Ein sogenanntes „leeres Blatt“ ist oft voller Bedeutung. Das Kinderblatt, das ich betrachte, ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie vielfältig die Zugänge zur Schrift bereits im frühen Kindesalter sein können. Das Kind schreibt Wörter wie „Salami“, „Salat“, „Oma“, „Toto“, „Lisa“ oder „Tom“ manche korrekt, andere lautgetreu. Deutlich wird, das Kinder wissen, dass Schrift Sprache sichtbar macht. Sie nutzen bereits jetzt Schrift, um Dinge zu benennen, Namen festzuhalten, Gedanken und Lieblingswörter auszudrücken, obwohl sie noch gar nicht alle Buchstaben kennen. Schrift ist für sie ein Spiel, eine Ausdrucksform und nicht primär ein Schulstoff.
Der Begriff „elementare Schriftkultur“ beschreibt genau solche frühen, alltagsverankerten Zugänge zur Schrift. Sie unterscheidet sich von der Kulturtechnik, die systematische Fertigkeiten wie Rechtschreibung oder Grammatik umfasst. Während Kulturtechnik eher auf korrekte Ausführung zielt, bedeutet elementare Schriftkultur, dass Schrift erlebt, benutzt und gefühlt wird. In der Kita oder zum Schulstart kann das durch das Vorlesen literarischer Texte oder durch das gemeinsame Erstellen von Geschichten zu Medienfiguren geschehen (vgl. Schüler 2021).
Die IGLU-Studie 2022 zeigt, dass die Unterschiede zwischen lesestarken und leseschwachen Kindern wächst. Gründe dafür liegen u.a. in sozial ungleichen Startbedingungen und mangelnder Teilhabe an Schriftkultur. Ein enger Fokus auf „richtige“ Schrift (Kulturtechnik) reicht nicht. Vielmehr müsste Leseunterricht Kinder ernst nehmen als Sinn-Suchende. Schrift muss bedeutsam werden, emotional, sozial und kreativ. Geschichten diktieren, gemeinsam Briefe schreiben, Alltagsbeobachtungen aufschreiben, all das eröffnet Kindern Wege zur Schrift (vgl. Dehn & Hüttis-Graff 2000).
Damit mehr Kinder zu Leser:innen werden, müssen wir sie früh darin bestärken, dass Schrift ihnen gehört, lange bevor sie fehlerfrei schreiben. Denn Lesen- und Schreibenlernen beginnt nicht mit der Fibel, sondern mit dem Interesse und dem Staunen über Worte (vgl. Schüler 2021).
Literatur:
Dehn, M., & Hüttis-Graff, P. (2000). Zeit für die Schrift II. Beobachtung und Diagnose (S. 32–54). Berlin: Cornelsen.
Schüler, L. (2021). Elementare Schriftkultur in heterogenen Lernkontexten.
Zugänge zu Schrift und Schriftlichkeit (S. 7–26). Seelze: Klett/Kallmeyer.