{"id":1748,"date":"2020-08-17T09:01:48","date_gmt":"2020-08-17T07:01:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/?p=1748"},"modified":"2020-08-23T19:32:56","modified_gmt":"2020-08-23T17:32:56","slug":"prekarisierung-von-hafenarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/08\/17\/prekarisierung-von-hafenarbeit\/","title":{"rendered":"Prekarisierung der Hafenarbeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">In diesem Blogbeitrag soll versucht werden <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/06\/17\/lerneinheit-9-hafenarbeit\/\">Hafenarbeit<\/a> und die Ver\u00e4nderungen der Arbeitsbeziehungen in Bremischen H\u00e4fen zu beleuchten. Er soll als Zusammenfassung bisheriger Erkenntnisse dieser Themen aus dem Seminar \u00fcber die Bremischen H\u00e4fen dienen. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf Entwicklungen gelegt, die das Leben der Arbeiter*innen ver\u00e4nderten und auch verschlechterten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeit und Kapital verschob sich in den letzten einhundert Jahren deutlich. W\u00e4hrend Anfang des 20. Jahrhunderts die Inbetriebnahme der Roland M\u00fchle am Fabrikhafen in Bremen, die Mehlproduktion im gesamten Bremischen Umland ver\u00e4nderte, sorgte beispielsweise auch die <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/05\/05\/lerneinheit-3-der-container-revolution\/\">Containerisierung<\/a> f\u00fcr eine extreme Ver\u00e4nderung der Lebensrealit\u00e4ten der Hafenarbeiter*innen. Zwar entstanden viele neue Berufe rund um die Verviereckung des St\u00fcckguts zu erm\u00f6glichen, jedoch verschwand im Gegenzug dazu die Vielschichtigkeit der Hafenarbeit.<!--more--><\/p>\n<p><strong><u>Prekarisierung &#8211; Konfliktlinien der Hafenarbeit <\/u><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Kulturwissenschaftlerin Janine Schemmer hat in ihrem Dissertationsprojekt versucht die Verluste, Br\u00fcche und Kontinuit\u00e4ten des Arbeitsplatzes Hafen zu analysieren. Sie spricht dabei auch von einer Raumver\u00e4nderung des Hafens. Vor allem architektonisch. Ihre Arbeit beruht auf dem Hamburger Hafen, nur sind die Beschreibungen zur Ver\u00e4nderung der Architektur auch f\u00fcr Bremen passend. Wenn wir an die heutige \u00dcberseestadt denken, fallen uns auch Beispiele der baulichen Ver\u00e4nderung ein. Isabel L\u00fcders schreibt in ihrem Blogbeitrag zu unserem Seminar <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/06\/20\/hafencity-vs-ueberseestadt-stadtplanerische-veraenderungen-von-hafenstaedten\/\">\u201eHafenCity vs. \u00dcberseestadt \u2013 Stadtplanerische Ver\u00e4nderungen von Hafenst\u00e4dten\u201c<\/a> beispielsweise \u00fcber die Verf\u00fcllung des \u00dcberseehafens in den 1998er Jahren (L\u00fcders 2020). Stadtbauliche Ma\u00dfnahmen wurden eingeleitet, eine Stra\u00dfenbahnlinie sorgt seit 2006 f\u00fcr weitere Anbindungen (Wirtschaftsf\u00f6rderung Bremen 2020b). In Bremen zeichnet sich die \u00dcberseestadt vor allen Dingen durch Ma\u00dfnahmen aus, die das ehemalige Hafengel\u00e4nde als Wohnraum nutzbar machen sollte. Wie in Hamburg probiert au\u00dferdem Bremen in der j\u00fcngeren Vergangenheit im Eventmarketing Fu\u00df zu fassen. Schemmer schreibt dazu, dass zudem beobachten sei, dass die Entwicklung der Eventisierung zeitgleich mit dem strukturellen Wandel der Hafenarbeit einherging und im Hafen somit sowohl ein Funktions- als auch ein Bedeutungswandel des Gel\u00e4ndes stattfanden (Schemmer 2014).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Funktions- und Bedeutungswandel, der m\u00f6glich wurde durch den Niedergang des \u00dcberseehafens rechts der Weser, der Beginn der 1990er Jahre sein Ende fand. Ein Ende, welches auch in Bremen mit der Einf\u00fchrung des Containers begann. Sebastian M\u00f6ller schreibt in seinem Blogbeitrag \u00fcber die <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/05\/05\/lerneinheit-3-der-container-revolution\/\">Container Revolution<\/a>, welche zur Arbeitsplatzvernichtung, Umstrukturierung des Hafens und parallellaufender Ver\u00e4nderungen f\u00fcr die Schifffahrt f\u00fchrte, dass im Zuge der Vergr\u00f6\u00dferung der Schiffe Bremerhaven eine Vorreiterrolle beim Ausbau des Hafens erlangte (M\u00f6ller 2020). Die stadtbremischen H\u00e4fen waren aufgrund der mangelnden Tiefe der Weser langfristig nicht geeignet f\u00fcr den Containerumschlag im gro\u00dfen Stil (Schwerdtfeger 2014).