{"id":137,"date":"2019-04-03T11:57:43","date_gmt":"2019-04-03T09:57:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/?page_id=137"},"modified":"2019-05-16T21:54:03","modified_gmt":"2019-05-16T19:54:03","slug":"konzept","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/konzept\/","title":{"rendered":"Konzept"},"content":{"rendered":"<h5>1. Idylle, Idyllisches, Idyllisierung: Idylle als Verfahren<\/h5>\n<p>\u201ePastoral eclogue is dead: long live pastoral\u201c (Fowler 1971: 214) \u2013 Alastair Fowlers Diagnose bringt einen ambivalenten Befund auf den Punkt, mit dem Idyllenforschung bis heute zu rechnen hat: Einer\u00adseits hatte die Gattung der Idylle im engeren Sinne eine recht kurze Lebensdauer, obgleich ihre Vor\u00adgeschichte, als Bukolik, bis in die Antike zur\u00fcckreicht. Andererseits pr\u00e4gen Elemente dieser Gattung bis heute Texte und andere kulturelle Artefakte bis hinein in die Alltagskultur. Aktuelle Ph\u00e4nomene wie z.B. das Wiedererstarken von Nationalismen, die Sehnsucht nach dem \u201aeinfachen Leben\u2018 oder das Ver\u00adh\u00e4ltnis von Mensch und Umwelt sind in spezifischer Weise mit idyllischen Motiven, Topoi oder Deutungsmustern verbunden, ohne dass diese Verbindung bisher ausreichend reflektiert wurde. Die\u00adse Allgegenw\u00e4rtigkeit des Idyllischen legt eine kulturwissenschaftliche Neuausrichtung der Idyllenfor\u00adschung nahe, die auch einen neuen Blick auf die Gattungsgeschichte bukolischer und idyllischer Dichtung \u2013 von Theokrit bis zur Gegenwart \u2013 erlaubt. Das Netzwerk Politiken der Idylle m\u00f6chte eine solche Neuausrichtung stimulieren und nimmt die ungebro\u00adchene Relevanz idyllischer Formen zum Anlass, der Gattung Idylle und \u201aidyllischen\u2018 Elementen in historischen wie aktu\u00adellen Texten und Zusammenh\u00e4ngen nachzugehen.<\/p>\n<p>Zu den Desideraten der Idyllenforschung, um die es nach einer vor\u00fcbergehenden Hochzeit in den 1970er und 1980er Jahren ruhig geworden ist, geh\u00f6rt die Formulierung eines begrifflichen Kon\u00adzepts, das es erlaubt, die Rede vom \u201aIdyllischen\u2018 auf eine solide Grundlage zu stellen und die Anbindung idyllischer Formen an die Gattungstradition pr\u00e4zise zu beschreiben. Das erste Ziel des Netzwerks be\u00adsteht in der Erarbeitung eines solchen Konzepts im R\u00fcckgriff auf die literaturwissenschaftliche Kate\u00adgorie des Verfahrens. Die Forschung hat bisher v.a. einzelne historische Erscheinungsformen der Idylle untersucht bzw. von diesen ausgehend versucht, allgemeine Merkmale zu beschreiben. Die Ver\u00adfahren zur Kon\u00adstruktion der \u201aidyllischen Welt\u2018 werden dabei oft unzureichend ber\u00fccksichtigt, was nicht zuletzt darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass die Idylle speziell in der deutschsprachigen Diskussion weitge\u00adhend von der bukolischen Dichtung (Vergil bis zur Fr\u00fchen Neuzeit) abgekoppelt betrachtet wird (B\u00f6schen\u00adstein 2005; Kaiser 1977; H. Schneider 1988; in germanistischen Lexika: Ecker 1998; H\u00e4ntzschel 2007; Mix 2009). Mit der Trennung der Idyllik von der durch Allegorik, Metafiktionalit\u00e4t und Artifizialit\u00e4t (dazu Iser 1993; Lobsien\/Olejniczak Lobsien 2003; Schmidt 1972; Wehle 1987) bestimm\u00adten bukolischen Dichtung und der damit einhergehenden Etablierung der Idylle des 18. Jahrhunderts als Gattungs\u00adparadigma geraten die Konstruiertheit ebenso wie die Konstruktionsprinzipien des Idyllentexts tenden\u00adziell aus dem