KuWi für Zwischendurch


Feldforschung, Methoden und mehr
8. Dezember 2018, 20:37
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In der heutigen Vorlesung (05.12.) haben wir über die eigentliche Arbeit und Bereiche der Kulturwissenschaft gesprochen.
Ich glaube, das war bis jetzt die Vorlseung, aus der ich am meisten mitnehmen konnte. Denn jetzt verstehe ich auch viel besser die Texte, die wir bisher so gelesen haben. Ich kann mich besser in die Forscher hineinversetzen, was ihr Anspruch war, was sie erreichen wollten, wie und warum sie ihre „Forschungsobjekte“ ausgesucht haben, die ja immer Menschen sind.
Vorher habe ich mich ein, zwei mal gefragt, warum dieser Kulturwissenschaftler sich ausgerechnet mit dieser Person befasst hat. Was macht einen Simon, oder Primo so interessant, dass man etwas aus seinem Leben  berichten muss?
Doch nun dämmert es mir, dass das eben auch der Punkt der Kulturwissenschaft ist, dass man ganz gewöhnliche Menschen befragt und trotzdem auf hochspannende Ergebnisse stoßen kann. Diese Menschen müssen gar nichts außergewöhnliches geleistet haben. Manchmal sind es die Umstände in denen sie leben, ihre Lebensweise allgemein, oder ihre Arbeit/ihr Hobby.
Besonders interessant fand ich die Arbeit „In Search of Respect: Selling Crack in El Barrio“ von Philippe Bourgois, der auf die Strukturen einging, in denen Menschen leben und von denen sie augenscheinlich bestimmt werden. Es ist also nicht die alleinige Schuld des Individuums, wenn es von der Gesellschaft verstoßen wird und gesellschaftlich abrutscht. Dennoch darf man nicht vergessen, dass die Individuen nicht komplett fremdgesteuert sind, sondern autonom handeln! Ein Spagat, das vernünftig darzustellen.

Wie bereits erwähnt, kann ich jetzt viel besser verstehen, warum die Forscher so viel Zeit mit den Menschen verbringen, die sie befragen und warum diese Befragungen so wichtig sind. Dass man über einen längeren Zeitraum und tiefgreifende Gespräche sehr viel mehr erfahren kann, als bei einem kurzen Treffen und einem ausgefüllten Fragebogen. Zumindest, wenn es darum geht, eine Kultur, oder Personengruppe zu erforschen. Fragebögen können natürlich auch zu guten Ergebnissen führen. Wie es in der Vorlesung hieß, muss die Methode eben zur Forschung passen und daraus ergibt sich dann das Ergebnis, welches aus den Biografien der Teilnehmenden, oder Daten, oder beidem bestehen kann.

Ich gebe zu, mein Hauptfach Geschichte beruhigt mich in der Hinsicht etwas, dass man dort meist nicht mit lebenden Leuten auf Tuchfühlung geht, sondern vor allem durch Quellen den Ursachen auf den Grund geht und sich an diesen abarbeitet. Zu den Menschen, die Bestandteil der Forschung sind, hat man meist eine größere (raum/zeitliche) Distanz. Auch haben wir bereits einen Großteil der Methoden in der Geschichtswissenschaft kennen gelernt und ich konnte viel besser nachvollziehen, wie und warum die historische Forschung betrieben wurde.
In KuWi erschien mir vieles am Anfang recht beliebig und nicht sehr wissenschaftlich. Das hat sich nun geändert.
Jetzt finde ich es interessant, dass ein Fach eher distanziert (vor allem mit Quellen) arbeitet und das andere Fach davon lebt, dass sich die Forscher unter die Leute mischen und mit ihnen in Kontakt treten.

Ich bin nun etwas aufgeschlossener gegenüber den Themen und auch Texten, denn ich muss zugeben, dass ich zuvor oft den Sinn hinter den Forschungen nicht klar erkennen konnte.

