Berufe im Hafen

Ein Beitrag von Paul Plogmann & Jonas Brinkmann

Im Rahmen der vergangenen Lerneinheiten wurden verschiedene Berufe im Hafen und der Schifffahrt schon vertieft besprochen:

  • Katherina Kenanidou schrieb über die Arbeit der Festmacher*In und führte hierzu ein Interview mit einer Festmacherin, welche von ihrem typischen Arbeitsalltag, den Tätigkeiten, dem Schichtdienst, insbesondere auch den Gefahren und dem geringen, bzw. steigenden Anteil weiblicher Kolleginnen berichtete.
  • Heinrich Pfeiffer sprach in seinem Podcast mit einem angehenden Schiffsmechaniker vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Wilhelmshaven und ließ sich hier vom Schichtwechsel, von der alltäglichen und -wöchentlichen Arbeitsroutine, den Aufgabenbereichen und Zuständigkeiten beim WSA berichten.
  • Luca Döninghaus und Luisa Feher interviewten im Rahmen ihres Beitrags zur Regulierung von Hafenarbeit eine/n Hafenlotsin/en und ließen sich die Zulassungsqualifikationen der Ausbildung, die Arbeitsbedingungen sowie die Situation um die Gewerkschaften sowie um die COVID-19-Pandemie schildern.
  • Denise Wächter führte ein Interview über den Arbeitsalltag im Van Carrier am North Sea Terminal Bremerhaven und hörte auch dort eine Stellungnahme zum Arbeitsalltag, den Arbeitsbedingungen, dem Schichtdienst, den Risiken, dem Einfluss der Automatisierung aber auch den Vorzügen wie der guten Aussicht und dem Verdienst.

Nachdem die bisherigen Blogbeiträge vereinzelte Berufe porträtierten, soll sich der vorliegende Beitrag um einen umfassenderen Überblick über die Vielzahl der Tätigkeiten im Hafen bemühen. Darin sprechen wir über die Berufe der Brückenfahrer*In, der Containerfahrer*In, der Deckseinweiser*In, der Festmacher*In, der Hafenarbeiter*In, der Transportarbeiter*In, der Ladebetriebsleiter*In und der Lascher*In, der Lotsin, bzw. des Lotsen (hafenkarriere.de o.D.). Um einen bildhaften Eindruck der Berufe zu erlangen, verfolgt der Beitrag den Weg eines Containers vom Anlaufen des Schiffs im Hafens bis zum späteren Ablegen und verdeutlicht somit, welche Berufsgruppe zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort tätig wird. Zuletzt soll dieser Blogbeitrag einen historischen Rückblick auf die Berufe im Hafen liefern.

Der Weg vom offenen Meer in den Hafen

Steuert ein Containerschiff einen Hafen an, dann tritt der Kapitän des Schiffes zunächst in Kontakt mit der Hafenlotsin, bzw. dem Hafenlotsen. Er/Sie dient als Berater des Kapitäns und hilft dabei, das Schiff an Schifffahrtshindernissen vorbeizumanövrieren (ebd.). Dies geschieht meist über Funk von einer Radarstation aus, in schwierigen Fällen aber oftmals auch direkt an Bord des Schiffes, auf das die Lotsin, bzw. der Lotse, mittels eines Lotsenbootes oder eines Hubschraubers gebracht wird (ebd.). Lotse, bzw. Lotsin, können nur erfahrene Nautiker und Kapitäne mit langjähriger Berufserfahrung werden, die ihr sogenanntes Revier gut kennen (ebd.). Sie „arbeiten freiberuflich und nach eigener Verantwortung“ und sind in einer Lotsenbrüderschaft organisiert, welchen u.a. die Überwachung der Berufspflichten, die Ausbildung von Seelotsen sowie die Einnahme und Verteilung der Lotsgelder obgliegt (ebd.; §28 Abs. 1 S. 1-9 SeeLG). Im Blogbeitrag von Luca Döninghaus und Luisa Feher sind Eindrücke über den Beruf und insbesondere auch über das spezielle Beschäftigungsverhältnis der Hafenlots*Innen aus erster Hand nachzulesen.

Sobald das Containerschiff in die Nähe des angefahrenen Kais gelangt, werden die Festmacher*Innen aktiv. Sie fahren mit dem Festmacherboot zum Schiff, holen die sogenannten Trossen (dicke Taue zum Befestigen der Schiffe an der Kaimauer) und befestigen sie an den Pollern, um das Schiff zu fixieren (hafenkarriere.de o.D.). Vielerorts sind sie selbständige Unternehmer und in Verbänden und Arbeitsgemeinschaften zusammengeschlossen, so z.B. in Hamburg in der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Schiffsbefestiger GmbH & Co. KG (ebd.; Verband Deutscher Festmacher e.V. o.D.). Dabei ist ihre Arbeit oftmals lebensgefährlich; einerseits durch die Gefahr des Leinenbruchs und andererseits durch die Gefahr, von den von Bord des Containerschiffs aus abgeworfenen Wurfleinen erschlagen zu werden (bremenports.de o.D.; vereinigtebootleute.de o.D.). Im Blogbeitrag von Katherina Kenanidou finden sich auch hierzu Berichte aus erster Hand. Das folgende Video illustriert darüber hinaus die Arbeit der Festmacher*Innen (einschließlich eines problematischen Kommentars über die Eignung von Frauen):

Laut Joachim Küchler, Geschäftsführer der Hamburger Schiffsbefestiger, sei der Grund für den geringen Anteil weiblicher Festmacher*Innen weniger die körperliche Eignung als viel mehr die Tatsache, dass „der Beruf einfach nicht bekannt oder attraktiv genug“ sei (Töpper 2012).

