{"id":808,"date":"2020-06-09T08:15:16","date_gmt":"2020-06-09T06:15:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/?p=808"},"modified":"2020-07-03T08:03:46","modified_gmt":"2020-07-03T06:03:46","slug":"unter-welcher-flagge-faehrt-es-sich-am-guenstigsten-die-geschichte-des-ausflaggens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/06\/09\/unter-welcher-flagge-faehrt-es-sich-am-guenstigsten-die-geschichte-des-ausflaggens\/","title":{"rendered":"Unter welcher Flagge f\u00e4hrt es sich am g\u00fcnstigsten? &#8211;    Die Geschichte des Ausflaggens"},"content":{"rendered":"<p>Im Oktober 2018 machte das Schiff \u201eAquarius\u201c der Bremer Reederei Jasmund Shipping Schlagzeilen. Nachdem erst Gibraltar das Schiff der Seenotrettungsorganisation SOS Mediterranee aus seinem Schiffsregister gestrichen hatte, entzog auch der neue Flaggenstaat Panama dem Schiff das Recht unter seiner Flagge zu fahren. Die \u201eAquarius\u201c verkehrte zuvor zwischen Libyen und Italien und rettete \u00fcber 30.000 Menschen das Leben. Italien, das sich mit der Aufnahme der geretteten Menschen der \u201eAquarius\u201c konfrontiert sah, drohte Panama (dem Flaggenstaat) damit, dass Schiffe unter panamaischer Flagge keine europ\u00e4ischen H\u00e4fen mehr anlaufen d\u00fcrften.<\/p>\n<div id=\"attachment_809\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-809\" class=\"wp-image-809\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/files\/Acquarius-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"144\" \/><p id=\"caption-attachment-809\" class=\"wp-caption-text\">Rettungsschiff &#8222;Aquarius&#8220;. Quelle: SOS Mediterranee.<\/p><\/div>\n<p>Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht und das mittelamerikanische Land handelte und entzog der \u201eAquarius\u201c die Flagge. Der Schritt von Panama war ungew\u00f6hnlich, ebenso die vorherige Ausflaggung durch Gibraltar meint Christoph Hempel, bei dessen Reederei die Seenotrettungsorganisation das Schiff im Jahr 2016 gechartert hatte. Im Dezember 2018 beendete die SOS Mediterranee schlie\u00dflich den Einsatz des Schiffes, da das Flaggenproblem nicht gel\u00f6st werden konnte. <!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber den Entzug der Flagge meint Hempel zum Weser Kurier, dass dies \u201ein den letzten 20 Jahren [\u2026] nur vier Mal passiert (Golitschek 2018)[sei].\u201c Seine Reederei hatte die \u201eAquarius\u201c unter gibraltaischer und dann panamaischer Flagge angemeldet, um Kosten zu sparen. Die Registerl\u00f6schung aus politischen Gr\u00fcnden ist beispiellos, die allgemeine Praxis des Ausflaggens, also der Registrierung eines Schiffs au\u00dferhalb des Heimatlandes des Eigent\u00fcmers, ist g\u00e4ngige dagegen Praxis.<\/p>\n<p><strong>Das Ausflaggen von Schiffen wird bereits seit geraumer Zeit praktiziert<\/strong>. So gibt es bereits in der Zeit des R\u00f6mischen Reichs Belege, dass Schiffe eine andere Flagge als ihre Heimatflagge (\u00d6Z\u00c7AYIR 2000: 1) hissten , um Vorteile f\u00fcr sich zu generieren. Im Zuge der Diskussion um die Einf\u00fchrung einer Unfallversicherung im Jahr 1887 drohten deutsche Reeder ihre Schiffe unter einer anderen als der deutschen Flagge (K\u00fcttner 2000: 97) fahren zu lassen. Diese Drohung hatte zwar keinen Erfolg (Gerstenberger 2002: 17), aber sie verdeutlicht, dass die Anf\u00e4nge der Praxis des Ausflaggens weit zur\u00fcckliegen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden Handelsschiffe h\u00e4ufig aus milit\u00e4rischen