 

 



Exzerpt: Daniel Miller „Der Trost der Dinge“
3. Dezember 2018, 20:26
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Miller, Daniel (2010): Der Trost der Dinge. Berlin: Suhrkamp Verlag.
Kapitel: Sternbesäte Quietscheenten (Simon und Jacques) S. 62-75

Seitenzahl Thema Zusammenfassung Anmerkung
S. 62

 

 

 

 

 

 

S. 63

Sammelleidenschaft – Simon sammelt CD’s; 15000 Schallplatten und 2000 CD’s hat er ausgelagert
– Musik ist Stück weit sein Gedächtnis, an ihr hängen Erinnerungen
– er würde keine Platten einfach verkaufen oder wegwerfen
– er ist Elektro-Fan, was ihm auch viel bedeutet, aber er hat auch „schmalzige“ Musik, bei der man einfach gute Laune hat-> Er durchlebt, begreift und drückt seine Gefühle durch Musik aus
-> Objekte als Gedächtnisstütze

 

S. 63 Der Einfluss von Musik (Dingen) – verwendet bestimmte Musik um seine Gefühle/Stimmung zu beeinflussen
– genießt Musik wie andere eine Mahlzeit
– nutzt Musik, um seine Phantasie anzuregen: denkt sich eigene Musikvideos aus, die nichts mit dem Text zu tun haben müssen, sondern sich nur aus der Musik ergeben
-> hat „Angst“ vor schlechten Launen, sieht alles positiv

 

 

 

 

S. 64 Was soll mit den Dingen erreicht werden?
Für einen selbst, aber auch nach außen.
– Simon pflegt einen kreativen Umgang mit Unterhaltungsmedien: möchte gerne weiter interpretieren -> Musik eignet sich dazu am besten, weil sie einen dazu „zwingt“, sich etwas auszudenken
– Simon äußert sich über alles, was er grade denkt; manche Menschen könnten das für nazistisch halten; er äußert seine Gefühle aber, um darüber nachzudenken, er kündigt etwas an, damit er es auch umsetzt-> er legt viel Wer auf seine Außendarstellung und möchte so wahrgenommen werde, wie er wirklich ist; arbeitet ständig an sich
 

 

 

 

 

 

 

-> deshalb ist es ihm wahrscheinlich auch wichtig, so viel von seiner Sammlung bei sich zu haben, wie möglich, damit die Menschen ein breites Bild seiner Persönlichkeit erkennen können

S. 65 Materialismus und Sammlung – er ist kein Materialist, die Sammlung ist organisch mit seinem Alter gewachsen, wie auch er selbst (protestantische Erziehung: Besitz als Zeichen des Erfolgs) -> bei Simon auch Zeichen von „Wachsen“
S. 66 Typisierung und Abgrenzung – hat kein Problem mit seiner Homosexualität, sehr wohl aber mit den Klischees
– lehnt „typisch schwule“ Verhaltensweisen und Kleidung ab
– hasst es, wenn schwule Männer zu „Modeaccessoires“ für hetero Frauen werden
-> auch hier möchte er ganz genau steuern, wie er wahrgenommen wird und das bedeutet als nicht „typisch schwul“; er lässt sich also auch aufdiktieren, keine „schwulen“ Gegenstände, bzw. Kleidung zu benutzen
S. 67-69 Gegenstände als Erinnerungsstütze

Außenwirkung von Hobbies, persönlichen Objekten

– Simon mag es überhaupt nicht, wenn man Fotos von ihm macht; auf diesen kann er nicht bestimmen, wie die Betrachter ihn wahrnehmen
– anders ist es mit Bildern, die als Erinnerungsstütze dienen, die er auch nutzt, um sich selbst weiterzuentwickeln
– Simon möchte ich nicht über sein Aussehen, sondern über seinen Verstand, seine Hobbies (Musik), etc. definieren
– möchte nicht über sein Aussehen nachdenken, seinen Körper, der vergänglich ist, sondern über Kontinuität und Positives
– wenn er sich bei seinem ständigen Prozess der Erneuerung wieder aus einer Beziehung löste, gab er sie nie ganz auf, sondern hielt immer den Kontakt
– baute eine engere Verbindung zu seiner Mutter auf, indem sie ihm Briefe als Freund, nicht als Sohn schrieb
 