Im Hafen angekommen: Das Löschen und Beladen der Containerschiffe

Ist das Containerschiff erst sicher im Hafen abgekommen und am Kai fixiert, wird es entladen (gelöscht). Dies erfolgt mittels des Einsatzes von Containerbrücken, also großen stationären Kränen zur Verladung von Containern. In den Führerkabinen der Containerbrücken, den sogenannten Katzen, bedienen die Brückenkranführer*Innen die Kräne und verladen die Container ans Land in die Abstellbereiche (hafenkarriere.de o.D.). Unterstützt werden sie dabei per Funk durch die Deckseinweiser*Innen, welche die Verladung vom Boden (bzw. vom Deck des Schiffes bei Beladen) aus überwachen (ebd.). Brückenkranführer*Innen und Deckseinweiser*Innen verfügen über dieselbe Berufsausbildung, welcher eine Ausbildung zur Fachkraft für Hafenlogistik, zur Schlosser*In oder Mechatroniker*In sowie langjährige „Berufserfahrung im Führen von Kränen und Transportgeräten“ vorausgegangen ist (ebd.). Das nachfolgende Video zeigt die Arbeit in der Katze eine Containerbrücke im Hafen von Antwerpen. Darin ist auch gut zu hören, wie die Brückenkranführer*In im ständigen Funkkontakt mit den Deckseinweiser*Innen steht.

Ist ein Container im Abstellbereich angekommen, wird er durch die Hafenarbeiter*Innen und Containerfahrer*Innen (z.B. Van Carrier Fahrer*Innen) mit Hilfe verschiedener Flurförder- und Hebezeuge (z.B. Van Carrier oder Reach-Stacker) angenommen und im Hafen zum Weitertransport verteilt (ebd.). Sie haben meist eine Ausbildung im Bereich der Seefahrt (z.B. als Fachkraft der Hafenlogistik) absolviert und verfügen über die entsprechenden Fahrerlaubnisse (ebd.). Auch hierzu findet sich ein Interview im Blogbeitrag von Denise Wächter.

Abbildung 1: Van-Carrier

Im Hafen stellen dann Lager- und Transportarbeiter*Innen im Wareneingangsbereich die Sendungen nach Kundenaufträgen zusammen und kontrollieren die Lieferungen und die dazugehörenden Papiere (ebd.). Sie sind ebenfalls im Warenausgang tätig und kommissionieren zur Verschiffung, verpacken mitunter und Verladen die Container entsprechend, sodass die zu verschiffenden Container von den Hafenarbeiter*Innen und Containerfahrer*Innen wieder in die Ladebreiche der Containerbrücken gebracht werden und von dort über die Containerbrücken auf das Schiff verladen werden können (ebd.). Auf den Containerschiffen sind beim Beladen Lascher*Innen tätig, welche „für das richtige Verzurren bzw. Befestigen von Schiffsladung zuständig“ sind.

Die Be- und Entladearbeiten werden von der Ladebtriebsleiter*In organisiert, welche die Abläufe im Ladebereich optimiert, die ordnungsgemäße Behandlung der Waren überwacht und sich bei Schäden an Maschinen um die zügige Wiederaufnahme der Arbeiten kümmert. Ladebtriebsleiter*Innen verfügen „in der Regel [über] eine Ausbildung im Bereich Logistik und Transportwesen“, benötigen allerdings auch „kaufmännische und betriebswirtschaftliche Kenntnisse vor allem aus dem Logistikbereich genauso wie technisches Verständnis“ (ebd.).

Ist das Containerschiff fertig beladen, legt es wieder ab und steuert den nächsten Hafen an, wo sich die geschilderten Vorgänge wiederholen.

Ein historischer Rückblick

Vor allem seit 1950, mit dem Beginn der Containerisierung, hat sich das Berufsbild im Hafen stark gewandelt und die Wohnbevölkerung im Hafen wurde verändert. In der Vergangenheit war das Arbeiterklientel im Hafen mit harter körperlicher Arbeit und geringer Arbeitssicherheit konfrontiert (Nesemann 2014). Hafenarbeiter*Innen wurden in der Regel an Arbeitsvermittlungsstellen im Hafen für einzelne Jobs angeheuert, weshalb die Arbeitssicherheit in diesem Feld deutlich geringer war (Grüttner 1984: 102). Um eine Aussicht auf Arbeit im Hafen zu haben, war deshalb eine Wohnlage in Hafennähe unverzichtbar, um kurze Wege und somit keine zusätzliche Ausgaben für die An- und Abreise, wie auch eine schnelle Bereitschaft für die regelmäßigen Nachtschichten zu haben (Grüttner 1984: 102). Es gab drei Gruppen von Personen, welche unter diesen Umständen im Hafen angeheuert haben:

