Bremerhaven als nautisches Tor – eine Chance für den Tourismus?

(Quelle: Pigorsch 2015)

Die Bundesrepublik Deutschland ist Umfragen zufolge mit einem Marktanteil von 30 Prozent der Reisen das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Dabei wird jedoch nicht jedes Bundesland gleich viel bereist, sodass sich Divergenzen zwischen den Bundesländern ergeben (BMWi 2020). Während solche wie Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein sowie das Saarland die Inländerübernachtungen im Jahr 2016 bis zu teilweise 25,9 Prozent gegenüber des Jahres 2012 steigern konnten, zählt die Entwicklung der Übernachtungszahlen mancher Bundesländer wie Thüringen (+0,6 Prozent) oder Sachen (+1,9 Prozent) als unterdurchschnittlich (BMWi 2017: 8).

Besonders Bremerhaven, das neben Cuxhaven und Wesermarsch als eine der drei wirtschaftlich schwächsten Regionen in der Bundesrepublik Deutschland zählt, erweist im Tourismusbereich Potenzial (buten und binnen 2019a). Bereits innerhalb von zehn Jahren konnte die Stadt seit dem Jahr 1995 die Übernachtungsintensität (Übernachtungen je 1 000 Einwohner/-innen) steigern (Muscheid 2008: 15) und verzeichnete im Jahr 2019 rekordhaltige Tourismuszahlen. Mit insgesamt 465.252 Übernachtungen von Januar bis Dezember 2019 erzielte Bremerhaven einen Zuwachs von 3.2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Zahl der Ankünfte stieg um drei Prozent auf 252.683 Gäste, wobei TouristInnen und Geschäftsreisende im Durchschnitt zwei Nächte in der Stadt blieben. Der Betrag beläuft sich auf ungefähr 60 Millionen Euro, womit der Bremerhavener Wirtschaft eine immense Bedeutung zukommt (Presse tourismus 2020). Darüber hinaus beschäftigt die Tourismusbranche insgesamt 2.7000 Bremerhavener (Hellmers, Schmitt 2020).

Schätzungsweise 25.000 Übernachtungen ergaben sich im Jahr 2019 aus der Entwicklung des Kreuzfahrttourismus (Presse Tourismus 2020). Zwar florierte die Bremerhavener Kreuzschifffahrtsbranche in den 1990er Jahren, sodass 50.000 Kreuzfahrtgäste zwischen den Jahren 1991 und 1998 mit einem Anteil von 50 Prozent am Kreuzreiseverkehr über deutsche Häfen befördert wurden. Am Ende des Jahrzehnts erfuhr Bremerhaven jedoch einen Brancheneinbruch. Das Bremerhavener Columbus Cruise Center (CCC) steigerte jedoch die Zahl der Tagesgäste im Jahr 2019 mit 250.000 Passagieren im Vergleich zu den Vorjahren wieder stetig, sodass die bereits oben erwähnten 25.000 Übernachtungen erzielt wurden. Im Jahr 2018 belief sich die Anzahl der KreuzfahrerInnen auf 230.000 – 130.00 mehr als im Jahr 2017 (buten und binnen 2019b; Hartog 2003: 44-45). Um in den nächsten Jahren hier das Potenzial auszuschöpfen, sind als strategischer Aspekt für Passagiere die Einführung von Couponheften und die Neuauflage des Kreuzfahrtmagazin „Kurs Bremerhaven“ vorgesehen (Presse Tourismus 2020).

Für die Stadt Bremerhaven, die diesen Tourismuszweig an der Hochschule Bremerhaven mit dem Studiengang Cruise Tourism Management fördert, steht diesbezüglich die Columbuskaje im Fokus, an der im Jahr 2019 bei 115 Anläufen rund 248.000 Kreuzfahrtgäste gezählt wurden und auch für den Containerverkehr eine wichtige Rolle spielt (Presse Tourismus 2020). Diese steht seit den 1920er Jahren „in der langen Tradition der Auswandererverkehre, die nach der Gründung Bremerhavens im Jahre 1827 ihren Weg über Bremen und Bremerhaven nahmen“ (Hartog 2008: 25). Dessen Hafenbereich stand seit seiner Entstehung bis ins Jahr 1971 immer dem Passagierverkehr vor (ausgenommen erzwungene Nutzungen, wie durch die amerikanische Besatzung), wobei die Columbuskaje im Jahr 1958 einen heute sehr bekannten Passagier begrüßte. Eine im Boden eingelassene Bronzeplatte erinnert bis heute daran, dass Elvis Presley hier als amerikanischer GI deutschen Boden betreten hat (Hartog 2008: 26-27; Pigorsch 2015). Die 300-jährige deutsche Migrationsgeschichte wird im Deutschen Auswandererhaus aufgegriffen, das als erstes Museum überhaupt die Aus- und Einwanderungsgeschichte Deutschlands präsentiert. Ein touristischer Lichtblick, denn seit der Eröffnung zählte das Museum bis Ende des Jahres 2019 ca. 2,7 Millionen BesucherInnen (buten und binnen 2019c).

