Häfen als außerschulische Lernorte

Ein Beitrag von Jule Rump, Maike Bockwoldt und Jonas Brinkmann

Der Regelfall des Schulunterrichts findet in Klassenräumen statt. Dort präsentieren Lehrkräfte mit Hilfe einer Vielzahl didaktischer Methoden unterschiedliche Themeninhalte. Was dabei jedoch oftmals auf der Strecke bleibt, ist der authentische Charakter der behandelten Unterrichtsgegenstände (Blaseio 2016: 267). Um den authentischen Charakter ausgewählter Themen den Schüler*Innen erfahrbar zu machen, suchen Lehrkräfte mit ihren Schulklassen außerschulische Lernorte auf. Aber was sind außerschulische Lernorte überhaupt und welche Orte eignen sich hierfür besonders?

Wir möchten im Rahmen des Hafenseminars reflektieren, ob sich die stadtbremischen Häfen als außerschulischer Lernort eignet. Hierfür besprechen wir kurz, insbesondere im Hinblick auf unsere fachwissenschaftlich studierenden Kommiliton*Innen, was einen außerschulischen Lernort ausmacht, welchen Anforderungen ein solcher genügen muss und welche Arten von außerschulischen Lernorten es gibt. Im Anschluss werden wir zwei Beispiele dafür behandeln, wie die stadtbremischen Häfen als außerschulischer Lernort genutzt werden könnten.

Als außerschulischer Lernort wird ein Ort bezeichnet, an dem Schüler*Innen „eine unmittelbare Begegnung mit einem Lerngegenstand und/oder Sachverhalt ermöglicht [wird]“ (Lewalter/Neubauer 2019: 265). Sie sind in den Lernprozess einerseits integriert, ergänzen ihn andererseits auch und werden deshalb auch als „authentische Erfahrungsräume außerhalb des Schulgeländes“ bezeichnet (Hellberg-Rode 2004: 145). Damit knüpft ihre Nutzung unmittelbar an die Ganzheitlichkeit Pestalozzis an, nach der das Lernen eines Individuums durch „Kopf, Herz und Hand“ geschieht (ebd.). Ein umfassendes Verständnis von Gelerntem könne jedoch vor allem dann entstehen, wenn die direkte Auseinandersetzung mit der Realität mit dem gelenkten Erlernen, z.B. im Klassenraum, kombiniert wird (Messmer/von Niederhäuser/Rempfer/Wilhelm 2011: 12).

Damit sich ein außerschulischer Lernort in den Unterricht integrieren lässt, muss er einigen der folgenden Kriterien genügen:

  1. „Er muss Authentizität besitzen“,
  2. er muss „Überschaubarkeit und Prägnanz besitzen“ (‘Prägnanz’ im Sinnen von ‘prägend’ oder ‘einprägsam’)
  3. „er muss Anmutungscharakter haben“ (z.B. „aufgrund des Auffälligwerdens von Merkmalen“),
  4. „er muss eine gewisse Strukturiertheit besitzen“ und
  5. er „muss Handlungsmöglichkeiten liefern, z.B. zum „Vergleichen mit eigenen Erfahrungen“ und „vorhandenem Wissen“ und dem „Finden erster Antworten aus dem ‘Arrangement’ von Phänomenen heraus, die am Lernort erkennbar sind“ (Hildebrandt 2007).

Dabei muss ein ‘guter’ außerschulischer Lernort nicht gezwungenermaßen allen Kriterien genügen (ebd.). Viel mehr richtet sich die ‘Güte’ des Lernorts nach der Anzahl der erfüllten Kriterien sowie der Intensität, wie sehr gewisse Kriterien erfüllt werden (ebd.).

Außerschulische Lernorte werden unterschieden

Gesine Hellberg-Rode unterscheidet zwei verschiedene Arten von außerschulischen Lernorten. Zum einen sind das pädagogisch und didaktisch nicht vorstrukturieren Lernorte (Hellberg-Rode 2004: 147). Solche Lernorte sind in der natürlichen Umwelt, beispielsweise in Wäldern, zu finden, können aber auch in technisch gebauten Orten, wie beispielsweise in bestimmten Bereichen des Hafens, liegen (ebd.). Ihr entscheidendes Merkmal besteht darin, dass ihr primärer Zweck nicht im Besuch von Schüler*Innen oder anderen Menschen, die an ihm etwas erfahren wollen, liegt (ebd.). Sie liefern somit das höchste Maß an Authentizität, müssen jedoch bewusst ausgewählt und bestenfalls durch Experten des Themas begleitet werden (ebd.).

