{"id":282,"date":"2025-07-14T11:29:50","date_gmt":"2025-07-14T09:29:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/?p=282"},"modified":"2025-07-14T11:29:50","modified_gmt":"2025-07-14T09:29:50","slug":"eine-erzaehlung-ueber-unsicherheit-und-entschlossenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/2025\/07\/14\/eine-erzaehlung-ueber-unsicherheit-und-entschlossenheit\/","title":{"rendered":"Eine Erz\u00e4hlung \u00fcber Unsicherheit und Entschlossenheit"},"content":{"rendered":"<h4><span style=\"font-size: 14pt\"><strong>von Nora Mettasch<\/strong><\/span><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">An meinem ersten Tag in der Uni habe ich mich gef\u00fchlt, als w\u00e4re ich allein in einem anderen Land. Mir war die Uni Bremen schon l\u00e4ngst bekannt, da ich meine \u00e4ltere Schwester schon oft in die Bibliothek oder in Seminare begleitet hatte. Ich kannte den Weg, meine R\u00e4ume hatte ich Wochen vorher schon besucht, damit alles reibungslos verlaufen konnte und ich schon wusste, wo ich hinmusste. Mein Stundenplan war fertig, ich hatte einen kompletten Plan von allen Veranstaltungen, die ich in der O-Woche besuchen k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Irgendwie wollte ich mich trotzdem davor dr\u00fccken, hinzugehen, weil ich das Gef\u00fchl von Stress in einer neuen Situation am liebsten komplett aus meinem Gef\u00fchlskatalog streichen wollte. In der O-Woche war ich krank, und in der darauffolgenden Woche, in der es wirklich losging, hatte ich also direkt das Gef\u00fchl, schon alles verpasst zu haben, was m\u00f6glich war. Meine Kommiliton*innen sprachen davon, wie cool es gewesen sei, die Veranstaltungen und Angebote abzuklappern. Gr\u00fcppchen hatten sich l\u00e4ngst gebildet, und die einzige Person aus meinem Profilfach, die ich schon kannte, hatte einen komplett anderen Stundenplan.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich wusste nur grob, wie man sich an der Uni wirklich selbst zurechtfindet. Bis dahin war ich nur in Begleitung meiner Schwester dort gewesen, die mir von zu Hause aus viel Gl\u00fcck gew\u00fcnscht und mir versichert hatte, dass alles gut laufen w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Die ersten Veranstaltungen liefen gut. Bei meinem Profilfach Kunst wusste ich, worauf ich mich einlassen w\u00fcrde, da ich schon in der gesamten Oberstufe diesen Studiengang im Blick hatte. Langsam, aber sicher, ging es auf den Donnerstag zu \u2013 und damit auch auf meine erste Ann\u00e4herung an das Fach Kulturwissenschaft. Ich wusste nicht mal ann\u00e4hernd, was auf mich zukommen w\u00fcrde, da ich mich kaum damit besch\u00e4ftigt hatte und einfach etwas brauchte, das ich neben Kunst studieren konnte. Als ich in der Vorlesung sa\u00df, habe ich erfahren, dass genau das, was ich die ganze Woche \u00fcber gef\u00fchlt hatte, ein kulturwissenschaftliches Ph\u00e4nomen ist, welches sich Forschende zunutze machen. In diesem Moment hat mich der Studiengang mitgerissen. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass es Personen gibt, die sich absichtlich in solche Situationen begeben, um daran zu forschen. Diese sehr praktische Art des Forschens \u2013 im Moment zu sein und wirklich aufzupassen, was passiert und warum es passiert \u2013 hat mich fasziniert. Schnell wurde mir klar, dass ich mich f\u00fcr den richtigen Studiengang entschieden hatte. <\/span><span style=\"font-size: 14pt\">Noch zu Anfang des Semesters, in der zweiten Vorlesung, haben wir das Thema \u201eParallelwelten. Wohnungslos in Hamburg\u201c behandelt. Meine Faszination war zwar geblieben, jedoch wurde mir sehr mulmig zumute. Ich war nicht bereit, so einen Spiegel vorgesetzt zu bekommen und mit meinen eigenen, unterbewussten Gef\u00fchlen konfrontiert zu werden. Ich wusste nat\u00fcrlich, dass es wohnungslose Personen gibt, aber wie vermutlich viele Studierende in dieser Vorlesung, hatte man sich nie wirklich mit dem Thema befasst oder es einfach verdr\u00e4ngt. W\u00e4hrend der Vorlesung machte sich in mir ein Gef\u00fchl von Schuld breit. Schuld, weil ich weggesehen hatte. Schuld, weil ich in dem Moment nicht mehr wusste, ob ich nie geholfen hatte, weil ich es nicht besser wusste, selbst nichts hatte oder einfach nicht wollte.