Stadtentwicklung in Bremen-Nord in Folge der Werftenkrise

Die Stadtentwicklung in Bremen-Nord steht aufgrund der tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen in Folge der Werftenkrise vor großen Herausforderungen. So geht mit den zahlreichen Betriebsschließungen in Folge der Krise ein erheblicher wirtschaftlicher Bedeutungsverlust für den einst industriell geprägten Bremer Norden einher. Am deutlichsten ist es am Verlust der Arbeitsplätze zu erkennen, so kommen auf 100 Einwohner in Bremen-Nord nur noch 19 Arbeitsplätze, während es in der Gesamtstadt Bremen zum Vergleich 54 sind (Andreas et al. 2016). Aufgrund des starken Rückgangs der Arbeitsplätze in Bremen-Nord kam es infolgedessen zu erhöhter Arbeitslosigkeit, Abwanderungen und Kaufkraftverlusten, welche sich wiederum zu wirtschaftlichen und sozialen Problemen formierten (Andreas et al. 2016).

Bezeichnend dafür sind die sozialen Brennpunkte, welche sich in den letzten Jahrzehnten in Bremen-Nord herausbildeten und für eine negative Medienwahrnehmung des Stadtbezirks verantwortlich sind. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Grohner Düne (Brandt 2019). Welche Anstrengungen wurden also in den letzten Jahrzehnten unternommen, um mit dem Strukturwandel und den damit einhergehenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen in Bremen-Nord umzugehen?

Bremen-Nord ist aufgrund seiner beschriebenen Entwicklung seit mehr als zwei Jahrzehnten im Fokus von Politik, Verwaltung und Verbänden. Diese versuchten durch zahlreiche Programme, Initiativen und Arbeitskreise die Lage im Stadtbezirk zu verbessern. Im Folgenden werden einige der Schlüsselprojekte, die im Rahmen der Initiativen umgesetzt wurden, genauer betrachtet.

Abbildung 1: Räumliche Verortung der Schlüsselprojekte

Auf dem ehemaligen Gelände der Roland-Kaserne im Stadtteil Vegesack wurde 1999 die Jacobs University (ehemals International University Bremen – IUB) gegründet. Eine private internationale Hochschule mit derzeit 1396 Studierenden aus 110 Ländern. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Finanzierung. Sicherte 2006 die Jacobs Foundation mit einer Zuwendung von 200 Mio. € den weiteren Betrieb der Universität. Neben der Universität entstand 2010 eine Gewerbepark für technologieorientierte Unternehmen und Neuausgründungen der Universität unter dem Namen „Science Park“. Doch bis jetzt fanden mehrere Gespräche mit potentiellen Investoren statt, welche aber nicht zu einem Ergebnis geführt haben. Aktuelle Planungen sehen dort eine Erweiterung der mittlerweile stark wachsenden Jacobs University vor. Die Neuansiedelung der Universität und des „Science Parks“ sollte den Strukturwandel entgegen zu wirken, indem ein neuer Anziehungspunkt für Studierende, Mitarbeiter und technologieorientierte Unternehmen in Bremen-Nord geschaffen werden sollte (Andreas et al. 2016; Weth 2018b).

