1. Theoretische Erkenntnisse und fachdidaktische Übertragung
Die Vorlesung hat sich mit vielen wichtigen und interessanten Aspekten rund um das Thema Heterogenität befasst, dennoch habe ich mir im folgenden zwei Aspekte herausgesucht, die mir am meisten in Erinnerung geblieben sind.
Eine der größten theoretischen Erkenntnisse, die ich aus der Ringvorlesung mitgenommen habe, ist die Bedeutung des Zusammenhangs zwischen Vorwissen und Lernerfolg. Studien wie die von Gruber & Stamouli (2015) und Hasselhoff & Gold (2006) belegen empirisch, dass Vorwissen in komplexen Lernsituationen sogar einen größeren Einfluss auf den Lernerfolg haben kann als Intelligenz. Das hat mich besonders im Hinblick auf meine eigene Unterrichtsplanung in Deutsch, Mathe und Sachunterricht zum Nachdenken gebracht. Wenn Schüler*innen neue Inhalte nicht mit bestehendem Wissen verknüpfen können, bleiben sie oft auf der Ebene reiner Reproduktion. Eine didaktische Konsequenz daraus ist, dass Lehrkräfte systematisch an die Vorerfahrungen und Lebensweltbezüge der Kinder anknüpfen sollten zum Beispiel durch diagnostische Aufgaben zu Beginn einer Einheit oder durch das bewusste Einbinden biografischer Erzählanlässe.
Gerade im Fach Deutsch lassen sich solche Erkenntnisse sehr gut auf den Schriftspracherwerb übertragen. Der Begriff der elementaren Schriftkultur (vgl. Schüler, 2021) hat mir hier eine neue Perspektive eröffnet. Schreiben ist nicht nur Technik, sondern auch Ausdruck, Identitätsarbeit und Kommunikationsmittel. Vor allem im Anfangsunterricht sollte Raum für kreative und bedeutungsvolle Zugänge zur Schrift sein. Das Schreiben von Geschichten, Briefen oder Listen durch Kinder erlaubt individuelle Ausdrucksformen, die gleichzeitig sprachliches Lernen ermöglichen.
Die Methode das „leere Blatt“ ist mir besonders in Erinnerung geblieben, da es das Vorwissen der Kinder auf schriftlicher Ebene deutlich macht und sich anschließend aus den Erkenntnissen einen auf die Klasse angepassten Lehrplan entwickeln lässt. Somit lässt sich Schrift erproben und gleichzeitig findet eine Abfrage des Vorwissens und Könnens der Kinder statt.
Beziehungsarbeit in Schule und Unterricht
Eine weitere Erkenntnis betrifft die Bedeutung von Beziehungsarbeit in inklusiven Lernsettings. Die Ringvorlesung hat mir verdeutlicht, dass Inklusion nicht allein durch Methoden oder Ressourcen gelingt, sondern vor allem durch eine Haltung, die auf Vertrauen, Wertschätzung und Anerkennung basiert. In diesem Zusammenhang hat mich besonders die Arbeit von Seitz (2024) beeindruckt, die die Notwendigkeit gemeinsamer Verantwortungsübernahme und Teamarbeit betont. In einer von Heterogenität geprägten Klasse reicht es nicht immer aus, wenn eine Lehrkraft allein arbeitet, durch multiprofessionelle Zusammenarbeit könnten Räume entstehen, in denen auf vielfältige Bedürfnisse eingegangen werden kann.
Die im Rahmen der Vorlesung gezeigten ethnografischen Beobachtungen (vgl. Seitz, 2023) verdeutlichen anschaulich, wie durch kooperative Unterrichtsformen nicht nur individuelle Förderung, sondern auch soziale Integration gestärkt wird. Diese Erkenntnisse möchte ich bewusst in meinem weiteren Werdegang nutzen, vor allem im Umgang mit Kindern mit speziellem Förderbedarf oder sprachlichen Barrieren.
2. Eigene Praxiserfahrungen und schulischer Umgang mit Heterogenität
In meiner bisherigen Schulpraxis habe ich sowohl positive als auch weniger gelungene Umgänge mit Heterogenität erlebt. Besonders prägend war eine Situation, in der ein Kind mit Lernschwierigkeiten in einem sehr lehrerzentrierten Unterricht kaum Anschluss fand. Es gab wenig Raum für differenzierte Lernwege, weder im Tempo noch in der Aufgabenstellung. Die Folge war, dass das Kind zunehmend demotiviert und frustriert war. Diese Erfahrung kann ich nun, mit dem Konzept der inneren Differenzierung (vgl. Seitz, 2020) im Kopf, viel klarer analysieren und anwenden. Es fehlt in solchen Fällen häufig nicht an Engagement, sondern vielmehr an methodischer Vielfalt und struktureller Offenheit.
