{"id":457,"date":"2023-06-02T08:36:12","date_gmt":"2023-06-02T06:36:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=457"},"modified":"2023-06-02T08:36:12","modified_gmt":"2023-06-02T06:36:12","slug":"457","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/06\/02\/457\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Filmrezension des Films Blonder Tango, DDR, 1986, Lothar Warneke, 120 Minuten <br \/>Omar Saavedra<br \/><br \/>Viele Menschen. Ein mit Stacheldraht umz\u00e4untes Lager. Abgelegen an einem Berg gelegen. Direkt denken wir als Zuschauende an ein Gefangenenlager. Zwei Menschen unterhalten sich und wir verstehen das geschehen. Einer der beiden M\u00e4nner wird entlassen. Die Tore \u00f6ffnen sich und eine gro\u00dfe Gruppe an Menschen verl\u00e4sst das Lager. Einer dieser Menschen ist Rogelio (Alejandro Quintana Contreras). Als Zuschauende folgen wir jetzt 120 Minuten seinem Leben und wie sein Leben nach der Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis weitergeht. <br \/>Zun\u00e4chst folgen wir Rogelio zu Amnesty International, wo er Asyl beantragt. Er geht in die DDR. Dort arbeitet er in einem Theater als Beleuchter und verliebt sich in die dort ebenfalls arbeitende Schauspielerin Cornelia (Karin D\u00fcwel), w\u00e4hrend seine Kollegin Luisa (Johanna Schall) in Rogelio verliebt ist. W\u00e4hrend des Films wird deutlich, dass Rogelio sein neues Leben in der DDR oft nicht genie\u00dft, er leidet unter Albtr\u00e4umen, die er mit Humor \u00fcberspielt, w\u00e4hrend er wiederum den Humor seiner Mitmenschen nicht versteht und sich nach seiner Heimatstadt sehnt.<br \/>Mit Briefen h\u00e4lt Rogelio Kontakt zu seiner Mutter in Chile, der Film orientiert sich an den Ereignissen, die in dem Briefwechsel zwischen den beiden beschrieben werden. Rogelio erz\u00e4hlt seiner Mutter in den Briefen, wie wundervoll sein neues Leben in der DDR sei, dabei schm\u00fcckt er sein neues Leben mit Unwahrheiten aus. Zun\u00e4chst nur was Freundschaften und Beruf angeht, dann beginnt er auch eine Hochzeit und ein Kind zu erfinden. Um seine L\u00fcgen glaubhaft wirken zu lassen, bittet er Cornelia mit ihm Hochzeitsfotos zu machen und beginnt Fotos des neugeborenen Kindes eines Freunds zu machen, die er mit den Briefen an seine Mutter schicken kann, dies geht so weit, dass er beginnt fremde Kinder zu fotografieren.<br \/>Zeitgleich sehen wir auch das Leben von Rogelios Mutter in Chile. Diese richtet f\u00fcr die Nachbarschaft Kaffeetreffen aus, auf denen sie stets stolz von Rogelios Leben in der DDR berichtet. Rogelios Mutter berichtet ihm, wie sehr sich Verwandte und Freunde \u00fcber Rogelios Wohlbefinden und den Familienzuwachs freuen und dass sie bereits nach Namen f\u00fcr Rogelios Kind suchen. Die Briefe und sp\u00e4ter auch die Fotos der falschen Hochzeit und die von Rogelio fotografierten Kinder werden auf den veranstalteten Kaffeetreffen regelm\u00e4\u00dfig versteigert. Das Letzte, was wir als Zuschauende von Rogelios Mutter sehen, ist, wie sie auf einer Demonstration zu Boden f\u00e4llt, doch die Briefe gehen weiter. <br \/>Zum Ende des Films erf\u00e4hrt Rogelio von seinem Onkel, dass seine Mutter bereits vor Jahren in einem Krankenhaus verstorben ist und die letzten Briefe von den Freundinnen seiner Mutter geschrieben worden sind, da man ihn mit dem Tod seiner Mutter nicht belasten wollte.