{"id":435,"date":"2023-05-28T15:29:16","date_gmt":"2023-05-28T13:29:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=435"},"modified":"2023-05-28T15:29:16","modified_gmt":"2023-05-28T13:29:16","slug":"parallelismus-in-zeit-und-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/05\/28\/parallelismus-in-zeit-und-raum\/","title":{"rendered":"Parallelismus in Zeit und Raum"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400\">\u201eTambi\u00e9n la Lluvia\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Jahr: 2010, Land: Mexiko, Spanien, Frankreich, Spieldauer: 104 Minuten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Regie: Ic\u00edar Bolla\u00edn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Autor: Daniel Pr\u00fc\u00df<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Mit eindrucksvollen Bildern entf\u00fchrt uns dieser Film gleich zu Beginn nach Cochabamba, Bolivien ins Jahr 2000. Wir befinden uns auf einem gro\u00dfen, hektischen Markt in der lebendigen lateinamerikanischen Stadt. Umringt vom Treiben des Geschehens sehen wir eine Schlange von Menschen, welche scheinbar auf etwas warten. Schnell wird klar, dass wir Menschen sehen, welche f\u00fcr ein Filmcasting ausgew\u00e4hlt werden. Dabei wird uns schon direkt am Anfang ein Charakter vor die Nase gedr\u00fcckt, welcher im Verlauf des Films immer und immer zentraler werden wird: Daniel und seine Tochter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Beide werden aufgrund ihrer indigenen Abstammung im Film, welcher im uns hier pr\u00e4sentierten Setting gefilmt werden soll, eine Rolle spielen. In ebendiesem Film soll es um die Anlandung von Christopher Columbus auf dem amerikanischen Kontinent und die damit beginnende Unterdr\u00fcckung der einheimischen, indigenen Bev\u00f6lkerung gehen. Dazu wird in der Natur, nahe der Stadt ein Film-Set errichtet. Mit gro\u00dfem Aufwand soll im Zusammenspiel des uns vorgestellten Produzenten, sowie des Regisseurs dieses Filmes, ein Meisterwerk entstehen. Gro\u00dfe Summen sind, so wird uns recht schnell bekanntgegeben, f\u00fcr diesen Film vorgesehen und ebenso gro\u00df sind die Erwartungen an das Endprodukt. Wir als Zuschauer werden dabei immer wieder hin und her geworfen. Szenen aus dem zu drehenden Film werden uns gezeigt, im n\u00e4chsten Moment sehen wir \u201eBehind the Scenes\u201c-Szenen und sitzen als Zuschauer irgendwo im Gewusel des Filmsets. Im wiederrum n\u00e4chsten Augenblick sitzen wir im Auto des Filmteams und lauschen einem Streit des Produzenten mit seinem, uns als Sebastian vorgestellten, Regisseur. Dieser Produzent, Costa ist sein Name, wird uns schon im ersten Drittel des Filmes als skrupelloser und monet\u00e4r angetriebener Mensch vorgestellt, welcher mit seiner Entschlossenheit den Film fertigzustellen oftmals \u00fcber moralische Grenzen hinausschie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Der Bruch des Projektes beginnt<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Nachdem wir uns des Settings bewusst geworden sind in welchem wir uns hier wiederfinden, werden wir sogleich auch wieder aus diesem herausgerissen. W\u00e4hrend der Dreharbeiten findet die Filmcrew heraus, dass es in der Stadt in welcher sie ihre Basis haben, ein Streit um die Wasserversorgung ausbricht. Private Firmen wollen, so erfahren wir, die Wasserversorgung der lokalen Bev\u00f6lkerung kappen und das Wasser der Stadt privatisieren. Ein existenzieller Kampf beginnt f\u00fcr die Einwohner, in welchem sich insbesondere der eingangs als Laiendarsteller gecastete Daniel als Aktivist einbringt. Er ist es der nach dem Verschluss des Brunnens und der damit einhergehenden existenziellen Bedrohung der Menschen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Barrikaden geht und dem Protest sein Gesicht verleiht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">W\u00e4hrend sich die Proteste, vor allem aber die Repression gegen diesen, versch\u00e4rfen wird weitergefilmt. An dieser Stelle werden wir nicht mehr nur innerhalb des Filmsettings vom Gefilmten zum Trubel des Sets begleitet, sondern sehen auch immer wieder in harten