 

 

 

-> damit bestätigt er die Annahme Millers, dass Gegenstände etwas über ihren Besitzer aussagen, denn genau das tut Simon durch seine Sachen

-> wie seine wachsende Sammlung, die er im Gegensatz zu seinem alternden Körper selbst gestalten kann

-> wieder werden Objekte (Fotos) zur Erinnerung aufbewahrt

 

 

 

S. 69 Sichtweisen auf Objekte – Simon könnte als oberflächlich gelten, da er vor allem auf die schönen Dinge des Lebens achtet und permanent versucht, optimistisch zu sein -> er möchte die Leute aber einfach an seinem positiven Weltbild teil haben lassen -> eine Möglichkeit der positiven Betrachtungsweise eben durch materielle Objekte, oder  Erinnerungen, die durch Objekte hervor gerufen werden
S. 69-71 Unabhängigkeit von Erwartungen

Persönliche Verknüpfungen stehen über dem materiellen Objekt

Jacques ist Simons Lebensgefährte, ruhig und gelassen
– er hat kein Problem damit, als Klischee für Franzosen her zuhalten und ist auch der Schwulenszene gegenüber aufgeschlossener.
– Er schickt seiner Mutter Bilder von seiner neuen Arbeitskleidung um ihr zu zeigen, dass es ihm gut geht und er Erfolg hat
– Jacques hat viele Pflanzen; Sammlung von geklauten Biergläsern
– er sammelt die Fotos digital; Simon druckt sie aus
– Jacques hat viele Bilder von sich und seinen Freunden/seiner Familie hängen -> er macht sich keine Gedanken, was diese Bilder über ihn aussagen könnten, sondern sieht sie eher als Deko
-> Jacques interessiert sich weniger für die Objekte an sich, sondern die Aktivität, mit denen er sie verbindet: Pflege der Pflanzen, Zubereitung von Essen, Mitgehen lassen von Biergläsern
-> er hat anscheinend auch kein Problem mit Objekten/Kleidung, die einem oder mehreren Klischees entsprechen

 

 

 

 

 

-> anders als Simon nutzt Jacques die Bilder nicht primär als Erinnerungsstütze

 

-> Jacques sucht vlt nicht Trost in den Objekten, aber in den verbundenen Aktivität (z.B. Kochen gegen das Heimweh?)

S. 71 Erinnerungen und Persönlichkeit unabhängig von Objekten – Jacques hat kein Problem mit dem Älter werden und hofft, dass Simon auch etwas gelassener wird
– er verbindet Erinnerungen viel eher mit Speisen und Gerüchen
– sieht seinen Besitz nicht als Spiegelung seines Wachstums
S. 72-73 Zurschaustellung von Objekten – Simon plant bereits, dass sie in eine größere Wohnung umziehen, in der immer noch jeder sein eigenes Zimmer hat; es gibt dann Räume, über die nur er, nur Jacques, oder sie beide bestimmen
– Jacques achtet nicht so genau darauf, wo seine Sachen liegen, Simon räumt sie lieber zurück an ihren Platz; dennoch haben sich seine Pflanzen in der ganzen Wohnung ausgebreitet
-> zwischen den beiden scheint es genaue Regeln zu geben, welche Sammlungen sich mischen dürfen (Pflanzen, Enten) und welche nicht; das liegt vlt auch daran, dass sie mit den Gegenständen gemeinsame Erinnerungen/Aktivitäten verbinden
S. 73-74 Abweichender Umgang mit Objekten und Zuschreibung von Wichtigkeit

Objekte als Messung von „Erfolg“ (auch schon weiter oben)