Blick. Demgegen\u00fcber w\u00e4re die romanistische und anglistische For\u00adschung zu Buko\u00adlik, Idylle und Pastorale, in der die dezentrierte, artifizielle Welt der Renaissance- und Barockbukolik das Idyllenparadigma darstellt (Alpers 1996; Krautter 1983; Olejniczak Lobsien 2000; Wehle 2000), st\u00e4rker zu ber\u00fccksichtigen. Auch die Forschung zur antiken Hirtendichtung hat das spielerische und konstruk\u00adtive Element des Genres immer wieder betont (Albrecht 1995; Binder\/Effe 1989; Effe 1986; Miles 1986; Schmidt 1972, 1975; Skoie\/Vel\u00e1squez 2006), w\u00e4hrend ein solcher Fokus auf die \u201aGe\u00admachtheit\u2018 des textuellen Arkadiens in der Germanistik allenfalls in Ans\u00e4tzen anzutreffen ist.<\/p>\n<p>Ein anderes Problem der Idyllenforschung entsteht dort, wo etablierte Gattungssysteme ihre Verbind\u00adlichkeit verlieren und die Gattung Idylle im engeren Sinne durch literarische Formen abgel\u00f6st wird, die auf einzelne Elemente der Gattung zur\u00fcckgreifen, ohne doch als Idyllen im engeren Sinne gelten zu k\u00f6nnen. Dies geschieht in der deutschsprachigen Literatur um und nach 1800. Dem Pro\u00adblem der Dispersion idyllischer Elemente nach 1800 versuchte die Forschung mit der \u201eim einzelnen unspezifische[n] und deshalb grunds\u00e4tzlich problematische[n] Kategorie des \u201aIdyllischen\u2018\u201c (H\u00e4ntzschel 2007: 123) zu begegnen, worunter sehr unterschiedliche Dinge verstanden wer\u00adden: eine \u201eIdee\u201c (B\u00f6schenstein-Sch\u00e4fer 1977: 130), ein \u201eDenkbild\u201c (B\u00f6schenstein 2005: 119) bzw. \u201eWunschbild\u201c (Tismar 1973: 9) oder auch \u201eein aus der Gattung der Idylle abgeleiteter Komplex aus Motiv- und Strukturelementen\u201c (H\u00e4ntzschel 2007: 123). W\u00e4hrend die ersten drei Begriffsfassungen auf nicht aus\u00adreichend reflektierten epistemologischen bzw. psychologischen Annahmen aufruhen und daher schlecht f\u00fcr literaturwissenschaftliche Analysen operationalisierbar sind, drohen beim Verst\u00e4nd\u00adnis des \u201aIdyllischen\u2018 als reinem Motiv- und Strukturkomplex die spezifischen Funktionen idyllischer Elemente in Texten ebenso aus dem Blick zu geraten wie die kulturellen und diskursiven Zusammen\u00adh\u00e4nge, in die diese eingebunden sind. Produktivere M\u00f6glichkeiten, das \u201aIdyllische\u2018 zu fassen, haben etwa Bachtins \u00dcberlegungen zum literarischen Chronotopos bereitgestellt (Bachtin 2014), die den Transformationen und je spezifischen kulturellen Funktionalisierungen idyllischer Raum-Zeit-Konzepte im Roman des 19. Jahrhunderts nachgehen \u2013 damit aber nur ein Element idyllischer For\u00admung im Blick haben. Das gilt auch f\u00fcr Empsons fr\u00fchen Versuch, die Idylle als Verfahren der inszenie\u00adrenden Vereinfachung zu beschreiben (Empson 1935\/1974).<\/p>\n<p>Beide Versuche weisen der Formulie\u00adrung eines verfahrenslogischen Begriffs der Idylle und des \u201aIdyllischen\u2018 den Weg. Ein solcher Ansatz, wie er der Arbeit des Netzwerks zu Grunde gelegt werden soll, versucht Idyllen weniger anhand eines fest umrissenen Bestands \u00fcber\u00adkommener Gattungsmerkmale zu beschreiben, als sie \u00fcber ein Set von Verfahren zu begreifen, die bei der Konstruktion idyllischer Texte zum Tragen kommen. Indem der Akzent von der Identit\u00e4t des Idyllischen hin zur Performativit\u00e4t des \u201aIdyllisierens\u2018 verschoben wird, l\u00e4sst sich auch die Funktio\u00adna\u00adlit\u00e4t dieser Verfahren in den Blick nehmen. W\u00e4hrend