{"id":451,"date":"2023-06-01T21:20:03","date_gmt":"2023-06-01T19:20:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=451"},"modified":"2023-06-01T21:20:03","modified_gmt":"2023-06-01T19:20:03","slug":"451","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/06\/01\/451\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong>Autorin: <\/strong>Helena Holl<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong>Film: <\/strong>Tambi\u00e9n La Lluvia (2010)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong>Regie:<\/strong> Ic\u00edar Bolla\u00edn<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong>Details:<\/strong> 104 Min., MEX\/E\/FR, OmdtU<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><strong>\u2013Geschichte macht der Gegenwart\u2013<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Wir sitzen im Kino, bald kommt der erste Film der 27. Internationales Bremer Symposium zum Film: Latein Amerika und das Kino. Der Raum wird dunkel und es f\u00e4ngt an\u2026 Wir sind jetzt in Bolivien und folgen ein spanisches Kamerateam, die an einen kritischen Film \u00fcber Christoph Kolumbus arbeitet. Doch steht die Geschichte der ber\u00fchmte Navigator und Beauftragter der spanischen Kolonialmacht selbst nicht im Zentrum des Filmes. Denn das Werk hei\u00dft \u201eTambi\u00e9n La Lluvia\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> und besch\u00e4ftigt sich mehr mit der Gegenwart als Konsequenzen der Geschichte Kolumbus. Die von dem Film gestellte Fragen werden langsam deutlicher, als auf dem Bildschirm die Szenen weiterlaufen. Nach ein paar Minuten erscheint einen Helikopter, der eine immense christliche Kreuz aus Holz in der Luft \u00fcber den bolivianischen Wald tr\u00e4gt. Diese Inszenierung ergreift die Zuschauerinnen. In diesem Bild steckt alles: die Modernit\u00e4t der Gegenwart, die Geschichte, die Religion und die bolivianische Erde, immer noch dieselben Urw\u00e4lder als ewige Zeuge der menschlichen Geschichte. Diese Mischung zwischen Geschichte und Gegenwart wird meisterhaft von der Regisseur Ic\u00edar Bolla\u00edn illustriert. Tambi\u00e9n La Lluvia entwickelt sich auf mehrere Ebenen. Erst eine Metaebene, das die Dreharbeiten eines historischen Filmes, das von Sebasti\u00e1n (Gael Garc\u00eda Bernal) geleitet wird zeigt. Parallel dazu die Geschichte Daniels (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Juan_Carlos_Aduviri&amp;action=edit&amp;redlink=1\">Juan Carlos Aduviri<\/a>), einen indigene junger Vater, der im Film Sebasti\u00e1ns als der H\u00e4uptling Hatuey<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> spielt. Daniel wird bald zu dem Anf\u00fchrer der sogenannte Wasserkrieg, der 1999-2000 in Cochamba (Bolivien)<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> stattfand und in Tambi\u00e9n La Lluvia die gegenw\u00e4rtige Realit\u00e4t darstellt. Letztendlich, wie ein Film im Film decken die von der Filmcrew gefilmte Szenen der Konquistadoren Geschichte die zwei ersten Ebenen \u00fcber. Es kann \u00fcberraschend werden, wie die Zuschauerinnen von Gegenwart zu Geschichte und von Dreharbeiten bis Proteste ohne Transition gebracht werden. Diese Methode der Film-im-Film erm\u00f6glicht Realit\u00e4t und Fiktion sowie Gegenwart und Geschichte als interagierende Paaren deutlich im Blick zu halten. Dieser Film stellt Fragen: Kann einen historischer Film gedreht werden, wenn die gegenw\u00e4rtige Geschichtsentwicklung daf\u00fcr ignoriert werden? Kann einer die Geschichte ignorieren, wenn diese sich neben ihn entfaltet?