– träumen von einem eigenen Haus, das aber, aufgrund der Preise, wohl eher in Estland als in London liegen wird -> dort wäre auch genug Platz für ihre Unterschiedlichen Sammlungen
– Simon möchte ihre Beziehung an Gegenständen (wie einer Champagnerflasche zur Feier) nachvollziehen können, damit findet sich Jacques ab und versichert Simon auch, dass sie ruhig das selbe im Restaurant bestellen können und trotzdem noch eigenständige Menschen sind
– Simon braucht auch Mitbringsel, oder neue Sachen, um die Beziehung wachsen zu sehen;
auf der anderen Seite mag er Dinge nicht, die ihn an Jacques Exfreunde erinnern (Fotos, das Bett) -> doch diese Objekte verlieren auch ihre Bedeutung und bekommen eine neue, gemeinsame
– so auch ein Sessel, der Simon eigentlich zu „schwul“ war, an den er sich jetzt aber doch gewöhnt hat.
-> ein gutes Geschenk für Simon, dessen Jacques sich auch schon bediente, sind die Quietscheenten, die in der ganzen Wohnung in allen Varianten zu finden sind
-> beiden scheint es wichtig zu sein, dass ihre Gegenstände zu Geltung kommen, sie somit einen Teil von sich präsentieren können
-> Objekte als Zeichen, dass Beziehung wächst, wie auch Simon an Objekten nach vollzieht, dass er wächst-> (Anmerkung Millers: grade die Quietscheenten seien „typisch schwul“, wobei er ja vorher eben keine Typen festlegen wollte und keine Person als Vertreter ihrer „Gruppe“ sehen wollte)


Literaturverzeichnis
30. November 2018, 12:33
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Literaturverzeichnis zum Thema „Riechen“:

Drobnick, Jim (2006): The Smell Culture Reader. In: Howes, David (Hrsg.): Sensory Formations Series. Oxford: Berg Publishers

Düring, Kerstin (2015): Warum haben wir kaum Wörter für Gerüche und Geschmacksrichtungen? URL: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/02/sprache-sinne-beschreibung-geruch-geschmack (28.11.2018)

Lwin, May O.; Morrin, Maureen; Krishna, Aradhna (2010): Exploring the superadditive effects of scent and pictures on verbal recall: An extension of dual coding theory. Journal of Consumer Psychology Volume 20, Issue 3: 317-326

Morrin, Maureen; Krishna, Aradhna; Lwin, May O. (2011): Is scent‐enhanced memory immune to retroactive interference? Journal of Consumer Psychology Volume 21, Issue 3: 354-361

Ohloff, Günther (2004): Düfte. Signale der Gefühlswelt. Zürich: Verlag Helvetica Chimica Acta AG

Raab, Jürgen (2001): Soziologie des Geruchs. Über die soziale Konstruktion olfaktorischer Wahrnehmung. Konstanz: UVK-Verl.-Ges. (zugleich Dissertation Universität Konstanz 1998)

Schleidt, Margret (1995): Riechend in der Welt: Die Bedeutung von Gerüchen in verschiedenen Kulturen. In: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH (Hrsg.): Das Riechen. Von Nasen Düften und Gestank. Schriftenreihe Forum Band 5. Göttingen: Steidl Verlag, S. 86-97

Storp, Ferdinand (1997): Geruch und Gefühl. Eine empirische Studie über den Einfluss von olfaktorischen Reizen auf Emotionen. Baierbrunn: Drom Fragrances International (zugleich Dissertation Ludwig-Maximilians-Universität München 1997)



