{"id":24,"date":"2019-05-26T14:40:51","date_gmt":"2019-05-26T12:40:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/jannatimm\/?p=24"},"modified":"2019-05-26T14:46:48","modified_gmt":"2019-05-26T12:46:48","slug":"inklusion-foerderschwerpunkte-und-sonderschulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/jannatimm\/2019\/05\/26\/inklusion-foerderschwerpunkte-und-sonderschulen\/","title":{"rendered":"Inklusion, F\u00f6rderschwerpunkte und Sonderschulen"},"content":{"rendered":"<ol>\n<li><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">Reflektieren Sie die Konsequenzen der Aussonderung von Sch\u00fcler\/-innen mit F\u00f6rderbedarf.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">Welche Informationen sind in der Diagnose \u201eF\u00f6rderschwerpunkt Wahrnehmung&amp; Entwicklung\u201c bzw. \u201eF\u00f6rderschwerpunkt Lernen\u201c enthalten? Welche Informationen ben\u00f6tigen Sie von einer Sch\u00fcler\/-in um Ihren Unterricht ggf. anzupassen?<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">Wie k\u00f6nnen Sie der Vielfalt der Sch\u00fcler\/-innen gerecht werden und welche Verb\u00fcndeten k\u00f6nnen sie dazu gewinnen?<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">Warum stellte die Entwicklung der Sonderschulen historisch betrachtet einen Fortschritt dar? (vgl. Feuser in M\u00fcller 2019)<\/span><\/li>\n<\/ol>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">1. Die Aussonderung von SuS mit F\u00f6rderbedarf ist keine Inklusion. Damit ist nicht nur die Aussonderung von Menschen mit F\u00f6rderbedarf in F\u00f6rderschulen gemeint, sondern auch konkret die Aussonderung im Unterricht einer vermeintlich inklusiven Schule. Die Konsequenzen dieser Aussonderung fallen nicht nur zu Lasten der f\u00f6rderbed\u00fcrftigen SuS aus, sondern auch zum Nachteil der Lehrkr\u00e4fte, Mitsch\u00fclerInnen und tats\u00e4chlich auch der Gesellschaft. Die f\u00f6rderbed\u00fcrftigen SuS k\u00f6nnten sich weiterhin ausgegrenzt f\u00fchlen und dar\u00fcber hinaus auch keine engeren Kontakte kn\u00fcpfen, die ihnen bei der Inklusion in die Gesellschaft helfen w\u00fcrden. Die Mitsch\u00fclerInnen lernen, dass ein F\u00f6rderbedarf etwas \u201eAnderes\u201c bedeutet und k\u00f6nnten zwangsl\u00e4ufig die falschen stigmatisierenden Schl\u00fcsse ziehen, wobei ihnen eine m\u00f6gliche Freundschaft oder zus\u00e4tzliches Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber anderen Menschen verloren geht. Die Lehrkr\u00e4fte wachsen nicht an der Herausforderung und gehen nicht mit der Situation um, sondern w\u00e4lzen die Aufgabe auf P\u00e4dagogInnen ab. Betrachtet man die Auswirkungen dieses Systems auf gro\u00dfer, gesellschaftlicher Ebene, so l\u00e4sst sich erkennen, dass die fehlerhafte Inklusion nicht zu einer echten Inklusion f\u00fchrt. Die Vielfalt einer Gesellschaft kann nur positiv sein, wenn es nicht mehrere vielf\u00e4ltige Gesellschaftsgruppen gibt die nebeneinander existieren aber nicht kooperieren. Eine echte Inklusion f\u00fchrt zu einer kooperierenden Vielfalt unserer Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">2. Die Diagnose \u201eF\u00f6rderschwerpunkt Wahrnehmung &amp; Entwicklung\u201c (in anderen Bundesl\u00e4ndern: \u201eF\u00f6rderschwerpunkt geistige Entwicklung\u201c) beschreibt eine Ansammlung unterschiedlicher F\u00f6rderbedarfe in unterschiedlichen Entwicklungsbereichen, wie zum Beispiel Sprache, Denken und Handeln. Eine M\u00f6glichkeit diesen F\u00f6rderschwerpunkt zu diagnostizieren w\u00e4re das ermitteln des Intelligenzquotienten, was jedoch nicht immer ein aussagekr\u00e4ftiges Ergebnis produzieren muss<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Menschen mit dem F\u00f6rderschwerpunkt