{"id":1909,"date":"2020-09-06T21:57:22","date_gmt":"2020-09-06T19:57:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/?p=1909"},"modified":"2020-09-10T11:05:42","modified_gmt":"2020-09-10T09:05:42","slug":"hafenarbeiterstreiks-19771978-in-bremen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/09\/06\/hafenarbeiterstreiks-19771978-in-bremen\/","title":{"rendered":"Bremer Hafenarbeiterstreiks 1977\/78"},"content":{"rendered":"<p>Streiks der Hafenarbeiter weltweit gab es schon vielz\u00e4hlige, angefangen mit dem Streik der Kohletr\u00e4gerinnen und Seeleute 1768 in London, woher auch der Name kommt. Damals wollten die Seeleute herausfinden, auf welchem Schiff man die beste Heuer (Lohn) bekommen kann und fanden heraus, dass es enorme Unterschiede in der Bezahlung zwischen den einzelnen Schiffsbesitzern und Kapit\u00e4nen gab. Daraufhin haben sie die \u201eSegel gestrichen\u201c (\u201estriking\u201c), das hei\u00dft, sie haben die Toppsegel der Schiffe entfernt, um diese bewegungsunf\u00e4hig zu machen. Sie wollten die Angleichung der L\u00f6hne und unterlie\u00dfen daher ihre Arbeit und streikten (<a href=\"https:\/\/jacobin.de\/artikel\/streik-arbeitskampf-erster-mai\/\">Feenan 2020<\/a>).<span style=\"float: none;background-color: #ffffff;color: #333333;font-family: 'Helvetica Neue',Helvetica,Arial,'Nimbus Sans L',sans-serif;font-size: 15px;font-style: normal;font-variant: normal;font-weight: 300;letter-spacing: normal;text-align: left;text-decoration: none;text-indent: 0px;text-transform: none\">In der <\/span><a style=\"color: #1b8be0;quot;quot;quot;quot;,sans-serif;font-size: 15px;font-style: normal;font-variant: normal;font-weight: 300;letter-spacing: normal;text-align: left;text-decoration: none;text-indent: 0px;text-transform: none\" href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/06\/17\/lerneinheit-9-hafenarbeit\/\">Lerneinheit 9<\/a><span style=\"float: none;background-color: #ffffff;color: #333333;font-family: 'Helvetica Neue',Helvetica,Arial,'Nimbus Sans L',sans-serif;font-size: 15px;font-style: normal;font-variant: normal;font-weight: 300;letter-spacing: normal;text-align: left;text-decoration: none;text-indent: 0px;text-transform: none\"> wurde auch schon kurz auf die Namensgebung eingegangen.<\/span><!--more--><\/p>\n<p>Seit dieser Zeit kam es immer wieder zu Arbeitsniederlegungen in den H\u00e4fen, um die zum Teil katastrophalen Arbeitsbedingungen f\u00fcr die Arbeitnehmer zu verbessern.<a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/06\/09\/die-ewigen-konkurrenten-die-bremer-haefen-und-der-hamburg-hafen-im-internationalen-vergleich\/\"> Die H\u00e4fen von Hamburg und Bremen waren schon von jeher Konkurrenten<\/a>, jedoch wenn es um die Arbeiter ging, immer miteinander verbunden. Nach dem 2. Weltkrieg kam es immer wider zu kleineren Streiks entweder in den Hamburger H\u00e4fen oder in den Bremer H\u00e4fen, wobei sich meistens die Arbeiter der H\u00e4fen miteinander verbr\u00fcderten und unterst\u00fctzten. 1951 bis 1955 kam es zu kleineren Streiks, welche die Arbeiter jedoch meist verloren, wobei 1953 ein Sechsw\u00f6chiger Streik dazu f\u00fchrte, dass die Arbeiter zwar gewonnen hatten, jedoch durch viele Abstriche des geforderten indirekt doch verloren hatten. Erreicht wurden damals unter anderem die Durchbrechung des geforderten Lohnstropps, eine Lohnerh\u00f6hung von 5 Pfennigen \u201eund die noch in der vierten Streikwoche aufgestellte 80 Prozent Klausel der Unternehmer wurde aus dem vereinbarten Lohnabkommen herausgenommen\u201c (Postel 2005: 170). Im Gegensatz dazu wurde unter anderem