RV08 – Mathe ist nichts für Mädchen?


Gerade in naturwissenschaftlichen Fächern, zu denen grundsätzlich auch die Mathematik zählt, ist es gar nicht so einfach sowohl Mädchen als auch Jungen gleichermaßen zu begeistern aktiv teilzunehmen. Beide Gruppen haben verschiedene Interessen und fühle sich deshalb bei unterschiedlichen Themen auch verschieden stark angesprochen.

Um dennoch eine Brücke bauen zu können und beide Gruppen gleichermaßen anzusprechen, empfiehlt sich bei der Unterrichtsgestaltung auf eine genderneutrale bzw. eine ausgeglichene Sichtweise auf beide Gruppen anzunehmen und nicht in Stereotype zu verfallen.

Dabei sollte unbedingt beachtet werden, dass die Aufgaben so gestellt werden, dass nicht bloß die Jungen angesprochen werden, weil wie oben bereits genannt Stereotype in den Aufgabenstellungen enthalten sind. Männer werden bspw. gerne als handwerklich geschickt dargestellt, benötigen dann im Rahmen der Aufgabenstellung Hilfe bei Dinge wie zum Beispiel dem Berechnen von Flächen, um zu wissen, wie viel Baumaterial sie für ihr neues Projekt benötigen werden. Frauen hingegen bekommen gerne sehr klischeehafte Probleme zugewiesen, die nicht immer einen so nahen Praxisbezug aufweisen, wie die der Männer. (Schwenner 2021)

Zudem ist darauf zu achten, dass sowohl im Unterricht selbst als auch bei einer Bewertung der Schülerinnen und Schüler im späteren Verlauf, nicht die Einstellung vorherrscht, dass die Jungen besser sein, nur weil sie Jungen sind. Entsprechend wichtig ist es den Mädchen ihre Erfolge deutlich aufzuzeigen, diese damit zu motivieren und ihnen Mut zuzusprechen es weiterhin zu versuchen. Jungen dagegen, werden Unterstützung in diesem Punkt wahrscheinlich weniger benötigen, bei ihnen finde sich die Defizite eher in der Kommunikation. (Benölken 2019; Jahnke-Klein 2001)

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die gendergerecht adressierte Sprache. Auch wenn dieses Thema sehr kontrovers und nicht nur im Bezug auf Unterrichtsgestaltung und den Sozialraum Schule diskutiert wird, zeigen Studien doch ganz klar, dass Assoziationen und die Bilder, die wir uns von Gesagtem im Kopf machen andere sind, wenn gegendert wird. So denkt man bei einer Richterin bspw. sofort an eine Frau, bei einem Richter hingegen sofort an einen Mann. Wird jetzt auch in der Gestaltung der Aufgaben für den Mathematikunterricht mehr darauf geachtet Sprache gendergerecht zu adressieren ohne Stereotype zu bedienen, würden sich also durchaus beide Gruppen mehr angesprochen fühlen. (Schwenner 2021)

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass nicht nur auf eine Komponente geachtet werden muss, viel mehr ist es ein Zusammenspiel aus vielen einzelnen Komponenten, wie bspw. dem sozialen Lernen der Schülerinnen und Schüler, der Transparenz und dem Ziel welche Aufgaben beinhalten, aber auch dem Alltagsbezug und die Sinnhaftigkeit einer Aufgabe. (Heimlich/Bjarsch 2020)

 

Wenn ich mit dieser ausgearbeitet Grundlage für mich selbst überlege, wie sich Unterricht gut gestalten lässt, denke ich automatisch an meine eigene Schulzeit und die Aufgaben zurück, die unsere Mathematiklehrer uns gestellt haben. Leider beinhalteten diese doch immer wieder stereotypische Sichtweisen darauf, welche Vorstellungen Mädchen und Jungen bspw. im Bezug auf Idole und zukünftige Berufswünsche haben. So hatten wir oft Aufgaben, in denen einzig die Jungen Piloten oder Astronauten wurden, die Mädchen hingegen wurden Verkäuferinnen. Auch wenn einmal Junge und Mädchen vertreten waren, waren dennoch Stereotypen bedient. So brauchte Heini immer Unterstützung bei handwerklichen Dingen, während Henriette zwar genannt war, aber ihr keine größere Rolle zu teil wurde.

Gab es zu den Aufgaben Bilder oder andere Materialien, wurden diese auch oft nicht mit besonders viel Sensibilität ausgesucht. Einer meiner damaligen Mathelehrer hat gelegentlich sogar das Farbklischee von „Alle Mädchen mögen gerne rosa, deshalb steht die rosa Spielfigur für das Mädchen“ aufgegriffen, als es um Wahrscheinlichkeitsrechnung ging.