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass es wichtig war, sich dem Gef\u00fchl von Scham zu stellen und offen f\u00fcr die anfangs ungewohnten und eventuell sogar unangenehmen Themen zu sein. Diese Sitzung ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Im weiteren Verlauf des Semesters habe ich mich bewusst dazu entschieden, nicht mehr wegzusehen, wenn ich Missst\u00e4nde beobachte, sondern zu hinterfragen und zu verstehen. Auch die Beobachtungsaufgabe hat mir diesbez\u00fcglich einen weiteren Blickwinkel verschafft. Ich dachte, es w\u00e4re eine einfache Aufgabe, zu protokollieren, was passiert \u2013 lag aber falsch. Bei der Auswahl der verschiedenen Orte f\u00fcr die Aufgabe haben wir uns f\u00fcr die Stadtbibliothek in Bremen entschieden, was mich etwas verwundert hat, da ich nicht wusste, was man an so einem Ort beobachten k\u00f6nnte. Als wir uns am Eingang getroffen haben, habe ich gemerkt, dass etwas Angst in mir aufstieg, und ich habe mich fehl am Platz gef\u00fchlt, da die Stadtbibliothek ein Ort war, den ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte. Ich habe aber schnell versucht, meine Unsicherheiten zu \u00fcberwinden, um mich auf die Umgebung zu konzentrieren. Es war schwer, sich auf die wesentlichen Aspekte zu fokussieren, da ich nicht wirklich wusste, was wichtig genug war, um es aufzuschreiben. Die Unsicherheit am Ende der Aufgabe, nichts zu Papier gebracht zu haben, ist schnell verflogen, denn es w\u00e4re schwerer gewesen, nichts zu schreiben als zu viel. Trotzdem war es sehr beruhigend, als ich erfahren habe, dass wir das Feedback mit unseren Gruppenmitgliedern besprechen und uns in diesem Rahmen reflektieren konnten.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Die Gruppenarbeit mit besagten Mitgliedern und dem Thema \u201eSound\u201c war f\u00fcr mich die erste Art von Vortrag, die ich an der Uni gestaltet habe. Es war interessant, sich mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen \u2013 vor allem, weil ich nicht wusste, inwiefern Sound kulturwissenschaftlich sein kann. Ich war \u00fcberrascht davon, wie vielseitig das Thema gestaltet werden konnte, da das Themenfeld doch recht gro\u00df war. Mir war bewusst, dass Kl\u00e4nge im Alltag bedeutsam sind, wurde jedoch trotzdem davon \u00fcberrascht, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von ihnen sein kann und wie sehr ich selbst von der Wahrnehmung bestimmter Sounds beeinflusst werde.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Nach den Gruppenvortr\u00e4gen ging es in Richtung des freien Textes. Schon wieder wusste ich nicht genau, was auf mich zukommen w\u00fcrde. Ich wusste nicht, was ich schreiben sollte \u2013 nicht, weil die Aufgabe schwer gestaltet war oder es nichts gab, wor\u00fcber ich schreiben k\u00f6nnte. Ich wusste nicht, wof\u00fcr ich mich entscheiden sollte. Ich wollte nichts verpassen, indem ich das falsche Genre w\u00e4hle oder das f\u00fcr mich falsche Thema. Ich wollte \u00fcber alles schreiben, was ich gelernt hatte, und bin zu dem Entschluss gekommen, das in gewisser Weise auch zu tun.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"copyright\"><span style=\"font-size: 10pt\">\u00a9 Abbildung: Uni Boulevard von Matej Meza \/ Universit\u00e4t Bremen<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nvon Nora Mettasch &nbsp; An meinem ersten Tag in der Uni habe ich mich gef\u00fchlt, als w\u00e4re ich allein in&hellip;\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/2025\/07\/14\/eine-erzaehlung-ueber-unsicherheit-und-entschlossenheit\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Eine Erz\u00e4hlung \u00fcber Unsicherheit und Entschlossenheit&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1015,"featured_media":284,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-282","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitrage","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1015"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=282"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":285,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282\/revisions\/285"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/media\/284"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=282"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=282"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=282"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}