{"id":1693,"date":"2020-08-01T13:00:03","date_gmt":"2020-08-01T11:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/?p=1693"},"modified":"2020-08-02T11:50:17","modified_gmt":"2020-08-02T09:50:17","slug":"die-rolle-bremer-kaufleute-bei-der-kolonialen-expansion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/08\/01\/die-rolle-bremer-kaufleute-bei-der-kolonialen-expansion\/","title":{"rendered":"Die Rolle Bremer Kaufleute bei der kolonialen Expansion"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1704\" style=\"width: 355px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1704\" class=\"wp-image-1704\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/files\/IMG_20200422_102134-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"345\" height=\"198\" \/><p id=\"caption-attachment-1704\" class=\"wp-caption-text\">Das Wahlmotto der Bremer Kaufmannschaft: &#8222;Buten un binnen, wagen un winnen&#8220; ziert den Sch\u00fctting<\/p><\/div>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/04\/26\/lerneinheit-2-hafengeschichten\/\">Geschichte<\/a> Bremens und seiner Kaufleute ist eng mit der des <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/01\/lerneinheit-11-kolonialismus-postkoloniale-perspektiven\/\">Kolonialismus<\/a> verwoben. So haben Bremer Kaufleute sowohl aktiv am Sklavenhandel teilgenommen (R\u00f6ssler 2016, 83), sind als Pflanzer in Erscheinung getreten (R\u00f6ssler 2016, 102\u20135), waren reichlich am Handel mit Kolonialwaren wie <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/22\/kaffee-vom-monopol-mokkas-zum-kolonialen-exportschlager\/\">Kaffee<\/a>, <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/31\/podcast-6-kolonialware-kakao\/\">Kakao<\/a> und <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/22\/koloniale-produkte-tabak\/\">Tabak<\/a> beteiligt (R\u00f6ssler 2016: 75) und mit Hilfe von Alfred L\u00fcderitz wurde die erste deutsche Kolonie von einem Bremer Kaufmann gegr\u00fcndet (Conrad 2008: 26). Somit stand Bremen mit im Herzen des deutschen Kolonialhandels und war ein Ankerpunkt beim Aufbau der deutschen Kolonien, Schutzgebiete genannt. Gleichzeitig tut sich Bremen mit seinem kolonialen Erbe schwer, wie in diesem <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/22\/aufarbeitung-der-bremer-kolonialgeschichte\/\">Beitrag<\/a> nachgelesen werden kann.<!--more--><\/p>\n<p>Bremens Kaufleute haben bereits fr\u00fch an der Verteilung von Kolonialwaren teilgenommen. War die Hanse am direkten Dreieckshandel nicht beteiligt, stellte sie ein gro\u00dfes Netz an Kaufl\u00e4uten bereit, die die Kolonialwaren bei den Kolonialm\u00e4chten kauften und dann in das restliche Europa transportierten und damit eine sehr ertragreiche Unternehmung betrieben (R\u00f6ssler 2016: 77\u201378).Von 1793 ausgehend vervierfachte sich der Handel zwischen Deutschland und England in den n\u00e4chsten 5 Jahren, Kolonialwaren wiesen dabei ein Volumen von drei Vierteln auf (Weber 2009: 47). Gleichzeitig war deutscher Handel gleichzusetzen mit der Hanse, war doch die \u00fcberwiegende Anzahl der Kaufl\u00e4ute in ihr vertreten (Zeuske 2006: 175). Bremen bildete hier eines der Zentren des damaligen Welthandels, der gleichzusetzen ist mit dem Handel von Kolonialwaren (R\u00f6ssler 2016: 75). Nachdem die Vereinigten Staaten ihre Unabh\u00e4ngigkeit erreicht hatten, begann mit Bremen und seinen Kaufleuten der Direkthandel zwischen den beiden Kontinenten zu erbl\u00fchen. Dieser Handel war anf\u00e4nglich noch von einer gro\u00dfen Auswahl unterschiedlichster Waren gegenzeichnet, verengte sich aber mit der Zeit auf die g\u00e4ngigen Kolonialwaren und bedeutete f\u00fcr die Stadt und ihre Kaufleute zunehmenden Wohlstand (Schulz 2002: 461\u2013463).