die eng\u00adlischsprachige Forschung diesen Weg in j\u00fcngerer Zeit vereinzelt gegangen ist (Alpers 1996; Skoie\/V\u00e9lasquez 2006; Payne 2007), liegen f\u00fcr die deutschsprachige Literatur Untersuchungen, die den Transfor\u00admationen der Gattung Idylle unter funktionalen Gesichtspunkten nachgehen und die vielf\u00e4ltigen dis\u00adkursiven Zusammenh\u00e4nge ber\u00fcck\u00adsichtigen, in die idyllische Texte einge\u00adbunden sind, bisher vor allem f\u00fcr einzelne Autorinnen und Auto\u00adren vor (vgl. etwa B\u00f6schenstein 2007; Hagel 2003; Heldt 1979; Kluger 2001; Simon 2009; die Beitr\u00e4ge in Klussmann\/Seeber 1986, sowie j\u00fcngst besonders Thums 2019).<\/p>\n<p>Die Formulierung eines verfahrenslogischen Begriffs der Idylle und des \u201aIdyllischen\u2018 kann auf Versu\u00adche aus anderen Forschungszusammenh\u00e4ngen zur\u00fcckgreifen, die das Konzept des Verfahrens f\u00fcr ihre Zwecke operationalisieren. Dazu geh\u00f6rt Ba\u00dflers Versuch, Literaturgeschichte als Verfahrens\u00adgeschichte zu schreiben (Ba\u00dfler 2014, 2015), der den Verfahrensbegriff des russischen For\u00admalismus aufgreift (\u0160klovskij 1971, 1972), um Konstanten wie Variationen realistischen Erz\u00e4hlens nachzuweisen. Als Schaltstelle zwi\u00adschen produktions- und rezeptionsorientierten Sichtweisen erlaubt der Verfahrensbegriff eine hinrei\u00adchende Dynamik, um einerseits die sich wandelnden Erscheinungs\u00adformen der Idylle erfassen und andererseits jenseits fester Gattungsbegriffe Teilaktualisierungen des \u201aIdyllischen\u2018 beschreiben zu k\u00f6nnen. Literaturhistorisch erscheint dies auch angesichts des oft gat\u00adtungstranszendierenden Charak\u00adters idyllischer Formen (wie etwa Ekloge, Sch\u00e4ferroman oder Sch\u00e4\u00adferspiel in der Fr\u00fchen Neuzeit) geboten. In der bisherigen Arbeit des Netzwerks wurden versuchsweise f\u00fcnf Verfahren des \u201aIdyllisierens\u2018 identifiziert, die als Ein-\/Ausschlie\u00dfen, Simplifizieren, Wiederholen\/Variieren, Harmo\u00adnisieren und Inszenieren benannt wurden. Indem das Idyllische als Ergebnis des Zusammenspiels dieser Verfahren verstanden wird, soll durch die Arbeit des Netzwerks ein Ausweg aus gattungstheoretischen Sackgas\u00adsen aufgezeigt werden. Des Weiteren erm\u00f6glicht die verfahrenslo\u00adgische Reformulierung der Gattung den Anschluss an neuere Versuche einer Erweiterung der Gat\u00adtungstheorie. Insbesondere das auf Vogls \u201aPoetologie des Wissens\u2018 (Vogl 1999) aufbauende Konzept des Gattungswissens (Berg 2014; Bies\/Gamper\/Kleeberg 2013) verspricht hier frucht\u00adbare Ankn\u00fcpfungspunkte, indem es von der Darstellungsgebundenheit von Wissen ausgeht und die strukturierenden und evidenz\u00aderzeu\u00adgenden Verfahren spezifischer Gattungen und Textsorten in den Mittelpunkt stellt. Das erm\u00f6glicht es, die Produktivit\u00e4t von Gattungen f\u00fcr kulturelle Zusam\u00admenh\u00e4nge abzusch\u00e4tzen. Bislang liegen in dieser Richtung nur erste Ans\u00e4tze bezogen auf die Idylle vor (Adler 2014; Drath 2017a; Heller 2017; Schmitt 2017, 2018; Thums 2014).