{"id":428,"date":"2023-05-06T23:07:12","date_gmt":"2023-05-06T21:07:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=428"},"modified":"2023-05-06T23:07:12","modified_gmt":"2023-05-06T21:07:12","slug":"edison-ein-leben-voller-licht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/05\/06\/edison-ein-leben-voller-licht\/","title":{"rendered":"&#8222;Edison &#8211; Ein Leben voller Licht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jahr \/ Land \/ Filmdauer: 2017, USA, 103 Minuten<\/strong><\/p>\n<p><strong>Regie: Alfonso Gomez-Rejon<\/strong><\/p>\n<p><strong>Autor: Bastian Dobbertin<\/strong><\/p>\n<p>Der deutsche Titel lie\u00df mich zun\u00e4chst vermuten, es handele sich um eine Filmbiografie (oder \u201cBiopic\u201d) \u00fcber Edison (Benedict Cumberbatch). Allerdings musste ich bald feststellen, dass der Film zwar durchaus Inhalte aus Edison\u2019s Leben aufgreift, aber sein Konkurrent in diesem Stromkrieg, George Westinghouse (Michael Shannon), mindestens ebenso viel Raum bekommt. Daher ist der englische Originaltitel durchaus treffender: \u201cThe current war\u201d. Au\u00dferdem deckt der Film nur Ereignisse des Zeitraums von 1880 bis 1893 ab, was f\u00fcr eine ernstzunehmende Lebensbeschreibung nicht ausreicht. Auch die Pers\u00f6nlichkeit Edison\u2019s wird, abgesehen von ein paar wenigen Szenen, nicht tief durchleuchtet, sondern h\u00f6chstens beleuchtet. Dies zwar als liebender, aber seine Ehefrau und Kinder vernachl\u00e4ssigender, arbeitsbesessener Mann. Aber eins nach dem anderen\u2026<\/p>\n<p>Der Film beginnt mit einem Mann, der in schwarzem Gewand an einer Klippe steht und einem Schneesturm zu trotzen scheint. Man erkennt ihn beim Heranzoomen, nach einigen Sekunden, als Edison, sofern man wei\u00df, dass dieser durch Benedict Cumberbatch gespielt wird. Der Zusammenhang dieser Szene mit dem restlichen Film erschlie\u00dft sich einem zun\u00e4chst nicht. W\u00e4hrend man versucht, auf eben diese Frage eine Antwort zu finden, wird das Bild dunkel und Edison spricht aus dem Off. Er rezitiert ein Schreiben vom 27.01.1880 an \u201cdie zust\u00e4ndige Stelle\u201d, womit er ein Patent f\u00fcr die Gl\u00fchlampe anmelden m\u00f6chte. Pl\u00f6tzlich sieht man eine Eisenbahn durch die Dunkelheit fahren &#8211; ein Knall ert\u00f6nt und die Bremsen fangen an zu kreischen, der Zug kommt zum Stehen. Wir sind in Menlo Park, New Jersey. Ob die n\u00e4chste Szene etwas mit der Eisenbahn zu tun hat, erschlie\u00dft sich mir nicht endg\u00fcltig. Aber vermutlich sind es die Herren Insassen, die nun von einem Mann mit \u00d6llampe in die Dunkelheit gef\u00fchrt werden, wo sie, wie arrangiert, auf Edison sto\u00dfen &#8211; in einem Kreis von auf St\u00f6cken montierten Gl\u00fchlampen stehend, in welchem sich wiederum ein kleinerer Kreis von diesen St\u00f6cken befindet usw. Er l\u00e4sst diese Lampen auf Kommando zum Leuchten bringen und begr\u00fc\u00dft die Neuank\u00f6mmlinge siegessicher mit der Frage, ob sie ihre Scheckhefte dabei h\u00e4tten. Ob der vielen k\u00fcnstlichen Lichtquellen scheinen sie zu staunen.