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Tambi\u00e9n La Lluvia bringt ein sehr wichtiges Thema hervor: es ist einfacher die Geschichte seiner Vorfahren zu kritisieren, als sich selbst in Frage zu stellen. Die Figur Sebasti\u00e1ns ist repr\u00e4sentativ daf\u00fcr. Er ist einen jungen Mann voller Ideal und gute Absicht. Sein Ziel ist Kolonisierung mit einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Film zu denunzieren. Mit eine feste Justizbild im Kopf, tritt er in Daniels Welt, der in konstant Ungerechtigkeit lebt. Kern des Filmes ist n\u00e4mlich die Herrschaft privatem Wasserversorgungsdienste \u00fcber aller Art Wasservorr\u00e4te in Bolivien (auch den Regen). Die Begegnung der beiden Protagonisten l\u00e4sst idealisierte fiktionale Welt und Realit\u00e4t zusammensto\u00dfen, als Daniel f\u00e4ngt Proteste an und der Erfolg der Dreharbeit bedroht wird. Sebasti\u00e1n scheint es am wichtigsten zu sein, Daniel im Griff zu halten. Dennoch ist Wasser f\u00fcr der jungen Indigene ein Tod und Lebens Frage. Sebastian wird langsam \u00fcbergriffig und es wird einen historischen kolonial Schatten auf ihn geworfen: er probiert \u201eseinen Indianer\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> als billige Arbeitskraft zu kontrollieren. Daniel wirkt schockiert und erweitert: \u201e<em>Some things are more important than your film, <\/em><em>S<\/em>ebasti\u00e1n<em>\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><strong>[5]<\/strong><\/a> <\/em>Sebasti\u00e1n denkt seinen Film sei revolution\u00e4r, w\u00fcrde er f\u00fcr seinen Ideal die echte Revolution vor seinen Augen unterzudr\u00fccken helfen? Kann man einen engagierten Film \u00fcber die Geschichte eines Volkes drehen und dabei die gegenw\u00e4rtigen Probleme desselben Volkes ignorieren? Es muss erw\u00e4hnt werden, dass Tambi\u00e9n La Lluvia nicht besonders fein in der Mitteilung der Problematik erscheint. Diese direkte Art und Weise, fast roh wirkt sehr effizient. Die Absicht und der Kritik sind transparent, jeder im Kinosaal wei\u00df tief in sich worum es geht, es gibt keine Abweichung m\u00f6glich. Vor allem, jeder sp\u00fcrt, wie die Thematik der Wasserkrieg aktuell ist und sich weltweit verbreitet.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Bemerkenswert ist der Triptyk aus die drei Hauptfiguren der Filmcrew: Sebasti\u00e1n, der Filmproduzent Costa (Luis L\u00f3pez Tosar) und der alte alkoholische Schauspieler Anton (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Karra_Elejalde&amp;action=edit&amp;redlink=1\">Karra Elejalde<\/a>). Wenn Daniel die Themen der Armut und Wasserkrieg darstellt, spiegeln die M\u00e4nner drei verschiedene Reaktionen. Dadurch l\u00e4sst sich die Frage stellen: wie w\u00fcrde beziehungsweise sollte einer selbst reagieren? Sebasti\u00e1n probiert in seine Bild der Realit\u00e4t vergr\u00e4bt zu bleiben. Schlie\u00dflich wird gezeigt, wie die Lage in trotzdem emotional erreicht. Anton hat nichts mehr zu verlieren, er scheint einen nihilistischen Blick auf der Welt adoptiert zu haben. Doch er lehnt die M\u00f6glichkeit vor seine menschliche Verantwortung zu fliehen ab und bleibt in Cochamba. Anderseits Costa kam fast als Eroberer nach Bolivien. In seiner Welt kann Geld alle Probleme ausl\u00f6sen, er probierte sogar das Schweigen Daniels wegen der Proteste einzukaufen. Doch sobald Costa eine menschliche Beziehung zur Daniel und seine Familie verkn\u00fcpft, wird er auch von der Lage in Cochamba direkt betroffen. Der Unterschied zwischen Costa und Sebastian ist die Realit\u00e4t indem sie leben. Einerseits lebt Costa in der Gegenwart, ihn interessiert der allt\u00e4glichen Welt vor seinen Augen: in Europa hat er kein Interesse f\u00fcr der Lateinamerika. Dennoch vor Ort schafft er Menschenverbindungen und wird ehrlich besorgt von der allt\u00e4glichen Realit\u00e4t dort. Anderseits besch\u00e4ftigt sich Sebasti\u00e1n viel mit Ungerechtigkeiten in der Welt. Dennoch sobald die Distanz zwischen ihn und die Lage er denunzieren will abgeschafft wird, f\u00e4llt ihn der Kontrast so schwer und gewaltt\u00e4tig, dass er es menschlich nicht ertragen kann. In Tambi\u00e9n La Lluvia gibt es kein richtiger