Zum anderen gibt es pädagogisch, bzw. didaktisch strukturierten Lernorte. Typischerweise sind dies z.B. Museen, die zum Zweck der Erkundung und des Lernens unter didaktischen Gesichtspunkten eingerichtet wurden (ebd.). Meist existieren für solche Lernorte stark vorstrukturierte Programme, so z.B. auch im Hafenmuseum.

Wir werden hierzu jeweils ein Beispiel beleuchten. Dabei gehen wir zunächst auf das Hafenmuseum als didaktisch strukturierten Lernort ein und überlegen uns anschließend, wie die stadtbremischen Häfen mit Hilfe einer ‘Hafenrallye’, welche auf den Fotorätseln des Hafenblogs basiert, als didaktisch nicht vorstrukturierter Lernort dienen können.

Das Hafenmuseum als didaktisch strukturierter Lernort

In dem Hafenmuseum werden verschiedene Führungen für Schulklassen angeboten. Einige von ihnen sind für die Sekundarstufe 1 und 2, es gibt aber auch Führungen für die Grundschule. Im Folgenden werde ich genauer auf die unterschiedlichen Angebote eingehen.

Stadtplanung Überseestadt Live!

In der Führung geht es um die Entstehung und Planung der Überseestadt und sie ist gut geeignet für die Fächer Geographie, Wirtschaft und Politik. Es wird ein gemeinsamer Spaziergang durch die Überseestadt angeboten, wo man viele verschiedene Ecken des Stadtteils kennenlernen kann, wie zum einen die Luxuswohnungen im Schuppen 1, aber auch Gewerbeflächen und anderes. Die Führung endet im Museum, wo die Schüler*innen die Geschichte und den Wandel der Überseestadt nachvollziehen können.

Hafen Global

In der Führung geht es um den Fabrikhafen im industriellen und globalen Zeitalter. Die Schüler*innen können hier viel über die wichtigen globalen Handelsgüter Bremens lernen und eigene Beobachtungen durchführen. Außerdem wird auf die Schwerpunkte Globalisierung, Industrialisierung und Logistik eingegangen.

Koloniale Spuren in der Überseestadt

In der Führung wird ein Spaziergang durch die Überseestadt gemacht und diese eignet sich für die Fächer Geschichte, WUK, Gesellschaft und Politik, Geographie und Wirtschaft. Es wird gezeigt welche Auswirkungen der Kolonialismus in der Vergangenheit und Gegenwart hat. Des Weiteren wird über Bremen als Kaufmannsstadt gesprochen und über den Handel mit verschiedenen Gütern.

Vorklassen im Hafenmuseum

In dieser Führung geht es um Landeskunde und Weltwissen. Es soll die Kinder auf den Fachunterricht vorbereiten und die Sinne schärfen. In diesem Projekt können die Teilnehmer vieles selbst ausprobieren und werden in die Führung mit einbezogen. Dies eignet sich gut für Vorklassen und Grundschüler*innen, da sie an die Fächer Biologie, Physik, Geographie und Wirtschaft herangeführt werden und die ersten Einblicke bekommen.

Wachsen Bananen im Supermarkt?

Diese Führung ist für die Klassenstufen 1 und 2 sehr gut geeignet, da die Informationen durch verschiedene Spiele und Aufgaben vermittelt werden. Hier können die Kinder lernen, woher die verschiedenen Waren kommen und wie sie in den Supermarkt gelangen. Diese Führung ist sehr kindgerecht und spielerisch gestaltet.

Hiev op und ahoi

Die Führung zeigt die Bremer Hafengeschichte zum Anfassen und ist für die Klassen 1 bis 4 geeignet. Hierbei können die Schüler*innen können erleben, was die Aufgaben eines Hafenarbeiters waren und diese selbst ausprobieren. Die Webseite des Hafenmuseums bietet bei dieser Führung eine optionale Vorbereitung für den Besuch an, wo verschiedene Begriffe und kleine Rätsel als Unterrichtseinheit behandelt werden können.

Ist das Hafenmuseum also ein ‘guter’ außerschulischer Lernort?