Oft wurde für den oben erwähnten Einbruch der Kreuzschifffahrt aufgeführt, dass der Region Bremerhaven die touristischen Besonderheiten fehlen, weshalb andere Reiseziele als attraktiver im Stopover-Verkehr gelten. Bremerhaven hingegen ist insbesondere ein Change-Over-Port, indem Kreuzreisen beginnen und enden (Hartog 2003: 46). Um den Tourismus in Bremerhaven besser zu fördern, wurde die Tourismusstrategie 2025 mit dem Ziel entwickelt, die Übernachtungszahlen um 37 Prozent gegenüber des Jahres 2016 auf 550.000 zu steigern. Zentraler Aspekt ist neben dem Bereich Kongresse und Tagungen auch der Kreuzfahrttourismus (Presse Tourismus 2020). Um unter anderem den Anteil ausländischer Übernachtungsgäste zu steigern, sowohl im geschäftlichen als auch im privat motivierten Sinne, schlossen sich die beiden touristischen Unternehmen aus Bremen (BTZ Bremer Touristik-Zentrale) sowie Bremerhaven (TFGB, heute BIS Bremerhaven Touristik GmbH) im Jahr 1998 zusammen. Mit dem Zusammenschluss sollten außerdem weitere Tourismusprojekte gestärkt sowie Geschäftskunden (Reiseveranstaltern oder Busreiseanbietern) besser koordinierte Dienstleistungen angeboten werden. (Wicha 200: 57). Fast zwanzig Jahre später brach die Zahl der ausländischen Übernachtungsgäste jedoch um sieben Prozent ein, sodass hier weiterhin Förderungspotenzial besteht (Presse Tourismus 2020).

Seit Anfang des Jahres sieht sich die Tourismusbranche mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Durch die Covid-19-Pandemie kam es in Deutschland und International durch die Reisewarnungen und den Lock-Downs zu erheblichen wirtschaftlichen Einbußen, auch im Tourismusbereich. Eine Besichtigung der Überseehäfen mit den Glasdachschiffen „Lady Sunshine“ und/oder „Hein Mück“ oder eine Fahrt mit dem Hafenbus war sodann erst einmal nicht mehr möglich. Auch städtische Einrichtungen wie der Zoo am Meer musste durch die Pandemie schließen, wodurch laut Zoo-Chefin Heike Kück ein täglicher Verlust von etwa 23.000 Euro entstanden ist. Allein in den Osterferien kamen täglich 3.500 BesucherInnen, die sich nun während Covid-19 auf Null beliefen (Hellerms, Schmitt 2020). Ein Überblick darüber, ob zum Beispiel Betriebe geschlossen oder geöffnet sind, gestaltet sich schwierig, da das Statistische Landesamt aufgrund der wirtschaftlichen und organisatorischen Belastung der Beherbergungsbetriebe darauf verzichtet hat, Mahnverfahren einzuleiten. Daraus folgt, dass eben nur beschränkt Daten über den Umfang der Übernachtungsgäste vorliegen (SLB o.J.).

Zwar können sich durch die aktuellen Lockerungen Hotels und Campingplätze sowie touristische Einrichtungen (Klimahaus und Auswanderermuseum) auf die Öffnung und neue Gäste vorbereiten (buten und binnen 2020), das „Sail Bremerhaven 2020“ vom 19. bis 23. August muss dieses Jahr jedoch leider ausfallen. So kann, wie es Oberbürgermeister Melf Grantz sagte, Bremerhaven zu dieser Veranstaltung leider nicht „seine Kompetenz als herzlicher Gastgeber besonders aus[spielen]“ (Presse Tourismus).

