{"id":19,"date":"2025-04-15T09:00:39","date_gmt":"2025-04-15T07:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/julienschnick\/?p=19"},"modified":"2025-04-15T09:00:39","modified_gmt":"2025-04-15T07:00:39","slug":"rv02-blogeintrag-zum-14-04-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/julienschnick\/2025\/04\/15\/rv02-blogeintrag-zum-14-04-2025\/","title":{"rendered":"RV02-Blogeintrag zum 14.04.2025"},"content":{"rendered":"<p class=\"\" data-start=\"277\" data-end=\"613\"><strong>1)<\/strong> In meiner eigenen Schulzeit habe ich zwei zentrale Ma\u00dfnahmen erlebt: Zum einen war die Schule Teil der Initiative <em data-start=\"391\" data-end=\"437\">\u201eSchule ohne Rassismus \u2013 Schule mit Courage\u201c<\/em> (SOR-SMC). Im Sinne dieses Projekts wurde eine Themenwoche zum Thema Antisemitismus durchgef\u00fchrt. Dabei standen Informationsveranstaltungen und Projektarbeiten im Mittelpunkt.<\/p>\n<p class=\"\" data-start=\"615\" data-end=\"1691\">Die Ma\u00dfnahmen lassen sich nicht eindeutig einer einzigen p\u00e4dagogischen Str\u00f6mung zuordnen, sondern weisen Merkmale mehrerer Modelle auf. Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich sagen, dass die Initiative prim\u00e4r auf die Prinzipien <em>interkultureller Bildung<\/em> zur\u00fcckgreift. Hier steht die F\u00f6rderung von Dialog, Begegnung und kultureller Sensibilisierung im Zentrum. Dazu muss gesagt sein, dass in der Grundschule eher auf <em>kulturellen Austausch<\/em> gesetzt wird \u2013 etwa durch Kochkurse oder Pr\u00e4sentationen kultureller Br\u00e4uche. In der Oberstufe, in der ich meine Erfahrung machen durfte, liegt der Fokus st\u00e4rker auf <em>kritischer Auseinandersetzung und Reflexion<\/em>. Hierbei werden beispielsweise Workshops mit externen Expert:innen, Podiumsdiskussionen zu Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen sowie biografische Zug\u00e4nge wie Zeitzeugengespr\u00e4che oder Projekttage mit Betroffenen organisiert. Ziel ist es, die eigene Haltung zu reflektieren, Privilegien zu hinterfragen und Diskriminierungsformen als gesellschaftliche Strukturen zu erkennen \u2013 nicht nur als individuelles Fehlverhalten.<\/p>\n<p class=\"\" data-start=\"1693\" data-end=\"2991\">In Bezug auf das theoretische Vergleichsmodell zeigt sich dabei Folgendes: In der Diagnose des Problems orientiert sich die Ma\u00dfnahme an Differenz und kultureller Unterschiedlichkeit \u2013 ein zentrales Merkmal der <em data-start=\"1915\" data-end=\"1941\">interkulturellen Bildung<\/em>. Gleichzeitig werden auch Elemente antirassistischer Bildung aufgegriffen, durch die explizite Thematisierung von Diskriminierung und die Bezeichnung als systematisches Ph\u00e4nomen <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/julienschnick\/files\/BIPEB25_RV02_.pdf\">(vgl. Fantini 2025, Folie 7)<\/a>. Die Adressat:innen sind nicht nur Sch\u00fcler:innen mit Migrationsgeschichte, sondern \u2013 wie es in der interkulturellen und antirassistischen P\u00e4dagogik intendiert ist \u2013 alle Lehrenden und Lernenden, oftmals wird sogar die Institution Schule als Ganzes adressiert. In der Praxis lassen sich in der Grundschule vor allem kulturvermittelnde Elemente und in der Oberstufe dialogorientierte Elemente beobachten, die Teil der Interkulturellen Bildung sind, zeitgleich gibt es Elemente wie kritische Analyseformate aus der rassismuskritischen Bildung. Die Ziele dieser Ma\u00dfnahmen liegen \u00fcberwiegend in der Anerkennung von Heterogenit\u00e4t, gleichzeitig wird ein aktives Eintreten gegen Rassismus gef\u00f6rdert, was an das Ziel der Dekonstruktion rassistischer Strukturen