<br \/><br \/>Blonder Tango thematisiert das Leben im Exil in der DDR, der Hintergrund hierf\u00fcr ist historisch greifbar. Am 11. September 1973 putschte die chilenische Armee und General Augusto Pinochet gegen die sozialistische Regierung, mit der Unterst\u00fctzung der USA. Es wird unter Pinochet eine gewaltt\u00e4tige Diktatur aufgebaut, die durch die Medien als solche international bekannt wird. Die DDR zeigt sich als ebenfalls sozialistisch regiertes Land, das vor dem Putsch diplomatisch Verbindungen zu Chile hatte, solidarisch mit der gest\u00fcrzten Regierung und dem chilenischen Volk. Im Zuge dessen wurde, neben Solidarit\u00e4tsbekundungen und Hilfsfonds, 2000 Chilenen Asyl in der DDR gew\u00e4hrt. Im kulturellen Bereich informiert die DDR wiederholt in den Medien \u00fcber die Ereignisse in Chile und entwickelt mehrere Filme in verschieden Gerne zu dem Thema. Blonder Tango ist einer dieser Filme, der als DEFA-Produktion in der DDR entwickelt wurde. <br \/>Blonder Tango basiert auf dem gleichnamigen Roman von Omar Saavedra Santis, der ebenfalls an dem Film mitgearbeitet hat. Santis bringt seine eigenen Erfahrungen in der Geschichte unter. Als geborener Chilene ist Santis nach dem Putsch 1973 politisch verfolgt worden und emigrierte schlie\u00dflich 1974 in die DDR ein. Dort arbeitete er zun\u00e4chst im Theater, bevor er Theaterwissenschaften studierte und als Autor arbeitete. Santis arbeitete ebenfalls bei mehreren DEFA-Produktionen zu Chile mit und konnte so, wie auch in Blonder Tango, seine pers\u00f6nlichen Erfahrungen nutzen, um den Produktionen Authentizit\u00e4t zu verleihen. Diese pers\u00f6nlichen Erfahrungen im Hinblick auf Leben im Exil teilen noch weitere Menschen, die an dem Film mitgearbeitet haben. Eine dieser Personen ist der Schauspieler Alejandro Quintana Contreras, der in Blonder Tango Rogelio spielt. Contreras ist ebenso wie Santis in die DDR emigriert. Eine weitere wichtige Schauspielerin ist Steffie Spira, die Rogelios Mutter spielt und zu Beginn des Nationalsozialismus zun\u00e4chst in die Schweiz emigrierte und sp\u00e4ter nach Mexico fl\u00fcchtete. Durch die pers\u00f6nlichen Erfahrungen, die die am Film beteiligten Menschen mit den Themen des Films haben, wirkt die Darstellung im Film sehr nat\u00fcrlich und authentisch. <br \/><br \/>Rogelio wollte in die DDR emigrieren, daf\u00fcr nennt ihn eine Sachbearbeiterin von Amnesty International verr\u00fcckt, in einer Sprache, die er nicht versteht. Als Zuschauende k\u00f6nnen wir nur mutma\u00dfen, warum er in die DDR m\u00f6chte, da er seine Gr\u00fcnde im Film nicht offenlegt. Wir k\u00f6nnen jedoch davon ausgehen, dass er die sozialistische DDR idealisiert und den Kommunismus unterst\u00fctzt, auch wenn wir nie direkt seine politische Einstellung erfahren. Rogelios Leben in der DDR ist aber offensichtlich nicht das, was er erwartet hat, er kommt nicht mit der Frau zusammen, in die er sich verliebt hat und er bekommt nicht seinen Traumberuf, sondern ist nur f\u00fcr die Beleuchtung in einem Theater zust\u00e4ndig. Im Verlauf