{"id":464,"date":"2023-06-02T11:57:02","date_gmt":"2023-06-02T09:57:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=464"},"modified":"2023-06-02T11:57:02","modified_gmt":"2023-06-02T09:57:02","slug":"damals-hat-es-sowas-nicht-gegeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/06\/02\/damals-hat-es-sowas-nicht-gegeben\/","title":{"rendered":"Damals hat es sowas nicht gegeben!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400\">Perro Bomba<\/span><span style=\"font-weight: 400\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400\">2019, Chile, 80 Minuten<\/span><span style=\"font-weight: 400\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Regie: Juan C\u00e1ceres<\/span><span style=\"font-weight: 400\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Autor: Leo Heyer<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400\">In den letzten Jahren hat man immer wieder in den Medien von Rassismus gegen\u00fcber lateinamerikanischen Migranten in den USA geh\u00f6rt, nicht zuletzt durch die Pr\u00e4sidentschaft Donald Trumps und sein Vorhaben, eine Mauer zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko zu erbauen. Doch auch innerhalb Lateinamerikas erfahren Migranten aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft Rassismus. In 80 Minuten Laufzeit begleitet der Zuschauer den jungen haitianischen Migranten Steevens in Santiago, Chile, der versucht, mit Rassismus in seinem Alltag umzugehen und dabei in ein immer tiefer werdendes Loch von Verzweiflung und Hilflosigkeit f\u00e4llt. Regisseur Juan C\u00e1ceres zeigt mit Perro Bomba, wie weitreichend die Folgen f\u00fcr Betroffene sein k\u00f6nnen, wenn sie von der Gesellschaft im Stich gelassen werden. Sollten Betroffene sich gegen offenen Rassismus wehren oder ihn einfach hinnehmen und diesem keine weitere Beachtung schenken, ganz nach dem Motto: Lass die Leute reden und h\u00f6r einfach nicht zu? Dies sind Fragen, auf die der Film zwar aufmerksam macht, aber selbst nicht beantwortet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Auf der Suche nach einem besseren Leben und mehr Wohlstand, sind Steevens und seine Familie von Haiti nach Chile ausgewandert. Steevens ist ein junger, auf dem Bau arbeitender Mann und wohnt zusammen mit seiner Familie in einem kleinen Haus in Santiago. Er lebt zun\u00e4chst ein zwar simples, aber angenehmes Leben, bis ein Verwandter Junior ebenfalls aus Haiti zu der Familie Steevens\u2019 nach Santiago zieht. Weil er noch kein Spanisch spricht und einen Job braucht, wird Steevens von seiner Familie darum gebeten, Junior einen Job bei ihm auf dem Bau zu beschaffen. Als Junior schlie\u00dflich mit Steevens auf dem Bau arbeitet, f\u00e4ngt ihr Chef damit an, rassistische Bemerkungen gegen\u00fcber dem neuen Mitarbeiter zu machen. Eines Tages kommt es sogar dazu, dass der Chef handgreiflich wird und Steevens sich daraufhin wehrt, was letztendlich aber gravierende Folgen f\u00fcr ihn hat. Durch ein Missverst\u00e4ndnis glaubt man n\u00e4mlich, Steevens h\u00e4tte seinen Chef grundlos angegriffen, woraufhin er von seiner Familie und Gemeinde versto\u00dfen wird. Nun muss Steevens sich alleine auf der Stra\u00dfe durchschlagen, um nicht zu sagen: um sein Leben k\u00e4mpfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Diese Erfahrungen zeichnen Steevens eindeutig und hinterlassen bei ihm sichtbar tiefen Schmerz. Gespielt von Steevens Benjamin, wird sein gleichnamiger Charakter von au\u00dfen betrachtet zwar immer ruhiger, aber man merkt, wie seine innere Anspannung und Unruhe steigen. Seine innere Zerrissenheit wird sehr \u00e4sthetisch, im Kontrast durch einige ruhige, nachdenkliche Szenen sp\u00fcrbar. Dies wird besonders deutlich, nachdem er die Auseinandersetzung mit seinem Chef hat, in der er sich gegen ihn wehrt, dieser ihn \u00fcber die