{"id":267,"date":"2025-07-08T00:21:27","date_gmt":"2025-07-07T22:21:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/?p=267"},"modified":"2025-07-08T00:21:27","modified_gmt":"2025-07-07T22:21:27","slug":"la-citta-eterna-dellamore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/2025\/07\/08\/la-citta-eterna-dellamore\/","title":{"rendered":"La citt\u00e0 eterna dell&#8217;amore"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"font-weight: 400\"><strong>von Clara Cornelsen<\/strong><\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich ging wie immer mit recht schnellen Schritten \u00fcber das Meer. So hat es Felice zumindest genannt: \u201eEs ist ja so, als w\u00fcrde man \u00fcber das Meer gehen. Hast du nie Sorge, dass du irgendwann untergehst?\u201c, fragte sie und lachte mich an.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich wusste nicht so recht, wie ernst sie diese Frage meinte. Doch jetzt, da einige Zeit vergangen war, schien ich sie zu verstehen. Ich schien alles etwas ver\u00e4ndert wahrzunehmen. Sei es nur der Geruch. Vorher ist er mir nie aufgefallen. Er war so normal wie alles andere. \u201eEs riecht aber ganz sch\u00f6n nach Fisch\u201c, sagte sie und verzog ihr Gesicht. Doch es riecht nicht nur nach Fisch, dachte ich, aber sagte nichts. Felice fand alles so aufregend hier. \u201eEs ist wie in einer anderen Welt, wie in einem Fantasieland.\u201c So sehen es alle Leute, die hierherkommen. Alle empfinden es als ein Vergessen des Alltages und ein Erleben von so viel Fremden und Neuem. Doch ich, ich empfinde es mittlerweile wie ein Gef\u00e4ngnis. Es ist wie eine Insel, von der ich nie herunterkomme. Es ist wie ein Fluch. Als w\u00fcrde mich das Wasser gefangen halten. Ich habe das Gef\u00fchl es wird immer schmutziger und st\u00e4rker. So als w\u00fcrde es beim n\u00e4chsten Regen gleich unser ganzes Haus abrei\u00dfen. Nein, das Wasser w\u00fcrde es verschlingen, so wie es eins den ganzen Vorplatz verschlungen hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Was sehen die Menschen in dieser Stadt, was ich schon l\u00e4nger nicht mehr sehen kann? Was empfinden die Menschen in dieser Stadt, was ich wahrscheinlich noch nie empfinden konnte?<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Liebe? Die ewige Stadt der Liebe hei\u00dft es nicht so? Ewig, sehr ironisch. Naja, wer dachte schon, dass die Stadt so lange halten w\u00fcrde? Ob die Menschen der anderen Welt wissen, dass sie bald untergeht? Das sie einfach so im Meer versinkt? Die ganzen H\u00e4user, die ganzen Gesch\u00e4fte und die ganzen Gassen. Die ganzen Menschen. Die ganze Stadt. Es ist ein Warten auf den Untergang. Es ist ein Fragen nach dem Warum.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Wenn Felice w\u00fcsste, wie oft ich schon eimerweise Wasser aus unserem Hausflur gesch\u00fcttet habe. Wenn sie w\u00fcsste, wie oft wir unser Haus reparieren mussten. Wie viel Geld wir ausgeben mussten. Wenn sie auch nur einmal dabei gewesen w\u00e4re, wenn diese ganzen Leute, nur einmal dabei gewesen w\u00e4ren, vielleicht w\u00fcssten sie dann wieso. Vielleicht w\u00fcssten sie dann wieso, dass hier nichts als sinkende Inseln sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich habe es mir schon oft vorgestellt. Ich habe mir vorgestellt, wie ich aufwache und aus dem Fenster schaue und anstelle des franz\u00f6sischen Balkons, anstelle der Piano nobile sehe ich nur Wasser. Die Basilica di San Markus voller Wasser. Der Markusplatz nicht mehr existent. Die Ponte dei Sospiri, k\u00f6nnte sie dem Wasser standhalten? Oder die Rialtobr\u00fccke, w\u00fcrde sie es schaffen?