{"id":379,"date":"2021-04-14T12:11:25","date_gmt":"2021-04-14T10:11:25","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/homestory\/?p=379"},"modified":"2021-04-15T01:19:53","modified_gmt":"2021-04-14T23:19:53","slug":"obdachlosigkeit-wenn-bleibt-zuhause-hause-wie-hohn-klingt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/homestory\/2021\/04\/14\/obdachlosigkeit-wenn-bleibt-zuhause-hause-wie-hohn-klingt\/","title":{"rendered":"Obdachlosigkeit: Wenn ,,Bleibt zuhause Hause&#8220; wie Hohn klingt"},"content":{"rendered":"<p>In dieser Home Story geht es darum, dass es auch Storys ohne Home gibt. Wir, Lia &amp; Marei, haben in Bremen Frank getroffen, einen Obdachlosen, der uns seine Geschichte anvertraut hat. Wir haben mit ihm zusammen vor der Sparkasse am Bremer Bahnhof gesessen und uns angeh\u00f6rt, was er zu erz\u00e4hlen hat. In der folgenden (Home) Story m\u00f6chten wir diese Erfahrung mit euch teilen.<\/p>\n<p>Der Text besteht aus zwei Teilen: dem ersten Part von Marei und dem zweiten Teil aus Lias Perspektive.<\/p>\n<p>Teil 1: Marei Elsebach<\/p>\n<p>Der Blick aus dem Fenster zeigt Schneeregen. Es ist Januar und drau\u00dfen windig, kalt und ungem\u00fctlich. Ich sitze am Schreibtisch in meiner Wohnung, ein Blick r\u00fcber zum Thermostat der Heizung verr\u00e4t mir: es sind 21 Grad in diesem Zimmer. Vor mir auf dem Tisch steht eine Tasse Kaffee, der K\u00fchlschrank ist gef\u00fcllt und zwei T\u00fcren weiter, den Flur entlang, habe ich die M\u00f6glichkeit auf eine warme Dusche oder sogar ein Bad.<\/p>\n<p>In Deutschland befinden wir uns aktuell, bedingt durch die Corona-Pandemie, im Lockdown. Vor die T\u00fcr gehe ich nur, um Eink\u00e4ufe zu erledigen. Den Weg zum Supermarkt laufe ich dann gerne, ein wenig frische Luft, auch bei diesem Wetter, tut mir gut. Auf dem R\u00fcckweg vom Supermarkt friere ich und freue mich schon, gleich wieder in der gem\u00fctlichen Wohnung zu sein.<\/p>\n<p>Neben den sogenannten AHA-Regeln gilt aktuell vor allem der Leitsatz\u00a0<em>Bleibt zu Hause<\/em>. Doch wie ergeht es den Menschen, die obdachlos sind und gar kein Zuhause haben?<\/p>\n<p>Sch\u00e4tzungen zufolge leben in Deutschland 650.000 Menschen, die keine eigene Wohnung haben, 48.000 davon sind obdachlos (Stand 2017)*. Wie f\u00fchlt es sich an, obdachlos zu sein, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung dazu angehalten wird, in den eigenen vier W\u00e4nden zu bleiben? Und wie k\u00f6nnen wir denjenigen helfen, denen der Schutz des eigenen Zuhauses nicht zuteil wird?<\/p>\n<p>Die Wettervorhersage f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage zeigt Minustemperaturen. Bevor ich mich auf den Weg mache \u00fcberlege ich, was ich anziehen sollte, damit ich nicht frieren muss. Ich schaue in meinen prall gef\u00fcllten Kleiderschrank und von hinten schleicht sich bereits das schlechte Gewissen an: ich stehe vor einem \u00dcberfluss an Klamotten, die ich unm\u00f6glich alle ben\u00f6tige und bereite mich darauf vor, jemanden zu treffen, der kaum das n\u00f6tigste besitzt. W\u00e4hrend ich mir irgendetwas anziehe, was hoffentlich warm genug sein wird, um den Vormittag drau\u00dfen zu verbringen, beschlie\u00dfe ich bereits, in den n\u00e4chsten Tagen einige Kleidungsst\u00fccke zu spenden.