der Tarifvertrag auf 15 Monate Laufzeit festgelegt und die Arbeiterschaft musste einsehen, dass die Gewerkschaft \u201ein Ihrem Sinne neben den Lohn- auch die Arbeitsbedingungen \u00e4ndern w\u00fcrde\u201c (Postel 2005: 170). Die letzten gro\u00dfen Tarifverhandlungen inklusive Streik war 1977\/1978, welchen ich im nachfolgenden Text aufgreifen m\u00f6chte, da diese nicht nur f\u00fcr die H\u00e4fen den zuk\u00fcnftigen Ma\u00dfstab setzte, sondern auch f\u00fcr die anderen Branchen, welche \u00fcber Gewerkschaften vertreten worden sind. Zu den verschiedenen Berufen in den H\u00e4fen kann man sich auch noch einmal in dem <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/13\/berufe-im-hafen\/\">Blogeintrag<\/a> von Paul Pogmann und Jonas Brinkmann informieren.<\/p>\n<p>Anfangen m\u00f6chte ich mit der Sozialen Lage der Hafenarbeiter zwischen 1970 und 1977 sowie der Lage der Hafenwirtschaft in diesen Jahren als Grundlage zur Vorbereitung der Lohnbewegungen in den H\u00e4fen und den Verlauf des Streiks und den Tarifverhandlungen.<\/p>\n<p><strong>Die Jahre 1970 bis 1977<\/strong><\/p>\n<p>In den Jahren von 1970 bis 1977 sanken die Hafenarbeiterzahlen in Bremen um 18,7%, wobei die Jahresleistung in t jedoch pro Hafenarbeiter um 21,9% im gleichen Zeitraum stieg. 1977 gab es circa 26.000 Hafenarbeiter in der Bundesrepublik Deutschland die sahen, dass in diesem Zeitraum die Gewinne und Investitionen der Unternehmer stiegen, die Arbeitspl\u00e4tze jedoch abgebaut wurden, die Arbeitshetze stieg und dadurch die Unfallgef\u00e4hrdung nicht vermindert. Durch die Industrialisierung des Hafenumschlags verringerte sich zwar die k\u00f6rperliche Arbeit doch die Arbeitsbelastung stieg. Anfang 1970 lag der Ecklohn eines Hafenarbeiters bei rund 5,55 DM und stieg bis 1977 auf 9,99 DM. Das Problem dabei war jedoch, dass fast die H\u00e4lfte der Lohnsteigerung f\u00fcr die Lebenserhaltungskosten, die in diesen Jahren ebenfalls stiegen, draufgingen (Pickshaus\/Witich\u00a01978:\u00a013\/14). Die Situation in der Hafenwirtschaft trug ebenfalls zu der Lohnbewegung von 1977\/78 bei. Die H\u00e4fen hatten in den 70er Jahren eine sehr gute Branchenkonjunktur. \u201eDie Pro-Kopf-Einnahmen der Hafenunternehmen liegen in Hamburg und Bremen weit \u00fcber denen der Resth\u00e4fen, da in diesen beiden H\u00e4fen der gr\u00f6\u00dfte Teil des St\u00fcckgutumschlages get\u00e4tigt wird, bei dem die \u201eWertsch\u00f6pfung\u201c pro Tonne rund 15mal so hoch ist, wie z.B. bei einer Tonne Mineral\u00f6l\u201c (Pickshaus\/Witich 1978: 14). Jedoch gab es eine gewaltige \u201eDiskrepanz zwischen dem Anwachsen der Arbeitsproduktivit\u00e4t und der Gewinnentwicklung einerseits und Besch\u00e4ftigungs- und Lohnentwicklung andererseits\u201c (Pickshaus\/Witich 1978: 14). Diese Diskrepanz und die gute Branchenkonjunktur waren wichtige Faktoren, die zu dem Warnstreik der Hafenarbeiter in Hamburg und Bremen Ende 1977 beziehungsweise Anfang 1978 f\u00fchrten. Die Vorbereitungen zu den Lohnverhandlungen begannen Ende August 1977. \u201eDer gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Hauptvorstand der \u00d6TV [Gewerkschaft \u00d6ffentliche Dienste, Transport und Verkehr] unterbreitete den Hafenarbeitern am 28.August 1977 einen \u201eDiskussionsvorschlag\u201c, der eine Anhebung der Stundenl\u00f6hne um 8,5 Prozent vorsah\u201c (Pickshaus\/Witich 1978: 15). Die Forderungen der Arbeiter waren in Hamburg und Bremen au\u00dfer der 7 bis 12 prozentigen Lohnerh\u00f6hung mitunter eine Festbetragsforderung von 200 DM bis 220 DM und eine Abschaffung der Niedriglohngruppen I &amp; II. Daraufhin beschloss die Bundestarifkommission beschloss am 29.10.1977 eine Lohn- &amp; Gehaltserh\u00f6hung von 9%, Schichtzuschl\u00e4ge von 15- 30%, eine Verbesserung im Eingruppierungsvertrag sowie eine tarifliche Absicherung f\u00fcr hochqualifizierte Berufe. Durch die gute Branchenkonjunktur in den H\u00e4fen waren die Rahmenbedingungen f\u00fcr diese Art von Arbeitskampf sehr g\u00fcnstig.