{"id":308,"date":"2021-03-23T17:44:35","date_gmt":"2021-03-23T16:44:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/generationandthepandemic\/?p=308"},"modified":"2021-04-13T18:48:27","modified_gmt":"2021-04-13T16:48:27","slug":"altersheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/generationandthepandemic\/2021\/03\/23\/altersheim\/","title":{"rendered":"Altersheim"},"content":{"rendered":"<p><b>Ein Nachmittag im Altersheim \u201eMarie-von-Seggern-Heim\u201c:<\/b><\/p>\n<p>Am Nachmittag treffe ich am Eingang des Geb\u00e4udes ein. Vor mir ist der Weg mit zwei aneinander stehenden St\u00fchlen blockiert. Ich bet\u00e4tige die Klingel an der rechten Au\u00dfenwand und eine Frauenstimme meldet sich zu Wort. Ich erkl\u00e4re ihr, dass ich eine Terminvereinbarung habe f\u00fcr ein Interview mit zwei Bewohnern des Hauses. Nach einigen Minuten warten, l\u00e4sst mich eine Pflegerin zwischen den St\u00fchlen vorbei und ich nehme auf einer Bank, noch vor der Anmeldung platz. Ich sehe nur vereinzelt Bewohner in der Eingangshalle sitzen oder herumlaufen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Was mir aber sofort auff\u00e4llt, ist der gro\u00dfe Abstand zwischen den einzelnen Bewohnern. W\u00e4hrend die Pflegerin den Schnelltest vorbereitet, hole ich meinen kleinen Notizblock heraus und fange an ihr einige Fragen zur allgemeinen Situation innerhalb des Hauses zu stellen. Sie erkl\u00e4rt mir, dass das Heim in seine drei Stockwerken aufgeteilt werden musste und nur zwei Pflegekr\u00e4fte pro Etage arbeiten d\u00fcrften, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Die Pflegerinnen und Pfleger w\u00fcrden sich im Schichtdienst untereinander abwechseln. Mit insgesamt 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird sich um die Bewohner gek\u00fcmmert. Zwei mal pro Woche m\u00fcssen sich die Pflegerinnen und Pfleger einen Corona Test unterziehen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Mit dem ausgef\u00fcllten Fragebogen und dem negativen Testergebnis, begr\u00fc\u00dft mich der Heimleiter am Empfang und gibt mir eine kleine F\u00fchrung durch das Erdgeschoss des Geb\u00e4udes. W\u00e4hrend er mir den gro\u00dfen Esssaal zeigt, in der im Moment nicht zusammen gegessen werden kann, frage ich ihn ob sich die Besucherzahl innerhalb der letzten Monate ver\u00e4ndert hat und ob es \u00fcberhaupt gestattet sei, zumal die Corona-F\u00e4lle der umliegenden Heime gestiegen ist. Aufgrund der steigenden Zahlen erkl\u00e4rt er mir, mussten sie die Besuchszeit auf zwei Tage in der Woche herab senken. W\u00e4hrend des Sommers letzten Jahres konnten Verwandte und Familienmitglieder der Bewohner vier mal in der Woche zu Besuch kommen, nachdem sie sich vorher telefonisch angemeldet hatten.<\/p>\n<p>Insgesamt hat das Altersheim 87 Bewohner und Bewohnerinnen, unter denen eine Vielzahl an Demenz leidet. Innerhalb des Erdgeschosses leben 29 Senioren, im ersten Stockwerk 34 Senioren und im zweiten Stockwerk 24 Senioren. Der Heimleiter erkl\u00e4rt mir auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum, wo das Interview statt finden soll, dass das Zusammensein unter den Bewohnern doch sehr stark eingeschr\u00e4nkt werden musste. Das gemeinschaftliche Zusammensitzen, miteinander essen oder die Freizeitaktivit\u00e4ten d\u00fcrfen ausschlie\u00dflich nur noch auf den jeweiligen Etagen unternommen werden. Der Kontakt zwischen den einzelnen Etagen ist laut Gesundheitsverordnung untersagt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auch die befragten Personen best\u00e4tigen mir dieses im sp\u00e4teren Interview.