<\/p>\n<p>Wir treffen uns am Bahnhof. W\u00e4hrend Lia mir entgegen kommt, n\u00f6rgeln wir beide bereits \u00fcber das Wetter, welches wir uns f\u00fcr diesen Tag\u00a0<em>ausgesucht h\u00e4tten<\/em>. Als ob Frank, den wir gleich treffen werden, es sich aussucht, bei Wind, Wetter und Minusgraden auf dem Boden vor der Sparkasse zu sitzen. Ausgestattet mit w\u00e4rmenden Kaffees in Pappbechern machen wir uns auf den Weg zu Frank, der uns seine Geschichte erz\u00e4hlen wird.<\/p>\n<p>Kaum haben wir den mitgebrachten Kaffee \u00fcberreicht und uns auf den Boden gesetzt, beginnt Frank zu erz\u00e4hlen \u201eIch kenne das normale Leben. Drei Kinder, eine Frau, Mietwohnung. Ich hatte einen F\u00fchrerschein und ein kleines Auto\u201c. Doch dieses normale Leben, von dem uns berichtet wird, bekommt durch einen Schicksalsschlag tiefe Risse.<br \/>\nFrank ger\u00e4t durch eine Trennung auf die schiefe Bahn, rutscht in die Drogenabh\u00e4ngigkeit und verliert seine Wohnung. Als wir ihn fragen, wie es ist, kein Zuhause zu haben erz\u00e4hlt er uns \u201eIch habe ein Zuhause. Mein Zuhause ist die Stra\u00dfe. Das ist nat\u00fcrlich kein Zuhause im herk\u00f6mmlichen Sinne, aber hier lebe ich\u201c. Lia und ich schauen uns an.\u00a0<em>Hier lebe ich\u00a0<\/em>wandert durch meinen Kopf und mein Herz f\u00fchlt sich ganz schwer an, wenn ich daran denke, wo ich lebe. Frank erkl\u00e4rt uns, dass es sich f\u00fcr ihn dennoch, wie Hohn anh\u00f6rt, wenn von \u201eBleibt zu Hause\u201c gesprochen wird. F\u00fcr ihn sei es besonders schwer, keine Privatsph\u00e4re zu haben, den gesamten Tag in der \u00d6ffentlichkeit sitzen zu m\u00fcssen, nicht mal eine T\u00fcr hinter sich schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen und einen Raum f\u00fcr sich allein zu haben. Denn selbst wenn er in einer Notunterkunft f\u00fcr M\u00e4nner \u00fcbernachten kann, teilt er sich sein Zimmer mit einem anderen Menschen, der ebenfalls kein eigenes Zuhause hat.<br \/>\nVor allem \u00fcber die Feiertage hatte Frank es besonders schwer. Es sei sein erstes Weihnachtsfest auf der Stra\u00dfe gewesen und aus Frust dar\u00fcber, habe er zum Alkohol gegriffen.<\/p>\n<p>Teil 2: Lia Heilmann<\/p>\n<p>Ein Weihnachten auf der Stra\u00dfe ist f\u00fcr mich unvorstellbar. Ich muss direkt an seine Kinder denken und frage ihn, was seine Kinder dazu sagen, dass er auf der Stra\u00dfe lebt. \u201eEs wei\u00df keiner. Weder meine Kinder noch meine Mutter\u201c. Dieser Satz bringt mich v\u00f6llig aus der Fassung. Frank erw\u00e4hnt immer wieder, wie schnell es gehen kann, auf der Stra\u00dfe zu landen. \u201eDie Leute, die hier t\u00e4glich vorbei laufen haben einen eingeschr\u00e4nkten Blick. Den habt ihr beide auch und ich hatte den damals auch.\u201c. Er sagt die Menschen w\u00fcrden einfach nicht nach unten schauen, weil sie in ihrer eigenen Welt leben. Ich wei\u00df, dass Frank es nicht b\u00f6se meint, wenn er uns sagt, dass wir einen eingeschr\u00e4nkten Blick haben. Dennoch bringt es mich sehr zum Nachdenken. So viele Menschen denken nur an ihre eigenen Probleme und nehmen die Menschen, denen es viel schlechter geht, gar nicht wahr.