Schnitten, dass der Protest eskaliert. W\u00e4hrend die Filmcrew auf Einladung des B\u00fcrgermeisters im Rathaus bankiert, werden die Menschen, welche f\u00fcr ihr Grundrecht protestieren in der Stadt nicht nur niedergekn\u00fcppelt, sondern nach Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts auch erschossen. Der B\u00fcrgermeister selbst ist es, der mit rassistischen und klassistischen Vorurteilen gegen\u00fcber der indigenen Bev\u00f6lkerung die Filmcrew gegen sich aufbringt. Innerhalb dieser tuen sich im Verlauf zwei Lager auf: Das Lager um Costas, welcher auch aufgrund der \u00f6konomischen Situation um jeden Preis den Film fertigstellen m\u00f6chte und daf\u00fcr sogar Daniel versucht mit hohen Geldsummen vom weiteren Protest abzuhalten und ein weiteres Lager welches aus moralischen Gr\u00fcnden den Dreh abbrechen oder lieber einen Film \u00fcber die Proteste drehen will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Zu gro\u00dfen Problemen kommt es, als Daniel sich der scheinbaren Vereinbarung mit Costa widersetzt und weiterhin protestiert. Dabei wird er von Polizisten verpr\u00fcgelt und schlussendlich sogar verhaftet und kann seine Rolle als Statist nicht mehr voll ausf\u00fchren. Als er dann, nachdem Costa ihn mithilfe von Bestechungsgeldern freikaufte, auf dem Filmset w\u00e4hrend eines Drehs verhaftet wird, sieht das Filmteam ein, dass ein weiterer Dreh nicht mehr m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Costas Wandlung<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Als das Team seine Sachen zusammenpackt und aus Sicherheitsgr\u00fcnden, die Stadt ist zu einem Kriegsschauplatz geworden, den Dreh abbricht l\u00e4uft Daniels Frau weinend und bettelnd auf das Team zu. Ihre Tochter sei bei den Protesten angeschossen worden und aufgrund der Blockade der Stadt sei keine M\u00f6glichkeit gegeben mit regul\u00e4ren Rettungswagen ihrer Tochter zu Hilfe zu kommen. Zuerst wiegelt Costa ab, l\u00e4sst dann aber doch die harte und mitleidlose Fassade fallen. Er f\u00e4hrt gemeinsam mit der Frau in das Chaos der Stadt und schafft es das Leben der kleinen Tochter zu retten. Costas Charakter schafft also innerhalb des Filmes eine Entwicklung vom mitleidlosen Businessman zum gef\u00fchlvollen Retter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Das Aufzeigen von Parallelen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Wenn dieser Film eines gut kann, dann das implizierte Gegen\u00fcberstellen von Anspruch und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, sowie das Aufzeigen von Kontinuit\u00e4ten. W\u00e4hrend der zu drehende Film die Ausbeutung und die Grausamkeiten der ersten Kolonialisten gegen\u00fcber der einheimischen Bev\u00f6lkerung zeigt und entsprechend auch einen moralischen Anspruch vermitteln m\u00f6chte, macht sich die Filmcrew das Leid der indigenen Menschen zunutze und beutet sie f\u00fcr den eigenen monet\u00e4ren Erfolg ebenfalls aus. Insbesondere bei Szenen, welche im kolonialen Zeitalter spielen und Hinrichtungen zeigen, werden Szenen der Proteste gegengeschnitten in welchen Protestanten erschossen werden. Wenn im Film Ausschreitungen gegen\u00fcber der Kolonialmacht aufgrund der Unrechtsherrschaft gespielt werden und unmittelbar nach der filmischen Erfassung dieser Szenen die Polizei willk\u00fcrlich Statisten des Filmes aufgrund ihrer Teilnahme an den Protesten festnehmen m\u00f6chte, welche sich dabei wehren und eine Rebellion am Set ausl\u00f6sen, sind die Parallelen ersichtlich und beinahe greifbar. Begleitet wird dies durch eine aufeinander zusteuernde Darstellung der Eskalation. Dabei werden diese Parallelen zuerst sehr subtil gestreut, verst\u00e4rken sich im Laufe des Filmes, werden st\u00e4rker wahrnehmbar und m\u00fcnden letztendlich darin, dass die gespielte Unrechtm\u00e4\u00dfigkeit im Film und die tats\u00e4chliche Unrechtm\u00e4\u00dfigkeit bez\u00fcglich der Proteste nicht mehr r\u00e4umlich getrennt wird, sondern am Filmset mit der Festnahme Daniels und den anschlie\u00dfenden Ausschreitungen zusammenflie\u00dft. \u00a0Die Macher von \u201eTambi\u00e9n la Lluvia\u201d schaffen