Demgegenüber erinnere ich mich an einen besonders gelungenen Sachunterricht, in dem Kinder ihre Vorwissen zu Tieren einbringen konnten, indem sie Expertenplakate in ihrer Muttersprache und auf Deutsch gestalteten. Dieser Ansatz, der Mehrsprachigkeit als Ressource nutzt (vgl. Riehl & Schröder, 2022), zeigt, wie Unterricht sprachlich und kulturell sensibel gestaltet werden kann. Auch die Reflexion von Sprache als Teil einer versprachlichten Institution (vgl. Ehlich & Rehbein, 1986) half mir, solche Prozesse bewusster zu verstehen. Nicht zuletzt zeigt diese Praxis, wie Sprache sowohl Türöffner als auch Barriere sein kann, abhängig davon, wie in der Schule damit um gegangen wird.
3. Fragen für mögliche Vertiefungen
Im weiteren Verlauf meines Studiums würde ich mich gerne vertieft mit folgenden Fragestellungen beschäftigen:
1. Wie kann Diagnostik in heterogenen Klassen lernförderlich und gleichzeitig entlastend für Lehrkräfte gestaltet werden?
Die Vorlesung hat die Relevanz von Diagnostik hervorgehoben, doch blieb offen, wie man sie im Schulalltag realistisch und systematisch implementieren kann, ohne sie zur bürokratischen Zusatzbelastung werden zu lassen. Hier interessieren mich besonders pragmatische Konzepte für kontinuierliche Lernstandserhebungen im Regelunterricht.
2. Wie lässt sich Begabungsförderung im inklusiven Unterricht umsetzen, ohne neue Exklusionen zu schaffen?
Die Diskussion um Inklusion fokussiert oft auf Unterstützungsbedarfe, weniger auf Potenziale. Ich finde es wichtig, auch besonders leistungsstarke Kinder im Blick zu behalten – ohne Sonderwege zu schaffen. Welche Formate (z. B. projektorientiertes Lernen, offene Aufgabenformate) eignen sich, um unterschiedliche Leistungsniveaus innerhalb einer Klasse zu verbinden?
Ein Aspekt, der mir in der Vorlesung gefehlt hat, betrifft die Rolle der Eltern in einem inklusiven Bildungssystem. Gerade bei der Förderung von Kindern mit besonderen Bedarfen oder mehrsprachigem Hintergrund ist die Zusammenarbeit mit den Familien entscheidend, sei es bei der individuellen Förderung oder der emotionalen Unterstützung. Hier würde ich mir weiterführende Inhalte wünschen.
Die Ringvorlesung hat mir gezeigt, dass Inklusion nicht nur ein pädagogisches Ziel, sondern ein kontinuierlicher Prozess ist, der Haltung, Wissen und Zusammenarbeit erfordert. Theoretische Konzepte wie elementare Schriftkultur, Differenzorientierung oder Mehrsprachigkeit als Ressource haben mein Verständnis für Vielfalt im Klassenzimmer gestärkt. Die Verbindung aus Theorie, Praxisreflexion und fachdidaktischer Relevanz war für mich besonders gut. Ich nehme aus der Veranstaltung nicht nur viele Impulse mit, sondern auch die Erkenntnis, dass der Umgang mit Heterogenität kein fertiges Rezept kennt, sondern eine dauerhafte professionelle Entwicklung verlangt.
Literatur:
- Gruber, H. & Stamouli, E. (2015). Intelligenz und Vorwissen. In: Wild, E., Möller, J. (Hrsg.): Pädagogische Psychologie. Berlin: Springer.
- Seitz, S. (2020). Dimensionen inklusiver Didaktik – Personalität, Sozialität und Komplexität.
- Seitz, S. (2023). Beobachtungen im Rahmen des Projekts „gooDwill – Pathways to inclusive and quality Education“ [Unveröffentlichte ethnographische Beobachtungen].
- Seitz, S. (2024). Gute inklusive Bildung: Vom geteilten Wissen zum gemeinsam verantworteten Handeln.
- Schüler, L. (2021). Elementare Schriftkultur in heterogenen Lernkontexten. Seelze: Klett/Kallmeyer.
- Riehl, C. M. & Schröder, C. (2022). DaF/DaZ im Kontext von Mehrsprachigkeit. Zeitschrift Deutsch als Fremdsprache 1, 67–76.
- Hasselhoff, M. & Gold, A. (2006). Pädagogische Psychologie. Erfolgreiches Lernen und Lehren. Stuttgart: Kohlhammer.