<\/p>\n<h5>2. Paradigmen des Idyllischen<\/h5>\n<p>Das zweite Ziel des Netzwerkes ist die Operationalisierung des verfahrenslogischen Konzepts der Idylle und des \u201aIdyllischen\u2018 f\u00fcr die Analyse soziokultureller Zusammenh\u00e4nge. Im Mittelpunkt stehen dabei vier paradigmatische Bereiche: \u00d6kologie, \u00d6konomie, Artikulation und Gemeinschaft. Dies zielt zum einen darauf ab, die Wirkung idyllisierender Verfahren in Zusammenh\u00e4ngen zu analysieren, die in keinem engeren Bezug zur literarischen Gattung Idylle stehen m\u00fcssen, und damit die kulturanalytischen Potentiale des Konzepts \u201aIdyllisieren\u2018 auszuloten. Zum anderen soll das Verh\u00e4ltnis der so er\u00f6ffneten Perspektive zur Bedeutung der paradigmatischen Untersuchungsfelder innerhalb idyllischer Texte pr\u00e4zisiert werden. So verspricht die wechselseitige Befragung der Bedeutung des Idyllisierens in den paradigmatischen Bereichen, sowie der Bedeutung der Paradigmen f\u00fcr idyllische Texte auch strukturelle Gemeinsamkeiten soziokultureller Felder in den Blick zu r\u00fccken, die sonst im Schatten anderer Interessen bleiben. Es werden also, so die leitende These des Netzwerks, Politiken der Idylle identifizierbar, die nicht allein thematisch, sondern vor allem durch ihre Verfahren bis heute wirksam sind.<\/p>\n<ol style=\"list-style-type: lower-alpha\">\n<li>\u00d6kologie: Ziel des Netzwerkes ist es, sowohl das \u00f6kologische Wissen der Idylle als auch die idyllische Organisation der \u00d6kologie zu betrachten, deren jeweilige Beziehung zueinander Aufschluss \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur gibt. Im Fokus stehen also nicht nur die Idylle im engeren Sinne, sondern verschiedene transhistorische (und -mediale) Formen des Idyllischen. Hier geht es insbesondere um Fragen nach der Darstellung von Natur in Idyllen und idyllisierten Auffassungen von Natur diesseits und jenseits der Konfrontation von \u201eMaschine und Garten\u201c (Marx 1964) und idealem Naturverh\u00e4ltnis.<\/li>\n<li>\u00d6konomie: Einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit des Netzwerks bildet die \u00d6konomie der Idylle, verstanden als Repr\u00e4sentation von \u00f6konomischem Wissen und als Zeichen\u00f6konomie. Die Idylle kann in dieser Beziehung als literarische Form betrachtet werden, die in einer begrenzten Ordnung einen Umgang mit Ressourcen im Paradox eingeschr\u00e4nkter F\u00fclle (an Zeit, an G\u00fctern) entwirft, dessen Verh\u00e4ltnis zum homo oeconomicus noch einer genaueren Kl\u00e4rung bedarf.<\/li>\n<li>Artikulation: Seit der Antike ist Idyllik \u00fcber eine spezifische Artikulationsform \u2013 den Gesangswettstreit der Hirten \u2013 bestimmt (vgl. Iser 1993: 61). Aushandlungen und Variationen idyllischer Artikulation verweisen so immer auf implizite Sagbarkeiten und Unsagbarkeiten, die eine genuine Differenz in der idyllischen Zeichenproduktion anzeigen. Die jeweiligen Artikulationsdispositive k\u00f6nnen dabei ebenso Kritik einer disziplinierenden Moderne sein wie ihrerseits disziplinierend-subjektivierend wirken, indem sie etwa codieren, was eine nat\u00fcrliche Empfindung ist und welches Setting ihr entspricht (vgl. am Beispiel Rousseaus: Starobinski 1957).<\/li>\n<li>Gemeinschaft: Unter dem Aspekt der Gemeinschaft stehen die Interaktionen idyllischer Formen mit Diskursen und Praktiken sozialer Koh\u00e4renzbildung zur Diskussion. In der bisherigen Forschungsdiskussion erscheint die Idylle als Gattung, die \u201eein fiktional vereinfachtes Bild harmonischer menschlicher Gemeinschaft\u201c (B\u00f6schenstein 2005: 119) entwirft, mithin stets auf konfliktfreie Formen des Sozialen bezogen ist. Idyllen propagieren aber nicht nur soziale Einheitsphantasmen, sondern reflektieren solche Phantasmen in ihren Bedingtheiten, er\u00f6ffnen Artikulationsr\u00e4ume f\u00fcr soziale Krisenerfahrungen und zeigen Alternativen auf.