Einfach nur Kleidung
23. November 2018, 14:16
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Am 20.11.18 waren wir mit dem Ethnologie Seminar im Übersee-Museum. Am nächsten Tag fand dann die Ethnologie-Vorlesung statt, in der wir über das soziale Leben der Dinge redeten und vor allem auch über Kleidung. Ich konnte eine Verbindung ziehen, zwischen den vorgestellten Arten von Kleidung und den ebenfalls textilen Ausstellungsstücken im Museum, so wie die Veränderung von Kleidung allgemein.
Für uns ist es selbstverständlich, dass wir Kleidung tragen, besonders in der Öffentlichkeit. Oft haben wir sogar Beklemmungen, uns vor anderen ohne Kleidung zu zeigen. In anderen Gesellschaften und Kulturen sieht das ganz anders aus, grade, wenn sie nicht mit der „westlichen Welt“ in Kontakt stehen. Wie zum Beispiel Stämme im Urwald, die noch ganz traditionell leben. Aber auch Kulturen in Ländern, die eigentlich sehr modern und westlich geprägt sind, legen zu besonderen Anlässen ihre traditionelle Kleidung an, die sich von Jeans und T-shirt durch zahlreiche Arten und Weisen unterscheiden kann.
Oft müssen Menschen anderer Kulturen ihre Traditionen „verstecken“ und können sie nur an bestimmten Orten ausüben. Speziell auf der Arbeit erwartet man ein „seriöses“ auftreten, dass oft mit Anzug und Krawatte in Verbindung gebracht wird. Die Krawatte stammt, wie ich in der Vorlesung gelernt habe, von Kriegsuniformen ab. Kein Wunder also, dass sich so viele Menschen eher nicht so wohl in ihren „Business-Klamotten“ fühlen. Wobei ich aus eigener Erfahrung sagen kann, dass solch eine Kleidung manchmal auch als Schutzschild dienen kann, den man in einem professionellen Umfeld umlegt, eben um nicht so viel von sich selbst Preis zu geben und in der Masse unterzugehen. Wobei dies wiederum zu dem Text „Der Trost der Dinge“ passt, in welchem der Autor durch die Gegenstände in der Wohnung einer Person etwas über diese erfährt. In seinen eigenen vier Wänden kann man sich ganz frei entfalten. Man möchte jedoch nicht andauernd jeden Aspekt seine Persönlichkeit nach Außen zur Schau stellen. Wobei privat wahrscheinlich jeder Kleidung trägt, die bewusst, oder unbewusst etwas über ihn aussagt. So auch Subkulturen wie Gothts, Punks oder Hippies. Beim letzten Beispiel kann ein Bogen geschlagen werden, zur Vergangenheit: schaut man sich nur die Kleidung der letzten 40 Jahre an, z.B. die 1970er mit ihrer Flower Power Mode, sieht man, wie sich Modetrends, aber vor allem das gesellschaftliche Bild gewandelt haben. 
Lange Haare und Bart als Statement, heute (fast immer) vollkommen normal.
Noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück und die Frauen kämpfen um das Recht, Hosen tragen zu dürfen. Heutzutage wundere ich mich, wenn eine meiner Freundinnen (ohne festlichen Anlass) einen Rock trägt.

Schon wenn man sich nur ein einzelnes „Ding“ wie die Kleidung herauspickt, eröffnen sich einem eine Bandbreite an Betrachtungsweisen: andere Kulturen, soziale Normen, Geschlechter, Vergangenheit und Gegenwart.
Diese Überlegungen auf dem Schirm zu haben, wenn man durch ein Museum schlendert, oder sich einen Vortrag anhört, kann helfen, den Horizont zu erweitern und sich für neue Eindrücke zu öffnen um so auch andere Sichtweisen und die Art mit bspw. Kleidung umzugehen nachvollziehen zu können.

 