<\/p>\n<p>Bremens Kaufleute waren aber auch wesentlich direkter im Kolonialgesch\u00e4ft involviert. So haben sich einige Kaufl\u00e4ute, die in die Kolonien gegangen sind, um dort eigene Handelsh\u00e4user zu er\u00f6ffnen, dazu entschlossen in das ertragsreiche Gesch\u00e4ft mit Plantagen einzusteigen. Als zwei Beispiele dienen hier zum einen der Kaufmann Jacob Friedrich Wilckens, der auf Jamaika eine Kaffeeplantage gegr\u00fcndet hat, (R\u00f6ssler 2016: 82) zum anderen die Kaufl\u00e4ute Richard Fritze, Wilhelm August Fritze und Constantin Alexander Fritze, die auf Kuba eine Zuckerplantage erwarben (R\u00f6ssler 2016: 96\u201397). Wilckens war bereits fr\u00fch mit den Aufgaben eines Pflanzers bekannt gemacht worden. Nachdem Wilckens nach La Rochelle ausgewandert ist und in eine bedeutende Handelsfamilie eingeheiratet hat, deren Gesch\u00e4fte aber zum Erliegen kamen, ist Wilckens nach Saint Domingue ausgewandert und \u00fcbernahm die Verwaltung \u00fcber eine Kaffeeplantage seines Schwiegervaters. Als Wilckens aufgrund der Sklavenaufst\u00e4nde, die durch die Gleichstellung aller Menschen unabh\u00e4ngig der Hautfarbe ausgel\u00f6st wurden (R\u00f6ssler 2016: 76\u201379), von Saint Domingue floh, siedelte er sich auf Jamaika an. Auf Jamaika gr\u00fcndete er mit dem Einsatz von Sklaven eine neue Kaffeeplantage, wo er seine Bestrebungen von Saint Domingue fortsetzen konnte (R\u00f6ssler 2016: 82). Die Geschichte der Kaufl\u00e4ute Fritze beginnt mit Philipp Richard Fritze, der in der Firma von seinem Onkel Wilhelm August Fritze das Kaufmannshandwerk gelernt hat, und nun dieses in dessen Handelshaus in Trinidad de Cuba vertiefen sollte. Hier begann er sich schnell f\u00fcr die Plantagen- und Sklavenbetrieb zu interessieren, wof\u00fcr Fritze auch immer wieder Erkundungen vornahm. Nach mehreren personellen Ver\u00e4nderungen im Unternehmen des Onkels und dem Ausscheiden von Fritze aus eben diesem, beschlossen Philipp Richard Fritze Wilhelm August Fritze und Constantin Alexander Fritze ein eigenes Handelshaus auf Kuba zu gr\u00fcnden. (R\u00f6ssler 2016: 94\u201396). Durch mehrere zuf\u00e4llige Verstrickungen, die sich um den Pflanzer Justo German Cantero drehen, der seine Zahlungsf\u00e4higkeit verlor, kam nun dieses frisch ger\u00fcndete Handelshaus in den Besitz der Zuckerplantage Buena Vista (R\u00f6ssler 2016: 98, 100).<\/p>\n<p>Zuletzt wird aber besonders ein Bremer Kaufmann f\u00fcr immer mit dem Kolonialismus in Verbindung bleiben. Der Tabakwarenh\u00e4ndler Alfred L\u00fcderitz hat die erste deutsche Kolonie im heutigen Namibia begr\u00fcndet (Conrad 2008: 26). Im Kaiserreich wurden diese Schutzgebiete genannt, da sich Bismarck an einem System wie der Britische Ostindien-Kompanie orientieren wollte (Conrad 2008: 22). Diese Kolonie, Deutsch-S\u00fcdwestafrika, wurde 1884 mittels eines Betruges von L\u00fcderitz an dem Nama und dessen Kaptein Josef Frederiks gegr\u00fcndet. Dies geschah dadurch, dass L\u00fcderitz den mit Vollmachten ausgestatteten, Heinrich Vogelsang ein St\u00fcck Land an der K\u00fcste Namibias kaufen lies. F\u00fcr Frederiks nicht ersichtlich und von L\u00fcderitz und Vogelsang absichtlich verheimlicht, waren die L\u00e4ngenangaben im Vertrag keine Englischen Meilen (1,6 km) sondern Deutsche Meilen (7,5 km). Bald schon zeigte sich das die Kolonie f\u00fcr L\u00fcderitz wirtschaftlich nicht stemmbar war, weshalb sie von der Deutschen Kolonialgesellschaft f\u00fcr S\u00fcdwestafrika 1885 \u00fcbernommen wurde (Mamzer et al. 2016: 17). Letztlich f\u00fchrte die deutsche Herrschaft zum Genozid an den Hereo und Nama zwischen 1904-1907 (Castro Varela\/Dhawan 2015: 31).