<\/li>\n<\/ol>\n<h5>3. Politiken der Idylle<\/h5>\n<p>Der Blick auf die genannten Paradigmen stellt, das ist das dritte Ziel des Netzwerks, die Voraussetzung f\u00fcr eine Neueinsch\u00e4tzung der Idylle als \u201apolitischer\u2018 Gattung dar. Eine solche Einsch\u00e4tzung wurde von der sozialhistorisch argumentierenden Forschung zur Idylle des 18. Jahrhunderts einerseits vorbereitet, indem die Gattung als utopisches Medium b\u00fcrgerlicher Emanzipation verstanden wurde. Andererseits f\u00fchrte diese Verengung der \u201apolitischen\u2018 Dimension von Idyllik dazu, idyllischen Texten nach 1800 ein kritisches Potenzial \u00fcberhaupt abzusprechen: Vor dem Hintergrund einer utopisch-kritischen Funktion, wie sie die Gattung im 18. Jahrhundert demnach innehatte, erscheinen die Texte des 19. Jahrhunderts fast zwangsl\u00e4ufig als epigonale und entpolitisierte Schwundformen; es \u201eerlischt die utopische Leuchtkraft der Gattung\u201c (Garber 2009: 274). Die innerliterarische Entwicklung der Gattung \u2013 ihre Aufl\u00f6sung in einen Motiv- und Strukturkomplex \u2013 entspr\u00e4che so dem Verlust ihres politisch \u201aprogressiven\u2018 Potentials.<\/p>\n<p>Eine an den Verfahren der Idylle orientierte Perspektive lenkt demgegen\u00fcber den Blick auf die politischen Implikationen des \u201aIdyllisierens\u2018 in literarischen Texten sowie auf die soziokulturellen Paradigmen, in denen idyllische Verfahren wirksam werden. Der Blick auf diese Verfahren er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, sowohl literarische Texte auf politische Anschlussm\u00f6glichkeiten zu pr\u00fcfen als auch historische und aktuelle soziokulturelle Ph\u00e4nomene zu analysieren. So wirft z.B. der Blick auf die idyllische Artikulation und die darin wirksamen Verfahren des Ein- und Ausschlie\u00dfens Fragen der (performativen) Sprecher\/innen- sowie Beobachter\/innen-Position auf, wie sie im Bereich der Gender-\/Queer- und Postkolonialismus-Forschung formuliert wurden. Auf der anderen Seite k\u00f6nnen idyllische Verfahren aber auch in Anspruch genommen werden, um im Sinne einer \u201aSorge um sich\u2018 (Foucault 1989) Alternativen zu Machtstrategien zu entwerfen, etwa als Gegenraum zu herrschenden Sexualit\u00e4tsdispositiven oder Arbeitsregimes. In grunds\u00e4tzlicher Perspektive stellt sich dar\u00fcber hinaus angesichts der Transformationsprozesse der Gattung Idylle die Frage nach einer \u201e\u00e4sthetischen Organisation des Politischen\u201c (Doll\/Kohns 2016: 7), wie sie im Anschluss an Jacques Ranci\u00e8res \u00dcberlegungen zur Beziehung zwischen Politik und \u00c4sthetik diskutiert wird (u.a. Ranci\u00e8re 2008). Ziel des Netzwerks ist es, vor diesem Hintergrund anhand konkreter Beispiele Politiken der Idylle aufzuzeigen und deren Wirksamkeit sowohl in poetologischer als auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht zu erforschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Literatur:<\/h5>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Adler, Hans (2014): Gattungswissen: Die Idylle als Gnoseotop. In: Gunhild Berg (Hg.): Wissenstextu\u00adren. Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen. Frankfurt a.M. u.a.: Lang, S.\u00a023\u201342.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Albrecht, Michael von (1995): R\u00f6mische Poesie. Texte und Interpretationen. 2. Aufl. T\u00fcbingen: Francke.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Alpers, Paul (1996): What Is Pastoral? Chicago, London: University of Chicago Press.