{"id":75,"date":"2021-03-01T18:30:40","date_gmt":"2021-03-01T17:30:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwitalk\/?p=75"},"modified":"2021-03-01T18:30:40","modified_gmt":"2021-03-01T17:30:40","slug":"teilnehmende-beobachtung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/kuwitalk\/2021\/03\/01\/teilnehmende-beobachtung-2\/","title":{"rendered":"Teilnehmende Beobachtung"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em>-Pr\u00fcfungsleistung-<\/em><br \/>\n<em>Elisa Frede\u00a0<\/em><br \/>\n<em>6042685<\/em><br \/>\n<em>Tutorium zur Einf\u00fchrung in die Ethnologie<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist 14:45, am Mittwoch den 06. Januar und ich sitze auf einer Bank mit \u00dcberdachung an der Bahn- und Busstation \u201eam Wall\u201c in Bremen. Mir gegen\u00fcber befindet sich eine Parkanlage genauso wie hinter mir. Das Wetter ist kalt und es schneit. Sehr kleine, feine Schneeflocken fallen vom Himmel und schmelzen sobald sie den Boden ber\u00fchren. Neben mir geht ein Mann auf und ab und telefoniert. Ich h\u00f6re, dass er eine Sprache spricht die ich nicht verstehe. Vor mir und hinter mir auf der Stra\u00dfe fahren Autos. Wenn die Ampel auf rot springt, halten sie an und es bildet sich eine Schlange bis die Ampel wieder gr\u00fcn wird und die Autos weiterfahren k\u00f6nnen. Ich h\u00f6re das stetige Brummen der Autos auf der nassen Strasse und die Stimme des Mannes neben mir. Ich habe eine Maske auf und merke, dass ich dadurch nur bedingt riechen kann. Es sind wenig Menschen unterwegs. Die Bahn 1 Richtung Huchting kommt und es steigen Menschen ein und aus. Auch der Mann neben mir mit dem Telefon am Ohr steigt in die Bahn, ein Mensch rennt an der Unterstellung, in der ich sitze vorbei und steigt schnell ein. Die Bahn f\u00e4hrt wieder los. Auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite steigt eine Frau auf ihr Fahrrad und radelt aus meinem Sichtfeld. Ein Mann kommt an die Bahnstation und stellt sich in das andere Haltestellenh\u00e4uschen mir gegen\u00fcber. Er hat seine Kapuze aufgesetzt und ist vollst\u00e4ndig in schwarz gekleidet. Mit der Hand zieht er sich seine Maske ein St\u00fcck runter und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Die andere Hand f\u00fchrt ein Feuerzeug an den Mund und er z\u00fcndet die Zigarette an. In einem anderen Haltestellenh\u00e4uschen stellt eine Frau ihre Tasche auf die Bank und faltet ihren Regenschirm zusammen. Dieser ist lila. Sie nimmt ihr Handy aus der Tasche und f\u00e4ngt an darauf zu tippen. Insgesamt gibt es vier dieser H\u00e4uschen, in jedem stehen Menschen. Ein Bus kommt und es steigt eine Frau ein und zwei M\u00e4nner aus. Der Bus f\u00e4hrt wieder. Die zwei M\u00e4nner wechseln mit z\u00fcgigen Schritten die Stra\u00dfenseite und biegen in eine Nebenstra\u00dfe. Mein Blick wandert zum Boden. Ich sehe viele Zigarettenstummel auf dem nassen B\u00fcrgersteig liegen, aufgeweicht und zertreten. Eine durchsichtige Platikverpackung liegt neben dem M\u00fclleimer. Es windet sehr und ein paar Schneeflocken fliegen mir in das Gesicht. Der Bus an der Haltestelle mit gegen\u00fcber kommt und es steigen alle ein. Nun ist niemand mehr auf der anderen Seite. An der Station an der ich sitze kommt die n\u00e4chste Bahn und wieder steigen Menschen ein und aus. Ein Junge stellt sich mit unter den Unterstand. Ich will ihn gerade genauer mustern, da kommt schon ein anderer Junge. Die beiden begr\u00fc\u00dfen sich, wechseln ein paar Worte und gehen gemeinsam von dannen. Wieder kommen neue Menschen an die Bahnstation. Alle sind sie sehr warm angezogen, viele haben einen Regenschirm dabei, ein paar wenige stellen sich unter. Sie alle tragen einen Mundschutz. Sie stellen sich mit viel Abstand zu den anderen an die Bahnstation oder gehen auf und ab. Der n\u00e4chste Bus kommt und alle steigen ein. Erneut ist es menschenleer. Ich schaue auf die Uhr, denn langsam friere ich sehr, obwohl ich mich extra warm angezogen habe.<br \/>\nEine Joggerin kommt aus dem Park und joggt zur Ampel. W\u00e4hrend sie darauf wartet, dass es gr\u00fcn wird, l\u00e4uft sie auf der Stelle. Eine Frau kommt an die Bahnstation. Sie tr\u00e4gt hohe Abs\u00e4tze, die ich bis zu mir klackern h\u00f6re. Ich schaue mich um und registriere zum ersten Mal das Haus mir gegen\u00fcber. Es ist klein und hat drei wei\u00dfe T\u00fcren, die alle geschlossen sind. Oben h\u00e4ngt ein Schild auf dem \u201eWallanlagen eine Zeitreise\u201c steht. Die n\u00e4chste Bahn kommt und es steigen ein Mann und eine Frau aus die sich in dem H\u00e4uschen unterstellen, in dem ich sitze. Die beiden reden sehr laut und schnell miteinander, in eine fremden Sprache. Die Frau tr\u00e4gt ein gemustertes