Spielen im Unterricht – eine Maßnahme zur Förderung des Lernprozesses?

Wenn man versucht, die in der Schule existierende und sich stetig weiterentwickelnde Heterogenität zu betrachten und sich zu überlegen, in welchem Rahmen sich diese in schulischen Kontexten widerspiegelt., wird man feststellen, dass, wie bereits in meinem Beitrag über Fremdsprachenunterricht angerissen, man sich die Heterogenität in der Schule nicht nur auf das individuelle Verhalten von Schülern untereinander bezieht. Viel mehr bezieht sich Heterogenität auch auf individuelle Arbeitshaltungen, Lernfähigkeiten und Lernstände der Schüler. Dies möchte ich gerne im Kontext des Mathematikunterrichts genauer erläutern.

Meine Darstellung soll einige mögliche Grundannahmen zu der Frage bieten, was dazu führt, dass es immer wieder sehr starke Differenzen des Lernprozesses und des Lernfortschrittes zwischen einzelnen Schülern im Mathematikunterricht gibt und warum dies, vor allem in Hinblick auf die Zukunft, problematisch sein wird.

Allgemein wird davon ausgegangen, dass Unterricht bestimmte Strukturen aufweist, die jede Form von Unterricht leiten soll. Die Gestaltung und Planung des Unterrichts ist von großer Wichtigkeit und Bedeutung, da, wie man am Beispiel des Mathematikunterrichts sieht, es sonst ganz schnell der Fall sein kann, dass Schüler den Anschluss an den Unterricht und an den Themen verlieren und nicht mitkommen. Es ist also für jeden Lehrer (letztendlich aber viel mehr vom Bundesministerium) wichtig, die Unterrichtsinhalte und dessen Übermittlungsmethoden zu reflektieren und ggf. immer wieder zu hinterfragen und den Schülern entsprechend anzupassen. Unterricht ist zu jedem Zeitpunkt ein Prozess, eine Entwicklung, bei dem die Schüler immer wieder neue Inhalte vermittelt werden. In jeder Phase dieses Prozesses ist es wichtig, dass Schüler sich, wenn ich bei meinem Beispiel bleibe, im Mathematikunterricht wohl und verstanden fühlen und wissen, dass sie individuell ihren Bedürfnissen und Problemen entsprechend gefördert werden. Da aber viele Schüler*innen vermehrt Verständnisschwierigkeiten und Verständnisprobleme aufzeigen, erscheint dies in der Praxis leider nicht der Fall zu sein. Dem Lehrer ist dabei aber dank der Methodenvielfalt durchaus in der Lage, sich Gedanken darüber zu machen, wie er/sie den Unterricht anpassen und beispielhafter gestalten kann. Jede Klasse, gar jeder Schüler bedarf andere Lehrmethoden, um Lehrinhalte zu verstehen. Natürlich entsteht hier eine große Herausforderung seitens des Lehrers. Wenn man sich vorstellt, wie viele Klassen und somit wie viele Schüler ein Lehrer unterrichtet und über wie viele individuelle Lernbedürfnisse sich ein Lehrer dann optimalerweise bewusst machen muss, erscheint dies durchaus unmöglich. Gerade, wenn man beispielsweise bedenkt, dass viele Schüler in Gruppenarbeiten durch z.B. der verschiedenen Anteile der Schüler an der Gruppenarbeit nicht optimal dem Unterricht und den Arbeitsaufträgen folgen (oder nicht folgen können). Obwohl viele Lehrer oft eine Gruppenarbeit als Arbeitsmethoden bevorzugen, um den Schülern untereinander die Möglichkeit zu geben, von und untereinander zu lernen, erkennt man genau an dieser Arbeitsform oft die Heterogenität zwischen den Schülern und auch eine Schwierigkeit, die Differenz zwischen den Lernprozessen der individuellen Schüler zu erkennen. Oftmals zählt am Ende einer Gruppenarbeit nur das Ergebnis. Im Mathematikunterricht also beispielsweise die Lösung einer Rechenaufgabe. Hier wird es dem Lehrer dann aber durchaus schwerfallen, nachzuvollziehen, ob trotz der (richtigen) Lösung der Aufgabe alle Teilnehmer der Gruppe auch wirklich den Lerninhalt, der durch die Aufgabe vermittelt werden sollte, verstanden hat. Diese oft „versteckten, nicht offensichtlichen“ Differenzen macht viele Unterrichtsmethoden, vor allem im Mathematikunterricht, problematisch und fraglich, denn sie resultieren oft, so im Bundesland Bremen, dazu, dass für viele Schüler die Chance auf eine schulische Laufbahn auf dem Gymnasium unmöglich ist und viele auf einer Oberschule „gehen müssen“. Vielen Lehrer erwarten oft, dass Schülern Eigeninitiative zeigen, Inhalt im Unterricht selber erlernen und sich aneignen und sie schlichtweg keine Zeit dafür nehmen (können), individuell zum Beispiel mehr Übungseinheiten in den Unterrichtsplan einzubauen. Dies liegt oft an dem strickten Lehrvorgaben vom Bundesministerium, weshalb den Lehrern in diesem Kontext oft die Hände gebunden sind. Entweder sie übermitteln den Lehrinhalt innerhalb der vorgegebenen Zeit (schnell), oder die nehmen sich mehr Zeit für genauere Veranschaulichungen durch Beispiele und schaffen so nicht das komplette Lehrpensum.

