{"id":13,"date":"2020-06-15T14:29:01","date_gmt":"2020-06-15T12:29:01","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/heterogenitaet2020\/?p=13"},"modified":"2020-06-15T14:29:01","modified_gmt":"2020-06-15T12:29:01","slug":"rv08-prof-dr-matthis-kepser-heterogenitaet-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/heterogenitaet2020\/2020\/06\/15\/rv08-prof-dr-matthis-kepser-heterogenitaet-2020\/","title":{"rendered":"RV08: Prof. Dr. Matthis Kepser &#8211; Heterogenit\u00e4t 2020"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Greiner (2019) formuliert verschiedene Dilemmata, die mit der Forderung nach Inklusion an den Schulen verbunden sind. Nehmen Sie zu dreien Ihrer Wahl Stellung.<\/strong><\/p>\n<p><em>Differenzst\u00e4rkungsdilemma: In inklusiven Schulen wird die Heterogenitatswahrnehmung aufgrund der Sichtbarkeit gro\u00dfer (Leistungs- und Verhaltens-)Differenzen noch versch\u00e4rft: Extreme Heterogenit\u00e4t erfordere <\/em><em>\u226bkomplexe Differenzierung<\/em><em>\u226a (Gonzalez et al. 2016, S. 335). Vergleichsdifferenz erzeugt potenziell besonders f\u00fcr Sch\u00fcler mit Problemen m\u00f6gliche Besch\u00e4mungs- und Abwertungserfahrungen.<\/em><\/p>\n<p>Dies ist meiner Meinung nach ein sehr relevantes Dilemma, welches ich auch in meiner eigenen Schulzeit erfahren habe.<\/p>\n<p>In einigen Situationen war die Differenzierung hilfreich. So hatten wir z.B. im Matheunterricht einen Sch\u00fcler, der sehr schlecht war, was auch alle wussten. Dies war sicher f\u00fcr ihn etwas unangenehm, hat aber auch dazu gef\u00fchrt, dass unser Lehrer sich besonders viel M\u00fche gegeben hat, ihm die Dinge verst\u00e4ndlich zu erkl\u00e4ren und der Rest der Klasse hat dementsprechend auch R\u00fccksicht genommen. Als er dann tats\u00e4chlich eine ganze Note besser geworden ist, war das ein kollektives Erfolgserlebnis.<\/p>\n<p>Die meisten Differenzierungen haben jedoch eher, wie von Greiner beschrieben, dazu gef\u00fchrt, dass sich SuS abgewertet und besch\u00e4mt gef\u00fchlt haben und ihre Leistungen am liebsten vor den anderen versteckt h\u00e4tten. Da wir bereits eine sehr sozial hilfsbereite Klasse an einem Gymnasium waren, stelle ich mir dieses Problem in anderen Klassen als noch deutlich gravierender vor. In diesem F\u00e4llen war zudem zu beobachten, dass die Lehrkr\u00e4fte zwar die Differenz deutlich gemacht haben, jedoch im weiteren Unterricht wenig bis gar nicht darauf eingegangen sind.<\/p>\n<p>Dementsprechend denke ich, dass dem Differenzst\u00e4rkungsdilemma auf zwei Weisen begegnet werden muss: erstens muss abgesch\u00e4tzt werden, wie gro\u00df die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr eine abwertende Reaktion der Mitsch\u00fclerInnen ist. Zweitens muss die Lehrkraft sehr sensibel vorgehen, damit die SuS den Vergleich als Chance wahrnehmen, nicht als Strafe, und den SuS immer wieder unterst\u00fctzen. Auch kann an dieser Stelle vermittelt werden, dass SuS, die vergleichsweise gute Leistungen erbringen, auch profitieren k\u00f6nnen, indem sie schw\u00e4cheren SuS Sachverhalte erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><em>Autonomiedilemma<\/em>: <em>Das allgemeine Ziel gesteigerter Lernerautonomie setzt bereits erh\u00f6hte Selbstregulationsf\u00e4higkeiten voraus \u2013 Autonomie beim Lernen zu erm\u00f6glichen, st\u00e4rkt (nur) die (leistungs-)starken Sch\u00fcler und befestigt den ber\u00fchmten Matth\u00e4us-Effekt (\u203aWer hat, dem wird gegeben\u2039) beim Lernen. Inklusiver Unterricht antwortet darauf, indem er zwei Settings f\u00fcr unterschiedliche Lernziele installiert: \u00bbacademic task structures\u00ab (Abels 2016, S. 331) und \u00bbsocial partizipation structures\u00ab (ebd.).<\/em><\/p>\n<p>Das Autonomiedilemma zeigt sich nun auch besonders in der Corona-Krise und der resultierenden Fernlehre. Diejenigen SuS, die bereits vorher in der Schule gut mitkamen und selbstst\u00e4ndig gearbeitet haben, kommen auch zu Hause mit dem Stoff gut zurecht. Diejenigen, die nicht gut selbstst\u00e4ndig arbeiten k\u00f6nnen, bleiben jetzt in der Fernlehre noch weiter zur\u00fcck, da die Unterst\u00fctzung durch eine pr\u00e4sente Lehrkraft ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Dieses Dilemma ist deshalb meiner Meinung nach eines der wichtigsten, da sich dieses Schema nat\u00fcrlich auch nach der Schulzeit noch fortsetzt. Eine wichtige Aufgabe seitens der Schule ist es daher, Lernerautonomie nicht vorauszusetzen, sondern dies als eine zu erlernende F\u00e4higkeit anzusehen und in diesem Zusammenhang Strategien und M\u00f6glichkeiten mit den SuS auszuarbeiten, wie autonomes Lernen funktioniert.<\/p>\n<p><em>\u203aAls ob\u2039-Dilemma<\/em>: Die ethnographische Unterrichtsforschung hat paradoxale Interaktionspraxen im inklusiven schulischen Alltag aufgezeigt, die eine Doppelbotschaft an (leistungsschw\u00e4chere) Sch\u00fcler \u00fcbermitteln: F\u00f6rderungsbed\u00fcrftige Sch\u00fcler werden \u2013 gemessen an ihrem Lernniveau \u2013 zu besonderen Leistungen ermutigt, aber ihre Leistungen werden weder klassen\u00f6ffentlich ernstgenommen noch gew\u00fcrdigt werden (Prengel 2017, S. 15).<\/p>\n<p>Bei diesem Dilemma halte ich es f\u00fcr besonders wichtig, dass transparent kommuniziert wird, welche Leistungen wie bewertet werden. So gibt es z.B. oft die M\u00f6glichkeit f\u00fcr SuS, weiterf\u00fchrende Aufgaben als \u201eExtraufgaben\u201c zu l\u00f6sen, welche dann von einer Lehrkraft besondere Anerkennung erhalten, im Gegensatz zu den \u201enormalen\u201c Aufgaben, die in diesem Beispiel dann nicht weiter gew\u00fcrdigt werden. Dies w\u00e4re der Gegensatz zu dem von Greiner genannten Beispiel, in dem F\u00f6rdersch\u00fcler f\u00fcr besondere Leistungen keine Anerkennung erhalten. Generell sollten alle erbrachten Leistungen Anerkennung durch die Lehrkraft erfahren, sodass sich die SuS in ihrer Arbeit wertgesch\u00e4tzt f\u00fchlen<\/p>\n<p><strong>2. Die Vermittlung und Reflexion der deutschen Sprache ist nicht nur Aufgabe des Deutschunterrichts, sondern f\u00e4cher\u00fcbergreifendes Unterrichtsprinzip. Wo sehen Sie in Ihrem (ggf. zweiten) Fach M\u00f6glichkeiten, um<\/strong><\/p>\n<p><strong>a) Vielsprachigkeit als Ressource zu nutzen,<\/strong><\/p>\n<p>Im Fach Chemie sehe ich nicht sehr viele M\u00f6glichkeiten, Vielsprachigkeit