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben architektonischen Ver\u00e4nderungen m\u00f6chte ich aber auch noch auf emotionale Br\u00fcche im Alltag der Arbeiter*innen schauen. So spricht in einem Interview mit der bereits oben erw\u00e4hnten Kulturwissenschaftlerin Janine Schemmer der Hafenarbeiter Philip Hidde vom Hafen als einen Ort, der Erfahrungs- und Handlungsraum der hier t\u00e4tigen Arbeiter*innen war:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00bbDas war ja, was den Hafen so interessant gemacht hat, das war, ich will mal so sagen, die pers\u00f6nliche Lebensgestaltung im Kleinen. Das ist heute ja alles gar nicht mehr m\u00f6glich. Es ist ja alles normiert. [&#8230;] Und der Container, der ist viereckig, der hat einen bestimmten Rauminhalt und kann das Gewicht tragen. Und das sagt ja auch jeder, der fr\u00fcher hier gearbeitet hat.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">T\u00e4glich waren diese durch neue Herangehensweisen und L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr Lade- und L\u00f6schvorg\u00e4nge von Waren und G\u00fctern unterschiedlicher Art und Verpackung gefordert. Auch wenn hier Hamburger Arbeiter*innen zu Wort kommen, stehen die Interviews auch exemplarisch f\u00fcr die Situationen der Bremischen Hafenarbeiter*innen. Hier waren vor allem die Schauerleute betroffen. Einfache Hafenarbeiter*innen, die daf\u00fcr sorgten, dass die St\u00fcckgutfrachter be- und entladen wurden. Ihre Arbeitspl\u00e4tze wurden im Zuge der Containerisierung vernichtet. In Bremen reduzierte sich die Anzahl der Besch\u00e4ftigten zwischen 1964 und 1977 von ca. 8.500 auf ca. 6.500, bei gleichzeitiger Verdopplung des Umschlags (Geffken 2015: 92). Neben dem Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen (Geffken 2015: 92). Ab 1978 wurde auch in Deutschland gegen die Ver\u00e4nderungen im Hafen gestreikt (Geffken 2015: 94). Doch wurde die Beschleunigung des Warenverkehrs durch den Container und die damit verbundene Transportkostensenkung nicht durch die Streikenden gestoppt. Schauerleute wurden ersetzt. Der Begriff \u201eJust-in-time\u201c hielt sprichw\u00f6rtlich Einzug. Lange Wartezeiten an der Kaje wurden zur Seltenheit. Die Normung und Standarisierung des Containers sorgten f\u00fcr schnellere Umsetzungen im intermodalen Transport, also der Kombination von verschiedenen Verkehrstr\u00e4gern (Stra\u00dfe, Schiene, Wasser, Luft).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Einf\u00fchrung des Containers sorgte aber auch f\u00fcr einen Eindruck der vormals freieren und selbstst\u00e4ndigeren Arbeit im Vergleich zum heutigen Arbeitsalltag unter den Hafenarbeiter*innen. Die Kulturwissenschaftlerin Janine Schemmer greift in ihrer Dissertation die Frage auf, wie die Arbeiter*innen selbst ihren fr\u00fcheren Arbeitsort erinnern und mit Zuschreibungen von Hafenromantik durch Tourismus- oder Werbefachverb\u00e4nde umgehen (Schemmer 2010). Von emotionaler Bindung zur Arbeit ist in vielen Interviews zu lesen. So sagt beispielsweise der fr\u00fchere <a href=\"https:\/\/www.hafenkultur.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Hafenarbeiter.pdf\">Hafenarbeiter Wilhelm Wendtorff<\/a>: \u201eDer Hafen und Hamburg \u2013 das ist f\u00fcr mich eins. Es gibt in der ganzen Stadt keinen Ort, an dem ich mich heimischer f\u00fchle\u201c (Hafenkultur e.V. 2012).<\/p>\n<p><strong>Der einsame Hafen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Ver\u00e4nderung und Prekarisierung der Hafenarbeit wurde von Arbeiter*innen erst im Laufe der Zeit bemerkt. Ein fundamentaler Wandel, der von den Arbeiter*innen selbst damals scheinbar nicht als solcher wahrgenommen wurde. Die Technik erschien reizvoll. So sagt der Hafenarbeiter Paul Wonner im Interview mit Janine Schemmer: \u201eDadurch, dass viel Handarbeit war, hat man auch immer in die Technik reingeguckt. Also das war immer so\u2019n Interesse, dass man sagte: Ich m\u00f6chte auch mal auf\u2019m Kran sitzen\u201c (Schemmer 2010).