Fremdsprachenunterricht – kann ich dadurch meine Mitmenschen besser verstehen?

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Ich sitze als Lehrerin einer 5. Klasse in einer Veranstaltung zur Wahl der 2. Fremdsprache, die von einigen meiner Kollegen geplant und in Form einer Präsentation erstellt wurde. Zur Veranschaulichung der zur Wahl stehenden Fremdsprachen wurde auf Stereotypen zurückgegriffen. Was würde ich in diesem Moment denken?

Zunächst würde ich mich fragen, ob der Unterricht meiner Kollegen und Kolleginnen genauso auf Stereotypen basiert, wie es diese Präsentation tut. Gleichzeitig würde ich hoffen, dass dem nicht so ist, denn genau in diesem Kontext wird der eigentliche Wert der Fremdsprache deutlich. Eine Fremdsprache zu erlernen erfordert bei Weitem mehr, als nur die Kenntnis darüber, mit welchen Bräuchen oder Lebensstilen eine solche Sprache in Verbindung gebracht wird. Der Fremdsprachenunterricht sollte also weniger auf Stereotypen basieren, sondern sich eher mit Unterschieden und Variationen innerhalb der Sprache und mit der Abgrenzung dieser zu anderen Sprachen beschäftigen. Eine Sprache verbindet nie nur eine Kultur und das Erlernen einer Sprache bedingt, dass man diese Kulturen anfängt kennenzulernen und zu verstehen. Dabei wird man feststellen, dass sogar eine Sprache entsprechend des kulturellen und regionalen Kontextes variieren kann und somit nicht aus allgemeinen Stereotypen besteht. Zumal eine solche Zuschreibung immer sehr subjektiv ist und nicht jeder beispielsweise „Spanisch“ mit Real Madrid oder Tapas in Verbindung bringt.

Das Erlernen einer Fremdsprache bedeutet für mich, sich ein „Gefühl“ für diese anzueignen bzw. dieses als Ziel zu haben. Und genau dies würde ich in der imaginären Veranstaltung deutlich machen. Wenn man anfängt, eine Fremdsprache zu lernen, sollte man sich von den Stereotypen lösen. Sprachen unterscheiden sich auf viel mehr Ebenen, als (nur) durch Bräuche. Das „Gefühl“ für eine Sprache basiert auf verschiedene Ebenen einer Sprache, die es dem Lehrer gilt zu bedenken, um eine Sprache angemessen zu lehren und allen voran verständlich zu machen. Auf der Ebene der Linguistik beispielsweise sollte dem Schüler/der Schülerin eine angemessene Aussprache gelehrt werden. Ich möchte hier den Begriff „richtige Aussprache“ vermeiden, da man in keiner Sprache von einer richtigen Aussprache ausgehen sollte. Jede Sprache wird (vor allem abhängig von der Region und/oder des Landes) anders gesprochen. Sogar Menschen, die den gleichen Dialekt sprechen, werden sich auf der entsprechenden Sprache nie zu 100% auf der gleichen Weise verständigen. Gleichzeitig ist für den Schüler auch die Kompetenz der (anderen) Sprachanwendung wichtig zu erlangen. Viele Schüler neigen dazu, Sätze, die in der Muttersprache verfasst sind, Wort für Wort in die Fremdsprache zu übersetzen, ohne zu merken (zu wissen?), dass es auf der Fremdsprache vielleicht eine andere Redewendung dafür gibt. Auch bestimmte Wörter haben oft andere Werte oder gar Bedeutungen. Wenn ich auf Deutsch „Mir ist kalt“ sage, dann würde ich, wenn ich es beispielsweise auf Spanisch übersetzen müsste aber es nicht besser wüsste, „me está frío“ sagen. Dass man im Spanischen aber „Tengo frío“ (auf Deutsch: Ich habe kalt) sagt, muss man erst lernen. Ebenso wird man merken, dass man sich in bestimmen Situationen in Spanien auf Spanisch anders ausdrückt, als man es in seinem Land auf seiner Muttersprache tut. Wenn man sich beispielsweise in einem Restaurant etwas bestellen möchte, würde man auf Deutsch einen möglichst höflichen Ausdruck wie „Ich hätte gerne X. Ich würde gerne X bestellen.“ wählen. In Spanien kommt es oft vor, dass man einfach „Me pones X, por favor?“ sagt. (Zu Deutsch: Bringst du mir X, bitte?) Eine solche Höflichkeitsform, wie wir sie im Deutschen gewohnt sind, benutzt man im Spanischen eher seltener. Das Erlernen dieser Unterscheide ist genau das, was das „Gefühl“ einer Sprache ausdrückt. Das Erlernen der Sprache, also das Lernen der Grammatik und des Vokabulars, alleine reicht nicht. Viel wichtiger ist, dass die Schüler Antworten auf das „Wie?“ gelehrt bekommen. Denn genau dann werden die Schüler auch ein Gefühl für die Kulturen bekommen, die mit der erlernten Sprache in Verbindung stehen. Sie werden diese von ihrer eigenen Kultur abgrenzen und verstehen, wieso sich Menschen in z.B. Spanien auf einer Weise verhalten, die sich mit der, auf der wir uns in Deutschland für gewöhnlich verhalten, unterscheidet. Der Fremdsprachenunterricht sollte also nie auf Stereotypen einer Kultur basieren, sondern dem Schüler Merkmale verschiedener Kulturen, die die Fremdsprache zusammenführt, zeigen, damit dieser dadurch die Sprache versteht. Und natürlich sollte man als Lehrer*in voraussetzen, dass der Schüler/die Schülerin die Fremdsprache überhaupt erlernen möchte. Denn das Erlernen ist nicht nur komplex, wie wir gesehen haben, sondern genau deshalb auch sehr zeitintensiv und erfordert viel Disziplin. Man kann nicht erwarten, dass das Wissen über die Sprache und die Fähigkeit der Sprachanwendung passiv durch den Unterricht vermittelt wird. Der Schüler muss auch selbst aktiv seinen Beitrag dazu leisten und sich eigenständig (allen voran mental) auf eine andere Fremdsprache einlassen und diese unabhängig von der eigenen Muttersprache betrachten. Und genau das, so meine Meinung, fehlt oft im Unterricht und somit vielen Schüler*innen.

