{"id":260,"date":"2025-07-01T00:33:48","date_gmt":"2025-06-30T22:33:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/?p=260"},"modified":"2025-07-01T00:33:48","modified_gmt":"2025-06-30T22:33:48","slug":"der-blick-aus-dem-eigenen-fenster-wegsehen-in-der-nachbarschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/2025\/07\/01\/der-blick-aus-dem-eigenen-fenster-wegsehen-in-der-nachbarschaft\/","title":{"rendered":"Der Blick aus dem eigenen Fenster \u2013 (Weg)sehen in der Nachbarschaft"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"font-weight: 400\">Von Isabella Prasch.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: left\"><span style=\"font-size: 14pt\">In einer hektischen Welt wohnen Fremde in einem Haus gemeinsam. Im wachsenden urbanen Raum entfremden sich diejenigen, die sich eigentlich am n\u00e4chsten sind. \u201eAus dem Auge, aus dem Sinn\u201c wird dann zur Realit\u00e4t. Doch wie lange darf man wegschauen? Eine Nachbarschaft bewegt sich zwischen \u00f6ffentlicher und privater Sph\u00e4re. Themen dieses Verh\u00e4ltnisses sind auch h\u00e4usliche Gewalt und die Frage nach Zivilcourage.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Das Konzept von Nachbar*innen kann einem manchmal doch recht seltsam vorkommen. Es ist jener Blick aus dem Fenster in ein Wohnzimmer, in ein Schlafzimmer oder der erahnende Blick durch eine mattierte Glasscheibe eines Badezimmers. Vielleicht liegt der Kopf einer anderen schlafenden Person &#8211; durch eine Wand getrennt &#8211; nur Zentimeter entfernt und doch ist man sich fremd. Manchmal begegnen sich zwei diskrete Augenpaare. Beide f\u00fchlen sich ertappt in dem Moment des unaufdringlichen Beobachtens. Und trotzdem bleibt jede*r f\u00fcr sich unwissend vom Leben der Anderen. Oder wissen wir manchmal mehr, als wir glauben?<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Laut Bernd Hamm definiert sich Nachbarschaft nicht \u00fcber die Personen; allein die Wohnungen machen uns zu Nachbar*innen. Die Personen sind somit auswechselbar (2000: 174). Dabei unterscheidet er das nachbarschaftliche Verhalten in verschiedene Ebenen der Verpflichtung: \u201eMuss- Soll und Kann-Erwartungen\u201c (2000: 175). \u201eMuss- und Soll\u201c beschreibt dabei das Einhalten von grundlegenden, allgemein bekannten Umgangsformen. Weiter schreibt Hamm von \u201eKann-Erwartungen\u201c. F\u00fcr ihn sind solche Erwartungen von gr\u00f6\u00dferer Relevanz. Diese meinen das bewusste Distanzhalten: \u201e[\u2026] nicht einmischen, nicht neugierig sein\u201c (Hamm 2000: 175).<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Doch was l\u00e4sst sich eigentlich unter der von Hamm aufgegriffenen Distanz verstehen? Distanz ist kein universelles oder nat\u00fcrliches Konzept, sondern ist kulturell definiert (Lamnek 2003: 42). Lamnek betont, dass das Bed\u00fcrfnis nach Distanz gesellschaftlich stark variiert. Die Vorstellung von Privatheit ist eng mit dem Gef\u00fchl von Scham verbunden. \u201eScham [\u2026] ist ein spezifisches Element von Privatheit, das die \u00d6ffnung des Privaten nach au\u00dfen verhindern soll\u201c (Lamnek 2003: 45). So dient das individuell empfundene Schamgef\u00fchl als eine Art Regulation im Austausch mit sich selbst und anderen (Lamnek 2003: 45). Scham fungiert hier als eine soziale Grenze. Sich beobachtet zu f\u00fchlen, f\u00fchrt zu einer Verhaltens\u00e4nderung.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Erst im 18. und 19. Jahrhundert mit der Entwicklung des modernen Individualismus verst\u00e4rkt sich das Bed\u00fcrfnis nach Privatheit (Lamnek 2003: 46). \u201e[Die] Entbl\u00f6\u00dfung des Innersten [wird] kritisch bewertet\u201c (Lamnek 2003: 46; zit. nach Lehnert 1999: 21). Die Angst, beobachtet zu werden, w\u00e4chst. Diese Entwicklung spiegelt sich sowohl in der Architektur der Moderne als auch in der Entwicklung der Wohnbereiche wider; vom gesellschaftlichen Salon bis hin zum intimen Wohnzimmer (Lamnek 2003: 46-47).<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">F\u00fcr manche ist aber nicht das Beobachten durch Fremde eine Gefahr, sondern der eigentlich gesch\u00fctzte, private Raum. Auch f\u00fcr Au\u00dfenstehende des privaten Raumes kann das gesellschaftliche Gebot des Distanzhaltens ein Irrglaube sein. Wie handelt man, wenn ein Schreien aus der benachbarten Wohnung dringt? Stellt nicht etwa das Thema der h\u00e4uslichen Gewalt die Auffassung von Privatheit vor neuen Fragen? Wann f\u00e4ngt Zivilcourage an?