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Bachtin, Michail M. (2014): Chronotopos. 3. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2014.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Ba\u00dfler, Moritz (2015): Deutsche Erz\u00e4hlprosa 1850\u20131950. Eine Geschichte literarischer Verfahren. Berlin: Schmidt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Berg, Gunhild (2014): Literarische Gattungen als Wissenstexturen. Zur Einleitung und Konzeption des Bandes. In: Dies. (Hg.): Wissenstexturen. Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen. Frankfurt a.M. u.a.: Lang, S. 1\u201319.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Bies, Michael \/ Michael Gamper \/ Ingrid Kleeberg (Hg.) (2013): Gattungs-Wissen. Wissenspoetologie und literarische Form. G\u00f6ttingen: Wallstein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Binder, Gerhard \/ Bernd Effe (1989): Die antike Bukolik. Eine Einf\u00fchrung. M\u00fcnchen: Artemis.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">B\u00f6schenstein, Renate (2005): Idyllisch\/Idylle. In: Karlheinz Barck (Hg.): \u00c4sthetische Grundbegriffe. Bd. 3. Stuttgart, Weimar: Metzler, S. 119\u2013138.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">B\u00f6schenstein, Renate (2007): Die Struktur des Idyllischen im Werk der Annette von Droste-H\u00fclshoff. In: Dies.: Idylle, Todesraum und Aggression. Beitr\u00e4ge zur Droste-Forschung. Hg. von Ortrud Niethammer. Bielefeld: Aisthesis, 15\u201336.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">B\u00f6schenstein-Sch\u00e4fer, Renate (1977): Idylle. 2. Aufl. Stuttgart: Metzler.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Drath, Marie (2017): Idyllen als Ort der \u00dcbersetzung. Salomon Gessners literarische Texte und ihr Verh\u00e4ltnis zur Rezeption im Kontext ihrer englischen \u00dcbertragungen. In: Angermion 10, S. 1\u201336 [im Druck].<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Ecker, Hans-Peter (1998): Idylle. In: Gert Ueding (Hg.): Historisches W\u00f6rterbuch der Rhetorik. Bd. 4. T\u00fcbingen: Niemeyer, Sp. 183\u2013202.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Effe, Bernd (1986) (Hg.): Theokrit und die griechische Bukolik. Darmstadt: WBG.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Empson, William (1974): Some Versions of Pastoral. New York: New Directions [EA 1935].<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Foucault, Michel (1989): Die Sorge um sich. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Fowler, Alastair (1971): The Life and Death of Literary Forms. In: New Literary History 2\/2, S. 199\u2013216.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Garber, Klaus (2009): Arkadien. Ein Wunschbild der europ\u00e4ischen Literatur. Paderborn: Fink.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Hagel, Ulrike (2003): Elliptische Zeitr\u00e4ume des Erz\u00e4hlens. Jean Paul und die Aporien der Idylle. W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">H\u00e4ntzschel, G\u00fcnter (2007): Idylle. In: Harald Fricke u.a. (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 2. Berlin, New York: De Gruyter 2007, S. 122\u2013125.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Heldt, Uwe (1979): Isolation und Identit\u00e4t. Die Bedeutung des Idyllischen in der Epik Wilhelm Raabes. Frankfurt a.M.: Lang.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Heller, Jakob Christoph (2017): From Baroque Pastoral to the Idyll. In: Gabriele D\u00fcrbeck u.a. (Hg.): Ecological Thought in German Literature and Culture. London: Lexington, S. 249\u2013262.