Gr\u00fcnden ausgeflaggt. Fuhr ein solches unter einer kriegsf\u00fchrenden Flagge, so musste es damit rechnen vom entsprechenden Kriegsgegner als Prise (N\u00fanez-M\u00fcller 1994: 33) genommen zu werden. Fuhr das Schiff dagegen unter einer neutralen Flagge \u2013 flaggte also um \u2013 beseitigte es dieses Risiko und auch m\u00f6gliche Seeblockaden konnten auf diese Art und Weise vermieden werden. Auch der Schutz vor <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/05\/17\/gastbeitrag-piraterie-vor-somalia-nigeria\/\">Piraterie<\/a> (N\u00fanez-M\u00fcller 1994: 34) durch Eingreifen der entsprechenden war eine Ursache des Ausflaggens.<\/p>\n<p>Die erste gro\u00dfe Welle des Ausflaggens setzte nach Ende des 1. Weltkrieges ein. Der Grund war recht simpel: Alkoholkonsum. In der Zeit der US-Prohibition durften US-amerikanische Schiffe keinen Alkohol ausschenken, unter der panamaischen Flagge war es ihnen aber erlaubt. In dieser Zeit wurden auch die sogenannten \u201eoffenen\u201c Schiffsregister eingef\u00fchrt, die neben den \u201eeigenen\u201c nationalen Schiffen, auch die Schiffe anderer Staaten aufnehmen konnten. Den Anfang machte Panama, bald darauf kam Honduras hinzu. In den 1920ern wurde au\u00dferdem ein Vertrag zwischen den USA und Panama geschlossen (Alderton\/Winchester 2002: 182), der festlegte, dass Profite aus der Schifffahrt in Panama nicht zu verteuern seien. Dies bedeutete nat\u00fcrlich erhebliche Wettbewerbsvorteile. Als die USA dann noch weitere Gesetze verabschiedete, die die Erh\u00f6hung der Lohnkosten auf Schiffen zur Folge hatte, flaggten immer mehr Schiffe aus. Auch europ\u00e4ische Schiffe (Alderton\/Winchester 2002: 182) nutzten daraufhin die M\u00f6glichkeit der Kostensenkung. Im Jahr 1948 wurde ein neues liberianisches Seerecht konstituiert (Alderton\/Winchester 2002: 182), wodurch auch Liberia den Markt der offenen Schiffsregister betrat. F\u00fcr diese drei Staaten wurde der Begriff der sogenannten \u201ePanlibhon\u201c Staaten gepr\u00e4gt.<\/p>\n<div id=\"attachment_810\" style=\"width: 383px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-810\" class=\"wp-image-810\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/files\/Panama-Flagge-300x170.jpg\" alt=\"\" width=\"373\" height=\"216\" \/><p id=\"caption-attachment-810\" class=\"wp-caption-text\">Panamaische Flagge. Quelle:Lukas Schulze\/dpa<\/p><\/div>\n<p>Die Flaggenstaaten, deren Nutzung wesentliche Kostensenkung in der Schifffahrt erm\u00f6glichen, werden als sogenannte \u201eFlags of Convenience\u201c, also als Billigflaggen bezeichnet. Bereits im Jahr 1939 wurde die panamaische Flagge als \u201econvenient\u201c bezeichnet. Der Begriff der \u201eFlag of Convenience\u201c etablierte sich aber erst in den 1950ern (Alderton\/Winchester 2002: 182). Bekannt wurde der Terminus durch eine Kampagne gegen diese Billigflaggen durch die International Transport Worker\u00b4s Federation 1948 (Alderton\/ Winchester 2002: 182). Eine Flagge sei laut der Federation eine Billigflagge, \u201ewenn der \u00f6konomische Nutzen aus einem Schiff und die tats\u00e4chliche Kontrolle \u00fcber seinen Betrieb sich in einem anderen Land befinden als in dem Land, dessen Flagge das Schiff f\u00fchrt.\u201c (Alderton\/Winchester 2002: 183).<\/p>\n<p>In den 1950ern bis 1973 wuchs die internationale Produktion und der <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/05\/11\/lerneinheit-4-handel-schifffahrt\/\">internationale Handel stark an.