{"id":229,"date":"2025-06-10T17:59:43","date_gmt":"2025-06-10T15:59:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/?p=229"},"modified":"2025-06-10T17:59:43","modified_gmt":"2025-06-10T15:59:43","slug":"defensive-architektur-hostile-design","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/2025\/06\/10\/defensive-architektur-hostile-design\/","title":{"rendered":"Defensive Architektur \/ Hostile Design"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400\">von Johanna Herberts.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-weight: 400;font-size: 12pt\">Stell\u2019 dir vor, du bist obdachlos. Die D\u00e4mmerung hat schon l\u00e4ngst eingesetzt, du willst schlafen und suchst dir f\u00fcr diese Nacht eine Bleibe. Deine erste Station sind B\u00e4nke in der N\u00e4he des Bahnhofs. Bei der ersten Bank angelangt, schaust du sie dir genauer an. Sie ist schr\u00e4g und abgerundet und du wei\u00dft, du w\u00fcrdest nach unten rutschen und auf den Boden fallen, wenn du versuchen w\u00fcrdest auf ihr zu schlafen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-weight: 400\">Du ziehst weiter und sichtest die n\u00e4chste Bank. Sie ist durch Armlehnen getrennt und macht dir somit das Schlafen unm\u00f6glich. Die Bank danach ist von L\u00f6chern durchzogen, sodass dir beim Schlafen sehr kalt werden w\u00fcrde und wiederum eine andere ist in einen Betonklotz eingebettet, aus dem viele spitze Zacken herausragen. Resigniert gehst du weiter und erhoffst dir einen Schlafplatz in einer U-Bahn-Station.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-weight: 400\">Als du die Treppen hinunter gehst, kommt dir der Klang von klassischer Musik entgegen. Im ersten Augenblick empfindest du die Situation als beruhigend, doch schnell bemerkst du, wie unfassbar laut die Musik eigentlich ist. Auf dich hat sie eine einengende und bedrohliche Wirkung. Auch die B\u00e4nke sind durch ihr Design als Schlafm\u00f6glichkeit ungeeignet und dir f\u00e4llt auf, wie unnat\u00fcrlich grell die Beleuchtung ist. Zusammen mit der Musik stellt die Szenerie die reinste Reiz\u00fcberflutung dar und du verl\u00e4sst fluchtartig die Haltestelle. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">W\u00e4hrend du weiter gehst und \u00fcberlegst, kommt dir eine Br\u00fccke in der N\u00e4he in den Sinn. Doch von weitem siehst du schon, dass die Br\u00fccke seit neuestem umz\u00e4unt ist, sodass niemand mehr unter ihr schlafen kann. W\u00fctend und ersch\u00f6pft kehrst du um und l\u00e4ufst weiter. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-weight: 400\">Deine letzte Hoffnung sind Gesch\u00e4ftseing\u00e4nge. Beim ersten angekommen, musst du feststellen, dass dessen Boden mit Zacken \u00fcbers\u00e4t ist. Der n\u00e4chste scheint auf den ersten Blick sicher und du versuchst dich einzurichten, so gut es eben geht. Doch pl\u00f6tzlich wird deine Kleidung feucht und du schaust nach oben: eine Sprinkleranlange wurde aktiviert und Wasser regnet auf dich herab. Erschrocken packst du so schnell wie m\u00f6glich deine Sachen zusammen und dir bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als eine weitere Nacht auf kaltem Beton im Park zu verbringen. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Aufgrund der \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde kannst du nicht einschlafen und versp\u00fcrst pure Verzweiflung, Wut und Resignation. Du wei\u00dft, dass du mit diesen unsch\u00f6nen Erfahrungen nicht alleine bist: auch obdachlosen Freund:innen von dir sind diese Dinge schon widerfahren. Und du wei\u00dft auch, dass es noch andere betroffene, gr\u00f6\u00dftenteils marginalisierte Gruppierungen gibt. Manches hast du von Bekannten geh\u00f6rt, anderes in der Zeitung gelesen: <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-weight: 400\">UV-Licht in \u00f6ffentlichen Toiletten oder Pl\u00e4tzen zur Vorbeugung von Drogenkonsum, Anbringung von wasserabweisendem Lack an W\u00e4nden gegen Wildpinkeln, Piept\u00f6ne und Ultraschallsender zur Vertreibung von Jugendlichen und die Ank\u00fcndigung eines Unternehmens, atonale Musik an Bahnh\u00f6fen abzuspielen (dieses Vorhaben wurde jedoch zum Gl\u00fcck gestoppt). Diese Schlagzeilen und auch deine pers\u00f6nlichen Erfahrungen zeigen, dass diese Arten der defensiven Architektur oder des hostile designs (das sind die Bezeichnungen f\u00fcr