{"id":234,"date":"2025-06-16T11:47:22","date_gmt":"2025-06-16T09:47:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/?p=234"},"modified":"2025-06-16T11:47:22","modified_gmt":"2025-06-16T09:47:22","slug":"hoert-ihr-mich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/2025\/06\/16\/hoert-ihr-mich\/","title":{"rendered":"H\u00f6rt ihr mich?"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400\">Von Lisa Stange<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Montag der 10.01.2025<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich habe mich am Samstag mit Sarah getroffen. Ich glaube, ich habe in diesen sechs Stunden alle m\u00f6glichen Emotionen durchlebt. Ich habe geweint, war nerv\u00f6s, unsicher, stolz auf sie und habe vollen Herzens gelacht. Sarah hat einen Platz in meinem Herzen, an den niemals jemand herankommen wird. Wir sind am gleichen Tag geboren und unsere Eltern waren schon bevor es uns gab Freunde, unsere Eltern sind geh\u00f6rlos.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Irgendwie habe ich Angst, diesen Text zu schreiben, denn wenn ich ehrlich bin, habe ich Angst, dass die Geh\u00f6rlosengemeinschaft verurteilt wird. Ich wei\u00df es ist nicht die Schuld der Gruppe, wie sie sozialisiert wurden, abgekapselt vom Rest der Gesellschaft, aber wenn keiner ein Licht drauf wirft, \u00e4ndert sich nichts. Eigentlich w\u00e4re das auch egal, denn die Geh\u00f6rlosen und ihre Sprache sterben aus.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich erinnere mich, Sarah und ich alleine verloren im Krankenhaus auf der Suche nach ihrer Mutter. Andrea heiratet in einer Woche und gestern hat ihr zuk\u00fcnftiger Ehemann ihr einen Teller ins Gesicht geworfen. \u201cIch OP\u201d ist die Nachricht, die wir nun entziffern m\u00fcssen, wir wissen, dass sie in einem Raum mit \u201cOP\u201d an der T\u00fcr sitzt, aber wir sind nicht \u00e4lter als 10 und verlaufen uns im Krankenhaus.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Sarah erz\u00e4hlt mir, dass sie vor ungef\u00e4hr zwei Jahren erfuhr, dass sie bereits in der 30. Woche schwanger ist. Sie hatte schon ein Kind und war \u00fcberfordert. Erst war sie sich sicher, dass sie es zur Adoption aufgeben m\u00f6chte, sie sa\u00df schon im B\u00fcro und war bereit zu unterschreiben. Dann entschied sie sich doch um. Sie schrieb einen Brief an ihre Eltern: \u201cMir geht&#8217;s nicht gut\u201d, \u201cIch bin \u00fcberfordert\u201d, \u201cIch wei\u00df nicht wohin mit mir\u201d, \u201cIch gebe es zur Adoption frei\u201d. Ihre Mutter freute sich, dass es ein M\u00e4dchen wird, den Rest hatte sie nicht verstanden. \u201cUnd wenn ich ihr heute sagen w\u00fcrde &#8218;ich wollte (mein Kind) zur Adoption freigeben&#8216; w\u00fcrde sie mich anschauen und fragen &#8218;wann, warum?&#8217;\u201d<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Als ich dreizehn war, verstand ich zum ersten Mal das Ausma\u00df meiner Depression. Ich hatte schon immer Sozialarbeiterinnen Zuhause. Fr\u00fcher verstand ich nicht genau warum, heute wei\u00df ich, Kadidja hat mir mein Leben gerettet. F\u00fcr mich war schon immer klar, dass es keine Option ist, meine Eltern nach Hilfe zu fragen. Ich habe versucht, meinen Bruder um Hilfe zu bitten, aber er war auch erst 17. Als ich Kadidja erz\u00e4hlte, dass ich mich selbst verletze und dringend Hilfe brauche, hat sie keinen Moment gez\u00f6gert. Sie war es, die meinen Eltern von meinen Problemen erz\u00e4hlte und sie hat f\u00fcr mich einen Therapieplatz gefunden. Meine Eltern wissen bis heute nicht ganz, was Therapie ist und wieso sich jemand selbst verletzen w\u00fcrde. Wie erkl\u00e4rt man seinen geh\u00f6rlosen Eltern sein Leid? Wenn es an Vokabeln fehlt und sie, selbst wenn ich die Geb\u00e4rden kennen