<\/p>\n<p>Mit dem Eintreten in den Gemeinschaftsraum lerne ich die zwei Bewohner kennen, die sich bereit erkl\u00e4rt haben sich mit mir zu unterhalten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Herr Detlev Meyer, 77 Jahre alt, ist schon seit zwei Jahren Bewohner des Altersheims. Walter P\u00f6hler, 74 Jahre alt, ist seit 8 Jahren Bewohner des Hauses. Mit einer freundlichen Geste begr\u00fc\u00dfen wir uns einander und nehmen an einem Tisch platz. Herr P\u00f6hler sitzt mir in seinem Rollstuhl gegen\u00fcber, w\u00e4hrenddessen sich Herr Meyer von seinem Rollator, auf einen neben dem Tisch stehenden Stuhl fallen l\u00e4sst.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Mich interessieren die aktuellen Alltagssituationen und wie sie sich zu dem Alltag vor der Pandemie unterscheiden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Herr Meyer und Herr P\u00f6hler berichten mir, dass es innerhalb des Altersheim festgelegte Termine gibt, die von der Heimleitung organisiert werden. So m\u00fcssen sich beispielsweise die Bewohner nicht um die Versorgung k\u00fcmmern, sondern haben die M\u00f6glichkeit an bestimmten Tageszeiten Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Hierbei k\u00f6nnen sie zwischen 2 Men\u00fcs entscheiden. Es werden Frageb\u00f6gen am Anfang der Woche an die Bewohner ausgeteilt. Herr Meyer und Herr P\u00f6hler k\u00f6nnen somit entscheiden was sie Essen m\u00f6chten. Diese B\u00f6gen werden von den Pflegerinnen und Pflegern wieder eingesammelt und schlie\u00dflich an die K\u00fcche weitergeleitet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Mit den jetzigen Coronaverordnungen ist es nicht mehr m\u00f6glich kurzfristige \u00c4nderungen an die K\u00fcche weiterzuleiten, erz\u00e4hlen sie mir. Wegen der Verpflichtung, auf ihren Etagen zu bleiben kann man nicht mehr wie fr\u00fcher, schnell nach unten, in die K\u00fcche und Bescheid geben.<\/p>\n<p>Mit dem Fr\u00fchst\u00fcck um 8:00 Uhr beginnt der Tag f\u00fcr die meisten Bewohner. Um 11:30 Uhr gibt es Mittagessen. Am Nachmittag, um 14:00 haben die Bewohner die M\u00f6glichkeit bei Kaffee und Kuchen eine kleine Zwischenmahlzeit einzunehmen. Der Tag Endet meistens mit dem Abendbrot um 17:30 Uhr. Hat man neben seinen Fixkosten noch ein wenig Geld \u00fcbrig, kann man sich von einer Mitarbeiterin des Hauses, Kleinigkeiten einkaufen lassen, wie beispielsweise Schokolade oder Lakritze. Neben Herrn Meyer war es auch anderen Bewohnern gestattet vor der Pandemie selbstst\u00e4ndig diese Eink\u00e4ufe zu t\u00e4tigen, soweit man k\u00f6rperlich in der Lage dazu war.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zwischen den Mahlzeiten haben die Bewohner weitestgehend Freizeit. Herr P\u00f6hler und Herr Meyer lesen viel, gucken Fernsehen, f\u00fcllen Kreuzwortr\u00e4tsel aus oder halten sich auf ihren Etagen auf. Neben der Selbstbesch\u00e4ftigung gibt es auch die M\u00f6glichkeit, an von den Pflegerinnen und Pflegern organisierten Gruppenprogrammen teilzunehmen. Hier werden beispielsweise Gesellschaftsspiele, wie Bingo und Brettspiele, das miteinander basteln aber auch konditions und feinmotorische \u00dcbungen angeboten. Herr Meyer berichtet mir, dass er durch die Pandemie das Bingo spielen f\u00fcr sich entdecken konnte. Dennoch ist die Vielzahl an Programmen stark eingeschr\u00e4nkt worden. So kann Herr P\u00f6hler nicht mehr an den zuvor regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden Kochkursen teilnehmen. Auch das gemeinsame Musizieren und miteinander Singen musste gestrichen werden, erz\u00e4hlt mir Herr Meyer.