die ganzen Ma\u00dfnahmen) keine Seltenheit sind. In manchen F\u00e4llen sind sie subtiler, in anderen sehr offensichtlich; aber immer sind sie eines: menschenfeindlich. Das Anstrengende bei der gesamten Angelegenheit ist, dass du tagt\u00e4glich damit konfrontiert bist und dem Ganzen nicht entfliehen kannst. Oft werden sehr viele verschiedene Sinne auf negative Art und Weise stimuliert und eine \u00dcberlagerung verschiedener Reize findet statt (z.B. in der U-Bahn-Station Sinnesbelastung in visueller und akustischer Form). <\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-231 alignright\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/files\/hostile.png\" alt=\"hostile\" width=\"337\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/files\/hostile.png 852w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/files\/hostile-300x250.png 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/files\/hostile-768x640.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Abb. 1: Verschiedene Ebenen von defensiver Architektur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-weight: 400\">Manche Situationen, die du im <\/span>Zusammenhang damit schon durchleben musstest, empfindest du r\u00fcckblickend als so entw\u00fcrdigend und beklemmend, dass du sie wirklich keiner anderen Person w\u00fcnschst. Dir f\u00e4llt auf, dass zur Zielgruppe dieser defensiven, oder besser gesagt menschenverachtenden Architektur vordergr\u00fcndig Obdachlose, Jugendliche und Skater:innen geh\u00f6ren, aber indirekt auch \u00e4ltere, kranke und behinderte Menschen betroffen sind. Vor kurzem hattest du n\u00e4mlich beobachtet, wie sich eine ersch\u00f6pfte \u00e4ltere Frau auf einen Sitzkiesel setzen wollte und dann schnell wieder aufgestanden ist, weil es ihr durch dessen Form nicht m\u00f6glich war aufrecht zu sitzen und Halt zu finden. Und als du der U-Bahn-Station irgendwann noch einmal unfreiwillig einen Besuch abgestattet hattest und wieder mit klassischer Musik beschallt wurdest, war deutlich erkennbar, dass die Atmosph\u00e4re auch bei anderen Leuten sichtliches Unbehagen ausgel\u00f6st hat. Das best\u00e4tigt dir, dass in einigen F\u00e4llen auch privilegierte Au\u00dfenstehende die Auswirkungen zu sp\u00fcren bekommen. Aber prim\u00e4r geht es nat\u00fcrlich darum, Menschen wie dich zu vertreiben und zu verdr\u00e4ngen. Was dich auch ver\u00e4rgert, ist, dass Aspekte von Gegenst\u00e4nden (z.B. Armlehnen bei B\u00e4nken), die diese defensiv machen, als Teil des Designs verkauft werden und nicht als das bezeichnet werden, was sie wirklich sind. Und du selbst f\u00fchlst dich durch die defensive Architektur in deiner Freiheit und deinem Handeln eingeschr\u00e4nkt, weil dir indirekt vorgeschrieben wird, wo du dich aufzuhalten hast und wo nicht. Selbstbestimmung? Fehlanzeige!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Innenst\u00e4dte werden so gestaltet, dass sie attraktiv und zug\u00e4nglich f\u00fcr erw\u00fcnschte Menschen (Kundschaft) und gleichzeitig abweisend und ablehnend gegen\u00fcber unerw\u00fcnschten Menschen (Obdachlosen) sind. Was Passant:innen f\u00fcr einen kurzen Moment Komfort bietet (kein bzw. weniger Kontakt zu \u2013 in ihren Augen \u2013 \u201eunliebsamen\u201c Menschen wie dir), hat f\u00fcr dich und andere Betroffene im Gegensatz dazu einen viel h\u00f6heren Preis: dauerhafter Diskomfort und noch mehr Marginalisierung. Es ist f\u00fcr dich offensichtlich, dass die Ma\u00dfnahmen und Strategien im Rahmen des hostile designs nur eine Problemverschiebung sind und das Problem nicht an der Wurzel packen. Denn durch diese abschreckenden Taktiken l\u00f6st du dich nicht in Luft auf; dir wird nur auf eine schmerzvolle Art und Weise kommuniziert \u201edu bist kein Teil dieser Gesellschaft\u201c und ein weiterer Stein wird dir in den Weg gelegt. Als w\u00e4re jeden Tag ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen nicht schon genug. Du fragst dich, wie ein Leben ohne hostile design aussehen w\u00fcrde. Abends oder nachts w\u00fcrdest du nicht stundenlang umherziehen und nach einem Schlafplatz suchen m\u00fcssen und ein St\u00fcckchen sicherer w\u00fcrdest du dich auch f\u00fchlen. