{"id":99,"date":"2022-03-11T00:23:09","date_gmt":"2022-03-10T23:23:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lampenfieber\/?p=99"},"modified":"2022-03-11T00:23:09","modified_gmt":"2022-03-10T23:23:09","slug":"erinnerungsprotokoll-all-das-schoene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/lampenfieber\/2022\/03\/11\/erinnerungsprotokoll-all-das-schoene\/","title":{"rendered":"Erinnerungsprotokoll &#8222;All das Sch\u00f6ne&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Es ist der 16.01.2022, ein k\u00fchler, fr\u00fcher Winterabend. Ich stehe vor der Fronfassade des Bremer Theaters am Goetheplatz, wo ich mich soeben mit f\u00fcnf meiner Kolleginnen getroffen habe. Wir haben uns verabredet, um uns gemeinsam die Schauspielproduktion \u201eAll das Sch\u00f6ne\u201c anzusehen. Jede von uns ist als Aushilfe des Abendpersonals am Theater Bremen eingestellt, weshalb wir gut mit dem Haus vertraut sind. Dennoch beeindruckt mich der Moment, als wir das Theater durch die gro\u00dfen T\u00fcren des Hauptportals betreten. Als Mitarbeiterin nutze ich normalerweise einen anderen, wesentlich unscheinbareren Eingang.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen Check-In stehen wir schlie\u00dflich im Foyer des Theaters. Es ist circa 17.30 Uhr als, also eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn. Schon jetzt herrscht hier reges Treiben. Menschen unterschiedlichsten Alters tummeln sich auf den G\u00e4ngen, steigen die Treppen auf und ab, geben ihre Garderoben ab und unterhalten sich. W\u00e4hrend auch wir ein wenig durchs Theater laufen und uns mit einigen unserer arbeitenden Kolleginnen unterhalten, versuche ich die Atmosph\u00e4re auf mich wirken zu lassen. Ich finde, dass die Stimmung gewisserma\u00dfen aufgeladen ist, eine Art gespannte Vorfreude im Raum liegt, Vorfreude auf die Geschichte, die man sogleich auf der B\u00fchne erleben wird. Dass es aufgrund der Pandemie noch immer Einschr\u00e4nkungen gibt, sodass die Zuschauerkapazit\u00e4t nur zur H\u00e4lfte ausgereizt werden kann und keine Gastronomie mit klassischen Sektgl\u00e4schen angeboten werden kann, tut dem Feeling meiner Meinung nach keinen Abbruch.<\/p>\n<p>Um 17.45 Uhr, eine Viertelstunde vor Vorstellungsbeginn, werden die Saalt\u00fcren ge\u00f6ffnet und die ersten Menschen beginnen, in den Theatersaal zu str\u00f6men. Wir lassen uns noch ein wenig Zeit, begeben uns aber schlie\u00dflich auch zu unseren Pl\u00e4tzen. Auch hier greifen wieder die Corona-Ma\u00dfnahmen, sodass wir nicht alle sechs nebeneinandersitzen k\u00f6nnen, sondern jeweils in Zweiergruppen. W\u00e4hrend wir uns den Weg zu unseren Pl\u00e4tzen bahnen, lasse ich den Bremer Theatersaal, mit seinen hohen, architektonisch modernen W\u00e4nden, auf mich wirken. Bei einem Blick in die Reihen, stelle ich zudem erfreut fest, dass die H\u00e4lfte der Sitzpl\u00e4tze, die verkauft werden durfte, gut besetzt zu sein scheint.<\/p>\n<p>Nun f\u00e4llt mir etwas sehr Interessantes auf. Die Hauptdarstellerin des St\u00fccks (in diesem Falle auch die einzige Darstellerin auf der B\u00fchne) befindet sich bereits im Raum und unterh\u00e4lt sich ganz beil\u00e4ufig mit einigen Zuschauer*innen. Ich habe von meinen Kolleginnen bereits erfahren, dass es sich bei \u201eAll das Sch\u00f6ne\u201c um ein sehr interaktives St\u00fcck handelt, so viel Interaktion bereits vor St\u00fcckbeginn \u00fcberrascht mich aber doch. Als schlie\u00dflich das erste Klingelzeichen ert\u00f6nt, das f\u00fcnf Minuten bis zum Vorstellungsbeginn ank\u00fcndigt, f\u00fcllt sich der Saal weiter und die Schauspielerin beginnt nun kleine Karten an das Publikum zu verteilen, auf denen jeweils eine Nummer und ein Begriff bzw. eine Wortgruppe stehen. Auch wir lassen uns eine Karte geben. Die Schauspielerin begibt sich schlie\u00dflich zur leeren B\u00fchne, auf der sich keinerlei B\u00fchnenbild befindet, und nimmt auf deren Rand Platz. Die Vorstellung beginnt. Es wird dabei nicht wirklich dunkel im Saal, die Lichter werden lediglich gedimmt, was daf\u00fcr sorgt, dass ein klarer \u00dcbergang zum Beginn des St\u00fcckes wegf\u00e4llt. Die Grenzen zwischen Realit\u00e4t und erz\u00e4hlter Geschichte verschwimmen, ein Effekt, mit dem die Produktion die ganze Zeit \u00fcber spielen wird.