{"id":162,"date":"2025-05-13T19:17:20","date_gmt":"2025-05-13T17:17:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/?p=162"},"modified":"2025-05-13T19:19:08","modified_gmt":"2025-05-13T17:19:08","slug":"mit-leeren-haenden-nach-aethiopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwiwochen\/2025\/05\/13\/mit-leeren-haenden-nach-aethiopien\/","title":{"rendered":"Mit leeren H\u00e4nden nach \u00c4thiopien"},"content":{"rendered":"<h2>Eine Kurzgeschichte \u00fcber Besitz und Fremdheit<\/h2>\n<h4><span style=\"font-size: 14pt\">von Michelle Grewe<\/span><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Letzten Sommer begab ich mich auf eine Reise. Nach sechs Jahren flog ich das erste Mal wieder nach \u00c4thiopien &#8211; in die Heimat meiner Mutter. Sie und ich hatten uns einige Monate darauf vorbereitet und jeweils 40 kg Reisegep\u00e4ck zur Verf\u00fcgung. Meine Mutter packte zwei gro\u00dfe Hardshell Koffer und ich gab ihr meinen Bonus-Koffer, da ich nur einen gro\u00dfen Reise Rucksack mitnehmen wollte. Sie hatte selbstverst\u00e4ndlich nicht so viele Outfits dabei, sondern erkl\u00e4rte mir seit meinem ersten Flug nach \u00c4thiopien, dass die Mitbringsel f\u00fcr die Familie das Wichtigste seien. Schon Wochen zuvor haben wir angefangen, zus\u00e4tzlich zu jedem unserer Eink\u00e4ufe einige Tafeln Schokolade zu kaufen, so dass wir am 1. September &#8211; zwei Tage vor unserem Flug &#8211; um die 25 Tafeln Nussbei\u00dfer und \u00e4hnliches packen konnten. Neben Schokoladentafeln kaufte meine Mutter alle Sales der Stadt leer und sammelte die fragw\u00fcrdigsten Kleidungsst\u00fccke, f\u00fcr die sie keine Verwendungszwecke kennt. Auch diese dienten als Gastgeschenk.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Vollgepackt mit drei riesigen Koffern und einem Reiserucksack machten wir uns am 3. September auf den Weg zum Flughafen. Angekommen, taten wir die Standard Dinge, die man am Flughafen eben machen muss und checkten endg\u00fcltig ein. Drei Koffer und einen Rucksack weniger sa\u00dfen wir nun mit zwei kleinen Handtaschen im Flieger. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur den Inhalt unserer Taschen, was f\u00fcr einen 6-Stunden-Flug total in Ordnung schien. Wir kamen an und das \u00fcbliche Prozedere am Flughafen begann, beim Auschecken fanden wir alle Koffer bis auf meinen Rucksack. Nach stundenlanger Suche erhielt ich nichts weiter als einen Schein mit Nummern drauf\u2026 Meine wichtigsten pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nde waren nun umgewandelt in einen Schein mit Nummern drauf. Ich konnte es nicht fassen, war aber auch zu m\u00fcde, um mir auszumalen, was das f\u00fcr die n\u00e4chsten vier Wochen in \u00c4thiopien bedeutete. Wo mein Rucksack ist, mit all meinen Lieblingsklamotten, meinen Drogerieartikeln, alles zum \u201eCopen&#8220; der Ver\u00e4nderung bei der Einreise in ein Land, welches nicht mein Zuhause ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Die erste Woche verging, in der ich nicht viel unternahm. Meine Familie und ich a\u00dfen und tranken, sonst kam jeder seinen Aufgaben nach. Meine Mutter empfing viele G\u00e4ste aus der Nachbarschaft, sie f\u00fchlte sich anscheinend verpflichtet, Nussbei\u00dfer mit allen Menschen im 5 km Radius zu teilen. Ich war verbissen darauf meinen Rucksack wieder zu finden und machte es mir zur Aufgabe, die Airlines t\u00e4glich zu bel\u00e4stigen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich recht hoffnungsvoll, dass dieser wieder auftaucht, dennoch war meine Stimmung bedr\u00fcckt. Ich f\u00fchlte mich nicht in der Lage mich rauszuputzen und G\u00e4sten entgegenzutreten, so wie es meine Familie von mir erwartete. Ich hatte nun sechs Tage lang ein \u00e4rmelloses kurzes Top mit einer schwarzen Jogginghose an &#8211; mein Flug Outfit &#8211; abgesehen davon, dass das absolut nicht der Wetterlage entsprach, war es auch (meinen Erwartungen entgegengesetzt) nicht angebracht.