Gegenstandsbeschreibung
14. November 2018, 20:21
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Draußen auf dem Meer ist alles grau oder blau. Das Meer ist blau, das Schiff ist grau. Die Fische sind blau und grau.
Doch als wir heute morgen den ersten Fang an Bord zogen, leuchtete zwischen den grau-blauen Sardinen etwas rotes hervor und etwas pinkes und schließlich blitzte etwas in der Sonne.
Wahrscheinlich Müll, dachte ich bei mir. Ziehen wir oft aus dem Wasser. Manchmal mehr davon als von den Fischen. Und irgendwann ist das Meer dann nicht mehr blau sondern grau…
Dennoch bückte ich mich nach dem, was da auf dem Deck des Schiffes zwischen all den zuckenden Fischen auf dem Boden lag.
Potzblitz! Von der Form her unterschied es sich gar nicht von dem Fang, den wir grade aus dem Meer gezogen hatten. Es war vielleicht so lang wie meine Hand und so breit wie die dicklichen Finger meiner Oma und auch fast so weich war es.
Ich drückte das kleine Kerlchen. Wie war es ins Meer geraten? Es sah noch gut aus. Das Blumenmuster, das rot und pink, das ich schon von Weitem gesehen hatte, leuchtete trotz der Zeit im Meer. Auf der Vorderseite befand sich ein Paisley Muster, roter Untergrund und beige/rosafarbene Formen, dazu beige und blaue Blumen, doch der Kopf und die Schwanzspitzen waren durch eine gestickte Linie aus rotem Garn getrennt. Das Muster des Stoffes der beiden Enden hatte einen beigen Untergrund und pinke/gelbe Blumen mit grünen Blättern, dieses fand sich auch auf der kompletten Rückseite meines Fundes. Fast wie diese Ikea-Bettwäsche, dachte ich bei mir. Die gibt es auch schon seit Jahren. Ob sich derjenige, der diesen kleinen Fisch gefertigt hatte, das Gleiche, oder etwas Ähnliches dachte? Ich ging stark davon aus, dass er selbstgemacht war, denn er sah zwar gut aus, an seinem blanken Knopfauge konnte man aber mit ziemlicher Sicherheit erkennen, dass entweder jemand das Auge nachträglich angenäht, oder den ganzen Fisch selbstgemacht hatte. Es war ein großer weißer Knopf, auf dem ein kleiner schwarzer Knopf befestigt war. Auf der Rückseite hing der Faden, mit dem die Knöpfe aufgenäht wurden. Also durfte man nicht ganz so grob zu ihm sein! Weder wollte ich den Faden beschädigen, noch ihm die ohnehin eingeschränkte Sicht rauben. Mit nur einem Auge und das auch noch schräg auf der einen Seite des Schädels… Wäre er lebendig und würde mit seinem schlanken Leib durch das Meer gleiten, angetrieben durch seiner kleinen Schwanzflosse, würde er bestimmt bald einem Raubtier zum Opfer fallen, da ihm das räumliche Sehen fehlte. Wobei, technisch gesehen ist das ja schon passiert. Er war in unserem Netz gelandet. Doch dieses eine Knopfauge gab ihm so viel Charakter und Ausdruck, dass ich nicht umhin kam, als ihn als absolut putzig und beschützenswert zu betrachten.
Ich steckte den Finger durch den Schlüsselring, der am Mund des Fisches durch sechs silberne Glieder befestigt war und mir bereits in der Sonne entgegen geblitzt hatte und wirbelte ihn an meinem Finger durch die Luft. Fliegenfischen mit fliegendem Fisch. Nur fing ich keine Fliegen und ich nahm auch nicht, an dass dieser Schlüsselanhänger dafür gedacht war. Vielleicht zierte er mal die Tasche einer Dame, den Schlüsselbund eines Herren. Vielleicht war er ein Geschenk gewesen, mit Liebe in jeder Masche. Vielleicht hatte ihn ein Kind in der Schule angefertigt… Obwohl dafür sah er dann doch zu gut aus.
Oder! Oder er war aus einem dieser künstlerischen Läden vom Festland! Dort wo es allen möglichen Tand gab, den sie an die Touristen verscherbelten. Möglicherweise hatte ein Tourie dieses Kleinod erstanden und es schon bald darauf wieder verloren. Oder jemand hatte es mitgebracht, aus einem fernen Land, in welchem man sich sardinenförmige Anhänger an den Schlüssel hängt und hat ihn dann hier bei uns im Meer verloren.
Das wäre tatsächlich tragisch. Welche Wege hatte dieses rosa-rote Kerlchen auf sich genommen, um hier bei uns auf dem Boot zu landen? Wenigstens hatte ich ihn entdeckt und herausgefischt. Wobei… ich hatte doch hoffentlich nicht seine Mission gestört? Was wenn es nun seine Aufgabe war, durch den Ozean zu schwimmen und ich hielt ihn nur davon ab, sein Ziel zu erreichen?
Wieder ließ ich ihn um meinen Finger kreisen. Sollte ich ihn loslassen? Nachdem wir uns grade erst kennen gelernt hatten? Und wenn ihn ein anderer finden würde, der es nicht gut mit ihm meinte?
Nein! Da behielt ich ihn lieber! Ich könnte ihn weiter verschenken oder ihn selbst an meinen Schlüsselbund machen. Immerhin war ich Fischer, warum hatte ich nicht viel eher daran gedacht, mir einen Fisch an meinen Schlüssel zu hängen? Jetzt kam es mir ganz logisch vor.
Ich hielt meinen neuen Freund mit ausgestrecktem Arm ins Sonnenlicht und betrachtete ihn liebevoll, da blitzte sein eines Auge und für einen Moment dachte ich, die einäugige Sardine würde mir zuzwinkern. Doch das musste auch eine Möwe gesehen haben, denn ehe ich mich versah, attackierte das Federvieh meinen Arm und entriss mir das Schönste, was ich je in meinem Leben besessen hatte und all die Fragen, die ich mir um seiner Willen gestellt hatte waren für die Katz, oder in meinem Fall: für die Möwe!



