{"id":26,"date":"2020-04-01T15:05:46","date_gmt":"2020-04-01T13:05:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/healthpromotion\/?p=26"},"modified":"2020-04-01T16:25:51","modified_gmt":"2020-04-01T14:25:51","slug":"quarantaene-und-psychische-gesundheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/healthpromotion\/2020\/04\/01\/quarantaene-und-psychische-gesundheit\/","title":{"rendered":"Quarant\u00e4ne und psychische Gesundheit"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Auswirkungen von Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen auf die psychische Gesundheit: Stand der Evidenz und M\u00f6glichkeiten zur Reduktion <\/strong><\/h3>\n<h4>Zusammenfassung und Diskussion von:<\/h4>\n<p class=\"p1\"><a href=\"https:\/\/www.thelancet.com\/journals\/lancet\/article\/PIIS0140-6736(20)30460-8\/fulltext\">Brooks, S. K., Webster, R. K., Smith, L. E., Woodland, L., Wessely, S., Greenberg, N., &amp; Rubin, G. J. (2020). The psychological impact of quarantine and how to reduce it: rapid review of the evidence. <i>The Lancet, 395<\/i>(10227), 912-920<\/a>. doi:10.1016\/S0140-6736(20)30460-8<\/p>\n<h4><strong>Kernaussagen:<\/strong><\/h4>\n<ul>\n<li>Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen k\u00f6nnen schwerwiegende psychische Beeintr\u00e4chtigungen nach sich ziehen.<\/li>\n<li>Wenn Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen n\u00f6tig sind, sollte die Dauer auf das absolute Minimum reduziert werden, und die Dauer und die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Ma\u00dfnahmen m\u00fcssen klar kommuniziert werden, um psychische Belastungen zu reduzieren.<\/li>\n<li>Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen w\u00e4hrend und nach Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen sind entscheidend f\u00fcr die Auswirkungen auf psychische Gesundheit.<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Hintergrund<\/h4>\n<p>Im Rahmen der Corona-Krise sind in vielen L\u00e4ndern (darunter auch Deutschland) Ma\u00dfnahmen zur Ausgangsbeschr\u00e4nkung (d.h., Vorschriften zur Reduktion von sozialen Kontakten im \u00f6ffentlichen Raum) sowie konkrete Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen (d.h., Ausgangsverbot und Kontaktbeschr\u00e4nkung von Menschen, die mit dem COVID-19-Virus infiziert sind) beschlossen worden.<\/p>\n<p>Diese Ma\u00dfnahmen gehen mit erheblichen sozialen und psychologischen Folgen einher, die immer im Zusammenhang mit der epidemiologischen Notwendigkeit von Quarant\u00e4ne-Ma\u00dfnahmen betrachtet werden m\u00fcssen. Die Arbeit von Brooks et al. fasst den aktuellen Kenntnisstand \u00fcber die psychischen Folgen von Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen zusammen.<\/p>\n<h4>Zusammenfassung<\/h4>\n<p>In ihrem Rapid Review (eine spezielle Form von systematischen \u00dcberblicksarbeiten, bei denen vor allem die rasche Erstellung eines m\u00f6glichst umfassenden \u00dcberblicks \u00fcber den Stand der wissenschaftlichen Arbeiten zu einem bestimmten Thema) haben Brooks et al. 3166 Studien nach Informationen zu den psychischen Folgen von Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen durchsucht und insgesamt 24 Studien zusammengefasst.<\/p>\n<p>Darunter sind Studien aus so unterschiedlichen L\u00e4ndern wie Kanada, Australien, China, S\u00fcdkorea, Sierra Leone und Liberia. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Quarant\u00e4ne-Ma\u00dfnahmen in den Studien reichten von der Isolation von medizinischem Personal, das in Westafrika dem Ebola-Virus ausgesetzt war bis hin zu kompletten Stadtvierteln in Hong Kong, die wegen der SARS-Epidemie unter Quarant\u00e4ne gesetzt wurden.<\/p>\n<h4>Ergebnisse<\/h4>\n<h4>F\u00fcr wen stellt Quarant\u00e4ne ein besonderes Risiko dar?<\/h4>\n<p>Insbesondere Menschen mit psychischen Vorerkrankungen und Besch\u00e4ftigte im Gesundheitswesen zeigten ein h\u00f6heres Risiko f\u00fcr psychische Probleme nach Ende der Quarant\u00e4ne.<\/p>\n<h4><em>Welche Faktoren w\u00e4hrend der Quarant\u00e4ne wirken sich auf psychische Gesundheit aus?<\/em><\/h4>\n<ul>\n<li>Dauer der Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen: Je l\u00e4nger Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen andauerten, desto h\u00f6her waren die psychischen Belastungen der Personen in Quarant\u00e4ne<\/li>\n<li>Angst vor Infektion: Je st\u00e4rker die Angst vor Infektion und die Angst, andere zu infizieren waren, desto h\u00f6her waren die psychischen Belastungen nach der Quarant\u00e4ne<\/li>\n<li>Frustration und Langeweile: Fast alle Studien berichteten von Frustration und Langeweile der Personen in Quarant\u00e4ne, was haupts\u00e4chlich daran lag, dass gewohnten Alltagsaktivit\u00e4ten nicht mehr nachgegangen werden konnte.