Held. Sogar Costa, der sich heldenhaft entwickelt probiert in Wirklichkeit nur sein bestens zu machen, um seine Menschheit zu sch\u00fctzen. Er reagiert wirklich nur ab dem Moment, wenn das Kind Daniels in dem Konflikt verloren geht und entscheidet sich das M\u00e4dchen zu retten. Dieser Tat zwingt auch der Filmcrew Entscheidungen zu treffen: bleiben oder fliehen. Denn scheint es der Mensch nur zu betreffen, wenn seine Verwandten (sei es Freunde oder Familie) oder ein Kind im Spiel gesetzt werden. Enge Beziehung schaffte den Willen zu sch\u00fctzen. Die Figur Costas ist eine Allegorie dieser Idee. Die Figur Sebasti\u00e1n erinnert uns aber, dass nicht jeder in dem Kampf werfen m\u00f6ge. Schlie\u00dflich erlebt jeder Ungleichheit auf seiner Ebene. Den Fakt, dass Finanzierung f\u00fcr seinen Film zur\u00fcckgezogen wird, zeigt auch noch wie schwierig die Problematik. Das Thema seines Filmes wird <em>zu<\/em> Riskant f\u00fcr Investorinnen sobald die Kritik von Geschichte zur Gegenwart eindeutig umgestellt werden kann. Dieses Ereignis zeigt, wie wichtig verbreitete Kritik in der Form von Film und Kunst ist. Um Tambi\u00e9n La Lluvia wieder auf der Zuschauer Ebene hervorzuheben, da wirkt der Regisseur Ic\u00edar Bolla\u00edn sehr fein in seiner Mise en abyme. Wenn Sebasti\u00e1n sich der Wasserkrieg darzustellen verweigert, erlaubt es Bolla\u00edn die Proteste in Cochamba zu zeigen und dabei die heute \u00fcberbleibenden Konsequenzen der Kolonisierung zu betrachten. Dazu wird noch die Kritik der Damaligen Regierung und der westlichen Reaktionen eindeutig.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Es gibt viel \u00fcber Tambi\u00e9n La Lluvia zu erl\u00e4utern aber wer sich eine passende Bild des Werkes machen will, muss es selber gucken. Der Film ist anscheinend so komplex, dass jeder verschiedene Botschaft auf den Bildschirm entdecken k\u00f6nne. Erw\u00e4hnt soll noch erw\u00e4hnt werden, dass der Film leider nicht die Voraussetzungen f\u00fcr den Bechdel-Wallace Test. Die Rollenbesetzung des Werks bleibt entschlossen m\u00e4nnlich dominiert. Frauen sind doch anwesend. Jedoch bleiben sie am meisten als Masse mit einer stereotypischen Stimme ohne Hauptrolle dargestellt. Ein feministischerer Blick h\u00e4tte der Films Bedeutung relevant erweitert.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf Deutsch \u00fcbersetzt: \u201eUnd dann der Regen\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a>\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> F\u00fcr mehr Informationen \u00fcber der bolivianische Wasserkrieg siehe:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Nickson; Vargas: The limitations of water regulation: The failure of the Cochabamba concession in Bolivia, 2002. <a href=\"http:\/\/www.kysq.org\/docs\/Cochabamba.pdf\">http:\/\/www.kysq.org\/docs\/Cochabamba.pdf<\/a> [zuletzt aufgerufen 18.05.23]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Assies: David versus Goliath in Cochabamba: Water Rights, Neoliberalism, and the Revival of Social Protest in Bolivia, 2003. <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/3185034\">https:\/\/www.jstor.org\/stable\/3185034<\/a> \u00a0[zuletzt aufgerufen 18.05.23]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Bolla\u00edn u.\u00a0a.: Tambi\u00e9n la lluvia, 2010.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;font-family: arial, helvetica, sans-serif\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ebd.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sitzen im Kino, bald kommt der erste Film der 27. Internationales Bremer Symposium zum Film: Latein Amerika und das Kino. Der Raum wird dunkel und es f\u00e4ngt an\u2026 Wir sind jetzt in Bolivien und folgen ein spanisches Kamerateam, die an einen kritischen Film \u00fcber Christoph Kolumbus arbeitet. 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