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Mit jedem Besuch, der zu uns kam, hasste ich mein Auftreten mehr und mehr. Ich war besch\u00e4mt und konnte nicht sehr viel an dieser Situation \u00e4ndern. Meine Mutter bot mir regelm\u00e4\u00dfig Klamotten von sich an, die mir \u00fcberhaupt nicht passen. Ich verlie\u00df das Haus kaum und wenn ich es tat, wurde mir von meiner Tante und meinem Onkel empfohlen, mich bei drei\u00dfig Grad in einem Woll Cardigan zu vermummen. Ich entschied mich manchmal dagegen, diesen Rat zu befolgen und erlebte mich verwickelt in Konversationen, die erschreckend f\u00fcr beide Parteien waren. Jemand beschimpfte mich mit \u201e\u1348\u1228\u1295\u1305 \u120b\u121d\u201c, was soviel bedeutet wie wei\u00dfe Kuh. Ich war verwirrt. Er war verwirrt, als ich ihn auf Amharisch fragte, ob er denn mit jedem so sprechen w\u00fcrde. Er lie\u00df mich fremd f\u00fchlen.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Auf dem Markt wurde mir von zwei s\u00fc\u00dfen Damen gesagt, dass ich besser aufpassen sollte und sie ziehen mein Top so weit runter, bis es an meinen H\u00fcften angekommen ist. Diese Ereignisse machten es mir schwer, nicht an meinen verlorenen Rucksack zu denken. Noch immer meldete die Airlines keine Spur. Jeden Tag lief meine Mutter durchs Haus und belohnte alle mit einem gro\u00dfen St\u00fcck Schokolade. Hin und wieder fanden Anproben von bunten Riesenhemden statt. Ich erwischte mich manchmal, wie ich mir w\u00fcnschte, der Geschenkkoffer w\u00e4re anstelle von meinem verschwunden.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">In der zweiten Woche erschloss sich ein weiteres Problem im Zusammenhang mit meiner Besitzlosigkeit. Ich bekam meine Periode\u2026 Abgesehen davon, dass ich nur zwei Unterhosen dabei hatte und diese abendlich per Hand wusch, hatte ich auch meine Menstruationstasse und meine Schmerztabletten nicht da. Also machte ich mich mit meiner Mutter auf die Suche nach Tampons. Weit und breit konnte keine Apotheker*in etwas mit dem Gedanken anfangen, dass es etwas wie einen Menstruationspfropfen g\u00e4be. Sie fingen auch an zu fl\u00fcstern, als ich ihnen munter verk\u00fcndete, dass ich meine Tage h\u00e4tte. Nach langer Suche kehrte ich mit Slipeinlagen zum Haus zur\u00fcck und wusste, was ich zu tun habe. Ich schaute mir s\u00e4mtliche Videos zum Thema &#8222;Knast Tampon&#8220; an und rollte die d\u00fcnne Binde des Elends zusammen, um sie zu verwenden.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Meine Geduldschnur war strapaziert aber ich genoss die Zeit immer mehr, je l\u00e4nger ich losgel\u00f6st vom Gedanken der Wiedervereinigung mit meinem Rucksack war. Ich machte einige Dinge einfach anders und m\u00fchseliger, aber es funktionierte. F\u00fcr zuhause borgte ich mir ein Gewand von meiner Oma und lie\u00df es mittlerweile auch drau\u00dfen an. Wenn Besuch kam, begr\u00fc\u00dfte ich diesen meist h\u00f6flich und verschwand dann in den Hinterhof, um mit den Tieren zu spielen oder zu lesen.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Zum ersten Mal \u00fcberlegte ich, was ich in Deutschland alles ersetzen muss. Es machte mich nicht traurig, weil ich es im Moment nicht habe, es machte mich traurig, dass es verloren ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">In der letzten Woche erlebte ich, wie die letzte Nussbei\u00dfertafel aufgeteilt wurde und wie meine Mutter anfing, Inventur zu machen. Sie packte ihre Sachen und hatte nicht einmal einen Koffer voll. Obendrauf fing sie dann an, ihre eigenen Klamotten zu verschenken. Sie zog sie teilweise aus, nahm sie und gab sie ihren Cousinen. Ich bewunderte sie daf\u00fcr, dass sie nicht an ihre pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden hing. Lange dachte ich dar\u00fcber nach und mir fiel auf, dass sie fr\u00fcher einmal sogar ihre Heimat verlie\u00df. Mit all ihren pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden, mit so ziemlich allem, was sie besa\u00df, und ich bewunderte sie noch mehr.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Mir fiel es schwer einen Monat ohne meinen Rucksack. Ich kam aber gewiss zur\u00fcck zu meinen tausend anderen Sachen. Zudem erhielt ich nach meiner Ankunft in Berlin einen Anruf, der mir vergewisserte, dass mein Rucksack mir nach Hause zugestellt wird.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-size: 14pt\">Ich versp\u00fcrte eine unendliche Dankbarkeit.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nEine Kurzgeschichte \u00fcber Besitz und Fremdheit von Michelle Grewe &nbsp; Letzten Sommer begab ich mich auf eine Reise. 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