es so, dass wirklich jeder die Kernaussage des Filmes versteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Soundkulisse<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Untermalt wird dieser Film von szenischer Musik einerseits und kraftvollen Sounds auf der anderen Seite. Die Musik schafft es bildlich dargestellte Differenzen und Stimmungswechsel ebenso wie Schl\u00fcsselmomente der Handlung auch auditiv hervorzuheben und damit zu verst\u00e4rken. Ebenso wird auch das im Film Geschehene durch kraftvolle Sounds verst\u00e4rkt. Das Knallen der Rotoren des Helikopters welcher beim Aufbau des Filmsets verwendet wird bleibt ebenso im Kopf wie die Sch\u00fcsse welche das Schreien der Protestierenden unterbricht. Das Stampfen der Polizeistiefel legt dabei eine fast schon martialische Soundkulisse bereit und unterstreicht wer hier die \u201eGuten\u201c und wer die \u201eSchlechten\u201c sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Schw\u00e4chen des Films<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Zugegeben, viele Schw\u00e4chen kann diese in 104 Minuten gepresste Kritik an den herrschenden Verh\u00e4ltnissen in Lateinamerika nicht aufweisen. Und doch, einige wenige Dinge gibt es. Wenn Daniels Frau beispielsweise um ihr Kind weint, so ist diese Schauspierleistung leider wenig \u00fcberzeugend. Nur kurz darauf, als sie und Costa wagemutig durch die kriegerischen Auseinandersetzungen der Stadt fahren kommt in mir als Zuschauer ein komisches Gef\u00fchl auf: Die \u201echaotischen\u201c Szenen wirken irgendwie zu ordentlich. Die Steine welche die Stra\u00dfen zu einem Hindernisparcours werden lassen sehen sorgf\u00e4ltig platziert aus. Jeder scheinbare Unrat hat seinen angestammten Platz und als das Auto unserer beiden ungleichen Helden in die Beschusslinie kommt, zersplittert die Heckscheibe des Autos in einer Art welche eher an einen Steinschlag als einen Beschuss durch eine Kriegswaffe erinnert. Nichtsdestotrotz, die Atmosph\u00e4re des Films wird durch diese Aspekte nicht in besonderem Ma\u00dfe beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Message<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Message des Filmes, das hei\u00dft seine moralische und ethische Aussage, wird dem Betrachter nie ins Gesicht gedr\u00fcckt. Durch seine Darstellungsform ist es jedoch f\u00fcr jeden ersichtlich: Kritisiert wird die Kontinuit\u00e4t der Ausbeutung indigener Menschen in Lateinamerika. Dabei verwischt in diesem Anspruch die Frage was Fiktion und was Realit\u00e4t ist. Der historische Hintergrund des Filmes, der als \u201eWasserkrieg von Cochabamba\u201c bekanntgewordene Konflikt um die Privatisierung der Wasserversorgung, hat so zweifelsohne im Jahr 2000 stattgefunden. Durch das geschickte Hinzuf\u00fcgen eines Heldenepos wurde dieser Konflikt von einer Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von \u00d6konomie und Moral zu einem oscarpr\u00e4mierten Kinofilm.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Fazit<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Bolla\u00edn schafft es mit diesem Film den Betrachter \u00fcber 104 Minuten im Kinosessel zu fesseln. Mit packenden Bildern und einer beeindruckenden Soundkulisse gelingt es die Frage nach Ethik und Moral in einer radikal-kapitalistischen Gesellschaft auf k\u00fcnstlerische Art zu verpacken, ohne dabei in zu abstrakte oder politisch propagandistische Darstellungsmuster abzudriften. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ging dabei weit \u00fcber den Film hinaus und wurde nach dem Abspann breit im Publikum diskutiert. Alles in allem also ein sehr gelungenes Werk!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eTambi\u00e9n la Lluvia\u201c Jahr: 2010, Land: Mexiko, Spanien, Frankreich, Spieldauer: 104 Minuten. Regie: Ic\u00edar Bolla\u00edn. Autor: Daniel Pr\u00fc\u00df Mit eindrucksvollen Bildern entf\u00fchrt uns dieser Film gleich zu Beginn nach Cochabamba, Bolivien ins Jahr 2000. Wir befinden uns auf einem gro\u00dfen, hektischen Markt in der lebendigen lateinamerikanischen Stadt. 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