Deutsche Hunde
28. Oktober 2018, 17:21
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Der Text „Deutsche Hunde“ von Flavien Ndonko bereitet mir einige Schwierigkeiten, weshalb ich es auch nicht leicht finde, einen (relativ) kurzen Blogeintrag über ihn zu verfassen und Antwort auf die Frage zu finden, was er denn nun so interessant an den deutschen Hunden findet.
Da ich den Text relativ undeutlich finde, gefiel mir auch die Methode nicht so gut, nach einer Antwort auf eine Frage zu suchen. Lieber lese ich den Text einfach so und mache mir Notizen, als ihn bereits zu ergründen, was in diesem Beispiel besonders schwer erschien. [Außerdem habe ich den ganzen Text bereits Anfang der Woche gelesen und gehe deswegen auch auf spätere Passagen ein.]
Vielleicht liegt es an mir und ich nehme den Text zu ernst. Zu meiner Verteidigung macht es der Autor aber auch nicht grade deutlich, was er mit seinem Werk aussagen möchte. Das neunzeilige Schlusswort ist leider auch nicht sehr aufschlussreich und ließ mich im Dunklen zurück.
Was genau hat mich an dem Text gestört?
Herr Ndonko scheint eine kindliche Begeisterung für das Thema Deutsche und ihre Hunde zu haben. An allen Ecken und Enden staunt er über angeleinte Hunde, Hunde in Autos, Hundefutter, Hundefriseure usw..
Fast schon niedlich? Ein Mensch einer anderen Kultur amüsiert sich über die – zugegebenermaßen manchmal kuriosen – Riten und Verhaltensweisen der Deutschen zu ihren liebsten Vierbeinern.
Doch ich habe eben nicht nur die Verwunderung über diesen Status der tierischen Begleiter des Menschen heraus gelesen, sondern auch einen gewissen Vorwurf und ich denke, dieser ist auch gewollt und nicht allein von mir interpretiert.
Man nimmt das Beispiel von den Grünen, die sich dafür einsetzten, dass Tiere nicht länger als Gegenstände gelten. Ist das nicht ein lohnenswertes Ziel? Seine Formulierung empfinde ich als leicht spöttisch. Ebenso die oft wiederholten Bemerkungen darüber, dass Hunde in anderen Teilen der Welt draußen schlafen, frei herum streunen, Müll fressen und auf keinen Fall als Mitglied der Familie angesehen werden.
Ist es in seinen Augen nun ein Verbrechen an der Natur, wenn wir die Tiere, welche wir über Jahrhunderte gezähmt und domestiziert haben, nicht wie reinstes Nutzvieh oder ungebetene Eindringlinge, sondern anständig, ja vielleicht sogar wie Mitglieder der Familie behandeln?
Ebenso die Bemerkungen darüber, dass in Deutschland selbst die Hunde krankenversichert sind, wohingegen das auf die meisten Menschen in Afrika nicht zutrifft.
Wenn man in dem Text nicht nur die Wunder einer anderen Kultur herausließt und die kritischen Kommentare zu seinen Gunsten auslegt, könnte man argumentieren, der Autor macht einen gesellschaftskritischen Kommentar über die privilegierte westliche Welt, die mit ihrem Reichtum nichts anderes anzufangen weiß, als ihn auf ihre Haustiere zu projizieren.