<\/a> Letzterer geschah vorwiegend \u00fcber den Seeweg (Gerstenberger 2002: 18). In der guten Konjunktur der Nachkriegsjahre des 2. Weltkrieges wurde das Instrument der Ausflaggung eher sparsam (Gerstenberger 2002: 18) genutzt. Als nach der ersten \u00d6lkrise die Wirtschaft stark abschw\u00e4chte wurden jedoch sehr viele Schiffe ausgeflaggt. Ab den 1980ern stieg die Anzahl ausgeflaggter Handelsschiffe (Gerstenberger 2002: 25) dramatisch. Um die Abwanderung in offene Register zu reduzieren wurde von den europ\u00e4ischen Staaten damit begonnen sogenannte Offshore-Register aufzubauen, die g\u00fcnstigere Bedingungen f\u00fcr die Reedereien schafften.<\/p>\n<p><strong>Die Praxis des Ausflaggens mit den damit einhergehenden Steuerverlusten und Arbeitsschutzdefiziten stie\u00df und st\u00f6\u00dft bei den betroffenen Staaten verst\u00e4ndlicherweise auf Kritik.<\/strong> So wurde 1982 in der \u201eUnited Nations Convention on the Law of the Sea\u201d eine \u201cechte Verbindung\u201d zwischen Schiff und Flaggenstaat\u00a0 (Alderton\/Winchester 2002: 183) verlangt. Auch der Internationale W\u00e4hrungsfonds \u00e4u\u00dfert immer wieder ihr Missfallen \u00fcber die Praxis und erkl\u00e4rt das Ausflaggen sei einer der wichtigsten Ursachen f\u00fcr das sogenannte \u201eschwarze\u201c Loch (Gerstenberger 2002: 25) &#8211; dem Fehlbetrag in der Weltbuchf\u00fchrung \u00fcber Importe und Exporte. Trotz des eigentlich geltenden Prinzips der \u201eechten Verbindung\u201c zwischen Schiff und Flagge verbreitete sich das Ausflaggen immer weiter. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr Ausflaggungen lagen fr\u00fcher eher im milit\u00e4rischen, kriegsbedingten heutzutage im \u00f6konomischen Bereich und dienen vor allem der Kosteneinsparung. So sparen die Redereien an den Heuern, den Steuern und den Abgaben. Problematisch sind Ausflaggungen f\u00fcr die Schiffscrew, die dann beispielsweise nicht mehr unter deutschen, sondern panamaischen Arbeitsrichtlinien arbeiten. 1982 wurde \u201eThe Paris Memorandum of Understanding\u201c von 14 europ\u00e4ischen Staaten verabschiedet (Gerstenberger 2002: 33), das Hafenstaatskontrollen, also die Kontrolle der Handelsschiffe unabh\u00e4ngig von ihrer Flagge erm\u00f6glichte. In den 1990ern wurden die Hafenstaatskontrolle auf weitere Regionen der Welt ausgeweitet, jedoch ist die Wirkung dieser Kontrollen nur begrenzt.<\/p>\n<p><strong>Im Jahr 2018 war Panama mit 6.398 Handelsschiffen das Land mit der gr\u00f6\u00dften Schiffsflotte<\/strong> (Marinekommando 2019: 122) und so auch der Favorit unter den Flaggenstaaten. Im gleichen Jahr waren nach \u00a7 7 des Flaggenrechtsgesetzes (FLRG) 1812 Schiffe deutscher Eigner und Reedereien ausgeflaggt (Marinekommando 2019: 183). Die Top 3 der beliebtesten Staaten waren dabei Antigua und Barbuda, Liberia und Portugal. Nur 302 Schiffe der deutschen Handelsflotte fuhren im gleichen Jahr unter der deutschen Flagge. Von 1990 hat die Zahl der Schiffe der deutschen Handelsflotte von 1064 auf die benannten 302 abgenommen.<\/p>\n<div id=\"attachment_811\" style=\"width: 392px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-811\" class=\"wp-image-811 \" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/files\/10Flaggenstruktur-der-deutschen-Handelsflotte-300x177.png\" alt=\"\" width=\"382\" height=\"230\" \/><p id=\"caption-attachment-811\" class=\"wp-caption-text\">Flaggenstruktur der deutschen Handelsflotte. Quelle: Verein deutscher Reeder<\/p><\/div>\n<p>Die aktuellsten Zahlen aus Mai 2020 zeigen, dass nach der Bruttoraumzahl immer noch Antigua und Barbuda die meiste Fracht deutscher ausgeflaggter Handelsschiffe transportieren (Bundesamt f\u00fcr Seeschifffahrt und Hydrographie).