<\/p>\n<p>Ich friere am ganzen K\u00f6rper, ich habe mich nat\u00fcrlich auch viel zu d\u00fcnn angezogen. Niemals h\u00e4tte ich gedacht, dass wir so lange bei Frank sitzen werden. Es f\u00fchlt sich schon lange nicht mehr wie ein Interview an. Frank hat so viel zu erz\u00e4hlen und ich genie\u00dfe das Gespr\u00e4ch. Dennoch ist mir sehr kalt und ich habe Angst mir eine Blasenentz\u00fcndung zu holen. Frank merkt es und bietet mir an, mir etwas zu geben, damit es nicht zu kalt f\u00fcr mich ist. Marei und ich wissen beide, dass es langsam an der Zeit ist nach Hause zu gehen. Immer wieder tauschen wir Blicke aus, aber keiner von uns m\u00f6chte den ersten Schritt machen. Als wir uns erheben, packt mich sofort das schlechte Gewissen. Frank bietet uns noch einmal an, dass wir gerne immer wieder vorbeikommen k\u00f6nnen falls wir noch weitere Fragen an ihn haben. Wir bedanken und verabschieden uns von ihm und machen uns auf den Weg zum Bahnhof. Marei und ich unterhalten uns auf dem Weg \u00fcber Frank, vor allem dar\u00fcber das seine Familie nicht wei\u00df, dass er auf der Stra\u00dfe lebt. Immer wieder erw\u00e4hnen wir wie kalt uns ist. Am Bahnhof trennen wir uns dann. Marei l\u00e4uft in den Bahnhof, um ihren Zug zu bekommen und ich mache mich auf den Weg zu meinem Auto. Nachdem ich in mein Auto steige, ist das allererste was ich mache, die Heizung voll aufzudrehen. Ich kann mein Lenkrad gar nicht richtig anfassen, weil es so kalt ist. Die Fahrt nach Hause kam mir selten so lang vor. Ich sehne mich nach einer Badewanne und einem Tee. Ich \u00fcberlege die ganze Zeit, was ich machen k\u00f6nnte damit mir w\u00e4rmer wird. Nachdem ich die Haust\u00fcr schlie\u00dfe, laufe ich sofort in mein Zimmer und ziehe mir einen Pullover und dicke Socken an. Dann setze ich mich aufs Sofa mit einer W\u00e4rmflasche und zwei Decken. Ich friere immer noch. Immer wieder schweifen meine Gedanken zu Frank. Ich sitze jetzt in meinem warmen Zuhause und er sitzt immer noch in der K\u00e4lte. Ich schaue auf mein Handy und sehe eine Nachricht von Marei. Sie erz\u00e4hlt mir wie sie sich auf ihre Badewanne freut. Abends als ich nach einer warmen Dusche in meinem Bett liege h\u00f6re ich, dass es drau\u00dfen in Str\u00f6men regnet. Ich denke an Frank. Schl\u00e4ft er heute drau\u00dfen? Hat er vielleicht einen warmen Schlafplatz gefunden? Ich frage mich, wieso ich mir \u00fcber sowas vorher nie Gedanken gemacht hat. Mir ist durch Frank erst bewusst geworden mit was f\u00fcr einem eingeschr\u00e4nkten Blick ich durch die Welt gelaufen bin.<\/p>\n<p>Das Interview mit Frank hat mich \u00fcber viele Dinge nachdenken lassen. Es hat mir gezeigt, dass meine Probleme eigentlich keine richtigen Probleme sind und dass man das Leben, das man f\u00fchrt, viel mehr sch\u00e4tzen sollte. Dies kann sich n\u00e4mlich irgendwann schlagartig \u00e4ndern. So wie bei Frank. Wir sollten versuchen unsere Augen nicht vor solchen Menschen zu verschlie\u00dfen und uns eventuell die Geschichten von ihnen anzuh\u00f6ren bevor wir \u00fcber sie urteilen. Ich werde auf jeden Fall nicht mehr mit so vielen Vorurteilen durch das Leben gehen und mit unserem Interview haben wir hoffentlich auch anderen Leuten die Augen ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>*https:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/wohnungslose-obdachlose-1.4545815<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Home Story geht es darum, dass es auch Storys ohne Home gibt. Wir, Lia &amp; Marei, haben in Bremen Frank getroffen, einen Obdachlosen, der uns seine Geschichte anvertraut hat. Wir haben mit ihm zusammen vor der Sparkasse am Bremer Bahnhof gesessen und uns angeh\u00f6rt, was er zu erz\u00e4hlen hat. 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