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die allj\u00e4hrigen Feste, wie beispielsweise das Fr\u00fchlingsfest, in der im Garten zusammen gegrillt und gegessen wurde und das Weihnachtsfest musste abgesagt werden. Herr Meyer und Herr P\u00f6hler berichten mir, dass durch das wegfallen der Feste und der Aktivit\u00e4ten auch die M\u00f6glichkeit des sozialen Kontaktes unter den Bewohnern stark eingeschr\u00e4nkt und fast unm\u00f6glich geworden sind.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>So wurde vor der Pandemie zur Weihnachtszeit miteinander im gro\u00dfen Saal gefeiert. Es wurde zusammen gegessen, miteinander gesungen, gemeinsame Gottesdienste fanden statt und Geschenke wurden untereinander verteilt. All diese Dinge sind nur noch auf den einzelnen Etagen m\u00f6glich oder sind ganz weggefallen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Interviews wird mir klar, dass der soziale Kontakt innerhalb des Altersheims weitaus geringer ist, als von mir vorher angenommen. Bewohner die miteinander befreundet sind, aber auf unterschiedlichen Etagen wohnen, k\u00f6nnen sich nicht mehr sehen. So entsteht bei einigen Senioren das Gef\u00fchl der Einsamkeit. Herr Meyer und Herr P\u00f6hler haben aufgrund famili\u00e4rer Differenzen keinen Kontakt mehr zu ihren Familien. Auch ihnen fehlt der Kontakt zu ihren Mitbewohnern und Mitbewohnerinnen. Durch die Nutzung von Smartphones haben zwar einige Seniorin und Seniorinnen die M\u00f6glichkeit den Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden aufrecht zu erhalten. Dennoch ist die Zahl der Personen die ein Smartphone oder sonstige Ger\u00e4te zu Verf\u00fcgung haben, sehr gering. Herr Meyer erz\u00e4hlt mir, dass er durch den Lockdown mehr Zeit gefunden hat, sich mit seinem Smartphone auseinander zu setzen und h\u00e4lt seitdem stetigen Kontakt zu seiner Freundin.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das Virus ist nicht nur physisch eine Gefahr f\u00fcr die Bewohner des Altersheimes, sondern auch psychisch. Somit sind Seniorin und Seniorinnen, die keine Kontakte zu Familienmitgliedern haben oder technische Ger\u00e4te besitzen, durch die Pandemie, sozial noch st\u00e4rker eingeschr\u00e4nkt. Die Gefahr der mentalen Belastung kann bei diesen Personen st\u00e4rker ausfallen, als bei Bewohnern die diese Probleme nicht haben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich begleite Herr Meyer und Herr P\u00f6hler zum Fahrstuhl und bedanke mich nochmals f\u00fcr das nette und aufschlussreiche Gespr\u00e4ch.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"width: 525px;\" class=\"wp-video\"><video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-308-1\" width=\"525\" height=\"295\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/generationandthepandemic\/files\/Interview-Altersheim.mp4?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/generationandthepandemic\/files\/Interview-Altersheim.mp4\">https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/generationandthepandemic\/files\/Interview-Altersheim.mp4<\/a><\/video><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Nachmittag im Altersheim \u201eMarie-von-Seggern-Heim\u201c: Am Nachmittag treffe ich am Eingang des Geb\u00e4udes ein. 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