w\u00fcrde, es nicht verstehen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Kadidja stellte mit mir Antr\u00e4ge: Baf\u00f6g, Kindergeld, Krankenkasse, Arbeitslosengeld. Sie schrieb mit mir Bewerbungen, begleitete mich zu meinem ersten Info-Termin an der Erwachsenenschule und ist damals extra mit mir verschiedene Wege zur Therapie-Praxis gelaufen, um sicherzustellen, dass ich wei\u00df wie ich dorthin komme. Kadidja brachte meine Eltern dazu, mir Geld f\u00fcr Klamotten zu geben, wenn ich in die alten nicht mehr rein passte. Kadidja organisierte mir ein Fahrrad und bewegte meine Eltern dazu, mir B\u00fccher zu kaufen.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Sarah erz\u00e4hlt mir, dass sie in der Grundschule oft ein, zwei Tage nicht zur Schule ging, um f\u00fcr ihre Mutter zu dolmetschen. Wenn sie dann einen Freitag fehlte, um ihre Mutter zum Gyn\u00e4kologen zu begleiten, wurde sie Nachmittags auf dem Spielplatz von anderen Sch\u00fcler:innen schr\u00e4g angeschaut, die gingen davon aus, dass sie geschw\u00e4nzt h\u00e4tte. Letztes Jahr bekam ihre Mutter die Diagnose Geb\u00e4rmutterhalskrebs, sie wohnt inzwischen nicht mehr in Bremen. Ihre Mutter h\u00e4tte nicht bei einem einzigen Termin Sarahs Hilfe gebraucht, sagt sie traurig und sauer: &#8222;Wieso konnte sie das fr\u00fcher nicht?\u201d<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Dann frag ich sie, ob sie mal versucht hat, ihrer Mutter zu sagen wie einsam sie ist, obwohl ich mir die Antwort eigentlich schon denken kann, denn ich wei\u00df, aus welchen Gr\u00fcnden ich es nicht getan habe.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ihre Mutter hat es nicht alleine zu Arztterminen geschafft sagt sie, und ein \u201calles ist okay\u201d vom Hausarzt wurde oft nicht verstanden, wie h\u00e4tte sie dann jemals auf die Idee kommen k\u00f6nnen, dass ihre Mutter ihre Einsamkeit verstehen w\u00fcrde?\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Sarah und ich haben zu viel gemeinsam, wir verstehen was es bedeutet, mit geh\u00f6rlosen Eltern gro\u00df zu werden. Es ist nicht nur eine andere Sprache, geh\u00f6rlose Menschen sind einfach anders. In diesen zwei Welten existieren zu m\u00fcssen, hat uns viel genommen. Sarah war jahrelang in Gruppenh\u00e4usern untergebracht, ihre Mutter wollte sich nicht von Sarahs Stiefvater scheiden lassen. Ich hingegen bin zuhause geblieben, mein Bett war meine Welt. Und irgendwie studiere ich jetzt, und irgendwie l\u00e4sst mich das Schuldgef\u00fchl nicht los.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Wie sollen wir unseren Eltern denn irgendetwas \u00fcbel nehmen? Sie leben in einer Welt, die sie nicht haben will. Sie sind so, wie sie sind, weil sie allein gelassen wurden, von der ganzen Welt. Sie sind so wie sie sind, weil ihre Angeh\u00f6rigen sie schon ihr ganzes Leben bevormunden und alles f\u00fcr sie erledigen. Meine Mutter ist eine Frau, eine geh\u00f6rlose Frau, eine geh\u00f6rlose Frau, die ganz klar als Ausl\u00e4nderin gelesen wird. Die Welt ist nicht f\u00fcr sie gemacht, die Gesellschaft bindet sie nicht ein. Das verstehe ich, das macht mich sauer, wie soll ich denn dann sauer darauf sein, dass sie von mir erwartet, das zu tun, was alle vor mir schon f\u00fcr sie taten? Alles f\u00fcr sie zu erledigen.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Die Welt ist nicht f\u00fcr meine Eltern gemacht und ich verstehe warum. <\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">In meiner Kindheit fehlte viel, und ich verstehe warum.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Dann f\u00fchle ich mich ihnen n\u00e4her denn je und Verst\u00e4ndnis wird m\u00e4chtiger als Selbstgerechtigkeit, Und irgendwie macht das noch einsamer. Denn wer versteht mich, au\u00dfer Sarah?