Dass ich persönlich dieses Problem auch hatte, habe auch ich während bzw. besser gesagt nach meiner Schulzeit gemerkt. Als ich in der Schule war, lernte ich 5 Jahre lang Spanisch als zweite Fremdsprache. Entsprechend der Lerneinheiten des Buches haben wir (aus meiner damaligen Sicht leider) viel über die spanische Geschichte und den (typisch?) spanischen Alltag gelernt. Entweder haben wir dann entsprechende Zeitformen oder ein passendes Vokabular gelernt. Wir haben sogar mal Tortilla de Patatas im Unterricht gegessen. Leider wurde in meinem Spanischunterricht der Fokus aber viel mehr auf das Schreiben als das Sprechen und der Sprache an sich gelegt, sodass ich nach 5 Jahren Spanischunterricht noch immer kein wirkliches Gefühl für das Sprechen der Sprache hatte. Ich konnte Texte auf Spanisch verfassen, wusste, welche typisch spanische Gerichte es gibt, konnte Spanisch aber kaum situationsabhängig in verschiedenen Kontexten anwenden. Deshalb ging ich nach meinem Abitur für ein Jahr nach Spanien und habe tatsächlich erst dort angefangen, Spanisch „zu fühlen“ und im Kopf nicht mehr, so wie ich es vorher immer tat, mit Deutsch zu vergleichen. Ich fing an, Spanisch auf spanischer Weise zu sprechen und mir die Kultur anzueignen. Ich habe gemerkt, dass eine Sprache nicht nur verschiedene Kulturen eines oder mehrerer Länder verbindet, sondern tatsächlich als eigene Kultur gesehen werden kann und somit nicht auf Stereotypen basiert, sondern diverse Merkmale vereint. Schließlich vereint eine Gesellschaft, die eine gemeinsame Sprache spricht, oft trotzdem andere Sprachen und somit auch andere Kulturen und Lebensweisen.

Wenn ich in der aktuellen Lage mit dem Corvid 19 bereits als Lehrerin tätig wäre, würde ich mir deshalb in meinem Fremdsprachenunterricht überlegen, was wichtig ist, um zu verstehen, wie einzelne Kulturen aussehen bzw. wie man sie erkennt. Leider sind die kulturellen Merkmale durch die Politik zurzeit sehr belastet, da wir durch die politischen Maßnahmen nur sehr eingeschränkt unsere Kulturen und somit unseren Alltag ausleben können. Mich würde deshalb interessieren, wie meine Schüler zu den unterschiedlichen Maßnahmen der einzelnen Länder stehen und deshalb eine fächerübergreifende Projektarbeit mit folgender Aufgabenstellung erarbeiten: Stellen Sie die politischen Schutzmaßnahmen, die in Deutschland und Spanien zurzeit gelten, dar und erarbeiten sie ein kurzes Rollenspiel, in dem deutlich wird, wie diese Maßnahmen in einzelne Kulturen eingreifen und vielen Menschen in der Ausübung ihrer eigenen Kultur beschränken. Gehen Sie in dem Rollenspiel auch auf die Frage ein, inwieweit es die Politik trotzdem schafft, ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gesellschaft zu erzeugen.

Wie auch dieses mögliche Projekt zeigt, haben es Lehrer in der Schule mittlerweile oft mit Unterrichtsfächern zu tun, die immer mehr fächerübergreifend werden. Politik, Geschichte, Religion, der Fremdsprachenunterricht. All diese Fächer beziehen sich auf immer gegenseitig mit ein. Um den Schülern den Unterrichtsstoff gut und anschaulich vermitteln zu können, kann die Heterogenität, die in den meisten deutschen Schulen herrscht, durchaus von Vorteil sein. Wenn eine Schülerin mit Spanisch als Muttersprache im Spanischunterricht sitzt, kann diese garantiert anderen Schülern helfen, die Unterschiede z.B. zum Deutschen besser zu verstehen. Sie kann der Lehrerin sogar helfen, indem sie beispielsweise in Bezug auf ein bestimmtes Vokabular Situationsbeispiele geben, in denen die Wörter von Spaniern verwendet werden. Hier und auch in vielen anderen Unterrichtssituationen können Schüler von der Heterogenität profitieren. Entweder, indem sie ihr eigenes Vorwissen einbringen und ihre Kompetenz teilen oder ihr Wissen und ihre Kompetenz dank des Vorwissens eines Mitschülers erweitern können. Unterricht, allen voran der Fremdsprachenunterricht, kann helfen, Kulturen und somit sich gegenseitig zu verstehen.

