipulation durch Medien (z.\u202fB. in der Werbung) und eine daraus resultierende Notwendigkeit zur Vermittlung von Medienkompetenz sehe ich als Erf\u00fcllung der dritten Handlungsanweisung des Beutelsbacher Konsenses.<\/p>\n<p>Um bez\u00fcglich Verschw\u00f6rungstheorien auf dem Laufenden zu bleiben, empfiehlt es sich, selbst auf sozialen Netzwerken aktiv zu sein. Ein Blick in eine Kommentarspalte informiert (leider) verl\u00e4sslich \u00fcber aktuelle Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen. Auch ein Abonnieren von Kan\u00e4len wie @keine.erinnerungskultur (Aufkl\u00e4rungsarbeit \u00fcber den Holocaust von Susanne Siegert) oder @professor_schwurbelstein (Kanal des Autors Paul-Eduard R\u00fcck von <em>Professor Schwurbelstein und die Aluh\u00fcte des Grauens<\/em>) sorgt daf\u00fcr, aktuelles Geschehen verfolgen zu k\u00f6nnen.\u2028 Ansatzpunkte f\u00fcr Gegenargumente finden Lehrkr\u00e4fte (und andere) mit Hilfe des <em>Beratungskompasses-Verschw\u00f6rungsdenken<\/em> des \u201eBundesministeriums f\u00fcr Innern und f\u00fcr Heimat\u201c online, telefonisch und in Beratungsstellen vor Ort. Verschw\u00f6rungsmythen lassen sich durch sachliche Argumente nicht entkr\u00e4ften, da wissenschaftliche Quellen oft als Teil der Verschw\u00f6rung angesehen werden (Cheema 2021: 52). Die Autorin arbeitet in ihrem Artikel in der Zeitschrift <em>Aus Politik und Zeitgeschichte: Verschw\u00f6rungstheorien<\/em> der <em>Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung<\/em> drei Handlungsstrategien f\u00fcr Lehrkr\u00e4fte heraus.<br \/>\nZu Beginn empfiehlt sie, auf der Beziehungsebene zu bleiben. So wird ein Zugang zu Sch\u00fcler*innen geschaffen, der einen Diskurs und ein Umdenken erm\u00f6glicht. Gleichzeitig sollte klar auch anderen Beteiligten der Situation eine kritisch distanzierte Haltung vorgelebt werden. Auf dieser pers\u00f6nlichen Ebene kann eine Ann\u00e4herung an die Motivation der betroffenen Person vorgenommen werden. Saba-Nur Cheema empfiehlt uns folgende Fragen:<\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 40px\">\u201eWoher hast du diese Information?\u201c<br \/>\n\u201eWarum glaubst du, dass das stimmt?\u201c<br \/>\n\u201eWorin hilft dir dieser Glaube?\u201c<\/h4>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">\u00a0<\/span><br \/>\nWichtig hierbei ist es, die Kinder und Jugendlichen in ihren Ansichten ernst zu nehmen und ihre Sozialisationserfahrungen mit einzubeziehen.\u2028 Als zweite Strategie nennt die Autorin das Wahrnehmen der konkreten Motivation. Ist jemand wirklich \u00fcberzeugt von der Ideologie oder m\u00f6chte jemand eventuell provozieren? Abh\u00e4ngig hiervon sollte die p\u00e4dagogische Intervention unterschiedlich ausfallen, entscheidend ist aber, dass es eine Intervention gibt.\u2028 Die dritte Handlungsstrategie ist die Vermittlung von Medienkompetenz, die Cheema mit der Verbreitung von Verschw\u00f6rungsmythen \u00fcber soziale Netzwerke begr\u00fcndet. Sie nennt das Nutzen von sozialen Medien durch die Lehrkraft als Vorteil, um politische Bildung nicht nur offline umzusetzen.\u2028 Konkrete Empfehlungen sind hier: <em>Adelkratie<\/em> (eine Videoreihe der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung) und die Spiele-App <em>Hidden Chores<\/em> der Bildungsst\u00e4tte Anne Frank. \u2028Zuletzt m\u00f6chte ich mich der Autorin anschlie\u00dfen und als Verantwortliche f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung von Verschw\u00f6rungstheorien die Politik benennen, denn Schule allein wird dieser Aufgabe nicht gewachsen sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Literaturverzeichnis:<\/span><\/p>\n<p>Cheema, Saba-Nur (2021): Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen und politische Bildung. In: Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte: Verschw\u00f6rungstheorien. Ausgabe 35\u201336\/2021, S.\u202f52\u201353.<\/p>\n<p>Haker, Christoph; Otterspeer, Lukas (2021): Bedingte Autonomie, nicht Neutralit\u00e4t \u2013 \u201eNeutrale Schulen Hamburg\u201c (AfD) und ihre Kritik. In: Johannes Drerup, Miguel Zulaica y Mugica und Douglas Yacek (Hg.): D\u00fcrfen Lehrer ihre Meinung sagen? Demokratische Bildung und die Kontroverse \u00fcber Kontroversit\u00e4tsgebote. Stuttgart: Kohlhammer, S.\u202f219\u2013220.<\/p>\n<p>Wehling, Hans-Georg (1977): Konsens \u00e0 la Beutelsbach? Nachlese zu einem Expertengespr\u00e4ch. In: Siegfried Schiele \/ Herbert Schneider (Hrsg.): Das Konsensproblem in der politischen Bildung. Stuttgart, S.\u202f173\u2013184.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>JA Den Beutelsbacher Konsens als \u201eNeutralit\u00e4tsgebot\u201c zu deuten, ist eine Fehlinterpretation. 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