anschlie\u00dft. Das zugrundeliegende Gesellschaftsbild schwankt dementsprechend zwischen dem Ideal einer heterogenen und einer diskriminierungsfreien Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"\" data-start=\"2993\" data-end=\"3812\">Allerdings bleibt ein zentrales Problem bestehen: Die Rassismuskritik verlangt mehr als symbolisches Engagement. Es geht nicht nur um \u201egutes Verhalten\u201c, sondern um eine kritische Analyse struktureller Machtverh\u00e4ltnisse und die Frage, wie Rassismus im Schulalltag produziert und reproduziert wird <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/julienschnick\/files\/Vortrag_Fereidooni_01.04.2025_Bremen_.pdf\">(vgl. Fereidooni, Folie S.\u202f24 ff<\/a>.; <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/julienschnick\/files\/Antidiskriminierungsberatung-in-der-Praxis.-Standards-fuer-eine-qualifizierte-Antidiskriminierungsberatung-ausbuchstabiert.-Eine-Publikation-des-Antidiskriminierungsverbands-Deutschland-advd.pdf\">Bartel o.\u202fD., S.\u202f15)<\/a>. Hier bleibt die Initiative oftmals auf einer affirmativen (best\u00e4tigenden) Ebene stehen \u2013 sie feiert Vielfalt, ohne tiefgreifende Selbstreflexion oder strukturelle Ver\u00e4nderungen systematisch zu f\u00f6rdern. Da die Auseinandersetzung mit den Themen meist nur an Themenwochen oder besondere Gedenktage gekoppelt ist, bleibt die langfristige, kontinuierliche Besch\u00e4ftigung mit Diskriminierung aus \u2013 was zu einem Verlust an Relevanz f\u00fchren kann <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/julienschnick\/files\/Antidiskriminierungsberatung-in-der-Praxis.-Standards-fuer-eine-qualifizierte-Antidiskriminierungsberatung-ausbuchstabiert.-Eine-Publikation-des-Antidiskriminierungsverbands-Deutschland-advd.pdf\">(vgl. Bartel o.\u202fD., S.\u202f14\u202ff.)<\/a>.<\/p>\n<p class=\"\" data-start=\"3814\" data-end=\"4629\">Besonders deutlich wird dies auch bei der Behandlung von Antisemitismus: Dieser wird \u00fcberwiegend historisch kontextualisiert, insbesondere mit Blick auf die NS-Zeit. Der Bezug zu aktuellen Diskriminierungsformen, beispielsweise gegen\u00fcber j\u00fcdischen oder muslimischen Jugendlichen, bleibt oft aus. Dadurch wird die Verbindung zwischen der Vergangenheit und gegenw\u00e4rtigen rassistischen Strukturen nicht ausreichend hergestellt, was zur Relativierung heutiger Diskriminierungserfahrungen f\u00fchren kann. Um diesem Mangel zu begegnen, braucht es eine konsequente Einbindung intersektionaler Perspektiven <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/julienschnick\/files\/walgenbach_2016_intersektionalitaet.pdf\">(vgl. Walgenbach 2016, S.\u202f212)<\/a> \u2013 also eine Sichtweise, die unterschiedliche Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse (wie Ethnizit\u00e4t, Geschlecht, soziale Herkunft) in ihrem Zusammenspiel begreift.<\/p>\n<p data-start=\"3814\" data-end=\"4629\"><strong>2)<\/strong> Inwieweit ist rassismuskritische Bildungsarbeit im Schulalltag verankert \u2013 oder bleibt sie auf vereinzelte Aktionen und Projekttage beschr\u00e4nkt? Wie konsequent werden Diskriminierung und Machtverh\u00e4ltnisse auch im regul\u00e4ren Unterricht, in Lehrpl\u00e4nen, in Schulregeln oder im Kollegium thematisiert und bearbeitet?<\/p>\n<p data-start=\"3814\" data-end=\"4629\"><strong>3)<\/strong> Die Reflexion aus Aufgabe 1 zeigt, dass die Ma\u00dfnahmen zwar wichtige Impulse setzen k\u00f6nnen, jedoch h\u00e4ufig an der Oberfl\u00e4che bleiben. Ein zentrales Problem der Umsetzung besteht darin, dass Diskriminierung oft nur punktuell \u2013 etwa im Rahmen von Projektwochen \u2013 thematisiert wird, w\u00e4hrend die dauerhafte, systematische Auseinandersetzung mit etwa strukturellen Ungleichheiten im Schulalltag ausbleibt. Um diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen, braucht es konkrete Schritte zur Weiterentwicklung von Schule und Unterricht, die sich an einer rassismuskritischen und intersektionalen Bildung orientieren.