Published in: on 6. Mai 2020 at 11:48 Comments (1)
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  1. on 7. Mai 2020 at 16:52 Nils Said:

    Hallo Lena,

    ich möchte deinen Beitrag kommentieren.

    Zunächst wollte ich anmerken, dass dein Blog in einem sehr schönen Stil verfasst ist und auch wirklich als solcher, losgelöst von der plumpen Beantwortung der Seminar-Fragen, lesenswert ist.

    Nun zum Inhalt: Du schreibst sehr deutlich, wie deine Meinung zu den Stereotypen ist. Ich finde deine Ausführungen sehr klar formuliert und deine Ideen, in welche Richtung der Fremdsprachenunterricht laufen sollen, finde ich fundiert und wohlüberlegt; mit deinem Konzept könnte ich mir einen guten Unterricht vorstellen!
    Eine Einschränkung möchte ich allerdings dazu geben: Deine Ausführungen setzen meiner Meinung nach schon einen großen Schritt bzw. ein gewisses Maß an bereits Erlerntem voraus. Dabei könnte ich mir den Einstieg in eine Fremdsprache schwierig vorstellen. Vielleicht ist für den Anfang eine etwas weniger durchstrukturierte und klar abgesteckte Unterrichtsform nötig. Könntest du dir vorstellen, Stereotypen minimal als eine Art Einstiegsform zuzulassen? Danach könnte ich mir eine „vernünftigere“ Vorgehensweise ohne Stereotypen, wie du sie erläutert hast, vorstellen.

    An deinen Ausführungen zu deinen persönlichen Erfahrungen erkannt man sehr gut, woher deine zuvor erläuterte Ansicht zum FS-Unterricht kommt. Ich finde es wirklich gut, dass du deine eigenen eher negativ besetzten Schulerfahrungen entsprechend verwenden kannst, um selbst zu merken, an welchen Stellen der Unterricht problematisch war und was du selbst dagegen unternehmen kannst.
    Ähnliche Erfahrungen kann ich aus dem Englischunterricht beisteuern, wenn auch mit dem Unterschied, dass ich abgesehen von Urlaubsreisen mich sprachlich nicht großartig weitergebildet habe und noch heute das Gefühl habe, die Sprache nicht wirklich zu können. Ich möchte aber noch mit einem eigenen Beispiel anknüpfen, welches einfach eine völlig andere Richtung aufweist. Als zweite Fremdsprache hatte ich Latein. Die tote Sprache – entsprechend gab es auch keine sprachlichen Probleme, da ich niemals in die Gelegenheit kam, es außerschulisch zu verwenden. Allerdings bin ich sehr geschichtsinteressiert, sodass ich mein Latein überall in Rom nutzen konnte, um Inschriften etc. zu entziffern und zumindest die grundlegende Bedeutung zu verstehen. In diesem Sinne bin ich froh darüber, dass mein Lateinunterricht stark ans Lernen von Grammatik, Vokabeln etc. gebunden war! Mir ist aber natürlich klar, dass das eine absolute Ausnahme darstellt.

    Deine Aufgabenstellung finde ich interessant. Mich persönlich beschäftigt auch die Frage nach den unterschiedlichen Maßnahmen und ihrer Auswirkungen (sowohl der Wirksamkeit zur Eindämmung des Virus als auch der kulturellen Reaktion), weshalb ich diese Erarbeitung im Schulbereich angebracht finde. Ich fände anschließend an deine Aufgabenstellung noch interessant, inwieweit die Schüler selbst die Maßnahmen nachvollziehen können, wo sie selbst etwaige Probleme (in Anknüpfung auf ihre Ausarbeitungen in Form des Rollenspiels) sehen. Damit könnte man eine Art weiterführenden Lerneffekt erzeugen und den Schülern bewusst machen, wie wichtig das korrekte Verhalten ist.

    Zum Schluss möchte ich noch kommentieren, dass ich deiner Meinung zur Nutzbarkeit der Heterogenität absolut zustimme. Dabei sollten sich die Lehrkräfte allerdings gut überlegen, in welcher Weise sie auf die vorhandene Heterogenität eingehen, ohne jene Schüler in ein schlechtes Licht zu rücken. In den vergangenen Vorlesungsinhalten zur Heterogenität ist ja deutlich geworden, wie wichtig der korrekte Umgang mit Heterogenität ist bzw. wie schnell ein falscher Umgang zu Problemen führen kann. Entsprechend muss auch bei einer Nutzung der Heterogenität auf die korrekte Umsetzung geachtet werden.

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