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die zeitliche Dimension wird in ihren Interviews auch deutlich. Der Einsatz der neuen Technologien organisierte die Arbeit im Hafen pl\u00f6tzlich straffer. Hafenarbeiter Theo F\u00f6rster:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00bbEs war aber so im Nachhinein gesehen etwas langsamer, vertraulicher, gem\u00fctlicher sag ich mal. Als ein Beispiel: [&#8230;] wenn Laden angesetzt war und es hat geregnet und es waren feuchtigkeitsempfindliche Produkte, dann wurde angedeckt, und zum Teil ham wir ein bis zwei Schichten nicht gearbeitet. Also es war alles etwas geruhsamer.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schemmer schreibt davon, dass der tiefgreifende Strukturwandel erst sp\u00e4ter von vielen Arbeiter*innen erkannt wurde. Philp Hidde spricht beispielsweise davon, dass er die Container anfangs noch selbst gepackt habe: \u201eAber dass das so unsere ehemalige Arbeit verdr\u00e4ngen w\u00fcrde, die allgemeine Hafenarbeit so verdr\u00e4ngen w\u00fcrde, das hat keiner so schnell gesehen\u201c (Schemmer 2010).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Technisierung wird h\u00e4ufig als ein fast unsichtbarer, schleichender Prozess beschrieben. Der Umbruch kann folglich als andauernder Bestandteil des Lebens- und Arbeitsalltags der Hafenarbeiter gedeutet werden. Ein Prozess, der in Bremen und anderen Hafenst\u00e4dten auch immer einer der Verringerung der Arbeitspl\u00e4tze war und damit einer &#8211; um bei der gern romantisierten Vorstellung von Hafen zu bleiben &#8211; der Vereinsamung. \u00c4hnlich wie Janine Schemmer w\u00e4re es spannend zu fragen, wie sich die Ver\u00e4nderungen der Bremischen H\u00e4fen auf die hiesigen Hafenarbeiter*innen genauer auswirkte und auswirkt.<\/p>\n<p><strong><u>Literaturverzeichnis: <\/u><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Geffken, Rolf (2015): Arbeit und Arbeitskampf im Hafen. Zur Geschichte der Hafenarbeit und der Hafengewerkschaft. Bremen: Edition Falkenberg.<\/li>\n<li>Hafenkultur e.V. (2012): Hafenarbeiter \u2013 Hafensenior \u00fcber den Beruf des Hafenarbeiters. In: Kleines Lexikon der Hafenberufe. Text abrufbar unter: https:\/\/www.hafenkultur.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Hafenarbeiter.pdf (letzter Zugriff 01.08.2020).<\/li>\n<li>L\u00fcders, Isabel (2020): Hafencity vs. \u00dcberseestadt \u2013 Stadtplanerische Ver\u00e4nderungen von Hafenst\u00e4dten. In: Die Bremischen H\u00e4fen in der Globalen Politischen \u00d6konomie. Text abrufbar unter: https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/06\/20\/hafencity-vs-ueberseestadt-stadtplanerische-veraenderungen-von-hafenstaedten\/ (letzter Zugriff 02.08.2020).<\/li>\n<li>Nuhn, Helmut (2010): Containerisierung und Globalisierung \u2013 Restrukturierung der maritimen Logistikkette. In: Zeitschrift f\u00fcr Wirtschaftsgeographie 54(1).<\/li>\n<li>Schemmer, Janine (2018): Hafenarbeit erz\u00e4hlen. Erfahrungs- und Handlungsr\u00e4ume im Hamburger Hafen seit 1950. M\u00fcnchen\/Hamburg: D\u00f6lling und Galitz.<\/li>\n<li>Schemmer, Janine (2010): Schicht(en)wechsel \u2013 Eine empirische Untersuchung zum Umbruch der Arbeitswelt im Hamburger Hafen. In: VOKUS. Volkskundlich-kulturwissenschaftliche Schriften 20 (1), S. 15.30.<\/li>\n<li>Schwerdtfeger, Hartmut (2014): Bremer H\u00e4fen in der Nachkriegszeit. Von 1960 bis ins 21. Jahrhundert. In: In: Roder, Hartmut\/Schwerdtfeger, Hartmut (Hrsg.): Die Zukunft der Bremischen H\u00e4fen. Rasch Verlag, S. 24-30.<\/li>\n<li>Turnbull, Peter J.\/ Wass, Victoria J. (2020): Defending Dock Workers \u2013 Globalization and Labor Relations in the World\u2019s Ports. In: <em>Industrial Relations: A Journal of Economy and Society<\/em>, 46 (3), 582-612.<\/li>\n<li>Wirtschaftsf\u00f6rderung Bremen (2020b): Meilensteine der Entwicklung. Die \u00dcberseestadt hat Fahrt aufgenommen. Bremen. Text abrufbar unter: https:\/\/www.ueberseestadt-bremen.de\/de\/page\/projekte-entwicklung\/meilensteine-entwicklung (Zugriff am 29.07.2020).<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Blogbeitrag soll versucht werden Hafenarbeit und die Ver\u00e4nderungen der Arbeitsbeziehungen in Bremischen H\u00e4fen zu beleuchten. Er soll als Zusammenfassung bisheriger Erkenntnisse dieser Themen aus dem Seminar \u00fcber die Bremischen H\u00e4fen dienen. 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