des Films offenbart er einem Freund, dass er seine Familie belogen hat, damit sie sich keine Sorgen macht und die Hoffnung auf ein gutes Leben nicht verlieren, er wollte ihnen Mut machen. Das ist auch genau das, was bei seiner Familie in Chile ankommt. Allerdings scheint Rogelio sich selbst diese L\u00fcge ebenfalls zu erz\u00e4hlen, er erfindet so einen Grund seine Familie weiter anzul\u00fcgen und so auch mehr zu unternehmen, um diese L\u00fcge zu leben und sie quasi Wirklichkeit werden zu lassen. Er liefert je nach Situation eine andere Geschichte und performt so sein Leben, um damit umgehen zu k\u00f6nnen, wie sein Leben wirklich ist und dass er nicht gl\u00fccklich ist. <br \/>Eine weitere wichtige Figur ist Stephan Hiller, der als Kriegsgefangener Mexiko kennengelernt hat und jetzt in der DDR als sozialer Au\u00dfenseiter in einem Haus an der Ostsee wohnt, wo er Rogelio f\u00fcr einen Tag aufnimmt. In dieser Zeit freunden sich die beiden an und teilen ihre Lebensgeschichten miteinander, beide teilen Sehnsucht und Heimweh. Stephan bereut es nach vielen Jahren noch immer, nicht zur\u00fcck nach Mexiko gegangen zu sein, wo er sich verliebt hat und dieser Liebe eigentlich versprochen hatte, zu ihr zur\u00fcckzukehren. Rogelio und Stephan teilen, dass sie in Lateinamerika gl\u00fccklicher waren, dorthin zur\u00fcck m\u00f6chten und doch beide ungl\u00fccklich in der DDR leben, wobei Stephan offenbart, dass er trotz seiner Sehnsucht nicht nach Lateinamerika zur\u00fcckkehren wird. Stephan gegen\u00fcber \u00f6ffnet sich Rogelio, so dass wir als Zuschauende einen direkten Einblick in Rogelios Gef\u00fchls- und Gedankenwelt bekommen. Es scheint, dass Rogelio in Stephan seinen einzigen richtigen Freund in der DDR gefunden hat. <br \/>Die gedr\u00fcckte Stimmung von Rogelio wird durch die Szenerie unterstrichen. In den meisten Szenen mit Rogelio wirkt die DDR wie ein Land, \u00fcber das ein grauer Schleier gelegt wurde, w\u00e4hrend die Szenen bei seiner Mutter in Chile deutlich freundlicher, heller und sonniger sind. Dieser Kontrast wird dadurch erzeugt, dass die Szenen in der DDR im Winter gedreht wurden, w\u00e4hrend die Szenen in Rogelios Heimatstadt in Bulgarien gedreht wurden. <br \/><br \/>Der Film zeigt sich durchgehend gesellschaftskritisch. Dies passiert meist unausge- sprochen, durch die Darstellung von Rogelios leben, es gibt allerdings eine Szene, in der Diskriminierung, Rassismus und die Nazi-Vergangenheit Deutschlands aufgegriffen werden. Rogelio ist zu Besuch in der BRD und l\u00e4uft durch einen Bahnhof oder \u00c4hnliches, als er auf eine Gruppe M\u00e4nner trifft, die ihn aufgrund seiner Herkunft anp\u00f6beln. Es kommt zu einem Kampf zwischen Rogelio und den M\u00e4nnern. In der n\u00e4chsten Szene sind sowohl Rogelio als auch die M\u00e4nnergruppe auf einem Polizeirevier und m\u00fcssen ein Bu\u00dfgeld zahlen, d\u00fcrfen dann aber gehen. Rogelio beschwert sich daraufhin bei dem Polizisten, dass die M\u00e4nner einfach gehen d\u00fcrfen und behauptet, dass wenn die Situation in der DDR passiert w\u00e4re, die M\u00e4nner nicht nur ein Bu\u00dfgeld h\u00e4tten zahlen m\u00fcssen. Der Polizist entgegnet daraufhin, dass Rogelio sich nichts vormachen