Auf dem Gelände der ehemaligen und der Bremer Woll-Kämmerei (BWK) wurde nach Erwerb der Flächen durch die Stadt Bremen Gewerbeflächen entwickelt. Vorgesehen war es hier einen Standort für das produzierende Gewerbe zu schaffen. Heute finden Sich hier Unternehmen aus dem Bereich der Produktion, Dienstleistung, Logistik, verarbeitendem Gewerbe und Handwerk. Daneben wurden die gründerzeitlichen Produktionsgebäude der BWK erhalten, hier sollen Büros und Flächen für Events und Gastronomie entstehen (WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH 2020). Anfang dieses Jahres wurden Pläne vorgestellt einen Berufschulcampus auf dem Gelände anzusiedeln und dafür einige der bestehenden Berufsschulen aus dem Bremer Norden und Westen dorthin umziehen zu lassen. In Verbindung mit einem Boulevard und einer in die historischen Gebäude integrierten Schwimmhalle soll dort ein neuer Anziehungspunkt für Blumenthal entstehen (Harm 2020). In direkter Nachbarschaft dazu liegt das Gelände der ehemaligen Vulkan AG. Das Trockendock der der ehemaligen Vulkan AG wurde durch die Lürssen Werft weiter genutzt und daneben wurden die weiteren Flächen als Gewerbeflächen vermarktet. Heute finden sich auf dem Gelände 59 Betriebe aus den Bereichen Metall-, Maschinen-, und Anlagenbau, Autoumschlag und Windenergie. Bereits 2003 waren 70% der ehemaligen Arbeitsplätze wieder vorhanden (Die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa 2003).

Das Einkaufszentrum Haven Höövt auf dem Gelände der ehemaligen Lürssen Werft im historischen Hafen von Vegesack wurde 2003 eröffnet. Mit 37.000m² Verkaufsfläche für 70 Geschäfte das größte Einkaufszentrum für Bremen-Nord. Die Größe des Objektes führt aber auch gleichzeitig zu seinem Untergang, denn als das Einkaufszentrum durch die 2008 eröffnete Waterfront Konkurrenz bekam trat vermehrter Leerstand auf, was zur Insolvenz des Betreibers im Jahre 2012 führte. Beim Bau des Einkaufszentrums wurde die von der zuständigen Baubehörde ausgegebenen Verkaufsflächenbeschränkung sehr stark überschritten, dies wurde ermöglicht durch eine fehlerhafte Berechnung der zur Verfügung stehenden Verkaufsfläche. Da dieser Missstand aber erst nach der Insolvenz herauskam und die Baubehörden bei einem neuen Käufer diese Beschränkung geltend machen würden, fand das „Haven Höövt“ lange Zeit keinen Käufer (Brandt 2016). Mittlerweile wurde ein Käufer gefunden die Wesbau GmbH. Diese möchte, um die Vorgaben der Baubehörde einzuhalten, den vorderen Teil des Einkaufszentrums abreißen und auf dem Gelände ein neues Quartier aufbauen, dieses soll Wohnungen und Platz für Praxen und Restaurants beinhalten (Weth 2018a).

Abbildung 2 : Entwurf für das neue Quartier auf dem Gelände des Haven Höövt

Um die Attraktivität des Tourismus rund um den Vegesacker Hafen zu stärken wurde die Einrichtung einer „Maritimen Meile“ forciert. Zentral waren dabei drei verschiedene Kernelemente. Zum einen das „Schulschiff Deutschland“, dass 1995 in den Vegesacker Hafen verholt wurde und seitdem dort ein Hotel beinhaltet. Des Weiteren wurde 2009 „gläsernen Werft“ in Leben gerufen. Hier konnten die Besucher auf dem ehemaligen Vulkan Gelände Einblicke in den Bootsbau erlangen. Das Projekt wurde aber aus finanziellen Gründen bereits 2012 wieder stillgelegt. Als letztes Element wurde 2015 das „Spicarium“ eröffnet. In diesem Museum wurden den Besuchern die historische Entwicklung des Hafens, sowie auch Bezüge zu aktuellen Themen des Bootsbaus nahegelegt. Doch auch dieses musste 2015 aufgrund zu geringer Besucherzahlen schließen (Andreas et al. 2016). Heute findet sich hier das „Vegesacker Geschichtenhaus“, in dem mit schauspielerischen Elementen die Geschichte des Hafens den Besuchern vermittelt wird (Burghart 2017).

Für die Entwicklung der ehemaligen Flächen der AG Weser können sie hier weiterlesen.