Und dieses Argument würde ich ihm zu Gute halten, wenn es denn das seinige ist, wie gesagt, seine Absichten sind recht undurchsichtig.
Doch wenn man bei dem Beispiel der Krankenversicherung bleibt, so schaut man in die USA, welche zumeist von sich behaupten, sie seien eines der am höchsten und besten entwickelten Länder auf der Welt und welche trotzdem keine Krankenversicherung für seine Bürger einführen. Und das ganz bewusst nicht, obwohl sie die finanziellen Mittel haben.
Zudem hat der Autor ein sehr eingeschränktes Sichtfeld auf die deutschen Hundebesitzer. Spezielles Hundefutter, den Friseurbesuch, den Urlaub mit Hund usw. muss man sich auch erst einmal leisten können.
Er scheint sich also vor allem in einem recht privilegierten, gutbürgerlichen Umfeld bewegt zu haben.
Hunde die „zu sehr“ geliebt und verhätschelt werden sehe ich nicht als Problem (außer es handelt sich um die vom Autor angesprochene Fettleibigkeit und mangelnde Bewegung, da stimme ich ihm zu, dass auch das absolut nicht schön für das Tier ist) das Hauptproblem sind aber auch in Deutschland Hundehalter, die sich nicht mit ihren Hunden auskennen, oder sie misshandeln. Hunde, die irgendwas zu fressen kriegen, die den ganzen Tag zu Hause in der Wohnung eingesperrt werden, die bei Ungehorsam geprügelt werden, oder die zu „Killermaschinen“ abgerichtet werden. Nicht zu verkennen die ganzen „süßen“ Hundchen, die nur „spielen“ wollen und keine Erziehung in ihrem Leben erfuhren. Dann doch lieber der Hund, der „artig“ auf sein Fressen wartet, bei Fuß geht und weiß, was ein „nein“/“aus“ bedeutet. Worüber der Autor ebenfalls zu spötteln scheint.
Wie bereits am Anfang erwähnt, bleibt mir die generelle Aussage des Textes ein Rätsel. Für meinen Geschmack klingt ziemlich viel nach Beschwerde über die komischen Deutschen, die ihre Hunde „zu gut“ behandeln, wobei nur die allerwenigsten Verhaltensweisen tatsächlich ein Problem für das Tier darzustellen scheinen. Es sind eben keine freilebenden Wölfe mehr, die wir mit Schleifen verzieren. Es sind bereits gezähmte Tiere, sie zu trainieren und sie, auf eine gesunde Art und Weise, lieb zu haben gehört eben dazu. Jedenfalls in den Kulturen, die die (finanzielle/zeitliche) Möglichkeit dazu haben.
Und wenn er möchte, dass sich etwas an der Gesellschaft ändert und Hunde nicht besser behandelt werden als Menschen, dann schießt dieser Text doch ziemlich weit am Ziel vorbei. Anstatt die eine Seite runter zu machen könnte er doch auch Vorschläge liefern wie dieses angebliche Defizit auszugleichen wäre.
Ich warte gespannt…




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