<\/p>\n<p>Szenenwechsel. Wieder ist eine Eisenbahn unterwegs. Diesmal ist Edison mit seiner Familie und seinem Assistenten Samuel Insull (Tom Holland) unterwegs nach Washington, um dort dem Pr\u00e4sidenten der USA eine seiner Erfindungen vorzustellen: Den Phonographen. Der Pr\u00e4sident kommt bei diesem Treffen auf ein Angebot zu sprechen, wo Edison eine Rolle bei der Entwicklung von Waffen spielen soll. Als Pazifist lehnt er dieses lukrative Angebot jedoch ab. Stattdessen stellt er den Forschungsstand seiner Gl\u00fchlampen vor. Es wird dabei deutlich, dass die Reichweite seiner Gleichstromdynamos jedoch nur gering ist und deren Anschaffung hohe Kosten mit sich bringen w\u00fcrde. Bei diesem Treffen ist auch einer seiner Investoren, J.P. Morgan (Matthew Macfadyen), von dem er weitere finanzielle Unterst\u00fctzung bekommt, um so sein angestrebtes Unternehmen, Edison Electric, zu errichten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Bewerbungsgespr\u00e4che seiner k\u00fcnftigen Mitarbeiter hat er offenbar einen extrem anspruchsvollen Fragenkatalog vorbereitet. Als dies seinen Weg in die Zeitung findet, nimmt der Gro\u00dfindustrielle George Westinghouse davon Notiz und wittert ein gutes Gesch\u00e4ft mit Edinson an seiner Seite, woraufhin er ihn zum Abendessen einl\u00e4dt. M\u00fcde von einer Reise, l\u00e4sst Edison die Einladung jedoch platzen, f\u00e4hrt kommentarlos an den am Bahnsteig wartenden Gastgebern vorbei und l\u00f6st damit bei Westinghouse Entt\u00e4uschung und Besch\u00e4mung aus. Als dieser erkennt, dass Edison offenbar nicht viel von ihm h\u00e4lt und dessen Technologie jedoch noch nicht ausgereift ist, investiert er ebenfalls in die Entwicklung von k\u00fcnstlichem Licht &#8211; der Konkurrenzkampf um den Strommarkt beginnt.<\/p>\n<p>Dieser scheint jedoch bereits entschieden zu sein, bevor es \u00fcberhaupt so richtig losgeht. Denn schon ist klar, dass der von Westinghouse genutzte Wechselstrom viel st\u00e4rker ist, sprich eine h\u00f6here Spannung und damit eine gr\u00f6\u00dfere Reichweite hat, und dabei sogar noch erheblich weniger Kosten verursacht. Das sagt auch Edison, aber dieser h\u00e4lt Wechselstrom, wegen dessen enormer St\u00e4rke, f\u00fcr lebensgef\u00e4hrlich. Au\u00dferdem gibt es bis dato keine Maschinen, die mit Wechselstrom betrieben werden k\u00f6nnten, ohne deren Transformatoren zu besch\u00e4digen. Edison\u2019s Festhalten am Gleichstrom wirft ihn im Kampf um die Vorherrschaft auf dem Strommarkt jedoch zur\u00fcck, da dies immense Investitionen beanspruchen w\u00fcrde. Er will aber nicht aufgeben und in seinem verzweifelten Versuch, die \u00d6ffentlichkeit von der Gefahr zu \u00fcberzeugen, die von Wechselstrom ausgeht, greift er nach unanst\u00e4ndigen Mitteln. So arbeitet er nun mit der New Yorker Kommission f\u00fcr Todesstrafen zusammen, um ihnen inoffiziell als technischer Berater, zur Umsetzung des elektrischen Stuhls als Hinrichtungsapparat, zu helfen. So soll die Todesstrafe, im Vergleich zum Galgen, \u201chumaner\u201d werden. So zumindest wurde es zuvor medienwirksam an einigen Tieren getestet. Als Gegenleistung wird mit diesem todbringenden Strom nat\u00fcrlich seine Konkurrenz genannt, um eine Assoziation zwischen Wechselstrom und Tod zu erschaffen. Aber die Rechnung geht nicht auf. Westinghouse durchschaut das Spiel und l\u00e4sst ein paar Schergen Spionage betreiben, wobei die technischen Hilfestellungen Edison\u2019s zu dem elektrischen Stuhl, in Form von Briefen, gefunden und gestohlen werden. Da sein Gegenspieler diese Briefe an eine Zeitung verkauft, wird aus Edison\u2019s Coup ein Skandal und er infolgedessen aus seiner \u201ceigenen\u201d Firma, die aber mehrheitlich seinem Investor J.P. Morgan geh\u00f6rt, entlassen. Sie wird jedoch unter anderem Namen weitergef\u00fchrt (und ist tats\u00e4chlich heute als \u201cGeneral Electric\u201d bekannt). Den Stromkrieg hat Edison damit jedoch endg\u00fcltig verloren.