\u00a0Es reicht also nicht aus, sich symbolisch gegen Rassismus zu positionieren, vielmehr m\u00fcssen Schulen als Institutionen selbstkritisch hinterfragen, wie sie konkret\u00a0 Reproduktion von Ausschl\u00fcssen beitragen, dies kann bspw. durch die Auswahl von Lehrmaterialien oder durch mangelnde Repr\u00e4sentation marginalisierter Gruppen passieren. Rassismuskritik verlangt die bewusste Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien und institutionellen Machtverh\u00e4ltnissen, dies muss sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene geschehen.<\/p>\n<p data-start=\"3814\" data-end=\"4629\">Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Einbeziehung intersektionaler Perspektiven <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/julienschnick\/files\/walgenbach_2016_intersektionalitaet.pdf\">(vgl. Walgenbach 2016, S. 212)<\/a>. Diskriminierung sollte nicht nur entlang einzelner Kategorien \u2013 etwa Ethnie \u2013 betrachtet werden, sondern im Zusammenspiel mit anderen sozialen Ungleichheiten wie Geschlecht, sozialer Herkunft, Behinderung oder Religion. Eine differenzierte Aufschl\u00fcsselung dieser verschiedenen Marginalisierungsbereiche erm\u00f6glicht ein tieferes Verst\u00e4ndnis und eine umfassendere Aufkl\u00e4rung als ein Unterricht, der Differenz ausschlie\u00dflich kulturell denkt. Neben den bereits genannten Ma\u00dfnahmen braucht es auch institutionelle Strukturen, die eine dauerhafte und langfristige Auseinandersetzung mit Diskriminierung sicherstellen. Dazu z\u00e4hlen beispielsweise Feedbackformate zu Diskriminierungserfahrungen, regelm\u00e4\u00dfige Fortbildungen im Kollegium sowie die Einrichtung einer Antidiskriminierungsstelle innerhalb der Schule.<\/p>\n<p data-start=\"1901\" data-end=\"2280\">Quellen:<\/p>\n<p data-start=\"1901\" data-end=\"2280\">Walgenbach K. (2016). <em>Intersektionalit\u00e4t als Paradigma zur Analyse von Ungleichheits-, Macht und Normierungsverh\u00e4ltnissen.<\/em> In: Vierteljahresschrift f\u00fcr Heilp\u00e4dagogik und ihre Nachbargebiete. S. 211-224. M\u00fcnchen: Ernst Reinhardt Verlag<\/p>\n<p data-start=\"1901\" data-end=\"2280\">Fereidooni K. (2025). Rassismuskritik \u2013 Was muss ich wissen? Was kann ich tun? Was kann meine Schule leisten?. Vortrag, Ruhr-Universit\u00e4t Bochum.<\/p>\n<p data-start=\"1901\" data-end=\"2280\">Aktion Courage e.V. (o.j.). <em>Netzwerk.<\/em> Abgerufen am 14.04.2025 von Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage. https:\/\/hfph.de\/studierende\/archiv-lehrveranstaltungen\/wintersemester-2014-15\/anthropozentrismus-wer-oder-was-zaehlt-in-der-ethik<\/p>\n<p data-start=\"1901\" data-end=\"2280\">Fantini C. (2025). 2. Grundlagen zum Umgang mit soziokultureller Heterogenit\u00e4t in Schule. Vortrag, Universit\u00e4t Bremen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1) In meiner eigenen Schulzeit habe ich zwei zentrale Ma\u00dfnahmen erlebt: Zum einen war die Schule Teil der Initiative \u201eSchule ohne Rassismus \u2013 Schule mit Courage\u201c (SOR-SMC). Im Sinne dieses Projekts wurde eine Themenwoche zum Thema Antisemitismus durchgef\u00fchrt. Dabei standen Informationsveranstaltungen und Projektarbeiten im Mittelpunkt. 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