<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Wohin gehen dann die ganzen Leute, die nur einmal kurz in eine andere Welt eintauchen wollen? Wohin w\u00fcrde Felice gehen? W\u00fcrde sie eine andere Welt finden? Es w\u00e4re schade. Schade, um die Magie der Stadt, w\u00fcrde Felice wahrscheinlich sagen. Schade, um die Br\u00fccken. Schade, um die Calli. Schade, um die Geb\u00e4ude. Schade, um die Kunst. W\u00fcrde Felice auch an mich denken? W\u00fcrden die anderen Leute auch an uns denken? Haben sie jemals unsere Muttersprache geh\u00f6rt? Haben sie jemals unsere Wohnh\u00e4user gesehen? Haben sie jemals unsere Rechnungen gesehen? Haben sie jemals gesehen, wie unsere Nachbarschaft ausstirbt. Haben sie uns jemals gesehen?<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">\u201eUnd du warst wirklich noch nie woanders?\u201c \u201eNein\u201c, antworte ich ganz trocken. \u201eDann muss es dir hier ja wirklich gut gefallen.\u201c Ich blieb wieder ruhig. \u201eAber nein, ich kann das verstehen, wenn ich hier wohnen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich wahrscheinlich auch nie weggehen. Warum sollte ich auch? Ich meine an den Fischgeruch w\u00fcrde ich mich wahrscheinlich noch gew\u00f6hnen\u2026\u201c \u201eNein, es ist kein Fischgeruch\u201c, unterbrach ich Felice. Sie schaute mich \u00fcberrascht an: \u201eNein?\u201c \u201eNein. Es ist der Geruch des ewig treibenden Wassers. Der Geruch der aneinander gereihten H\u00e4user. Der Duft von den am Fenster h\u00e4ngenden Blumen, der alten T\u00fcren und Fenster, der abbr\u00f6ckelten Fassaden. Man kann den Verschlei\u00df von dem Holz der Boote riechen, von den Steinen und Br\u00fccken. Ja, es ist sogar als h\u00e4tte die Sonne ihren Geruch auf dem Fundament hinterlassen. Als h\u00e4tte jeder Mensch, jedes Paar F\u00fc\u00dfe, welche je den Boden betraten, hier ihren Geruch hinterlassen. Manchmal, zur k\u00e4lteren Jahreszeit, wenn die vielen Besucher verschwinden, kann ich sogar das Blei der Bleikammern riechen oder das Gold der Basilika. Es ist, als w\u00fcrde jede Ecke der Stadt zu mir sprechen und ihre Geschichte erz\u00e4hlen und mich fragen, warum ich mir so wenig Zeit nehme.\u201c. Felice sagte nichts. \u201eWof\u00fcr? Wof\u00fcr sollst du dir Zeit nehmen?\u201c, fragte sie dann. \u201eUm die Stadt zu sehen. Um die wirkliche Stadt zu sehen und nicht nur ihren Untergang. So wie du und all die anderen Leute. All die Leute, die hierherkommen, nur um diese Stadt zu sehen. Nur um die kaputten H\u00e4user in der unendlichen Hitze gepaart mit dem Geruch von Fisch zu sehen.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Felice sagte wieder nichts, sondern schaute mich nur an. \u201eWarum sagst du nichts?\u201c Felice stand von der Treppenstufe auf und ging den kleinen Kanal entgegen. \u201eWo willst du hin?\u201c, rief ich ihr hinterher. Doch sie antwortete nicht, sondern setzte sich einfach nur ans Wasser und verweilte dort. Sie schaute sich um und es sah so aus, als w\u00e4re sie zum ersten Mal hier. Mit langsamen Schritten ging ich zu ihr. Ich setzte mich neben sie. Im Wasser spiegelten sich die Fassaden der H\u00e4user. \u201eWenn du wieder f\u00e4hrst, w\u00fcrdest du mich mitnehmen?\u201c, fragte ich. Felice nickte mir zu und l\u00e4chelte vorsichtig. Auch wenn dieses L\u00e4cheln nicht so eindringlich wie sonst war, versp\u00fcrte ich in mir so ein seltsames Gef\u00fchl. War es Freiheit? War es Bangnis? \u00a0Vielleicht war dieses Gef\u00fchl auch nur da, weil ich meine Gedanken zum ersten Mal laut aussprach: \u201eIch dachte immer, ich h\u00e4tte Angst vor dem Fremden, doch das war, bevor ich gemerkt habe, dass ich hier selbst der Fremde bin.\u201c<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Beitragsbild: Venedig copyright by Clara Cornelsen<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nvon Clara Cornelsen Ich ging wie immer mit recht schnellen Schritten \u00fcber das Meer. 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