In den letzten Jahrzehnten gab es zahlreiche Versuche durch Städtebauliche Projekte und Elemente der Stadtentwicklung die benachteiligte Situation Bremen-Nords hin zu einer positiven Entwicklung zu bewegen. Dabei sind hier aufgeführten Projekte nur ein Auszug der prominentesten Initiativen. Dabei hatten einige dieser Projekte einen positiven Effekt auf die wirtschaftliche Entwicklung Bremen-Nords, wie zum Beispiel das Gelände der ehemaligen BWK oder der Vulkan AG oder auf die soziale Entwicklung, wie zum Beispiel die Jacobs University. Aber andere Projekte scheiterten und hatten nicht den gewünschten positiven Effekt auf den Stadtbezirk. Beispielhaft dafür steht das ehemalige Einkaufszentrum “Haven Höövt”. Hier wurde fehlerhaft geplant, was zu einer Fehlinvestition führte. Auch noch hier aufzuführen sind Teile der “Maritimen Meile”. Insgesamt blieb auch die erfolgte Trendwende aus. Es lassen sich zwar sehr geringe Tendenzen der Besserung erkennen, doch auch diese sind zu relativieren. Zum einen steigen in den letzten Jahren wieder die Zahl der Arbeitsplätze, dabei kann die Entwicklung leider nicht mit der Gesamtstadt oder den Umlandgemeinden mithalten. Außerdem konnte der Bevölkerungsschwund gestoppt werden, was hauptsächlich auf Migration aus Drittstaaten zurückzuführen ist. Ein weiterer Besorgniserregender Trend ist eine zunehmende Segregation. Die Armut konzentriert sich in den Stadtteilen Grohn, Blumenthal und Lüssum-Bockhorn, während die Stadtteile St. Magnus und Lesung, auch im Vergleich zur Gesamtstadt als privilegiert gelten (Andreas et al. 2016). Insgesamt muss die Politik für Bremen-Nord noch einige Weichen in die richtige Richtung stellen, um den Strukturwandel in Folge der Werftenkrise zu bewältigen.

 