<\/p>\n<p>Bei der Weltausstellung in Chicago 1893, f\u00fcr die schlie\u00dflich Westinghouse den Zuschlag als Energie und Lichtlieferant erh\u00e4lt, laufen sich Edison und Westinghouse \u00fcber den Weg und unterhalten sich &#8211; zum ersten Mal im Film &#8211; pers\u00f6nlich miteinander. Es wirkt beinahe erl\u00f6send, als Westinghouse versichert, Edison dessen Erfindung der Gl\u00fchlampe nicht gestohlen zu haben. Diese Er\u00f6ffnung wird jedoch nicht besonders beachtet, denn ein Junge fragt nach einem Autogramm, was Edison wichtiger zu sein scheint. Au\u00dferdem macht Westinghouse Edison metaphorisch das Angebot einer Zusammenarbeit, was Edison jedoch respektvoll ablehnt und sich somit aus dem Stromgesch\u00e4ft zur\u00fcckzieht.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend wird dem Zuschauer zun\u00e4chst ein Foto des echten Nikola Tesla mit dem Hinweis gezeigt, dass er zusammen mit Westinghouse ein Wasserkraftwerk an den Niagaraf\u00e4llen baute und somit den Weg f\u00fcr eine weitreichende Stromversorgung bereitete. Tesla (Nicholas Hoult) taucht im Film immer wieder auf; zun\u00e4chst als aufstrebender Mitarbeiter Edison\u2019s, der ihn aber nicht zu sch\u00e4tzen wei\u00df, da er sich auf die Arbeit mit Wechselstrom konzentriert. Tesla landet daher schlie\u00dflich bei Westinghouse, in dem er einen gro\u00dfz\u00fcgigen Unterst\u00fctzer findet. Darauf folgt ein Foto des echten George Westinghouse, mit dem Hinweis, dass dieser 1911 vom IEE (Institute of Electrical Engineers) dessen h\u00f6chste Auszeichnung erhielt: Die Edison-Medaille. Dann bekommt man ein Foto des echten Thomas Edison zu sehen, mit dem Hinweis, dass er nach dem verlorenen Stromkrieg eine weitere Erfindung (das Kinetoskop und den Kinematographen) patentieren lie\u00df und damit eine neue Industrie schuf: Das Kino.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wird der Zusammenhang mit der allerersten Szene doch noch aufgel\u00f6st. Der vermeintliche Schneesturm offenbart sich n\u00e4mlich als eine Gischt, ausgerechnet der Niagaraf\u00e4lle, vor dem Edison\u2019s Assistent ein Stativ aufbaut. Mit seinem Kinetographen zeichnet er den Wasserfall erstmals in bewegten Bildern auf, was dann sp\u00e4ter auch in den Kinos gezeigt wurde.<\/p>\n<p>Nach dem geplatzten Abendessen mit Edison, werden, im Laufe des Films, immer wieder Szenen von dem noch jungen Westinghouse als Soldat im Amerikanischen B\u00fcrgerkrieg gezeigt. Dort wird er, beim Austreten an einem Baum, durch einen feindlichen Soldaten, mit vorgehaltener Waffe, gestellt. Es regnete stark und er erkannte sofort seine Chance, die sich ihm durch den Regen bot. Er verwickelt seinen Gegner n\u00e4mlich unmittelbar in ein Gespr\u00e4ch oder besser gesagt in einen Monolog, in welchem er dem Soldaten die technische Funktionsweise seines Revolvers erkl\u00e4rt. Da es regnete, gewann er durch seine Erl\u00e4uterungen Zeit, um dem Soldaten letztlich mitzuteilen, dass sein Schie\u00dfpulver mittlerweile nass und somit nutzlos sei. Daraufhin ergriff Westinghouse sein Gewehr und erschoss den Mann. Die Message hinter diesen Einblendungen ist mir nicht ganz klar geworden. M\u00f6glicherweise soll es die Besonnenheit und das technische Wissen, aber auch die Entschlossenheit von Westinghouse unterstreichen, da er im Film, f\u00fcr einen sehr erfolgreichen Gesch\u00e4ftsmann, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stark mitf\u00fchlend und z\u00f6gerlich erscheint.