wei\u00dfes Kleid und einen orangenen Mantel aus Pelz. Jetzt setzt sich die Frau auf die Bank neben mich und der Mann und sie schweigen. Es schneit noch immer. Der n\u00e4chste Bus kommt und f\u00e4hrt dann wieder. Der Mann und die Frau neben mir fangen wieder miteinander an zu sprechen. Beide werden sie lauter. Sie sch\u00fcttelt immer wieder den Kopf und runzelt die Stirn. Der Mann unterbricht sie oft, wenn sie etwas sagt. Wieder kommt ein Bus. Mir f\u00e4llt auf, dass die Bahn wohl Versp\u00e4tung hat die normalerweise in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden von ein Paar Minuten kommt. Der Schnee ist inzwischen Schneeregen. Die Frau neben mir springt pl\u00f6tzlich auf und gestikuliert mit ihren H\u00e4nden, w\u00e4hrend sie auf den Mann einredet. Dann kommt die Bahn und beide steigen sie ein. Wieder bin ich alleine an der Station. Ein Mann kommt an die gegen\u00fcberliegende Bahnstation und schaut mich an. Ich versuche ihn anzul\u00e4cheln, doch sieht er das unter meiner Maske gar nicht. Er z\u00fcndet sich eine Zigarette an und wendet sich von mir ab. F\u00fcnf weitere Menschen kommen an die Haltestelle. Ich sehe auf die Uhr und stelle fest, dass bereits eine Stunde vergangen ist. Hiermit beende ich die Beobachtung.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Interpretation der Beobachtung:<br \/>\nDie Menschen die an die Haltestelle kamen, hatten alle einen neutralen bis angespannten Gesichtsausdruck. Kein einziger hat gelacht oder gl\u00fccklich gewirkt. Nach meiner Wahrnehmung waren viele der Menschen etwas gestresst. Alle hielten sich an die momentanen Ma\u00dfnahmen, trugen einen Mundschutz und hielten zu anderen Menschen mehrere Meter Abstand. Alle waren sie sehr wachsam. Dies schlie\u00dfe ich daraus, dass jeder seine Umgebung im Blick behielt, sie beobachteten sich gegenseitig und sobald jemand zu nahe kam, ging der jeweils andere einige Schritte mehr auf Abstand.<br \/>\nWas mir am meisten auffiel, war dass jeder der Personen nicht l\u00e4nger als ein paar Minuten blieb. Jeder wartete entweder auf den Bus oder die Bahn und verlie\u00df den Ort nach kurzer Zeit wieder.<br \/>\nMarc Aug\u00e9 definiert solch eine Haltestelle als einen Nicht-Ort. Dadurch das dieser \u00f6ffentliche Ort nur dazu dient auf einen Bus oder eine Bahn zu warten, ist er fremd und austauschbar. Transitr\u00e4ume haben keine individuelle Geschichte, sie sind anonym, ohne wirkliches Leben und gleichen den jeweils anderen Transitr\u00e4umen, wie in diesem Fall die Haltestelle aussieht wie fast jede Haltestelle.<br \/>\nAn diese Definition Aug\u00e9s musste ich denken, als ich eine Stunde in dem H\u00e4uschen sa\u00df, immer wieder Bahnen und Busse kamen, Menschen ein- und ausstiegen, mit den anderen Menschen kaum interagierten und m\u00f6glichst schnell den Ort wieder verlie\u00dfen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ich habe sehr verstanden, was Aug\u00e9 meint. Nach gut einer halben Stunde habe ich mich an diesem Ort einsam gef\u00fchlt. Dies tr\u00fcbte vielleicht meinen Blick auf die anderen Personen, welche in meinen Augen traurig oder nachdenklich schienen. Auch beeinflusste das kalte und windige Wetter eventuell meine Wahrnehmung, sodass der Ort sehr trostlos auf mich wirkte. An einem Tag voller Sonnenschein mit warmen Temperaturen w\u00e4re mir die Haltestelle vielleicht sogar wie ein fr\u00f6hlicher Ort erschienen. \u2028 Ich habe in dieser Beobachtung bewusst mit niemandem interagiert (au\u00dfer der eine Blickkontakt mit dem Mann, den ich anl\u00e4chelte) und keine Menschen angesprochen. \u2028 Dies lag daran, dass einen Tag vorher sch\u00e4rfere Ma\u00dfnahmen f\u00fcr den momentanen Lockdown beschlossen wurden und ich deswegen niemandem zu nahe kommen wollte. Meine Bef\u00fcrchtung war, dass sich angesprochene Personen eventuell unwohl f\u00fchlen oder negativ auf Fragen, wie \u201eWo wollen sie hinfahren?\u201c Oder \u201eWas genau machen sie hier?\u201c Reagieren w\u00fcrden.<br \/>\nInsgesamt l\u00e4sst sich sagen, dass die teilnehmende Beobachtung mir die Erkenntnis brachte, dass Haltestellen Orte sind, an denen Menschen zwar anwesend sind, aber nicht wirklich da, weil sie immer m\u00f6glichst schnell wieder fahren. Es sind fast schon Zwischen-R\u00e4ume. Und in diesen Zwischenr\u00e4umen ist das einzige, was Menschen dort tun, zu warten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>-Pr\u00fcfungsleistung- Elisa Frede\u00a0 6042685 Tutorium zur Einf\u00fchrung in die Ethnologie &nbsp; Es ist 14:45, am Mittwoch den 06. Januar und ich sitze auf einer Bank mit \u00dcberdachung an der Bahn- und Busstation \u201eam Wall\u201c in Bremen. 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