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde nur ein winziger Bruchteil der Probleme damit gel\u00f6st und Obdachlosigkeit nicht bek\u00e4mpft werden, aber es w\u00e4re ein Schritt in die richtige Richtung. Wie sehr w\u00fcrdest du dir jedoch Sicherheitsr\u00e4ume f\u00fcr dich und andere Obdachlose w\u00fcnschen, denn dir wird jeden Tag aufs Neue bewusst, wie ausgeliefert und ohnm\u00e4chtig du dich f\u00fchlst und wie dringend ihr Schutz und Sicherheit ben\u00f6tigt. Und wie sehr &#8211; &#8211; \u201eHallo! Aufwachen!\u201c ert\u00f6nt es aus der Ferne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schlaftrunken \u00f6ffnest du die Augen. In der Zwischenzeit musst du wohl eingeschlafen sein. Du blickst in das Gesicht eines Mannes, sich \u00fcber dich beugend: \u201eSo, jetzt steh\u2019 mal endlich auf, wir m\u00fcssen hier sauber machen!\u201c Er scheint von der Stadtreinigung zu sein, hinter ihm wartet eine Kehrmaschine. Ein weiteres Mal wirst du vertrieben, ein weiteres Mal packst du deine Sachen zusammen und ein weiteres Mal musst du dir deine n\u00e4chste Bleibe suchen. Es h\u00f6rt einfach nicht auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><u>Recherche und weiterf\u00fchrende Links:<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><u>Bilder:<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Abb. 1: Verschiedene Ebenen von defensiver Architektur. Die Bildrechte liegen bei der Autorin.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><u>Literatur (Beispiele f\u00fcr defensive Architektur):<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Biernat, Olaf (2024): Gelsenkirchen testet Spezial-Lack gegen Wildpinkler, URL: <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/\">https:\/\/www1.wdr.de\/<\/a><a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/nachrichten\/\"><br \/>\nnachrichten\/<\/a><a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/nachrichten\/ruhrgebiet\/gelsenkirchen-testet-schutzlack-gegen-wildes-pinkeln-100.html\">ruhrgebiet\/gelsenkirchen-testet-schutzlack-gegen-wildes-pinkeln-100.html<\/a> (zuletzt abgerufen am 11.02.2025)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Gelt, Jessica (2023): L.A. blasting classical music to drive unhoused people from subway station. It\u2019s louder than officials claim, URL: <a href=\"https:\/\/www.latimes.com\/entertainment-arts\/story\/2023-04-04\/loud-classical-music-macarthur-park-metro-los-angeles-decibel-meter\">https:\/\/www.latimes.com\/entertainment-arts\/story\/2023-04-04\/loud-classical-music-macarthur-park-metro-los-angeles-decibel-meter<\/a> (zuletzt abgerufen am 11.02.2025)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">ORF (2010): Blaues Licht gegen Drogenmissbrauch, URL: <a href=\"https:\/\/ooev1.orf.at\/stories\/443186\">https:\/\/ooev1.orf.at\/stories\/443186<\/a> (zuletzt abgerufen am 11.02.2025)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Schloehmann, Johan (2018): Berliner S-Bahn \u2013 mit Ligeti gegen die Obdachlosen von Gleis 3, URL: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/berliner-s-bahn-mit-ligeti-gegen-die-obdachlosen-von-gleis-3-1.4103376\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/berliner-s-bahn-mit-ligeti-gegen-die-obdachlosen-von-gleis-3-1.4103376<\/a> (zuletzt abgerufen am 11.02.2025)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Steinmetz, Vanessa (2014): Verdr\u00e4ngung von Obdachlosen \u2013 von Stinkbomben und Wasserd\u00fcsen, URL: <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/obdachlose-in-deutschland-verdraengung-mit-wasserduesen-a-974491.html\">https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/obdachlose-in-deutschland-verdraengung-mit-wasserduesen-a-974491.html<\/a> (zuletzt abgerufen am 11.02.2025)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">SWR (2023): Ultraschallsender sollen Jugendliche durch Piepsen vertreiben, URL: <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/\">https:\/\/www.swr.de\/<\/a><a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swraktuell\/\"><br \/>\nswraktuell\/<\/a><a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swraktuell\/baden-wuerttemberg\/piep-geraeusche-gegen-vandalismus-diskussion-in-politik-100.html\">baden-wuerttemberg\/piep-geraeusche-gegen-vandalismus-diskussion-in-politik-100.html<\/a> (zuletzt abgerufen am 11.02.2025)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nvon Johanna Herberts. &nbsp; Stell\u2019 dir vor, du bist obdachlos. 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