<\/p>\n<p>Im Laufe der Produktion des Films wurde, nach den Skandalen um den verurteilten Sexualstraft\u00e4ter und Harvey Weinstein und dessen Ausscheiden als Co-Produzent, einiges ver\u00e4ndert. Es wurden Szenen entfernt, die Musik komplett \u00fcberarbeitet und neue Szenen hinzugef\u00fcgt. Vielleicht habe ich deshalb das Gef\u00fchl, dass wichtige, tiefer greifende Szenen fehlen. Immerhin gibt es ein paar Szenen, in denen Emotionen von Edison erfolgreich transportiert werden, sodass man eine Ahnung erh\u00e4lt, wer er ist. Wenn er zum Beispiel \u00fcber Morsezeichen mit seinem Sohn kommuniziert oder er, wie bereits geschildert, mit der Ablehnung eines \u00e4u\u00dferst lukrativen Angebots zur Entwicklung von Waffen seine pazifistischen Werte vertritt. Diese tritt er zwar sp\u00e4ter selbst mit F\u00fc\u00dfen, aber auch das ist eine menschliche Facette. Ansonsten lebt Edison haupts\u00e4chlich von der Ausstrahlung eines schauspielerisch unterforderten Benedict Cumberbatch.<\/p>\n<p>Technisch betrachtet, ist der Film sehr gelungen. Die Kameraeinstellungen, Perspektiven, sowie Bild- und Ton-Effekte sind erstklassig und erh\u00f6hen sp\u00fcrbar die Dynamik. Insgesamt wird hier musikalisch auf eher ruhige Untermalung gesetzt. Musik wird hier nicht auffallend dramatisch genutzt, um Taschentuchmomente zu erzeugen, sondern d\u00fcmpelt eher dahin, um die Stille zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Physik-Laien wie ich, werden sich wohl durchgehend fragen, was noch gleich der Unterschied zwischen Gleich- und Wechselstrom ist. Der Film verzichtet leider auf eine solche Ausf\u00fchrung und l\u00e4sst einen damit genauso schlau zur\u00fcck, wie man vorher war. Ich bin der Meinung, man h\u00e4tte auch den Charakteren mehr Raum und Zeit zur Entwicklung geben sollen. So schafft es Alfonso Gomez-Rejon nicht, eine gro\u00dfe emotionale Bindung und Identifikation mit den Protagonisten herzustellen. Auch h\u00e4tte einigen Szenen, in denen man &#8211; insbesondere am Anfang des Films &#8211; an einen anderen Ort oder in ein anderes Jahr mitgenommen wird, mehr Zeit gut getan. So wirkt es an manchen Stellen un\u00fcbersichtlich und es gehen nicht ganz unwichtige Details verloren. Wenn man aber den ganz gro\u00dfen Anspruch einer lebendig, tiefgr\u00fcndig und mit perfektem roten Faden erz\u00e4hlten Geschichte mit oscarreifen Momenten nicht erhebt, bietet einem der Film eine starke Besetzung, eine grunds\u00e4tzlich interessante Story aus einer Zeit, die durch Aufschwung und Entdeckungen gepr\u00e4gt war und einige sch\u00f6ne Inszenierungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahr \/ Land \/ Filmdauer: 2017, USA, 103 Minuten Regie: Alfonso Gomez-Rejon Autor: Bastian Dobbertin Der deutsche Titel lie\u00df mich zun\u00e4chst vermuten, es handele sich um eine Filmbiografie (oder \u201cBiopic\u201d) \u00fcber Edison (Benedict Cumberbatch). 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