Das Hafenmuseum bietet den Lehrkräften eine gute Möglichkeit, Unterricht außerhalb des Klassenraums durchzuführen. Es besitzt einen hohen Authentizitätgrad. Die Schüler*Innen erleben hier zwar keine reale Begegnung mit dem Hafen, allerdings bietet das Museum ihnen die Möglichkeit, sich mit den stadtbremischen Häfen in Bezug auf verschiedene Gesichtspunkte auseinander zu setzen. Die Echtheit in Bezug auf den Hafen wird hierbei gewahrt.

Darüber hinaus ist das Hafenmuseum durch die verschiedenen Angebote sehr überschaubar gestaltet. Somit wird auch hier ein Kriterium für einen geeigneten außerschulischen Lernort erfüllt. Ebenfalls bietet das Hafenmuseum den Schüler*Innen unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten. So können sie eigene Erfahrungen mit dem dargebotenen Angebot vergleichen, vorhandenes Wissen ausbauen und erste Antworten zur politischen Ökonomie der Häfen sowie der bremischen Stadtentwicklung zu finden.

Wichtig ist auch, dass den Kindern viele unterschiedliche Möglichkeiten geboten werden um sich Wissen anzueignen. So können sie sich einzelne Themenfelder spielerisch, durch anfassen, ausprobieren und im allgemeinen durch das Einsetzen vieler verschiedener Sinne erschließen. Wenn sich das Hafenmuseum in die behandelten Themen des Schulunterrichts eingliedern lässt, ist eine angeleitete Führung also durchaus zu empfehlen.

Die Hafenrallye

Zuletzt wollen wir nun auf Basis der vergangenen 13 Fotorätsel eine Hafenrallye für Schulklassen unter Berücksichtigung der genannten Kriterien konzipieren. Hierbei wollen wir den thematischen Schwerpunkt auf die städtebauliche Einflüsse der stadtbremischen Häfen legen und uns dabei insbesondere auf die Authentizität, die Prägnanz und den Anmutungscharakter konzentrieren. Auf Grund der Größe des Areals der Überseestadt verhält es sich mit dem Kriterium der Überschaubarkeit nämlich zunächst schwierig; die Durchführung einer solchen Rallye ist also in jüngeren Jahrgangsstufen nur schlecht denkbar. Auch die Handlungsmöglichkeiten beschränken sich durch die Auswahl der Orte, an welchen bestimmte Inhalte und Phänomene vor allem nur sichtbar werden, weitestgehend auf die anschließende Recherche.

Hinsichtlich der Durchführung haben wir zunächst eine Auswahl der Fotorätsel vorgenommen. Dabei war es uns einerseits wichtig, dass die besuchten Orte einen Einfluss auf das Stadtbild Bremens verdeutlichen. Zum anderen sollten die Orte so gelegen sein, dass sie auf einer vorgeschlagenen Route durch die Überseestadt (bzw. die Bremer Innenstadt) liegen, die mit dem Rad zu bewältigen ist. Wir haben uns für die Fotorätsel #1, #2, #3, #4 und #10 entschieden. Auf der folgenden Karte sind alle Orte verzeichnet:

(Falls die Darstellung auf dem Blog nicht klappt, hier der Link zur Karte)

Aus versicherungsrechtlichen Gründen ist eine solche Tour nur in älteren Jahrgangsstufen oder in Form eine Hausaufgabe denkbar.

Für die Hafenrallye werden die Schüler*Innen in fünf Gruppen aufgeteilt, welche einen doppelseitigen Arbeitsbogen erhalten. Auf diesen Arbeitsbögen ist zum einen die oben gezeigte Routenkarte mit geschwärzten Orten abgebildet. Zum anderen finden die Schüler*Innen auf den Arbeitsbögen Fotos der genannten sechs Fotorätsel. Außerdem erhalten sie dort den Arbeitsauftrag, die gezeigten Orte zu finden, dort jeweils ein Gruppenfoto aufzunehmen und alle Informationen zu notieren, die sie finden können.