Baustelle jagt und durch die er letzten Endes zu Unrecht von seiner Familie und Gemeinde verurteilt wird. Auf der Flucht vor seinem Chef, klettert Steevens auf einen Mast und schaut bedr\u00fcckt in den Sonnenuntergang. Alles wird leise, die Sonne ist noch nicht ganz untergegangen und auch wenn es ganz leise ist und eine Totale f\u00fcr eine ruhige Tiefe der Szene sorgt, ist die Spannung doch sehr gro\u00df. Generell ziehen sich Unruhe und Anspannung durch den gesamten Film, nicht zuletzt durch die audiovisuelle Gestaltung. In den meisten Szenen kann man immer noch alle Hintergrundger\u00e4usche h\u00f6ren, egal ob Autos, die Menschen im n\u00e4chsten Raum, oder die Musik auf den Stra\u00dfen. Eine weitere Methode, mit der vermutlich Steevens\u2019 Nachdenklichkeit, bzw. seine charakterliche Entwicklung unterstrichen wird und dar\u00fcber hinaus den Film in verschiedene Sinnabschnitte einteilen soll, sind Szenen von Tanz- und Musikeinlagen von Fremden auf der Stra\u00dfe. Das Ganze bietet dem Zuschauer etwas Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten und zu reflektieren, was nach dem ersten Mal zwar etwas schwierig f\u00e4llt, da es etwas \u00fcberraschend kommt, aber sp\u00e4testens beim zweiten Mal ein gut eingesetztes filmisches Element ist. Diese Choreographien werden jedes Mal schon vor dem eigentlichen Schnitt angek\u00fcndigt, da man die Musik davon schon vorher h\u00f6ren kann, was dem Ganzen einen angenehmen, laufenden \u00dcbergang gibt und dem Zuschauer dabei hilft, sich von unangenehmen Szenen schneller wieder zu beruhigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Doch wird die Spannung im Film nicht nur durch Filmtechnik und Schnitt erzeugt, sondern besonders auch durch \u00fcberzeugendes Schauspiel der Darsteller. Diese bieten n\u00e4mlich durch freies Spielen und improvisierte Dialoge realistische Situationen, die so auch in Wirklichkeit passieren k\u00f6nnten, nur mit der Ausnahme, dass manche Handlungselemente etwas schwierig nachzuvollziehen sind. So ist es beispielsweise nicht ganz verst\u00e4ndlich, wieso Junior Steevens\u2019 Familie nicht einfach sagt, dass er sich nur gegen seinen rassistischen Chef gewehrt hat, denn h\u00e4tte er ihnen davon erz\u00e4hlt, w\u00e4re es vermutlich gar nicht erst dazu gekommen, dass Steevens Zuhause rausgeschmissen wird. Ein weiterer Aspekt, welchen man dem Film negativ ankreiden kann, ist, dass er sich trotz nur 80 Minuten Laufzeit deutlich l\u00e4nger anf\u00fchlt, als er eigentlich ist. Dies ist haupts\u00e4chlich seinen recht langen Einstellungen zu verschulden, die zwar einerseits sch\u00f6n anzusehen sind, da sie dem Film eine gewisse Glaubhaftigkeit und dar\u00fcber hinaus etwas den Charakter eines Dokumentarfilms verleihen, aber die mit der Zeit auch etwas die Aufmerksamkeit des Zuschauers beanspruchen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Die Hauptkritik des Films an der Gesellschaft ist nat\u00fcrlich der Rassismus. Was dem Thema aber noch eine weitere Tiefe gibt, ist, dass die Charaktere, die in dem Film besonders durch ihre rassistischen \u00c4u\u00dferungen auffallen, auch die sind, von denen Betroffene im Alltag am meisten abh\u00e4ngig sind: Arbeitgeber und Beamte. Migranten sind diesen n\u00e4mlich oft hilflos ausgesetzt, so auch im Beispiel Steevens\u2019. Sein erster Arbeitgeber f\u00e4llt dabei besonders auf, da Steevens\u2019 erst durch ihn in seine scheinbar aussichtslose Lage geraten ist. Dieser behauptet allerlei rassistische Dinge wie, dass es fr\u00fcher keine Dunkelh\u00e4utigen in Chile gegeben h\u00e4tte, was nicht der Wahrheit entspricht, oder dass Dunkelh\u00e4utige f\u00fcr s\u00e4mtliche Probleme innerhalb der chilenischen Gesellschaft verantwortlich seien. Mit solchen Aussagen h\u00e4lt er sich auch auf keine Weise zur\u00fcck und erz\u00e4hlt