zu nutzen. Ein Ansatzpunkt k\u00f6nnte hier das bessere Verst\u00e4ndnis von Chemikaliennamen sein, die oft aus dem Lateinischen oder Englischem stammen oder angelehnt sind, was jedoch auch durch eine kurze Erkl\u00e4rung auch verst\u00e4ndlich gemacht werden kann. Zudem k\u00f6nnten besonders in der Oberstufe englischsprachige SuS profitieren, welche sich eingehend mit den Themen besch\u00e4ftigen m\u00f6chten, da ein Gro\u00dfteil der Fachartikel auf Englisch geschrieben ist.<\/p>\n<p>Das Fach Religion ist in dieser Hinsicht schon wesentlich interessanter, da hier unterschiedliche Religionen behandelt werden, die nat\u00fcrlich nicht dem deutschen Sprachraum entspringen. Hier k\u00f6nnte man mit Hilfe vielsprachiger SuS auch kleine Beispiele einer Originalschrift oder Inschriften thematisieren, welche durch einen SuS, der diese \u00fcbersetzen bzw. verstehen und erkl\u00e4ren kann, dem Rest der Klasse zug\u00e4nglicher gemacht werden.<\/p>\n<p><strong>b) gendersensibel Unterrichtsgegenst\u00e4nde auszuw\u00e4hlen und Aufgaben zu konstruieren. (ACHTUNG! Ein * gen\u00fcgt daf\u00fcr nicht!)<\/strong><\/p>\n<p>Chemie ist ein naturwissenschaftliches Fach. Wie bei den meisten Naturwissenschaften (mit Ausnahme von Biologie) besteht hier oft das Vorurteil, dass Jungen hier begabter seien als M\u00e4dchen. Dies f\u00fchrt meiner Erfahrung nach dazu, dass Sch\u00fclerinnen sich oft weniger f\u00fcr diese F\u00e4cher interessieren, da sie der Meinung sind, hier im Vergleich mit den Mitsch\u00fclern schlechtere Leistungen zu erbringen, egal wie sehr sie sich anstrengen. Ich denke, es ist sehr wichtig, fr\u00fch zu vermitteln, dass auch ein Fach f\u00fcr Chemie f\u00fcr Sch\u00fclerinnen interessant und verst\u00e4ndlich sein kann. Chemie spielt in beinahe allen Bereichen des Alltags eine Rolle, von Putzmitteln \u00fcber Kosmetika bis hin zu Raketentreibstoff gibt es eine F\u00fclle von Anwendungsbereichen. Gendersensible Aufgaben zu konstruieren besteht meiner Meinung nach nicht darin, etwas zu finden, was alle SuS gleicherma\u00dfen anspricht, sondern eine gro\u00dfe Vielfalt an Experimenten und Anwendungsbereichen zu zeigen, sodass sich jede\/r repr\u00e4sentiert f\u00fchlt. So gibt es ruhige, aber sch\u00f6n anzusehende Experimente wie den chemischen Garten, bei dem aus anorganischen Verbindungen h\u00fcbsche Gebilde im Reagenzglas wachsen. Andere Experimente sind laut, rauchen oder explodieren sogar (kontrolliert). Auf keinen Fall darf von vorneherein von der Lehrkraft angenommen werden, welcher Sch\u00fclertyp sich f\u00fcr welche Art der Chemie interessiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Greiner (2019) formuliert verschiedene Dilemmata, die mit der Forderung nach Inklusion an den Schulen verbunden sind. Nehmen Sie zu dreien Ihrer Wahl Stellung. Differenzst\u00e4rkungsdilemma: In inklusiven Schulen wird die Heterogenitatswahrnehmung aufgrund der Sichtbarkeit gro\u00dfer (Leistungs- und Verhaltens-)Differenzen noch versch\u00e4rft: Extreme Heterogenit\u00e4t erfordere \u226bkomplexe Differenzierung\u226a (Gonzalez et al. 2016, S. 335). 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