  1. die ehemaligen Seeleute, welche nicht mehr auf See fahren und deshalb eine Beschäftigung im Hafen suchen. Sie sind mit den Aufgaben und dem Umgang im Hafen vertraut und wollen in diesem Umfeld Arbeit finden.
  2. Menschen, die Phasen der Arbeitslosigkeit überbrücken wollen. Da die Jobs im Hafen immer neu verteilt werden, bietet dieser somit auch in Krisenzeiten Perspektive auf Arbeit. Häufig blieben diese Arbeitssuchenden deutlich länger im Hafen, als geplant.
  3. Arbeiter*Innen heuerten im Hafen an, die in ihren ursprünglichen Berufen keine Arbeit mehr gefunden haben, was oft ihrem hohen Alter geschuldet war. Die Arbeit im Hafen erforderte keine besonderen Qualifikationen und war somit für alle zugänglich, die nicht vor körperlicher Arbeit zurückschreckten

(Grüttner 1984, 80).

Durch die Containerisierung und Digitalisierung wurden viele Menschen aus dem Hafen vertrieben und mussten neuer Technik weichen (Roder 2014). Mittlerweile sind die Arbeitsabläufe klar strukturiert und digitalisiert, wodurch einige einst relevante Arbeitsfelder nicht mehr in dem Maße benötigt werden. Beispielhaft ist hier der Beruf der Ewerführer*In zu nennen, welcher mit seinem kleinen Segelboot (auch Schnute genannt), Ladung von größeren Frachtschiffen im Hafen zu anderen Schiffen oder zu Lagerhäusern transportierte (hafenkarriere.de o.D.). Mit der Einführung des Containers hat dieser Beruf immer weiter an Relevanz verloren, da die Fracht mittlerweile standardisiert ist und die Container mit Kränen anstelle von kleinen Schnuten bewegt werden.

Dennoch sind durch den Wandel der Berufe im Hafen nicht nur alte Berufe obsolet geworden, sondern auch viele neue Berufe etabliert worden. Inzwischen gibt es große Ausbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten bei der Berufswahl im Hafen und viele Berufe sind erst durch die Einführung neuer Technik, wie z.B. der Containerbrücke entstanden (Roder 2014).

Literaturverzeichnis

  • bremenports.de (o.D.): Die Festmacherin. Online abrufbar unter: https://bremenports.de/die-festmacherin/
  • Grüttner, Michael (1984): Arbeitswelt an der Wasserkante. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 63. Hamburg: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • hafenkarriere.de (o.D.): Berufe im Hafen, in der Schifffahrt und Logistik. Online abrufbar unter: http://www.hafenkarriere.de/tiki-index.php?page=Berufe
  • Nesemann, Manfred (2014): Fast ein Drittel der BLG-Geschichte miterlebt. In: Roder, Harmut/Schwerdtfeger, Harmut (Hrsg.): Die Zukunft der Bremischen Häfen. Rasch Verlag, 182-188.
  • Roder, Hartmut (2014): Mann der ersten Stunde – Von der „Klappertechnik“ zur Elektronik. In: Roder, Harmut/Schwerdtfeger, Harmut (Hrsg.): Die Zukunft der Bremischen Häfen. Rasch Verlag, S.195-199.
  • Töpper, Verena (2012): Festmacher im Hafen. „Reißende Taue schlagen wie Schwerter“. In: Spiegel Job & Karriere. Online abrufbar unter: https://www.spiegel.de/karriere/berufsportraet-festmacher-vertaeuen-schiffe-im-hafen-a-845945.html
  • Verband Deutscher Festmacher e.V. (o.D.): Kompetenzen in deutschen Häfen. Online abrufbar unter: http://www.vdf-web.de/
  • vereinigtebootleute.de (o.D.): Wir sind Schiffsbefestiger!. „Fest und Los“, rund um die Uhr, und bei jedem Wetter im Hamburger Hafen. Online abrufbar unter: https://www.vereinigtebootleute.de/vbl_ueberuns.html

Video- und Abbildungsverzeichnis

2 Gedanken zu „Berufe im Hafen

  1. Sehr spannender Überblick, vielen Dank! Gibt es eigentlich Daten zu den relativen Anteilen an den Gesamtbeschäftigten, gewerkschaftlichen Organisationsgraden und Einkommen der verschiedenen Berufsgruppen im Hafen (ganz allegemein und speziell für Bremen)?

  2. Ein sehr interessanter Artikel! Mich würde auch vor allem das Verhältnis interessieren von Berufen, die durch die Digitalisierung der Arbeitsprozesse im Hafen verloren gingen (z.B. der/die Ewerführer*In), und welchen, die durch die neu geschaffenen Berufszweige der Digitalisierung entstanden sind. Vermutlich wurde da ja sicher nur ein kleiner Teil aufgefangen, aber wer weiß… Liebe Grüße!

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