<\/p>\n<p><strong>Der Verlauf des Streiks<\/strong><\/p>\n<p>Ende 1977 kam es zu inoffiziellen Vorverhandlungen zwischen dem Zentralverband deutscher Seehafenbetriebe e.V., der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverb\u00e4nde (BDA) und der \u00d6TV. Der \u00d6TV wurden inoffiziell 3,5 bis 4 Prozent Lohnerh\u00f6hung angeboten, wobei die \u00d6TV, ebenfalls inoffiziell drohte, die Verhandlungen abzubrechen. \u201eNach sieben freien Verhandlungsrunden, die am 29. Dezember 1977 scheiterten, lag ein Angebot von 4,8 Prozent vor\u201c (Pickshaus\/Witich 1978: 15). Daraufhin gab es zwei Schlichtungsrunden, in denen ein Einigungsvorschlag ausgearbeitet wurde, indem je nach Lohngruppe eine Erh\u00f6hung von 5 bis 5,8 Prozent vorgesehen war. Der Hauptvorstand der \u00d6TV erkl\u00e4rte am 16. Januar 1978 den Einigungsvorschlag als v\u00f6llig unzureichend (Pickshaus\/Witich 1978: 15). Kurz darauf folgte der erste Aufruf der \u00d6TV zur ersten Urabstimmung am 19. &amp; 20. Januar 1978, bei der die Arbeiter abstimmten sollten, ob diese in den Streik treten wollen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Daf\u00fcr wurden in Hamburg und Bremen 25 Busse als rollende Abstimmungskabinen eingesetzt, welche sp\u00e4ter als Streik- und Agitationslokale benutzt wurden. Dabei stimmten 97,12% mit JA und lediglich 2,75% mit Nein. Daraufhin wurde die zentrale Arbeitskampfleitung nach Hamburg verlegt. Mit diesem Ergebnis versuchte die \u00d6TV noch einen weiteren Einigungsversuch, welcher jedoch am 24. Januar 1978 scheiterte. Somit traten \u201eam 25.1.1978 f\u00fcr die bundesdeutsche \u00d6ffentlichkeit \u00fcberraschend 16.000 Hafenarbeiter in Bremen, Bremerhaven, Hamburg, Kiel und L\u00fcbeck in den Streik\u201c (Geffken 2015: 93).<\/p>\n<p>In Bremen organisierten sich die Hafenunternehmer ebenfalls, indem der Hafenbetriebsverein einen Streikausschuss bildete. Die zu jedem Streik geh\u00f6renden Streikbruchaktivit\u00e4ten beschr\u00e4nkten sich Haupts\u00e4chlich auf den Hamburger Hafen. Die \u201eUnterwanderung der Notdienste, Einsatz nichtstreikender Angestellter, Fremdfirmen, hafenfremde Arbeiter aus Speditionen und arbeitslosen Randgruppen wurden mit Doppelentlohnung gelockt\u201c (Pickshaus\/Witich 1978: 16). Die Streikbruchversuche hatten jedoch nach kurzer Zeit keine Bedeutung mehr inne, da die Streikposten regelm\u00e4\u00dfig mit Essen und Trinken versorgt wurden und somit die Streikfront an allen 7 Seeh\u00e4fen geschlossen blieb. Jedoch blieb es nicht nur bei Streikbruchaktivit\u00e4ten der Unternehmer. Sie versuchten durch Propaganda die Verhandlungen zu sabotieren, indem sie sagten, dass die Arbeit in den H\u00e4fen schnellstm\u00f6glich wieder aufgenommen werden m\u00fcsse, da Hafenkunden sich in dieser Zeit H\u00e4fen in anderen L\u00e4ndern suchen w\u00fcrden und die Wirtschaft in den Deutschen H\u00e4fen dadurch zu leiden h\u00e4tte, da diese Kunden nicht mehr zur\u00fcckkommen w\u00fcrden. Die \u00d6TV reagierte mit Internationaler Verbundenheit darauf. \u201eDie <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/06\/25\/regulierung-von-hafenarbeit-itf-ilo\/\">ITF (Internationale Transportarbeiter F\u00f6deration<\/a>, mit Sitz in London) forderte erfolgreich die nationalen Hafenarbeitergewerkschaften in Holland, Belgien, England und Skandinavien auf, keine Schiffe anzufassen, die f\u00fcr deutsche Seeh\u00e4fen bestimmt waren\u201c (Pickshaus\/Witich 1978: 17). Die Arbeit der \u00d6TV f\u00fcr die Solidarit\u00e4t der arbeitenden Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Hafenarbeiter blieb jedoch durchgehend unzureichend.