In der anschließenden Unterrichtsstunde werden alle Gruppenfotos auf einer Pinnwand zunächst collagiert, daraufhin werden die gefundenen Informationen zu den Orten zusammengetragen und zuletzt werden den bestehenden Gruppen zu den Orten passende Themen für Kurzreferate zugeordnet. Diese könnten z.B.:

  • Die Muggenburg vorm zweiten Weltkrieg und heute
  • Die Balge – Der verschwundene Seitenarm der Weser
  • Die Schlachte – Vom einstiegen Güterumschlagplatz zur Genussmeile
  • Der Überseehafen – Das zugeschüttete Hafenbecken Bremens
  • Die Tabakbörse – Vom (Zoll-)Ausland in Bremen

heißen und werden von den Schüler*Innengruppen in den darauffolgenden Unterrichtsstunden durch Eigenrecherche vorbereitet. Je nach Klassenstufe ist es auch denkbar, dass Kommentare, ähnlich denen der Auflösungen Herrn Möllers, als unterstützendes Material an die Schüler*Innen verteilt werden. Für die Referate sollen die Schüler*Innen berücksichtigen, dass die Vorträge so vorbereitet werden, dass sie am Ort des Fotorätsels gehalten werden können.

Am Tag der Präsentation wird ein gemeinsamer Ausflug entlang der oben gezeigten Route unternommen. An den jeweiligen Orten der Fotorätsel (dem Överseehabenbecken, der Bremer Tabakbörse, Luftschutzturm auf der Muggenburg, der Schlachte und am Balgestein in der Böttcherstraße) werden die Referate dann so vorgetragen, dass die referierenden Schüler*Innengruppen bestenfalls eine kurze gemeinsame Begehung der Orte anleiten.

Indem die echten historischen Orte besucht werden, stellen die Begehungen eine authentische Lernerfahrung dar. In wie weit sie auch prägnant sind, hängt vom jeweiligen Ort ab: Insbesondere das Europahafenbecken, die Schlachte und der Balgestein in der Böttcherstraße erhalten ihre Prägnanz durch die Situation der Begehung („Wir stehen hier gerade auf einem zugeschütteten Hafenbecken/Seitenarm der Weser“) oder den Konflikt mit zuvor vorherrschenden mentalen Bildern (Im Fall der Schlachte als heutiger Ort der Erholung und des Genuss, der einst ganz gegenteilig ein Ort harter körperlicher Arbeit war). Den Anmutungscharakter erhalten die ausgewählten Lernorte durch bestimmte Merkmale der Umgebung, an denen die Geschichte der Häfen auf die Stadtentwicklung Bremens abgefärbt hat. Dies könnte z.B. die karge Bebauung im Gebiet der Muggenburg und des Europahafenbeckens, jedoch auch die Position der Tabakbörse im Freihafengebiet oder der Überrest der Hafenwirtschaft an der Schlachte (beispielsweise die Poller oder die Sitzgelegenheiten in Form von Uferpfählen) sein.

Literaturverzeichnis

  • Blaseio, Beate (2016): Außerschulische Lernorte im Sachunterricht. Vielperspektivisches Sachlernen vor Ort. In: Erhorn, Jan(Hrsg.)/Schwier, Jürgen: Pädagogik. Außerschulische Lernorte. Bielefeld: transcript Verlag.
  • Hellberg-Rohde, Gesine (2004): Außerschulische Lernorte. In: Kaiser, Astrid/Pech, Detlef: Basiswissen Sachunterricht. Unterrichtsplanung und Methoden. Baltmannsweiler: Schneider Verlag.
  • Hildebrandt, Thelke (2007): Außerschulische Lernorte im Geographieunterricht – Ausstellungen als Orte der Wissensvermittlung?. Hamburg: Diplomica Verlag.
  • Lewalter, Doris/Neubauer, Katrin (2019): Außerschulische Lernorte. In: Kiel, Ewald/Herzig, Bardo/Maier, Uwe/Sandfuchs, Uwe(Hrsg.): Handbuch Unterrichten an allgemeinbildenden Schulen. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
  • Messmer, Kurt/von Niederhäuser, Raffael/Rempfler, Armin/Wilhelm, Markus(Hg.) (2011): Außerschulische Lernorte – Positionen aus Geographie, Geschichte und Naturwissenschaften. Münster: LIT Verlag.

2 Gedanken zu „Häfen als außerschulische Lernorte

  1. Das ist doch mal ein toller Einblick in fachdidaktische Fragen. Vielen Dank dafür! Hat noch jemand andere Ideen für die Hafenrallye (Orte, Lernaktivitäten)? Hat jemand schon eigene Erfahrungen mit solchen außerschulischen Lernorten gemacht?

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