<\/li>\n<li>Versorgungsengp\u00e4sse: Wenn w\u00e4hrend der Quarant\u00e4nema\u00dfnahme grundlegende Versorgungsmittel knapp waren, war dies mit h\u00f6heren psychischen Belastungen nach Ende der Quarant\u00e4ne assoziiert.<\/li>\n<li>Unzureichende Information: Unzureichende Information \u00fcber die Ursachen von Erkrankungen und Gr\u00fcnde f\u00fcr die Quarant\u00e4ne f\u00fchrten in vielen Studien zu Frustration und Angst der Personen in Quarant\u00e4ne. Insbesondere wenn aufgrund mangelnder Information nicht klar war, warum Ma\u00dfnahmen notwendig sind, traten im Nachklang der Quarant\u00e4ne Probleme auf.<\/li>\n<\/ul>\n<h4><em>Welche Faktoren nach Ende der Quarant\u00e4ne haben Einfluss auf psychische Gesundheit?<\/em><\/h4>\n<p>Finanzielle Einbu\u00dfen durch die Unterbrechung beruflicher Aktivit\u00e4ten oder der Verlust des Arbeitsplatzes f\u00fchrten zu erheblich negativeren psychischen Auswirkungen der Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen. Auch finanzielle Unterst\u00fctzung wirkte nicht in allen Studien positiv, insbesondere dann, wenn sie als nicht ausreichend empfunden wurde.<\/p>\n<p>Stigma durch die Quarant\u00e4ne wirkte sich auf psychische Gesundheit aus \u2013 insbesondere dann, wenn sich aufgrund der Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen die Qualit\u00e4t von sozialen Beziehungen zu Nachbarn, Freund*innen und Kolleg*innen verschlechterte.<\/p>\n<h4><em>Wie k\u00f6nnen psychische Beeintr\u00e4chtigungen nach Quarant\u00e4ne vermieden werden?<\/em><\/h4>\n<ul>\n<li>Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen so kurz wie m\u00f6glich halten: Die Dauer von Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen sollte so kurz wie m\u00f6glich sein. Dabei sollte die Inkubationsdauer der Erkrankungen entscheidend sein und dar\u00fcberhinaus m\u00f6glichst keine weitere Quarant\u00e4ne angeordnet werden.<\/li>\n<li>So viel und so gute Information wie m\u00f6glich: Je besser die Informationen sind, die die Menschen in Quarant\u00e4ne erhalten, desto eher lassen sich die Ma\u00dfnahmen nachvollziehen.<\/li>\n<li>Grundlegende Bed\u00fcrfnisse und Grundbedarf decken: Je besser Grundbed\u00fcrfnisse an Nahrungsmitteln etc. gedeckt werden, und je schneller dies passiert, desto weniger Sorgen machen sich Menschen unter Quarant\u00e4ne \u00fcber ihre Versorgung.<\/li>\n<li>Kommunikation verbessern und Langeweile vermeiden: Praktische Hinweise darauf, wie die Zeit in Quarant\u00e4ne sinnvoll genutzt werden kann, Unterhaltungsangebote und vor allem Angebote f\u00fcr Kinder sind entscheidend f\u00fcr die psychische Belastung. Je besser Kommunikation mit Freund*innen und Verwandten funktioniert, desto mehr soziale Unterst\u00fctzung k\u00f6nnen sich Menschen unter Quarant\u00e4ne zu Nutze machen.<\/li>\n<li>Wer sich freiwillig in Quarant\u00e4ne begibt oder davon \u00fcberzeugt ist, durch die Quarant\u00e4nema\u00dfnahme die Gesundheit anderer zu sch\u00fctzen, ist m\u00f6glicherweise weniger stark von psychischen Beeintr\u00e4chtigungen betroffen.<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Einordnung der Studie<\/h4>\n<p>Diese Studie ist ein enorm wichtiger Beitrag zur Diskussion um die Folgen von Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie wie Ausgangsbeschr\u00e4nkungen. Auch wenn Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen immer in einem isolierten Kontext stattfinden (d.h., die Quarant\u00e4ne ist die Ausnahme, w\u00e4hrend drau\u00dfen der Alltag weitergeht), und sich die im Rahmen der Corona-Pandemie diskutierten Ausgangs- und sozialen Beschr\u00e4nkungen auf den Alltag aller auswirkt, sind hier einige wichtige Punkte herauszustellen \u2013 die Dauer von Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen (und damit eben auch die Dauer von Ausgangsbeschr\u00e4nkungen) sind auf ein Minimum zu reduzieren, um psychische Belastung zu vermeiden, und diese Dauer und der Grund von Beschr\u00e4nkungen m\u00fcssen klar kommuniziert werden. Gl\u00fccklicherweise sind Aspekte wie die Sicherstellung von Grundversorgung oder Stigma momentan wahrscheinlich eher weniger relevant, weil a) keine Versorgungsengp\u00e4sse abzusehen sind, und b) alle von den Ma\u00dfnahmen betroffen sind, aber vor allem im Hinblick auf Dauer und transparente Entscheidungsregeln sind die Ergebnisse aus dieser \u00dcberblicksarbeit wichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auswirkungen von Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen auf die psychische Gesundheit: Stand der Evidenz und M\u00f6glichkeiten zur Reduktion Zusammenfassung und Diskussion von: Brooks, S. K., Webster, R. K., Smith, L. E., Woodland, L., Wessely, S., Greenberg, N., &amp; Rubin, G. J. (2020). 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