<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Der Mord an Kitty Genovese 1964 in New York zeigt, was passiert, wenn die Masse wegschaut. Ein Mann sticht am fr\u00fchen Morgen mehrmals auf Kitty Genovese vor ihrem New Yorker Apartment ein. Obwohl sie laut Berichten um Hilfe schreit, greift zun\u00e4chst niemand ein. Der T\u00e4ter flieht zun\u00e4chst, kehrt jedoch zur\u00fcck, um Kitty zu vergewaltigen und im Anschluss zu ermorden. Laut Berichten sollen etliche Anwohner*innen die Tat entweder geh\u00f6rt oder gesehen haben, ohne einzugreifen. Teilweise sei die Situation falsch eingesch\u00e4tzt worden, steht in Medienberichten. Eine Person habe etwa die Schreie f\u00fcr einen Streit zwischen Eheleuten gehalten. Dieser Fall der Kitty Genovese ist bekannt geworden f\u00fcr das Fehlen von Zivilcourage (WDR 2019; Wikipedia 2025).<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Anschlie\u00dfende psychologische Forschungen widmen sich dem \u201eZuschauereffekt\u201c. Dieser besagt, dass mit steigender Anzahl von Zuschauer*innen die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass Menschen eingreifen (Levine\/Manning 2014: 368). Ein Faktor, der Menschen vor dem Eingreifen abh\u00e4lt, ist die \u201eHemmung durch ein Publikum\u201c (Levine\/Manning 2014: 371). Zu sehr \u00fcberwiegt die Angst vor einer Bewertung mit einer daraus resultierenden Scham (Levine\/Manning 2014: 371). Lamnek argumentiert, dass Scham eine kontrollierende Funktion hat, die aufzeigt, wo die Grenzen zwischen \u00f6ffentlichem und privatem Raum liegen (Lamnek 2003: 45). Doch genau hier liegt ein Widerspruch.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Menschliches Ermessen muss nicht bei der Grenze zwischen N\u00e4he und Distanz enden, denn wenn andere die Grenzen von Menschen verletzen, kann es wichtig sein, die Schranken der Privatsph\u00e4re zu \u00fcberwinden. Das Bewusstsein \u00fcber angemessenes Handeln, kann mit Bildungs- und Pr\u00e4ventionsarbeit m\u00f6glich gemacht werden. So verringert sich etwa der \u201eZuschauereffekt\u201c durch mehr Kompetenz bzw. Wissen (Levine\/Manning 2014: 372). Eine Studie aus den USA zeigt dar\u00fcber hinaus, dass vor allem eine Nachbarschaft, in der die Bewohner*innen gut vernetzt sind, sowie eine aktive Haltung zur Zivilcourage in Gewaltsituationen vertreten, dazu beitragen kann, dass die Femizid-Rate und die Anzahl der Gewaltentaten sinkt (Browning 2002). \u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Indirekt kreiert Scham einen Schutzraum f\u00fcr individuelle Autonomie. Gleichzeitig ist eine resultierende Privatheit eine Barriere f\u00fcr soziale Kontrolle und wird auch als Vorwand genutzt, sich nicht einzumischen. F\u00fcr den Schutz der Privatsph\u00e4re wird in entscheidenden Momenten, in denen Zivilcourage wichtig w\u00e4re, aus Scham weggesehen. Die Frage nach dem entscheidenden Moment ist schwer zu beantworten. Vielleicht ist aber dieser Moment auch manchmal selbsterkl\u00e4rend, wie im Falle der ermordeten Kitty Genovese aus New York.<\/span><\/p>\n<p>_________<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\"><strong>Literatur<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Browning, Christopher R. (2002): The Span of Collective Efficacy: Extending Social Disorganization Theory to Partner Violence. Journal of Marriage and Family 64 (4): 833-850.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Hamm, Bernd (2000): Nachbarschaft. In: H\u00e4u\u00dfermann, Hartmut (Hg.): Gro\u00dfstadt. Soziologische Stichworte. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 173-182.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Lamnek, Siegfried (2003): Die Ambivalenz von \u00d6ffentlichkeit und Privatheit, von N\u00e4he und Distanz. In: Lamnek, Siegfried\/ Marie-Theres, Tinnefeld (Hg.): Privatheit, Garten und politische Kultur. Von kommunikativen Zwischenr\u00e4umen. Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, 40-65.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Lehnert, Gertrud (1999): Mit dem Handy in der Peepshow. Berlin.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Levine, Mark\/Rachel Manning (2014): Prosoziales Verhalten. Warum helfen Menschen nicht?. In: Jonas, Klaus\/Wolfgang, Stroebe\/Miles, Hewstone (Hg.): Sozialpsychologie. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag, 357-399.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">WDR (2019): 13. M\u00e4rz 1964 \u2013 Kitty Genovese wird ermordet. 13.03.2019, URL: <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/stichtag\/stichtag-kitty-genovese-100.html\">https:\/\/www1.wdr.de\/stichtag\/stichtag-kitty-genovese-100.html<\/a> (abgerufen am: 14.02.2025).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Wikipedia (2025): Mordfall Kitty Genovese. 01.01.2025, URL: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mordfall_Kitty_Genovese\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mordfall_Kitty_Genovese<\/a>\u00a0(abgerufen am: 14.02.2025).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nVon Isabella Prasch. &nbsp; In einer hektischen Welt wohnen Fremde in einem Haus gemeinsam. 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