<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Und ich bin frustriert, unglaublich frustriert. Wie kann es angehen, dass <strong>ich<\/strong> jetzt in der Universit\u00e4t sitze und von meinen geh\u00f6rlosen Eltern erz\u00e4hle, von meinem Kindheitsleid. Ich habe es doch geschafft, mein Abitur nachgeholt, ich studiere. Das Leid, von dem ich erz\u00e4hle, ist nicht meins. Klar, ich lebe mit den Konsequenzen der strukturellen Benachteiligung meiner Eltern, aber ich bin entkommen. Sarah nicht, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie du und ich uns \u201centkommen\u201d ausmalen. <strong>Sie<\/strong> sollte doch diesen Text schreiben, <strong>sie<\/strong> sollte geh\u00f6rt werden, sie hat mehr zu sagen. Ich repr\u00e4sentiere nicht die Geh\u00f6rlosengemeinschaft, ich repr\u00e4sentiere nicht die Herausforderungen von Codas.<sup>1<\/sup> Ich repr\u00e4sentiere was es bedeutet, sich aus den F\u00e4ngen des \u201cCoda-sein\u201d zu befreien, ich repr\u00e4sentiere ein Entkommen. Aber Sarah wird diesen Text nicht schreiben, sie wird wahrscheinlich nie studieren, meine Eltern erst Recht nicht. Ich bin also das n\u00e4chst Beste, ich bin die einzige, die f\u00fcr sie diesen Text schreiben kann.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Was ein schei\u00df System.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich werde nicht fragen, warum ich jetzt studiere und Sarah nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich werde mich hier nicht dar\u00fcber aufregen, wie unglaublich unfair es ist, dass ich hier sitze und mich bilde und Sarah mit 22 als Hausfrau Zuhause mit ihren zwei Kindern sitzt.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich wei\u00df, dass ich auf meine Erfolge stolz sein darf, auch wenn es sich so anf\u00fchlt, als w\u00fcrde ich meine schwierige Kindheit und die Leute, f\u00fcr die ich eigentlich k\u00e4mpfe, betr\u00fcgen.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich wei\u00df, dass ich mich nicht schuldig daf\u00fcr f\u00fchlen muss, aber ich tue es trotzdem, denn Sarah fehlte es nie an Potential oder Wille. Ich hatte Gl\u00fcck, sie nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich bin unglaublich stolz auf Sarah, sie ist eine hervorragende Mutter, hat ihre N\u00e4chstenliebe nie verloren und vielleicht ist das Leben, welches sie f\u00fchrt, auch genau das, was sie sich immer ertr\u00e4umt hat. Vielleicht h\u00e4tte sie auch ein Recht darauf gehabt, ihr Leben selbstbestimmter zu f\u00fchren, aber das ist nur ein Tagebucheintrag und was wei\u00df ich schon.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich wiederhole mich: Was ein beschissen unfaires System.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><sup>1<\/sup> <span style=\"font-size: 12pt\">Children of deaf adults.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nVon Lisa Stange &nbsp; Montag der 10.01.2025 Ich habe mich am Samstag mit Sarah getroffen. Ich glaube, ich habe in&hellip;\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/2025\/06\/16\/hoert-ihr-mich\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;H\u00f6rt ihr mich?&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1015,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-234","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-beitrage","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/234","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1015"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=234"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/234\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":244,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/234\/revisions\/244"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}