<\/p>\n<p>Aus der Sicht des <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/22\/postkoloniale-perspektiven-auf-die-bremer-haefen\/\">Postkolonialismus<\/a> betrachtet zeigt die starke Verflechtung der Bremer Kaufleute und damit der Stadt Bremen direkten wie auch indirekten Handel mit den Kolonien. Nur durch den Handel mit Kolonialwaren konnte Bremen den Rang und Bedeutung im damaligen wie auch heutigen Welthandel erlangen (Schulz 2002: 461\u2013464) und damit eine stabile Basis bilden und beginnend mit den 40er Jahren des 19. Jahrhundert eine Transition vom den Kolonialhandel zum Direkt- und \u00dcberseehandel vollziehen (Schulz 2002: 491). Gleichzeitig hat Bremen auch <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/05\/26\/lerneinheit-6-hafen-regionalwirtschaft\/\">inl\u00e4ndisch<\/a> vom Kolonialismus profitiert, denn auch das verarbeitende Gewerbe konnte mit den auf den Plantagen produzierten G\u00fctern wie z.B. Zucker und dessen Veredelung Gewinne erzielen (R\u00f6ssler 2011: 69). Etwas das sich bis weit in das 20. Jahrhundert hinein gezogen hat wie an der Kaffee-HAG gesehen werden kann. All dies haben die Kaufleute aus Bremen erm\u00f6glicht, indem sie einerseits Handelsh\u00e4user in den Kolonien errichtet haben, eigene Plantagen besa\u00dfen und letztlich an der Gr\u00fcndung deutscher Kolonien beteiligt waren. Diese koloniale Epoche spiegelt sich auch bis heute wider, so versteht sich Bremen bis heute als \u201eKaffeehauptstadt\u201c (Bremen.online o. J.), sowie in <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/20\/diskussion-ueber-das-brinkmann-mosaik-im-bahnhof\/\">Kunst<\/a> die den Handel mit Kolonialwaren <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/hafenblog\/2020\/07\/31\/hafencast-kolonialismus-und-postkoloniale-perspektiven\/\">romantisiert<\/a>.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\"><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>Bremen.online (o. J.): Kaffeegeschichte &#8211; Kaffeehauptstadt Bremen hat Pionierrolle. Text abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.bremen.de\/leben-in-bremen\/kulinarisch\/kaffeegeschichte\">https:\/\/www.bremen.de\/leben-in-bremen\/kulinarisch\/kaffeegeschichte<\/a> (Zugriff am 29.07.2020).<\/li>\n<li>Castro Varela, Mar\u00eda do Mar\/Dhawan, Nikita (2015): Postkoloniale Theorie Eine kritische Einf\u00fchrung. <em>Postkoloniale Theorie<\/em>, Bielefeld: transcript Verlag.<\/li>\n<li>Conrad, Sebastian (2008): Das deutsche Kolonialreich. In: Deutsche Kolonialgeschichte. M\u00fcnchen: C.H.Beck, 22\u201338.<\/li>\n<li>Mamzer, Anna\/Sch\u00f6ck-Quinteros\/Witkowski, Mareike (Hrsg.) (2016): Bremen \u2013 eine stadt der kolonien? Bremen: Universit\u00e4t Bremen &#8211; Staats-und Universit\u00e4tsbibliothek.<\/li>\n<li>R\u00f6ssler, Horst (2011): Vom Zuckerrohr zum Zuckerhut &#8211; Die Familie B\u00f6se und die Bremer Zuckerindustrie. In: Elmsh\u00e4user, Konrad\/Brinkhaus, J\u00f6rn\/Nimz, Brigitta\/Schleier, Bettina (Hrsg.), Bremisches Jahrbuch \/ hrsg. in Verbindung mit d. Historischen Gesellschaft Bremen vom Staatsarchiv Bremen. 90. Aufl. Bremen: Geffken &amp; K\u00f6llner, 63\u201394.<\/li>\n<li>R\u00f6ssler, Horst (2016): Bremer Kaufleute und die transatlantische Sklaven\u00f6konomie. In: Elmsh\u00e4user, Konrad\/Brinkhaus, J\u00f6rn\/Nimz, Brigitta\/Schleier, Bettina (Hrsg.), Bremisches Jahrbuch \/ hrsg. in Verbindung mit d. Historischen Gesellschaft Bremen vom Staatsarchiv Bremen. 95. Aufl. Bremen: Geffken &amp; K\u00f6llner, 75\u2013106.<\/li>\n<li>Schulz, Andreas (2002): Vormundschaft und Protektion. <em>Vormundschaft und Protektion<\/em>, 95. Aufl. Berlin, Boston: DE GRUYTER.<\/li>\n<li>Weber, Klaus (2009): Deutschland, der atlantische Sklavenhandel und die Plantagenwirtschaft der Neuen Welt. In: <em>Journal of Modern European History<\/em>, 7 (1), 37\u201367.<\/li>\n<li>Zeuske, Michael (2006): Deutsche als Eliten in Lateinamerika (19. Jahrhundert). Regionen, Typen, Netzwerke und paradigmatische Lebensgeschichten. In: Deutsche Eliten in \u00dcbersee (16. bis fr\u00fches 20. Jahrhundert). St. Katharinen: SCRIPTA MERCATURAE VERLAG, 173\u2013206.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte Bremens und seiner Kaufleute ist eng mit der des Kolonialismus verwoben. 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