Literaturverzeichnis

  • Andreas, Verena; Böhme, René; Fortmann, Fabian; Nischwitz, Guido (2016): Bremen-Nord: Chancen zur Neupositionierung nutzen! Zwischenbilanz-Perspektiven-Gesamtstrategie. Reihe Arbeit und Wirtschaft in Bremen.
  • Brandt, Patricia (2016): Die ungewisse Zukunft des Haven Höövt. Umnutzung oder Abriss? In: Weser-Kurier, 11.01.2016. Online verfügbar unter https://www.weser-kurier.de/region/die-norddeutsche_artikel,-Die-ungewisse-Zukunft-des-Haven-Hoeoevt-_arid,1288401.html, zuletzt geprüft am 28.05.20.
  • Brandt, Patricia (2019): Nach Vorfall an der Grohner Dühne: Polizeibeamte ernten Respekt. Parteien fordern Aufklärung. In: Weser-Kurier, 08.01.2019. Online verfügbar unter https://www.weser-kurier.de/region/die-norddeutsche_artikel,-nach-vorfall-an-der-grohner-duehne-polizeibeamte-ernten-respekt-_arid,1797204.html, zuletzt geprüft am 27.05.20.
  • Burghart, Merle (2017): Das Vegesacker Geschichtenhaus – wenn Vergangenheit zum Leben erwacht. Living History trifft auf gemeinnützige Einrichtung. Online verfügbar unter https://www.wfb-bremen.de/de/page/stories/standortmarketing/lebensqualitaet/bremen-nord-das-vegesacker-geschichtenhaus-wenn-vergangenheit-zum-leben-erwacht.
  • Die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa (2003): Gewerbegebiet Bremer Vulkan. Aus der Sitzung der Wirtschaftsförderungsausschüsse. Online verfügbar unter https://www.senatspressestelle.bremen.de/detail.php?gsid=bremen146.c.15028.de&asl=bremen146.c.25714.de, zuletzt geprüft am 27.05.20.
  • Harm, Karin (2020): Ein Berufsschulcampus für Blumenthal. Mehrere Berufsschulen sollen auf dem BWK-Gelände untergebracht werden. Die ersten Pläne kommen gut an. In: Weser-Report 2020, 20.01.2020. Online verfügbar unter https://weserreport.de/2020/01/bremen-bremen/stadtteile/nord/ein-berufsschulcampus-fuer-blumenthal/.
  • Weth, Christian (2018a): Haven Höövt ade: Quartier für 600 Menschen geplant. Neues Wohnviertel in Bremen-Nord. In: Weser-Kurier, 09.02.2018. Online verfügbar unter https://www.weser-kurier.de/region/die-norddeutsche_artikel,-haven-hoeoevt-ade-quartier-fuer-600-menschen-geplant-_arid,1698634.html, zuletzt geprüft am 28.05.20.
  • Weth, Christian (2018b): Neues Gelände für die Jacobs University. Erweiterungspläne vorgestellt. In: Weser-Kurier 2018, 10.04.2018. Online verfügbar unter https://www.weser-kurier.de/region/die-norddeutsche_artikel,-neues-gelaende-fuer-die-jacobs-university-_arid,1718674.html, zuletzt geprüft am 27.05.20.
  • WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH (2020): BWK Bremer Wollkämmerei. Modernes Arbeiten in historischem Ambiente. Online verfügbar unter https://www.wfb-bremen.de/de/page/grundstuecke-und-immobilien/gewerbeflaechen-bremen/bremer-wollkaemmerei, zuletzt aktualisiert am 27.05.20.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Räumliche Verortung der Schlüsselprojekte. Andreas, Verena; Böhme, René; Fortmann, Fabian; Nischwitz, Guido (2016): Bremen-Nord: Chancen zur Neupositionierung nutzen! Zwischenbilanz-Perspektiven-Gesamtstrategie. Reihe Arbeit und Wirtschaft in Bremen.

Abbildung 2: Entwurf für das neue Quartier auf dem Gelände des “Haven Höövts ” (Keller, G. 2018). Der Siegerentwurf nimmt laut Jury architektonisch Bezug auf das alte Vegesacker Hafenquartier und rückt so auch den Museumshafen in den Mittelpunkt. DIENORDDEUTSCHE. Abrufbar unter: https://www.weser-kurier.de/region/die-norddeutsche_artikel,-siegerentwurf-fuer-das-haven-hoeoevt-steht-fest-_arid,1745900.html zuletzt geprüft am 27.05.20.

3 Gedanken zu „Stadtentwicklung in Bremen-Nord in Folge der Werftenkrise

  1. Wer hat Ideen für die angesprochenen notwendigen Weichenstellungen in Bremen-Nord? Was müsste getan werden und von wem?

  2. Ich glaube ein großes Problem ist die Außenwahrnehmung des Stadtbezirks. Für viele Menschen hier aus der Region wird Bremen-Nord negativ assoziiert. So kommt es für viele bei der Wahl des Wohnstandorts nicht in Frage. Vielleicht könnte hier eine Imagekampagne Aushilfe schaffen.

  3. Die Jacobs University scheint vor ungewissen Zeiten zu stehen. Die Frage der zukünftigen Finanzierung ist offen und diesmal möchte die bremische Landesregierung wohl nicht mit einer (kurzfristigen) Finanzhilfe aushelfen. Jedoch hat Bremen ein Interesse daran, den Hochschulstandort zu halten.

    Auch die Jacobs-Foundation (mit 2/3 Mehrheitsgesellschafterin der Privathochschule) möchte sich wohl zurückziehen.

    Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-jacobs-university-haupteigentuemer-zieht-sich-zurueck-_arid,1919987.html

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