seinen, zum Gro\u00dfteil aus Migranten bestehenden Mitarbeitern, diese Dinge einfach bei der Mittagspause. Wie verblendet diese Aussagen sind, wird ebenfalls mit Schnitten auf anwesende Tiere im Raum subtil mitgeteilt, diese sind n\u00e4mlich ein schwarz-wei\u00dfer Hund und eine gleichfarbige Katze &#8211; ironisch. Vermutlich k\u00f6nnen diese Tiere auch eine Metapher f\u00fcr ein harmonisches, gleichberechtigtes Zusammenleben zwischen dunkel- und hellh\u00e4utigen Menschen sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Des Weiteren appelliert Perro Bomba an Zusammenhalt innerhalb der Familie und einer Gemeinschaft. Es wird die Wichtigkeit der Familie gezeigt, denn in schweren Zeiten, wie Steevens\u2019 sie durchmacht, wird er am meisten von seiner Familie im Stich gelassen. Auch Institutionen, an die man eigentlich glaubt, sich immer wenden zu k\u00f6nnen, grenzen Steevens\u2019 aus. So ist er bzw. seine Familie sehr religi\u00f6s und als er einmal in die Kirche gehen m\u00f6chte, wird ihm der Zutritt wegen seiner langen Haare verweigert. Das ist zwar nicht rassistisch, aber dennoch eine Art von Ausgrenzung wegen \u00e4u\u00dferlichen Eigenschaften, auf die der Film dabei aufmerksam machen m\u00f6chte. Diese Art von Ausgrenzung steht auch deutlich im Kontrast zu etwas, was Steevens Junior bei seiner Ankunft in Santiago gesagt hat, und zwar, dass man sich in Chile so kleiden und stylen k\u00f6nnte, wie man will. Vielleicht soll das auch eine Anspielung auf einen Dialog sein, der im Opening des Films zu h\u00f6ren war und in dem es darum geht, dass man niemandem jemals wirklich vertrauen kann, aber das ist nur eine Vermutung. Was aber auch f\u00fcr diese Theorie spricht, ist, dass Steevens ebenso nicht seiner eigenen Familie trauen kann, da Junior nicht \u00fcber die wahren Ereignisse zwischen Steevens und seinem Chef aufgekl\u00e4rt hat. Auch in Hinsicht auf Steevens\u2019 sp\u00e4tere Arbeitgeber, die ebenfalls seine Umst\u00e4nde ausnutzen, ist dieser Monolog sehr aussagekr\u00e4ftig. Ein Gegensatz zu dieser Aussage ist jedoch die wahrscheinlich einzige Person, die Steevens in seiner Situation unterst\u00fctzt, und zwar eine Frau, die beim Arbeitsamt arbeitet. Sie versucht alles m\u00f6gliche, um ihm zu helfen, doch kann auch sie ihm letztendlich nicht seinen Weg zeigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Perro Bomba zeigt mit einem \u00fcberzeugendem, teilweise Dokumentarfilm-artigen Schauspiel das Schicksal eines von seiner Familie und Gesellschaft zur\u00fcckgelassenen jungen Mannes. Dabei wird dem Zuschauer vor Augen gef\u00fchrt, welche Folgen Rassismus f\u00fcr Betroffene haben kann und das besonders, wenn er nicht vom Rest der Gesellschaft erkannt und verurteilt wird. Auch wenn der Film sich trotz seiner kurzen Laufzeit durch zwar sch\u00f6ne, eindrucksvolle, aber gleichzeitig auch lange Einstellungen etwas in die l\u00e4nge gezogen anf\u00fchlt und wenige Drehbuch-Entscheidungen nicht ganz nachvollziehbar sind, lohnt es sich dennoch den Film zu sehen, nicht zuletzt, da er auf ein Problem aufmerksam macht, welches zwar pr\u00e4sent in der Gesellschaft ist, aber \u00fcber das die meisten wahrscheinlich noch nicht so weitsichtig gedacht haben, wie es der Film zeigt. Zusammengefasst ist Perro Bomba ein Film, der durch gelungene Filmtechnik zum Nachdenken anregt.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Perro Bomba 2019, Chile, 80 Minuten Regie: Juan C\u00e1ceres Autor: Leo Heyer In den letzten Jahren hat man immer wieder in den Medien von Rassismus gegen\u00fcber lateinamerikanischen Migranten in den USA geh\u00f6rt, nicht zuletzt durch die Pr\u00e4sidentschaft Donald Trumps und sein Vorhaben, eine Mauer zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko zu erbauen. 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