Ist es also wirklich die Schuld der Lehrer und der Schüler, dass die Heterogenität in der Schule in Form von Differenzen innerhalb des Lernprozesses immer weiter ansteigt?

Lehrer haben natürlich immer die Freiheit, zu entscheiden, wie sie den Lehrinhalt (innerhalb der vorgegebenen Zeitrahmens) vermitteln und darstellen wollen. Oft liegt genau hier der Schlüssel für den Erfolg bei den Schülern. Denn gerade im Mathematikunterricht ist die beispielhafte Veranschaulichung der Inhalte von großer Bedeutung, um bei den Schülern einen gewissen „aha“-Moment auszulösen, die Schüler also auf den Weg des Verständnisses zu führen. Viele Theoretiker haben sogar über die Alternative des Spielens im Mathematikunterricht nachgedacht. Diese Methode hat, wie viele andere, Vor- und Nachteile. Mathematik ist unter vielen Schülern das eher wenig beliebte Unterrichtsfach, weshalb die Methode des Spielens durchaus dazu beitragen könnte, dass Schülern einen Gefallen am Inhalt der Mathematik finden könnten. Der Unterricht könnte anfangen Spaß zu machen. Gleichzeitig kann es durchaus auch für die leistungsstarken Schüler von Vorteil sein, da der Unterricht dann abwechslungsreicher gestaltet wäre. Spielen hat in jeglichen Kontexten auch interaktive Vorteile, da es ermöglicht, dass sich Menschen auf spielerischer Weise nähern. Die Distanz, die ggf. vorher da war, wird hier gebrochen. Alle Teilnehmer des Spiels wurden gleichrangig sein. Durch diese Methode kann der Lehrer aber auch die Gefahr laufen, dass das Ziel, die Übermittlung des Lehrinhalts, zu kurz wird und/oder nicht erreicht wird. Während des Spielens kann es dazu kommen, dass nur auf das Spiel geachtet wird und weniger auf den schulischen Aspekt, weshalb das Denken beim Spielen oft nur noch eingeschränkt weitergeführt wird.

Um dennoch nicht komplett auf die Möglichkeit des Spielens zu verzichten, kann es helfen, sich über folgende Fragen Gedanken zu machen:

  • Wie lange darf bzw. sollte eine Spieleinheit dauern, ohne die Aufmerksamkeit der Schüler zu gefährden und ohne, dass die Konzentration der Schüler abnimmt?
  • Sollten die Schüler während des Spielens schrittweise Aufträge erledigen, um gewissen Erkenntnisse bezüglich der Arbeitsaufträge notieren zu können? Könnten Anweisungen innerhalb des Spielens dazu beitragen, den Schülern einen roten Faden zu bieten und somit (vor allem nach dem Spiel) durch die Notizen die Erkenntnisse durch das Spiel zu rekapitulieren?

Wenn allerdings die Methode des Spielens über einen gewissen Zeitraum zeigt, dass der Lernfortschritt allgemein nur sehr eingeschränkt zunimmt, sollte man sich als Lehrer andere Methoden überlegen. Denn das Ziel bleibt immer das Gleiche: die kognitive Aktivierung der Lehrenden.

Methoden sind zweifelsfrei sehr individuell abhängig und je nach Klasse sind einzelne Methoden mehr oder weniger angemessen. Doch sehen ich zwei Methoden für durchaus erfolgsversprechend, die sich weniger mit der Frage beschäftigt, WIE der Unterricht vermittelt wird, sondern eher mit WARUM. Eine Methode wäre es, die Schüler auf eine gewisse Art für kleine Fortschritte zu loben. Noten sind meiner Meinung nach nicht ausreichend, um die Schüler zu motivieren. Denn es gibt immer Schüler, die sich schriftlich super äußern können, aber im mündlichen Gespräch während des Unterrichts keinen Beitrag leisten. Lehrer könnten sich also eine Art und Weise überlegen, Schüler immer wieder für kleine Lernfortschritte zu belohnen, um sie gleichzeitig zum Lernen zu motivieren. Auch hilft oft ein persönliches Gespräch. Wenn Lehrer hin und wieder mal (beispielsweise während einer Gruppenarbeit) mit jedem einzelnen Schüler vor die Tür geht, um kurz mit deren individuellen Situation, Probleme und Erfolge zu sprechen, kann dies auch dazu beitragen, dass der Lehrer sich ein differenziertes Bild darüber machen kann, wie die Lernerfolge der einzelnen Schüler aussieht. Zwischentests beispielsweise empfinde ich als durchaus gute Möglichkeit im Hinblick auf die Kontrolle des Lernzwischenstand, doch können solche Tests meiner Meinung nach nur dann nützlich sein, wenn sie weder bewertet werden noch die Schüler in irgendeiner Form unter Druck setzen. Denn Druck bewirkt oft das Gegenteil von Motivation zum Lernen.

Mann kann also sagen, dass Leistungsunterschiede zwischen Schülern sehr stark von der Art und Weise abhängig sind, wie der Lerninhalt vermittelt wird und welche Methoden dabei angewendet werden. Spielen als Methode kann durchaus nützlich sein, wenn der schulische Aspekt des Lernens und der Denkprozess nicht komplett außer Acht gelassen wird.

Published in: on 19. Mai 2020 at 20:58 Comments (0)
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