Mit den Augen riechen

Geruchsbilder seit der Renaissance

An der Ausstellung hat mich das Thema „Riechen“ besonders interessiert, weil nach zwei Jahren Pandemie und die damit verbundene Maskenpflicht, den Alltag beeinflusst. Ich finde die Idee, auf das derzeit etwas unterforderte Sinnesorgan, die Nase etwas näher einzugehen, sehr erfrischend.
Die Menschen verlieren häufig ihren Geruchs- und Geschmackssinn bei einer Infektion. Viele dieser Menschen haben noch Monate später, eine eingeschränkte Funktion der Nase.
Ich habe mich gefragt, was es für mich bedeutet, wenn nun das Riechen plötzlich wegfiele und die Gerüche des Alttags, damit nicht mehr wahrzunehmen wären.
Mir fiel sofort ein, dass durch Gerüche aus dem alltäglichen Leben, welche ich unbewusst wahrnehme, viele Momente aus der Vergangenheit, Menschen oder Orte als Erinnerungen, in mir aufsteigen und Bilder und auch Gefühle, in mir hervorrufen können.
Dieser Effekt, der plötzlich eine ganz bestimmte Erinnerung hervorruft, nennt sich auch Madeleine – Effekt oder Proust – Effekt.
In dem Buch, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, fühlt sich der Ich – Erzähler, zurück in seine Kindheit transportiert, wenn er eine Madeleine, (ein französisches Gebäck) in seinen Lindenblütentee tunkt und sie isst. 
Der Geruchssinn ist etwas sehr spontanes und hat etwas von „kindlicher“ Energie. Jedes Mal, wenn ich den intensiven Geruch von Kaffeepulver rieche, dann erinnere ich mich daran, wie ich als Kind, meinen Vater auf seiner Arbeit besucht habe. Dort wurde Kaffee geröstet und probiert. 
Wenn ich heutzutage auf meiner Arbeit einen frischen Tee aus Minze zubereite, dann erinnere ich mich, an meinen Urlaub in Marokko, wo ich den Geruch von frischer Minze oft und intensiv wahrgenommen habe. Wenn ich den Geruch eines Kaminfeuers wahrnehme, versetzt mich dieser jedes Mal zurück, in die Weihnachtszeit meiner Kindheit.

Meine ersten Berührungspunkte mit dieser Ausstellung, waren die in der Stadt aufgebauten Dufthäuser. Dort lagen die duftenden Flyer bzw. Broschüren aus. 
Interessant hierbei finde ich, dass der Geruchssinn, anders als das Sehen oder Hören, weniger intellektualisiert ist. Das Riechen ist etwas fast animalisches.

Andererseits

waren Düfte in der Geschichte stark mit religiösen Riten verknüpft. Daher auch der Ursprung des Wortes „Parfum“.
lat. per – durch
lat fumare – rauchen, räuchern
Sinngemäß: Durch den Rauch, aus dem Rauch (Weihrauch)


Ich habe bereits, vor meinem Besuch der Ausstellung,gesehen, dass der „Fischmarkt“ von Richard Earlom, Teil der Ausstellung sein würde.
Ich musste, an das Buch „Das Parfum“ ,von Patrick Süskind denken, während ich das Bild sah und mir vorstellte, wie die dargestellte Szene wohl von mir, durch meine Nase wahrgenommen wäre, wäre ich dort gewesen. Aus diesem Grund, habe ich mir das Buch zu der Ausstellung mitgenommen. Gleich zu Beginn des Romans, landet man auf einem Fischmarkt. Dort wird der Protagonist des Buches geboren. So wie in diesem Roman, habe ich noch nie zuvor, eine so intensive und dichte Beschreibung von Gerüchen lesen können. Die Szene auf dem Bild, erinnert an diese Beschreibung der Gerüche im Buch. Es erschien mir ein Stück, als hätte diese hier dargestellt sein können. Ich habe mir, während des Betrachtens, Notizen gemacht und passende Beschreibungen im Buch herausgeschrieben. In dem Buch heißt es, dass am allermeist stinkendsten Ort des gesamten Königreichs, der Protagonist Jean-Baptist Grenouille geboren worden wäre. Es geschah, während seine Mutter an der Fischbude stand und Weißlinge schuppte. (vgl. Das Parfum, Süskind S.7) 
„Die Menschen stanken nach Schweiß“ (vgl. Das Parfum, Süskind S. 6) 
„Es stank der gesamte Adel, sogar der König stank…“ (vgl. Das Parfum, Süskind S. 6)
„Und so gab es keine menschliche Tätigkeit, keine aufbauende und zerstörende, keine Äußerungen des aufkeimenden und verfallenden Lebens, die nicht von Gestank begleitet gewesen wären.“ (vgl. Das Parfum, Süskind S. 6)
„Und innerhalb von Paris gab es wiederum einen Ort, an dem der Gestank ganz besonders infernalisch herrschte,…“ (vgl. Das Parfum, Süskind S. 6)
„Die Fische, angeblich erst am Morgen aus der Seine gezogen, stanken bereits so sehr, dass ihr Geruch den Leichengeruch überdeckte.“ (vgl. Das Parfum, Süskind S. 6)

Mich hat das Bild, aufgrund dieser Assoziation zu dem Roman, interessiert. Ich habe den Roman wiederum unter anderem deswegen gerne gelesen, weil mir die dichte Beschreibung der Gerüche, ein Eintauchen in das Buch ermöglicht haben und mir literarisch gefallen. Die vielen Details auf dem Bild, bieten mir ebenfalls die Möglichkeit, mich darin zu verlieren und lassen ein Abtauchen, in die dargestellt Situation zu. Ich denke, die in beiden Werken dargestellte Epoche,

steht für ein Zeitalter, in dem die Welt aus vielen schlechten Gerüchen bestanden haben wird. Ich glaube, heutzutage kann man sich das Riechen vieler dieser Gerüche nicht mehr vorstellen.
Zu Van der Vliet’s „Geruchssinn“ habe ich mir folgende Notizen gemacht, währenddessen versucht zu erklären, wie ich das Bild interpretiere und sie letztlich abgetippt: 
Eine frühe Darstellung , des subjektiv geprägten Geruchsempfindens, der dort abgebildeten Menschen und Tiere. Der Tabakgenuss des Mannes ist der Verdruss.
Mir fallen Redewendungen ein, wie z.B. „jemanden nicht riechen können“, wenn ich den Hund auf dem Bild betrachte „Die Nase voll haben“ fällt mir ein, wenn ich die Frau rechts ansehe. Auch in diesen Redewendungen wird deutlich, dass man quasi machtlos, gegenüber seinen eigenen Duftpräferenzen ist. Man kann sich nicht entscheiden, einen Geruch zu mögen.
Auch der Maler, schien sich der spontanen und subjektiven Qualität des Geruchsinns, bewusst gewesen zu sein. Der Kupferstich ist Teil einer Serie von fünf Blättern. 
Jeder Kupferstich beschäftigt sich, mit einem der Sinne. Die übrigen vier Darstellungen, weisen keine humoristischen Elemente auf, diese hat der Künstler ausschließlich auf die Nase verwandt.
Heute, 500 Jahre später, wissen wir, dass Hormone im Schweiß und andere Gerüche, tatsächlich eine relevante Rolle, bei der Beurteilung unseres Gegenübers spielen.

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Kategorisiert als Allgemein

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