soll und die DDR und BRD sich im Umgang mit ihrer Nazi-Vergangenheit nicht wesentlich unterscheiden w\u00fcrden. <br \/><br \/>Besonders auff\u00e4llig ist, dass es sich bei Blonder Tango keinesfalls um einen Film handelt, der sich mit dem Tango auseinandersetzt. Es wird nie Tango getanzt, es spielt keine Musik, zu der Tango getanzt werden kann. Der Titel ist etwas irref\u00fchrend. Nach dem Film f\u00e4llt einem auf, warte, wo war der Tango? Bei dem Titel handelt es sich um eine Metapher, die bereits in dem Film Tangos. El exilio de Gardel, Argentinien, 1985, Fernando Solanas genutzt wurde und beschreibt die Vermischung von lateinamerikanischer Kultur und europ\u00e4ischen Kulturen. <br \/><br \/>Ein sehr wichtiges musikalisches Element des Films ist das Lied Ein Lied geht um die Welt von Joseph Schmidt, einem \u00f6sterreichischen und j\u00fcdischen Operns\u00e4nger, der seit seiner Flucht vor den Nazis im schweizer Exil lebte und dort auch starb. Rogelio h\u00f6rt das Lied sehr laut, woraufhin ihn seine Nachbarin Frau Hube bittet, die Musik leiser zu stellen, woraufhin Rogelio rein bittet. In dem folgenden Gespr\u00e4ch erz\u00e4hlt Frau Hube ihm, dass ihr Mann und ihre S\u00f6hne im Zweiten Weltkrieg gestorben sind. Sowohl durch das Gespr\u00e4ch als auch durch das Lied werden Themen wie Vertreibung und Exil angesprochen, hier mit dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. <br \/>Eine weitere sehr ausdrucksstarke Szene mit dem Lied kommt gegen Ende des Films. Rogelio geht w\u00e4hrend einer Feier im Theater auf die Theaterb\u00fchne, Joseph Schmidts Lied spielt und Rogelio singt es mit. In seiner Erinnerung singen verschiedene Personen, wenn nicht gar alle Personen, aus seinem Leben mit ihm das Lied, unter diesen Personen sind seine Mutter, sein Onkel, Cornelia und Luisa. Dann kommt ein Bruch, nur Rogelio singt das Lied, w\u00e4hrend all seine Kollegen dazukommen und ihm zusehen. Der betrunkene Rogelio wird daraufhin von Cornelia nach Hause gebracht. <br \/>Dadurch ist Schmidts Lied eine wichtiger Teil mehrerer Schl\u00fcsselszenen und schlie\u00dft den Kreis zur\u00fcck zu dem Grundthema des Films: dem Leben im Exil. Wobei dieser Effekt nur bei Menschen eintritt, die sich der Geschichte von Joseph Schmidt bewusst sind und das trifft vermutlich nicht auf das gesamte Publikum zu. <br \/><br \/>Nicht zuletzt durch die vielen verschiedenen pers\u00f6nlichen Erfahrungen, die in den Film mit eingebracht wurden, stellt der Film authentisch ein fiktives Szenario dar, das auf wirklichen Ereignissen beruht und in der Theorie genauso passiert sein k\u00f6nnte. Dadurch bietet er den Zuschauenden einen realistischen Einblick, besonders, wenn man wie ich in dieser Zeit nicht gelebt hat und nie im Exil leben musste und somit nur erahnen kann, wie es ist, in den 1980ern im Exil gelebt zu haben. Zeitgleich ist es ein gesellschaftskritischer Film, der die damalige DDR kritisiert hat, aber auch aus heutiger Sicht in vielen Punkten noch aktuell ist.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Filmrezension des Films Blonder Tango, DDR, 1986, Lothar Warneke, 120 Minuten Omar Saavedra Viele Menschen. 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