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Iser, Wolfgang (1993): Das Fiktive und das Imagin\u00e4re. Perspektiven literarischer Anthropologie. Frank\u00adfurt a.M.: Suhrkamp.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Kaiser, Gerhard (1977): Wandrer und Idylle. Goethe und die Ph\u00e4nomenologie der Natur in der deut\u00adschen Dichtung von Gessner bis Gottfried Keller. G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Kluger, Karin (2001): \u201eDer letzte Augenblick der h\u00fcbschen Idylle\u201c. Die Problematisierung der Idylle bei Wilhelm Raabe. Frankfurt a.M.: Lang.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Krautter, Konrad (1983): Die Renaissance der Bukolik in der lateinischen Literatur des XIV. Jahrhun\u00adderts: Von Dante bis Petrarca. M\u00fcnchen: Fink.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Lobsien, Eckhard \/ Verena Olejniczak Lobsien (2003): Die unsichtbare Imagination. Literarisches Denken im 16. Jahrhundert. M\u00fcnchen: Fink.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Marx, Leo (1964): The Machine in the Garden: Technology and the Pastoral Ideal in America. London: Oxford Univ. Press<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Miles, Gary B. (1986): Characterization and the Ideal of Innocence in Theocritus\u2019 Idylls. In: Bernd Effe (Hg.): Theokrit und die griechische Bukolik. Darmstadt: WBG, S. 138\u2013167.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Mix, York-Gothart (2009): Idylle. In: Dieter Lamping \/ Sandra Poppe (Hg.): Handbuch der literarischen Gattungen. Stuttgart: Kr\u00f6ner, S. 393\u2013402.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Olejniczak Lobsien, Verena (2000): Aporien der pastoralen Imagination. In: Joachim K\u00fcpper \/ Friedrich Wolfzettel (Hg.): Diskurse des Barock. Dezentrierte oder rezentrierte Welt? M\u00fcnchen: Fink, S.\u00a0145\u2013185.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Ranci\u00e8re, Jacques (2008): Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien. Hrsg. von Maria Muhle. 2. Aufl. Berlin: b_books.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Schmidt, Ernst A. (1972): Poetische Reflexion. Vergils Bukolik. M\u00fcnchen: Fink.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Schmitt, Christian (2017): Privatgespr\u00e4che. Ludwig Tiecks \u201aDes Lebens \u00dcberflu\u00df\u2018 und die Grenzen kommunikativer Idyllik. In: Marie Drath \/ Sabine Schneider (Hg.): Prek\u00e4re Idyllen in der Erz\u00e4hllite\u00adratur des deutschsprachigen Realismus. Stuttgart, Weimar: Metzler, S. 61\u201379.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Schmitt, Christian (2018): \u201eWas dies Idyll dir sagen will.\u201c Popul\u00e4re Naturwissenschaft und Idyllik im 19. Jahrhundert. In: Jan Gerstner \/ Christian Schmitt (Hg.): Idyllen. W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann (=Literatur in Wissen\u00adschaft und Unterricht, Sonderheft). [in Vorbereitung]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Schneider, Helmut J. (1988): Einleitung:\u00a0Antike und Aufkl\u00e4rung. Zu den europ\u00e4ischen Voraussetzun\u00adgen der deutschen Idyllentheorie. In: Ders. (Hg.): Deutsche Idyllentheorien im 18. Jahrhundert. T\u00fcbingen: Narr, S. 7\u201374.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Seeber, Hans Ulrich \/ Paul Gerhard Klussmann (Hg.) (1986): Idylle und Modernisierung in der euro-p\u00e4ischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Bonn: Bouvier.