Wahrnehmung und geistige Entwicklung lernen zieldifferent, was bedeutet, dass sie andere Lernziele gesetzt bekommen, als ihre Mitsch\u00fcler. In Kontrast dazu steht das zielgleiche Lernen von SuS mit F\u00f6rderbedarf, bei dem die Lernenden beispielsweise Nachteilsausgleiche bekommen aber trotzdem dasselbe Ziel verfolgen wie ihre Mitsch\u00fcler. Auch die Diagnose \u201eF\u00f6rderschwerpunkt Lernen\u201c f\u00fchrt zu einem zieldifferenten Lernen. Darunter fallen erneut eine Menge unterschiedlicher Erscheinungsbilder, wie zum Beispiel Lese-Rechtschreib-Schw\u00e4che oder Entwicklungsprobleme in anderen schulischen F\u00e4higkeiten. Diese Informationen k\u00f6nnen jedoch eher wenig \u00fcber die einzelnen Sch\u00fcler\/-innen aussagen. Sie beschreiben weder die genaue Art und Weise des F\u00f6rderungsbedarfs, noch geben sie Auskunft \u00fcber die Talente und Schwierigkeiten des Individuums. Sie geben im besten Falle eine grobe Idee von den m\u00f6glichen Anforderungen an die Lehrkraft und im schlechtesten Falle ein vereinfachtes und stereotypisierendes Bild von einem komplexen Individuum. Die weiteren Informationen, die ich als Lehrkraft ben\u00f6tigen w\u00fcrde, sind unter anderem der Lernstand des Sch\u00fclers oder der Sch\u00fclerin (Auskunft von SuS selbst oder LehrerInnen der vorherigen Schule), die Interessen und F\u00e4higkeiten (Auskunft vom SuS selbst oder von Eltern), m\u00f6gliche medizinische oder familiengeschichtlichen Hinweise (Auskunft von den Eltern) und Verhalten innerhalb des Unterrichts (Beobachtung von mir selbst). Vor allem das eigene Kennenlernen der Person w\u00e4re sehr wichtig, um sich selbst ein Bild zu machen was der bestimmte F\u00f6rderschwerpunkt \u00fcberhaupt bedeutet.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">3. Dem F\u00f6rderbedarf unterschiedlicher Sch\u00fcler\/-innen gerecht zu werden ist eine schwere Aufgabe, die mir nach dieser Vorlesung jedoch nicht mehr so unm\u00f6glich erscheint wie vorher. Zwar ist es nicht immer m\u00f6glich, jeden SuS f\u00fcr jedes Fach zu begeistern, da man an pers\u00f6nlichem Interesse als Lehrkraft nur bedingt etwas \u00e4ndern kann, dennoch ist es m\u00f6glich interessierten SuS mit unterschiedlichen F\u00f6rderschwerpunkten gerecht zu werden. Die Angebote die man als Lehrkraft macht, sind dabei entscheidend. Man kann f\u00fcr die meisten Themen innerhalb eines Unterrichts unterschiedliche Lernangebote an die Lernenden machen. Die Vermittlung von Lerninhalten kann hierbei beispielsweise visuell erfolgen, zum Beispiel durch Videos, oder auditiv, zum Beispiel durch Vorlesen oder Erz\u00e4hlen. In einigen F\u00e4chern ist es sogar m\u00f6glich kin\u00e4sthetisch\/motorisch zu lehren, zum Beispiel durch das basteln im Kunstunterricht. Auch kommunikatives Lernen ist ein m\u00f6gliches Lernangebot, indem man selbst mit den Sch\u00fclern arbeitet und spricht, oder sie in Gruppen ein Thema ausarbeiten l\u00e4sst. Mit diesen und weiteren Lernangeboten ist es m\u00f6glich, unterschiedlichen SuS gerecht zu werden und dar\u00fcber hinaus auch Abwechslung zu bieten. Dies erfordert ein gutes Situationsbewusstsein und eine gewisse Anpassungsf\u00e4higkeit, gepaart mit Kreativit\u00e4t. Doch man muss diese Aufgabe nicht allein bew\u00e4ltigen. Die wichtigsten Menschen, die einem beim Meistern dieser Herausforderung helfen k\u00f6nnen, sind eindeutig der Sch\u00fcler oder die Sch\u00fclerin und die jeweiligen Eltern. Mit der regelm\u00e4\u00dfigen Kommunikation zwischen allen Parteien sollten sich L\u00f6sungen f\u00fcr viele aufkommende Fragen finden. Auch die Unterst\u00fctzung und Vernetzung mit Kollegen und Kolleginnen (auch au\u00dferhalb der eigenen Schule), mit und ohne Erfahrung in diesem Bereich, bringt Unterst\u00fctzung, Anregungen und neue Ideen ein. Zu guter Letzt ist ein offener Umgang mit den Themen rund um F\u00f6rderbedarf und F\u00f6rderung in inklusiven Klassen sehr wichtig. Mitsch\u00fclerInnen sollten nicht nur Verst\u00e4ndnis lernen, sondern auch Wissen und Aufkl\u00e4rung \u00fcber diese Themen erwerben, um Stigmatisierung vorzubeugen und die eigene inklusive Arbeit als Lehrenden einfacher zu gestalten.