Literatur

  • BMWi, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2017): Tourismuspolitischer Bericht der Bundesregierung. Text abrufbar unter: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Tourismus/tourismuspolitisc        her-bericht.pdf?__blob=publicationFile&v=28 (Zugriff am 24.06.2020).
  • BMWi, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2020): Tourismus. Text abrufbar unter: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/tourismus.html (Zugriff am 25.06.2020).
  • Buten und binnen (2019a): Studie: Bremerhaven droht eine gefährliche Abwärtsspirale. In: buten und binnen vom 8.08.2019. Text abrufbar unter: https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/bremerhaven-studie- strukturschwach-100.html (Zugriff am 22.06.2020).
  • Buten und binnen (2019b): 2019 war ein Kreuzfahrt-Rekordjahr für Bremerhaven. In: buten und binnen vom 11.12..2019. Text abrufbar unter: https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/bilanz-kreuzfahrten-  columbus-bremerhaven-100.html (Zugriff am 22.06.2020).
  • Buten und binnen (2019c): Bremerhavener Auswandererhaus wird noch mehr zum “Einwandererhaus”. In: buten und binnen vom 24.10.2019. Text abrufbar unter: https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/auswandererhaus-erweiterung-bremerhaven-100.html (Zugriff am 23.06.2020).
  • Buten und binnen (2020): Urlaub in Corona-Zeiten: Kommt der große Touri-Ansturm an der Nordsee?. In: buten und binnen vom 12.05.2020. Text abrufbar unter: https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/corona-tourismus-nordsee-cuxhaven-bremerhaven-100.html (Zugriff am 23.06.2020).
  • Hartog, Arno (2008): Bremerhavens Tor zu Welt. 80 Jahre Columbuskaje Bremerhaven. Bremen: Editions Temmen.
  • Hellmers, Boris / Schmitt, Joschka (2020): Tourismus an Küste und in Bremerhaven:    Keine Hoffnung ohne Sail? In: buten und binnen vom 18. April 2020. Text abrufbar unter: https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/corona-tourismus-bremerhaven-cuxhaven-100.html (Zugriff am 02.07.2020).
  • Muscheid, Jörg (2008): Tourismus in Bremen und Bremerhaven. Bilanz und Perspektiven im Städtevergleich. In Bremen: Arbeitnehmerkammer Bremen.
  • Pigorsch, Melanie (2015): Der Kreufahrthafen Bremerhaven – Deutschlands nautisches Tor zu Welt. In: Kreuzfahrt-Zeitung vom 28. August 2015. Text abrufbar unter: https://kreuzfahrt-zeitung.de/kreuzfahrthaefen/kreuzfahrthafen-bremerhaven/ (Zugriff am 02.07.2020).
  • Presse Tourismus (2019): Rasante Entwicklung: Tourismuszahlen 2018. In:    Pressemitteilung der Erlebnis Bremerhaven vom 4.03.2019. Text abrufbar unter:   https://www.bremerhaven.de/de/aktuelles/presse-tourismus/rasante-entwicklung-tourismuszahlen-2018.86704.html (Zugriff am 25.06.2020).
  • Presse Tourismus (2020): Tourismuszahlen für 2019 über dem Rekordergebnis von 2018.   In: Pressemitteilung der Erlebnis Bremerhaven vom 2.03.2020. Text abrufbar unter: https://www.bremerhaven.de/de/aktuelles/tourismuszahlen-fuer-2019-ueber-dem-rekordergebnis-von-2018.100802.html (Zugriff am 25.06.2020).
  • SLB, Statistisches Landesamt Bremen (o.J.): Hinweise zur Monatserhebung im     Tourismus. Text abrufbar unter:   https://www.statistik.bremen.de/publikationen/statistische_berichte/handel__gast   gewerbe_und_tourismus-11557 (Zugriff am 25.06.2020).
  • Wicha, Ute (2003): 100 Jahre Tourismus in Bremen. In: Bremen: Verkehrsverein der Freien Hansestadt Bremen e.V.

Ein Gedanke zu „Bremerhaven als nautisches Tor – eine Chance für den Tourismus?

  1. Gibt es eigentlich eine institutionalisierte Tourismuspolitik im Land Bremen? Und wenn ja, welche Kooperationen gibt es mit Niedersachsen? Welche Rolle spilen die maritime Kultur und die Häfen in der Vermarktung Bremerhavens als touristische Destination?

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