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Simon, Ralf (2009): Jean Pauls Idyllentiere oder Hermeneutik der Welt-als-Idylle. In: Jahrbuch der Jean-Paul-Gesellschaft 44, 63\u201380.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">\u0160klovskij, Viktor (1971): Die Kunst als Verfahren. In: Jurij Striedter (Hg.): Russischer Formalismus. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa. Bd. 1. M\u00fcnchen: Fink, S. 3\u201335.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">\u0160klovskij, Viktor (1972): Die Auferweckung des Wortes. In: Wolf-Dieter Stempel (Hg.): Texte der russi\u00adschen\u00a0Formalisten. Bd. 2. M\u00fcnchen: Fink, S. 3\u201317.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Skoie, Mathilde \/ Sonia Bj\u00f6rnstad Vel\u00e1squez (Hg.) (2006): Pastoral and the Humanities. Arcadia Re-Inscribed. Exeter: Bristol Phoenix Press.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Starobinski, Jean (1957): Jean-Jacques Rousseau: La transparence et l\u2019obstacle. Paris: Plon.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Thums, Barbara (2014): Wissen vom (Un)Reinen: Zum diskursiven Zusammenspiel von Idylle und Moderne. In: Gunhild Berg (Hg.): Wissenstexturen. Literarische Gattungen als Organisationsfor\u00admen von Wissen. Frankfurt a.M. u.a.: Lang, S. 145\u2013164.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Thums, Barbara (2019): Die Idylle als Reflexionsraum \u00f6kologischer Krisenph\u00e4nomene: Nicolas Borns \u201aEin paar Notizen aus dem Elbholz\u2018. In: Jan Gerstner \/ Christian Schmitt (Hg.): Idyllen. W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann (= Literatur in Wissenschaft und Unterricht, Sonderheft 2017). [in Vor\u00adbereitung]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Tismar, Jens (1973): Gest\u00f6rte Idyllen. Eine Studie zur Problematik der idyllischen Wunschvor\u00adstel\u00adlungen am Beispiel von Jean Paul, Adalbert Stifter, Robert Walser und Thomas Bernhard. M\u00fcn\u00adchen: Hanser.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Vogl, Joseph (1999): Einleitung. In: Ders. (Hg.): Poetologien des Wissens um 1800. M\u00fcn\u00adchen: Fink, S.\u00a07\u201317.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Wehle, Winfried (1987): Arkadien. Eine Kunstwelt. In: Wolf-Dieter Stempel \/ Karlheinz Stierle (Hg.): Die Pluralit\u00e4t der Welten. Aspekte der Renaissance in der Romania. M\u00fcnchen: Fink, S. 137\u2013165.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Wehle, Winfried (2000): Diaphora. Barock: eine Reflexionsfigur von Renaissance. Wandlungen Arka\u00addiens bei Sannazaro, Tasso und Marino. In: Joachim K\u00fcpper \/ Friedrich Wolfzettel (Hg.): Diskurse des Barock. Dezentrierte oder rezentrierte Welt? M\u00fcnchen: Fink, S. 95\u2013143.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3520,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"class_list":["post-137","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/137","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3520"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=137"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/137\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":208,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/137\/revisions\/208"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/idyllen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}