<\/p>\n<p>Am 28. Januar 1978 wurde ein Kompromissvorschlag von 7% ab Februar 1978 den Beteiligten des Streiks vorgelegt, nachdem sich der 1. B\u00fcrgermeister von Hamburg sich in die Tarifverhandlungen als \u201eVermittler\u201c einmischte. Die Bundestarifkommission sowie die Funktion\u00e4rsversammlung stimmten dem Kompromissvorschlag zu, wobei die Funktion\u00e4rsversammlung lediglich die Form des Streikabschlusses kritisierte. Am 30. Januar sollte die 2. Urabstimmung folgen, sodass am 31. Januar 1978 die Arbeit wieder aufgenommen werden konnte. Die Gewerkschaftsf\u00fchrung hatte aber nicht registriert, dass die Erwartungen der Arbeiter schneller gestiegen sind, als erwartet und dass es, trotz ohne langfristige Mobilisierung, eine erstaunlich hohe Kampfbereitschaft unter den Arbeitern gab, sodass diese in der 2. Urabstimmung mit 55,8% Nein-Stimmten den Kompromissvorschlag ablehnten (Pickshaus\/Witich 1978: 17). Der Hauptvorstand der \u00d6TV jedoch versuchte den Arbeitern klar zu machen, dass l\u00e4ngere Tarifverhandlung zu keinem wesentlich besseren Ergebnis f\u00fchren w\u00fcrden und somit holten die Arbeiter lediglich noch einen Zuschuss von 115 DM f\u00fcr den Januar raus. Die 3. Urabstimmung kam schlussendlich zu dem Ergebnis, dass 75,7% f\u00fcr die Annahme des neuen Tarifvertrags stimmten und 24% dagegen waren. Da die 75%-Grenze jedoch erreicht war, wurde der neue Vertrag angenommen. Am 2.Februar 1978 wurde der Streik beendet.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Feenan, Dermot (2020): Die Geburt des Streiks. In: Jacobin Magazin. Online: <a href=\"https:\/\/jacobin.de\/artikel\/streik-arbeitskampf-erster-mai\/\">https:\/\/jacobin.de\/artikel\/streik-arbeitskampf-erster-mai\/<\/a> (Abgerufen am 20. Juli 2020)<\/li>\n<li>Geschichte der Arbeiterbewegung Bremerhavens. IG Metall. Internetseite. <a href=\"https:\/\/www.igmetall-weser-elbe.de\/bilder-interessantes\/news\/geschichte-der-arbeiterbewegung-bremerhavens-2092\">https:\/\/www.igmetall-weser-elbe.de\/bilder-interessantes\/news\/geschichte-der-arbeiterbewegung-bremerhavens-2092<\/a> (Abgerufen am 20. Juni 2020)<\/li>\n<li>Geffken, Rolf (2015): Arbeit und Arbeitskampf im Hafen. Zur Geschichte der Hafenarbeit und der Hafengewerkschaft. Bremen: Edition Falkenberg.<\/li>\n<li>Gr\u00e4fing, Birte (2009): Vom Stauhaken zum Container. Hafenarbeit im Wandel. Kellner Verlag.<\/li>\n<li>Pickshaus, Klaus\/ Witich Ro\u00dfmann (1978): Soziale Bewegung. Analyse und Dokumentation des IMSF. Nachrichten-reihe 13. Streik und Aussperrung \u00b478. Hafen \u2013 Druck \u2013 Metall. Frankfurt\/Main: Nachrichten-Verlags-GmbH.<\/li>\n<li>Postel, Andree (2005): Der Bremer Werftarbeiterstreik 1953. Arbeiter zwischen Klassenkampf und Antikommunismus. In: Kuckuck, Peter (Hrsg.) (2005): Die AG Weser in der Nachkriegszeit (1945-1953). Bremen: Edition Temmen, S. 170-213.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Streiks der Hafenarbeiter weltweit gab es schon vielz\u00e4hlige, angefangen mit dem Streik der Kohletr\u00e4gerinnen und Seeleute 1768 in London, woher auch der Name kommt. 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