Auch gendergerechte Sprache war in meiner Schulzeit kein Thema, für die Pluralform wurde in fast allen Aufgaben bloß der Begriff mit dem generischen Maskulinum genutzt, sodass man sich als Mädchen dadurch durchaus weniger angesprochen gefühlt hat als die Jungen.

Nach meiner eigenen Schulzeit habe ich noch nicht wieder die Gelegenheit bekommen eine Unterrichtsstunde zu beobachten, eigene Stunden vorbereitet habe ich ebenfalls noch nicht. Jedoch würde ich, vor dem Hintergrund meiner obigen Ausführungen, all die Punkt dabei beachten, die ich genannt habe. Mir ist wichtig, dass sich von meinem Unterrichtskonzept später alle Schülerinnen und Schüler angesprochen fühlen, daher würde ich so sensibel wie es mir möglich ist an die Auswahl der Materialien heran gehen. Für Bilder und andere Medien würde ich bspw. darauf achten, dass beide Geschlechter gleichermaßen und nicht stereotypisch repräsentiert sind. Bei den Aufgabenstellungen selbst, würde ich dies ebenfalls versuchen wollen umzusetzen, auch wenn dabei für mich die Vermittlung und Anwendung von Fachwissen im Vordergrund steht.  

 

Um meine vorherigen Ausführungen noch einmal auf mein eigenes Fach zu beziehen, habe ich mir das Deutschbuch einer 8. Klasse einer Bremer Oberschulklasse genommen und diesen ein bisschen aufmerksamer im Hinblick auf Genderstereotype und die Frage, ob Mädchen und Jungen gleichermaßen angesprochen werden untersucht.

Das Buch, welches ich zur Verfügung gestellt bekommen habe trägt den Titel „Doppel-Klick – Das Sprach- und Lesebuch“ und ist im Cornelsen Verlag erschiene.

Nach der Sichtung der ersten Kapitel war ich überwiegend positiv gestimmt. Die Schülerinnen und Schüler werden in den Aufgaben direkt angesprochen, sodass sich die Frage, ob gendergerecht adressierte Sprache verwendet, wird gar nicht mehr stellen musste. Ein Beispiel dafür ist folgende Aufgabe: „Lies den Dialog noch einmal genau. Untersuche die Handlungsbausteine Figuren/Situation und Ende.“ Es entsteht damit viel mehr das Gefühl, dass ich als einzelne Person angesprochen und aufgefordert bin die Aufgabe zu lösen und das nicht bloß, weil ich ein Junge oder ein Mädchen bin.

Desweitern finde ich die Auswahl der Materialien und Medien vielfältig und gelungen, wenn es weiterhin um die Fragestellung geht, ob beider Geschlechter gleichermaßen angesprochen werden. Es werden zwar Klischees bedient, so geht es in dem Kapitel zu Idolen beispielsweise um eine berühmte Bluessängerin und einen Fußballspieler, gleichzeitig wird aber auch das Bild eines Sängers gezeigt. Im ersten Kapitel zum Thema Kommunikation wird beispielsweise ein Skateboard fahrendes Mädchen beschrieben, diese Eigenschaft hätte ich klischeehaft eher bei einem Jungen vermutet.

Wenn es um die Auswahl von Textausschnitten aus bspw. Romanen geht, wurde ebenfalls sehr darauf geachtet sowohl etwas mit einem weiblichen als auch mit einem männlichen Hauptcharakter auszuwählen, um die Interessen beider Gruppen anzusprechen und zu ermöglichen, dass sich jeder mit einer der Geschichten identifizieren kann. (Krull/Schäpers/Teepe 2012)

 

Literatur

  • Benölken, R. (2019): Transparenter Umgang mit gendertypischen Phänomenen im Mathematikunterricht. Der Mathematikunterricht 5, S. 38-47.
  • Heimlich, U./ Bjarsch, S. (2020): Inklusiver Unterricht. In: Ders./ Kiel, Ewald (Hrsg.): Studienbuch Inklusion. Regensburg, S. 248-294.
  • Parise, M. M. (2021). Gender, sex, and heteronormativity in high school statistics textbooks.
  • Schwenner, Lara (26.03.2021): Was Gendern bringt – und was nicht, Quarks, online: https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/was-gendern-bringt-und-was-nicht/
  • Kull, R./ Schäpers, E./ Teepe, R. (2012): Doppel-Klick Das Sprach- und Lesebuch 8, Cornelsen Verlag. Berlin.

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