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">4. Die historische Wichtigkeit der Einf\u00fchrung von Sonderschulen ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Auch wenn sie heute ein immer mehr veraltendes Mittel an F\u00f6rderung sind, so waren sie doch ein erster Schritt zur Anerkennung von behinderten Menschen. Das Interview von Georg Feuser (in M\u00fcller 2019), in dem er seinen Werdegang und Erfahrungen mit Inklusion und Exklusion beschreibt, ist in dieser historischen Betrachtung ein wichtiger Zeitzeugenbericht. Dennoch wollte ich vor allem meinen eigenen Vater (geb. 1955) zu der Frage befragen, um auch einen anderen Zeitzeugen sprechen zu lassen. Er antwortete mir in einer Email auf die oben gestellte Frage Folgendes:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\"><em>\u201eIn Tangstedt (Anmerkung: sein Geburtsort) hatte ein Mann seine Cousine geheiratet. Von den 3 Kindern waren 2 mongoloid (Anmerkung: veraltete Bezeichnung f\u00fcr das Down Symdrom). Das \u00c4lteste war im Kuhstall angekettet und irgendwann (im Alter von ca. 13 Jahren) war er weg. Gestorben, vielleicht verhungert und niemand hat nachgefragt. Andererseits wurden Menschen auch in Deutschland mit geringen geistigen Behinderungen auf den Bauernh\u00f6fen bis an ihr Lebensende \u201ebesch\u00e4ftigt\u201c. Es hing also alles vom Grad der Behinderung und der Einstellung der Eltern ab. Sehr, sehr, sehr b\u00f6se war die Lehre, dass geistige Behinderung eine Strafe Gottes darstellt und sich die Eltern irgendwie vers\u00fcndigt hatten und deshalb das Kind behindert war und deshalb versteckt wurde. Oft wurden fr\u00fcher direkt nach der Geburt Kinder dem Vater gezeigt und wenn es behindert war oder der Vater dachte, es sei nicht von ihm, get\u00f6tet. Dass k\u00f6nnen wir heute nicht verstehen, aber fr\u00fcher hatten die Menschen viele Kinder und wenn es dann \u201eeins gekostet\u201c hat, dann war das ebenso.\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\">Da mein Vater in einem kleinen Dorf gro\u00df wurde, in dem eher Bauernfamilien lebten, ist diese Beschreibung vermutlich nicht auf ganz Deutschland anwendbar, sondern eventuell nur mit bestimmten Dorfgemeinschaften vergleichbar. Dennoch l\u00e4sst sich der Fortschritt erkennen, den Sonderschulen eingeleitet haben. Menschen mit F\u00f6rderbedarf werden heutzutage generell nicht als eine Last f\u00fcr die Gesellschaft oder gar eine Scham f\u00fcr die Familie gesehen, sondern als Menschen, die ebenso ein Recht auf Bildung haben, wie alle anderen auch.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;font-family: courier new, courier, monospace\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u201eSelbst der Erfinder der Intelligenztests, der franz\u00f6sische Psychologe Alfred Binet, hat schon um 1900 zugegeben, dass Intelligenz nicht messbar sei\u201c <a href=\"https:\/\/www.br.de\/themen\/wissen\/intelligenz-iq-test-intelligenztest-hochbegabt-100.html\">https:\/\/www.br.de\/themen\/wissen\/intelligenz-iq-test-intelligenztest-hochbegabt-100.html<\/a>, 05.07.2018<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reflektieren Sie die Konsequenzen der Aussonderung von Sch\u00fcler\/-innen mit F\u00f6rderbedarf. 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