<\/p>\n<p>Kurz zusammengefasst geht es in \u201eAll das Sch\u00f6ne\u201c um eine junge Frau, die als Kind den Suizidversuch ihrer Mutter miterlebte und als Reaktion darauf begann, eine Liste aller Dinge zu verfassen, die das Leben sch\u00f6n machen. Auch als erwachsene Frau, die nun selber mit Depressionen zu k\u00e4mpfen hat, f\u00fchrt sie die Liste weiter und findet darin neue Kraft und Lebensfreude. \u201eAll das Sch\u00f6ne\u201c ist wohl der Inbegriff eines Theaterst\u00fcckes, das nur in Pr\u00e4senz funktionieren kann. Das Publikum wird nicht nur in das St\u00fcck eingebunden, sondern ist Teil der Geschichte. Die Begriffe, die am Anfang an die Zuschauer*innen verteilt wurden, sind Punkte auf der Liste der Protagonistin. Sobald sie eine der Nummern auf den Karten sagt, ist die Person im Besitz der jeweiligen Karte aufgefordert, den zugeh\u00f6rigen Begriff laut zu rufen. Dies erfordert Konzentration und Involviertheit des Publikums und funktioniert \u00fcberraschend gut. Ich habe die Nummer 853 auf meiner Karte stehen und darf den Begriff \u201eNacktbaden\u201c rufen. \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Auch fordert die Schauspielerin einige Zuschauer*innen auf, kleine Rollen zu \u00fcbernehmen und dabei einfach zu improvisieren. So stellt zum Beispiel ein junger Mann den Freund der Protagonistin da, ein anderer ihren Vater. Hier entsteht kurzzeitig eine unangenehme Situation, als der erste Mann, den sie bittet, ihren Vater zu spielen, seine Abgeneigtheit kundtut schlie\u00dflich aufgebracht den Saal verl\u00e4sst. Als man kurz die Betroffenheit der Schauspielerin sp\u00fcrt, eilt ihr blitzschnell ein anderer Mann zur Hilfe, der sich ganz ohne Aufforderung zur B\u00fchne begibt und die Rolle des Vaters \u00fcbernimmt. Nat\u00fcrlich erntet er daf\u00fcr schallenden Szenenapplaus und Jubelrufe. Ich denke mir in diesem Moment, dass es doch genau das ist, was Pr\u00e4senztheater ausmacht. Dass nichts jemals wirklich geplant werden kann, jede Vorstellung irgendwie anders und besonders ist.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck endet mit einer Szene, in der die Protagonistin ein Lied h\u00f6rt, das f\u00fcr sie mit besonders starken Emotionen verkn\u00fcpft ist. Drei Minuten lang h\u00f6ren wir nur dieses Lied und sehen die Schauspielerin auf der leeren B\u00fchne sitzen. Nichts Weiteres passiert. Zum ersten Mal seit St\u00fcckbeginn wird es dabei im Saal wirklich dunkel. All das ist so einfach, aber doch so effektiv, so ergreifend. Der tosende Applaus nach St\u00fcckende macht dies deutlich. Es kommt zur Standing Ovation. Der Darstellerin, ich erfahre sp\u00e4ter, dass ihr Name Susanne Schrader ist, sind Freude und Ber\u00fchrung ins Gesicht geschrieben. Dazu muss gesagt werden, dass es sich auch um die letzte Auff\u00fchrung, um die Derni\u00e8re des St\u00fcckes handelt. Es ist also ein besonders emotionaler Moment f\u00fcr alle Beteiligten. Nun hier zu stehen, umgeben von gl\u00fccklichen Zuschauer*innen, die ergriffene Darstellerin zu sehen, ist f\u00fcr mich etwas, das das Pr\u00e4senztheater ausmacht. Ich kenne keinen anderen Ort, keine andere Kunstform, die Momente wie diese mit sich bringt.<\/p>\n<p>Als wir den Saal schlie\u00dflich verlassen bin ich gl\u00fccklich, dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu d\u00fcrfen. Und als ich mich umsehe und all die gl\u00fccklich wirkenden Menschen sehe, die sich angeregt \u00fcber das eben Erlebte unterhalten, denke ich mir: das ist Theater! Und ich hoffe, dass es langfristig m\u00f6glich sein wird, dieses in seiner vollen Pracht zu erleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der 16.01.2022, ein k\u00fchler, fr\u00fcher Winterabend. Ich stehe vor der Fronfassade des Bremer Theaters am Goetheplatz, wo ich mich soeben mit f\u00fcnf meiner Kolleginnen getroffen habe. Wir haben uns verabredet, um uns gemeinsam die Schauspielproduktion \u201eAll das Sch\u00f6ne\u201c anzusehen. 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