<!--more--><\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Alderton, Tony\/Winchester, Nik (2002): Internationale Regulierungen und die Praxis von Flaggenstaaten. Eine globale vergleichende Analyse, In: Gerstenberger, Heide\/ Welke, Ulrich (Hrsg.), Seefahrt in Zeichen der Globalisierung, \u00fcbersetzt von Heide Gerstenberger. M\u00fcnster: Westf\u00e4lisches Dampfboot, 180-196<\/li>\n<li>Bundesamt f\u00fcr Seeschifffahrt und Hydrographie. Bestand der nach \u00a77 FIRG ausgeflaggten Handelsschiffe ab BRZ 100. Abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.bsh.de\/DE\/THEMEN\/Schifffahrt\/Deutsche_Handelsflotte\/_Anlagen\/Downloads\/Statistik-BBC.pdf;jsessionid=D993369520240AE1907FDE7CD423F7EE.live11292?__blob=publicationFile&amp;v=32\">https:\/\/www.bsh.de\/DE\/THEMEN\/Schifffahrt\/Deutsche_Handelsflotte\/_Anlagen\/Downloads\/Statistik-BBC.pdf;jsessionid=D993369520240AE1907FDE7CD423F7EE.live11292?__blob=publicationFile&amp;v=32<\/a> (Zugriff am 8.6.2020)<\/li>\n<li>Drobnig, Ulrich (1989): Billige Flaggen im Internationalen Privatrecht. In: Rechte der Flagge und \u201eBillige Flaggen\u201c \u2013 Neuere Entwicklungen im Internationalen Privatrecht und V\u00f6lkerreicht, Berichte der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr V\u00f6lkerrecht, 31, Heidelberg: C.F. M\u00fcller Juristischer Verlag GmbH<\/li>\n<li>Gerstenberger, Heide (2002): Ein globalisiertes Gewerbe. In: Gerstenberger, Heide\/ Welke, Ulrich (Hrsg.), Seefahrt in Zeichen der Globalisierung, \u00fcbersetzt von Heide Gerstenberger. M\u00fcnster: Westf\u00e4lisches Dampfboot, 10-41<\/li>\n<li>Golitschek, Niklas (2018): &#8222;Aquarius&#8220;-Crew: &#8222;Ohne Flagge k\u00f6nnen wir nicht retten&#8220; In: Weserkurier am 8.10.2018. Text abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/bremen-stadt_artikel,-aquariuscrew-ohne-flagge-koennen-wir-nicht-retten-_arid,1774350.html\">https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/bremen-stadt_artikel,-aquariuscrew-ohne-flagge-koennen-wir-nicht-retten-_arid,1774350.html<\/a> (Zugriff am 2.6.2020)<\/li>\n<li>K\u00fcttner, Sybille (2000): Farbige Seeleute im Kaiserreich. Asiaten und Afrikaner im Dienst der deutschen Handelsmarine. Hamburg: Sutton Verlag<\/li>\n<li>Marinekommando, Jahresbericht 2019. Text abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.bundeswehr.de\/resource\/blob\/156014\/fa1039c05301b9c63ad642c683880778\/jahresbericht-marinekommando-2019-data.pdf\">https:\/\/www.bundeswehr.de\/resource\/blob\/156014\/fa1039c05301b9c63ad642c683880778\/jahresbericht-marinekommando-2019-data.pdf<\/a> (Zugriff am 8.6.2020)<\/li>\n<li>N\u00fanez-M\u00fcller, Marco (1994): Die Staatszugeh\u00f6rigkeit von Handelsschiffen im V\u00f6lkerrecht: Voraussetzungen und Rechtsfolgen der Flaggenverleihung unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der sog. Billigflaggen, Dissertation Universit\u00e4t Hamburg 1994, Berlin<\/li>\n<li>\u00d6z\u00e7ayir, Z Oya (2000): Flags of Convenience and the Need for International Co-operation, In:\u00a0International Maritime Law, Vol. 7, Nr. 4, Mai 2000, S. 111\u2013117.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Oktober 2018 machte das Schiff \u201eAquarius\u201c der Bremer Reederei Jasmund Shipping Schlagzeilen. 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